Ein verschwundenes Berliner Baudenkmal: Die Alte Garnisonkirche

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Garnisonkirchen und Garnisonfriedhöfe sind für Orte, in denen Militär stationiert war, nichts Ungewöhnliches. In Berlin gehörte rund zweieinhalb Jahrhunderte die Alte Garnisonkirche zum Stadtbild. Heute sucht man sie jedoch vergeblich – sie ist verschwunden. 

1703 in Anwesenheit von König Friedrich I. feierlich  eingeweiht, war die Alte Berliner Garnisonkirche durch ihre Bau- und Architekturgeschichte sowie ihre mehrfachen Um- und Ausbauten mit der Kultur- und Militärgeschichte der Mark- Brandenburg, des Königreichs Preußen und seiner Residenz Berlin eng verbunden. Ihr Untergang – 1943 ausgebombt und in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts abgetragen – wirkt wie ein Symbol für die Größe und den Untergang Preußens. Das benachbarte Gebäude der ehemaligen Garnisonschule ist erhalten geblieben (Anna-Louisa-Karsch-Straße 8).

Die Namen kulturgeschichtlich bedeutender Architekten wie Martin Grünberg, Johann Philipp Gerlach oder Karl Friedrich Schinkel, herausragender bildender Künstler wie Johann Friedrich Walther, Adolph Menzel und Christian Bernhard Rode wie auch des Orgelbaumeisters Joachim Wagner sind eng mit der Entwicklung der Alten Berliner Garnisonkirche verknüpft.

In den Grüften der Kirche waren über achthundert Offiziere der Berliner Garnison und deren Familienangehörige beigesetzt.

Als Kirche für das Militär präsentierte sich die Berliner Garnisonkirche zwischen 1703 und 1943 dem Betrachter janusköpfig: einerseits war sie ein Ort der stillen Andacht von Soldaten, Offizieren und deren Familien – andererseits eine Kultstätte, in der man sich laut und mit geschwellter Brust der militärischen Siege rühmte. Woran liegt es, dass die Kirche, die einst glanzvolle Tage erlebte, heute vergessen scheint? Wohl daran, dass sie nie so berühmt wie die „Königliche Hof- und Garnisonkirche“ in Potsdam wurde. Zudem erlebte die Kirche ab 1918, als die Garnison aufgelöst wurde und Kaiser Wilhelm II. ins holländische Doorn floh, stille Zeiten. Nach der Zerstörung 1943 lag die Kirche dann als eine von vielen Ruinen inmitten der zerstörten Stadt. Sie wurde abgerissen und geriet fast gänzlich in Vergessenheit.

 Der Standort der Garnisonkirche befand sich in Berlin-Mitte, dort wo die Anna-Louisa-Karsch-Straße (früher Neue Friedrichstraße) in die Spandauer Straße mündet . Eine Inschrift über der Tür des Hauses Anna-Louisa-Karsch-Straße 9 verweist darauf, dass dieses Gebäude einst als Garnison-Pfarramt genutzt wurde. Auf dem Nachbargrundstück, wo sich heute eine Straßenbahnhaltestelle befindet, am Schnittpunkt von Garnisonkirchplatz, Spandauer Straße, Anna-Louisa-Karsch-Straße, Spandauer Straße und der Straße An der Spandauer Brücke, stand die Garnisonkirche.

 Der Platz der ehemaligen Kirche ist heute umbaut – auf dem Terrain hinter dem S-Bahnhof Hackescher Markt sind Bürogebäude entstanden, Gaststätten, die Zentrale der GASAG, ein Hotel und andere Einrichtungen.

DIE KIRCHE IM 18. JAHRHUNDERT

Die Garnisongemeinde zu Berlin entstand 1655 als erste ihrer Art in Brandenburg-Preußen. Ihre Gründung steht im Zusammenhang mit dem Neuaufbau des Staatswesens nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges. Das neu geschaffene stehende Heer bedurfte einer bis dahin nicht vorhandenen Garnisonsstruktur und inneren Ordnung. In der von strenger ständischer Gliederung und Leibeigenschaft geprägten Gesellschaft übernahm das Regiment obrigkeitliche Funktionen für die Soldaten; die Kirchgemeinde sollte von jenen der Stadtbürgerschaft unabhängig sein.

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Der Grundstein für die Berliner Garnisonkirche wurde im Jahre 1701 gelegt. Will man ihre Geschichte erzählen, muss man weiter zurückblicken: in die Regierungsjahre Friedrich Wilhelms, des Großen Kurfürsten (1640 – 1688).

 Wüst war die Mark 1648 nach dreißig langen Jahren Krieg; Mensch und Tier getötet, ganze Orte verlassen – ein Neuanfang unter Führung des jungen Fürsten Friedrich Wilhelm musste auch den militärischen Schutz der Kurmark bedeuten. Das Geld für ein stehendes Heer, für die Befestigung der Städte wurde den Ständen aufgebürdet. Vor 350 Jahren, im Sommer 1653, konnte der Kurfürst den Widerstand der Stände brechen – der Kompromiss mit dem Landtag sah eine jährliche Summe von 530 000 Talern für das kurfürstliche Heer vor. Die Gegenleistung: Friedrich Wilhelm sicherte den adligen Grundbesitzern alle ständischen Privilegien wie Steuer- und Zollfreiheit, Obrigkeitsrecht über die Bauern, Verfügung über deren Frondienste, Festschreibung von bestehenden Leibeigenschaftsverhältnissen zu.  Als der Große Kurfürst die Söldnerheere nicht mehr vollständig auflöste und mit dem Aufbau eines stehenden Heeres begann, schickte man die Feldprediger nicht nach Hause. Sie wurden Regimentern zugeordnet, um die Soldaten nicht nur während des Krieges, sondern ebenso in Friedenszeiten zu betreuen. So entstand schrittweise mit den Garnisonen auch eine militärkirchliche Struktur

Die erste Kirche (1703-1720)

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Die erste Garnisonkirche im preußischen Staat wurde auf Weisung König Friedrichs I. als Kirche der Berliner Garnisongemeinde von 1701-1703 erbaut. Der Entwurf stammte vom Hofbaumeister Martin Grünberg (1655 – 1706). Dieser hatte mit Johann Arnold Nering einen berühmten Vorgänger, mit Philipp Gerlach einen nicht minder bekannten Nachfolger. Er selbst scheint vergessen, obwohl von ihm bedeutende Berliner Kirchen stammen und er an nahezu allen großen Bauvorhaben seiner Zeit mitwirkte: am Zeughaus, am Großen Friedrichshospital und am Bau des Charlottenburger Schlosses.

Einweihung der Kirche war am 1. Januar 1703. Grünberg schuf einen Zentralbau auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes und gestaltete den Bau sparsam, ganz zweckmäßig auf die Funktion zugeschnitten. 11 Eingänge garantierten den geordneten Einzug der in Formationen zum Gottesdienst einrückenden Soldaten. Im Innern fand sich ein schlichter Raum mit Kanzel und Altar. Emporen boten Platz für die Regimenter.

 Die erste Kirche stand nur 17 Jahre. 1720 sollte ein alter Pulverturm unmittelbar neben der Kirche abgetragen werden. Der Turm explodierte am 12. August, kurz nach 10 Uhr. Die eigentliche Ursache des Unglückes blieb ungeklärt. 72 Menschen wurden getötet, darunter auch 35 Soldatenkinder, die gerade am Schulunterricht teilgenommen hatten.  Das Schulgebäude war völlig zerstört, die Garnisonkirche stark beschädigt.

Ein Modell dieses Gebäudes ist in den Ausstellungsräumen des historischen Kirchhofs der Berliner Garnison in Berlin Mitte zu sehen – Kleine Rosenthaler Straße 3 (in der Nähe des Rosenthaler Platzes)

Die zweite Kirche (1722-1943)

Schon unmittelbar danach entstand der Plan des Wiederaufbaus. Bauherr war nunmehr König Friedrich Wilhelm I. (1713 – 1740). Er ließ die Trümmer beiseite räumen, besorgte das Geld und beauftragte den Oberbaudirektor Philipp Gerlach, mit den Entwürfen. Es entstand ein Quersaalbau auf rechteckigem Grundriß (ca. 58 m x 31,4 m) mit 11 : 5 Achsen. Um den reibungslosen Einmarsch der Regimenter zu sichern, wurden wie schon bei der Grünbergschen Kirche mehrere Eingänge konzipiert, diesmal acht.

Den Bau bekrönte ein hohes Dach. Es fehlten allerdings ein Kreuz oder gar ein Turm. Der Gottesdienst wurden den Mannschaften und Offizieren nicht durch Glockengeläut, sondern durch Trommelschlag angekündigt.

 Im Innern war die Kirche schlicht gehalten. In der Mitte des Raumes befand sich ein einfacher Tischaltar, an der nördlichen Langseite die Kanzel, ihr gegenüber, an der Eingangsseite, die königliche Loge.

 Die Kanzel gehörte mit der Orgel zu den Schmuckstücken der Kirche. Beide waren reich verziert – mit dem zur Sonne aufstrebenden Adler, mit Engelsfiguren, mit Harnisch, Helmbüschen und Kriegszeug – schließlich sollten die Besucher daran erinnert werden, dass sie sich in einer Militärkirche befanden. Als einzig erhaltenes Ausstattungsstück der ersten Kirche kam ein Taufstein in das neue Gebäude. Es handelt sich um eine meisterlich ausgeführte, mit plastischem Schmuck reich versehene Sandsteinarbeit, die vermutlich von Andreas Schlüter stammt. Seit 1994 ist dieser Taufstein in der Nikolaikirche zu sehen.

Eine Gruft in der Kirche scheint nichts Besonderes. Die unterirdische Begräbnisstätte in der Berliner Garnisonkirche darf sich dennoch so bezeichnen, entwickelte sie sich doch im Laufe der Zeit zum Prominentenfriedhof der preußischen Armee. Im Jahre 1723 angelegt, arbeitete König Friedrich Wilhelm I. persönlich die Gebührenordnung für Beisetzungen in der Gruft aus – wichtige Einnahmen für die Kirchengemeinde.

Unter Friedrich II. erfuhr die Garnisonkirche im Innern zahlreiche Veränderungen, die den Ruf der Kirche als Traditionsstätte begründeten. Fahnen und Standarten aus den Schlachten der Schlesischen Kriege wurden in der Kirche zur Schau gestellt. Der beauftragte König den Maler und Radierer Christian Bernhard Rode (1725 – 1797) mit der Anfertigung patriotischer Gemälde, die an gefallene „Helden“ des Siebenjährigen Krieges erinnern sollten. So entstanden nach 1759 Huldigungen an Kurt Christoph Graf von Schwerin, Ewald von Kleist, Hanns Karl von Winterfeld und Jakob von Keith. Ein fünftes Gemälde fertigte B. Rode Jahre später, vermutlich erst nach 1786 an – es stellte Hans Joachim von Zieten dar

DIE KIRCHE IM 19. JAHRHUNDERT

Preußens Niederlage bei Jena und Auerstedt 1806 schlug auch auf die Berliner Garnisonkirche zurück. Nach Napoleons Einzug in Berlin wurde die Kirche zu einem Heu- und Branntweinmagazin zweckentfremdet. Damit nicht genug, wurden in der Gruft auf der Suche nach Trophäen die Särge erbrochen und geplündert. Die Fahnen aus den Schlesischen Kriegen hatte man vor den Franzosen versteckt. Das 19. Jahrhundert darf für die Kirche als das Jahrhundert der Umbauten bezeichnet werden. Nach den großen Umbauten von 1817, 1863 und 1900 präsentierte sich die Kirche ihrem Besucher jeweils in neuem Antlitz.

Nach 1815 war sie im Stile des Schinkelschen Klassizismus gestaltet und durch ein kostbares Geschenk des Kirchenpatrons Friedrich Wilhelm III. bereichert worden – das Altargemälde von Karl Begas „Christus am Oelberge“. Der König ordnete 1822 auch die Anbringung vergoldeter Kreuze aus Eisen auf den Giebelseiten des Daches an und entschied 1835 über Details der Aufhängung eines zweiten Altargemäldes, das er der Kirche geschenkt hatte.

1863 wurde das Kircheninnere durch die Geheimen Oberbauräte Friedrich August Stüler und August Ferdinand Fleischinger verändert und erneuert.  Auf Stülers Pläne geht auch der Einbau eines Altartisches aus den Jahren 1853/54 zurück, der als eine der wenigen steinerne Zeugen der wechselvollen Geschichte der Kirche heute im Lapidarium auf dem Alten Garnisonfriedhof zu sehen ist – leider ohne die steinernen Originalsäulen.

Die grauweiße Tischplatte besteht aus schlesischem Marmor (Großkunzendorf in Schlesien), die roten Innenfelder der Spiegel aus französischem Marbre du Roi (Villefranche-de-Conflent, Departement Pyrenées-Orientales) und die grünen äußerem Rahmen der Spiegel aus niederschlesischem „Gabbro“ (Zobtenberg, Sudetenvorland).

Die Kirche erfuhr, wiederum auf Befehl ihres Patrons, am Ende des Jahrhunderts einen völligen Umbau.

Adolph Menzel  sollte unverhofft Gelegenheit bekommen, einige Helden aus der Zeit Friedrichs des Großen persönlich zu Angesicht zu bekommen. Im Jahre 1873 öffnete der Kirchenvorstand in Menzels Anwesenheit viele der 900 Särge in der Gruft zur Feststellung der Namen. In einem Sarg wurde ein preußischer Feldmarschall vollkommen konserviert vorgefunden, mit Haupthaar sowie dem Schwarzen Adlerorden auf der Brust. Menzel sagte sofort: „Das ist Keith, den erkenne ich an der Ähnlichkeit!“

Mehrfach muss der Künstler in jenem Jahr die Kellertreppe, die von der Seite der Predigerhäuser zum Gewölbe führte, hinab gestiegen sein. An den geöffneten Särgen fertigte er Bleistift-Studien von Leichen und Uniformen, die sich in der Gruft über mehr als ein Jahrhundert zum Teil völlig erhalten hatten.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Garnisonkirche wieder stärker in das öffentliche Leben getreten. Garnisonprediger Friedrich Adolph Strauß, von 1858 bis 1869 im Amt, konnte in der Kirche wiederholt Mitglieder der königlichen Familie begrüßen. Den Dankgottesdiensten nach den Kriegen Preußens gegen Dänemark und Österreich wohnte Wilhelm I. persönlich bei. Beginnend in den dreißiger Jahren, erwies sich die Garnisonkirche wegen ihrer Orgel und Akustik als begehrte Bühne für Musiker aus Berlin und anderen deutschen Städten.

Garnisonprediger Emil Frommel (1828-1896) war Sohn des Direktors der großherzoglich-badischen Galerie in Karlsruhe. Als Student der Theologie nimmt Frommel an den revolutionären Ereignissen 1848 als Burschenschaftler teil, distanziert sich aber im Herbst von der Bewegung. Auf Empfehlung eines Freundes wird Frommel als Prediger der Gardedivision nach Berlin geholt. Im Februar 1870 bezieht er das Garnisonpfarrhaus in der Neuen Friedrichstraße. Im Juli gingen die Gardedivisionen ins Feld. Nach dem Sieg bei Wörth drängte auch Frommel die Vorgesetzten, ihn an die Front zu schicken. Er wird Soldat, geht an die Front ins Elsaß. Nach der Kapitulation Straßburgs hält er den Gedenkgottesdienst in der Thomaskirche. Auf eigenen Wunsch bleibt er in Straßburg und wird zum Garnisonpfarrer von Straßburg ernannt. Frommel, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz, hielt im Juni 1871die Predigt beim Dankgottesdienst in Anwesenheit des Kaisers in der Garnisonkirche. 1871 ist Kirchentag in der Garnisonkirche: die Oktober-Konferenz. Frommel kam am ersten Tag zu Wort, auf besonderen Wunsch des Kaisers. Unter Frommel erlebt die Garnisonkirche ab 1872 einen Besucherzuwachs, besonders von Seiten der Offiziersfamilien der Garnison.

Auch zu Kaiser Wilhelm II. sind die Beziehungen Frommels eng. 1890 nimmt er auf Weisung des Kaisers als Komittee-Mitglied an der Reichs-Schulkonferenz teil, einberufen zur Bekämpfung des Sozialismus und der Reste der humanistischen Bildung, und ist dort einer der härtesten Verfechter des nationalen Gedankens und einer „Reform“ des Schulsystems.

Als „Volksschriftsteller“ wird Emil Frommel bekannt und berühmt, seine Themen sind die Kriegserlebnisse und das einfache, bescheidene Leben, die Abkehr von Utopien, das Sich-Abfinden mit den Bedingungen des Alltags. Sein Wunsch war es gewesen, auf dem Garnisonfriedhof ein Kruzifix gesetzt zu bekommen. Der Leipziger Bildhauer Trebst führte es in Carrara-Marmor aus.

Die Kirche im Jahre 1896

Am Abend des 13. April 1908 gegen 8 Uhr bricht Feuer in der Garnisonkirche aus. Der Brand war in der Nähe der Orgel ausgebrochen und hatte das gesamte Kircheninnere oberhalb der Emporen erfasst. Die alte Kanzel, der Taufstein und einzelne Altargeräte konnten den Flammen noch entrissen werden, ebenso das an Urkunden und Akten reiche Archiv der Kirche. Dagegen konnten das große Altarbild, die Bilder Rodes, die Fahnen und die Orgel nicht gerettet werden. Obwohl 1896 eine zweite evangelische Berliner Garnisonkirche am Südstern gebaut worden war, ordnete Wilhelm II. den unverzüglichen und orginalgetreuen Wiederaufbau der Alten Berliner Garnisonkirche an. Nur das Dach hatte jetzt eine Mansardenform erhalten. Am 29. August 1909 wurde der Neubau in Gegenwart des Kaisers feierlich eingeweiht.

 Der Zusammenbruch des Kaiserreiches blieb für die Berliner Garnisonkirche nicht ohne Folgen. Nun war die Garnison aufgelöst und damit wohl auch deren Gemeinde. Einen Patron hatte die Garnisonkirche auch nicht mehr. Deren Status und Rechtsverhältnisse als vormalige königliche Stiftung erwiesen sich im republikanischen System als äußerst kompliziert. Unter der Obhut des Reichswehrministeriums stehend, wurde die Kirche vom Garnison-Kirchen-Kollegium verwaltet. Von 1919 bis 1933/34 gehörte diesem der Feldpropst der Armee und der Marine, D. Friedrich Gottlob Erich Schlegel, an. Nach 1919, als in der Kirche kurzzeitig Kinovorführungen stattgefunden hatten, stand sie während der Weimarer Republik vor allem Traditionsverbänden der Reichswehr zur Verfügung.

Bis 1936 scheint sich eine Regelung der unklaren Rechtsverhältnisse hingezögert zu haben. Dann bemühte sich die Wehrmacht um das Patronat. Sie betrachtete sich als rechtmäßiger Nachfolger, da das Vermögen der einstigen königlichen Stiftung nicht nur aus Schenkungen Friedrich Wilhelms I., sondern auch aus Spenden von Heeresangehörigen erwachsen war. Trotz aller rechtlichen Unklarheiten erlebte das Gotteshaus weiterhin seinen kirchlichen Alltag. Bis in das Jahr 1943 geben die Kirchenbücher Auskunft. Am 21. November soll das Kirchengebäude seinen letzten Gottesdienst erlebt haben, bevor es am 23. November 1943 von einer Bombe getroffen zur Ruine ausbrannte.

DAS ENDE DER BERLINER GARNISONKIRCHE

Im Trümmerfeld Berlin war die zerstörte Garnisonkirche nur eine Ruine unter tausenden. So wurde es still um die Kirche. Im Herbst 1947 berichteten Zeitungen über Plünderungen in den Grüften. Man sei in die offenen Gewölbe eingestiegen, habe nach Wertsachen gesucht, sich am Holz der Särge bedient, die Sohlen der Militärstiefel abgetrennt.

Nachdem die Eingänge daraufhin verschlossen wurden, 1949 sich aber ähnliche Vorgänge wiederholt hatten, entschlossen sich Magistrat und Synodalverband, eine Umbettung der Toten vorzunehmen. 199 Särge wurden zu diesem Zeitpunkt in der Kirche gezählt. Die Reste der Toten wurden zum Stadtsynodal-Friedhof in Stahnsdorf überführt und dort in würdiger Weise bestattet. Es schien schwer zu sein, für das große und stark zerstörte Gebäude der Kirche in der Nachkriegszeit einen Nutzer zu finden. Die zuständige Groß-Berliner Grundstücksverwaltungs-AG, die im Auftrag der Deutschen Treuhandverwaltung arbeitete, versuchte dies erfolglos. Schon 1949 wurde deshalb erwogen, die Ruine zu sprengen – ohne dass diese Pläne ausgeführt wurden.

Erst Ende 1960 kam ein Abriss wieder ins Gespräch. Pro und Kontra standen sich gegenüber: Einerseits stellte die Ruine eine Gefahrenquelle dar, und ein baldiger Aufbau war nicht in Sicht, andererseits gebot der kulturgeschichtliche Wert der Kirche ihre Erhaltung. 1962 wurde die Ruine abgetragen, ungeachtet des Denkmalcharakters der Kirche.

Ein Verzeichnis der in den Grüften der Berliner Garnisonkirche zwischen 1703 und 1829 beigesetzten Personen ist beim Vorstand des Fördervereins Alter Berliner Garnisonfriedhof e.V.  erhältlich, ein Auszug aus dieser Liste ist nachzulesen in der Publikation „Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche“ von Barbara Kündiger und Dieter Weigert, Berlin 2004

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Meister Eckhart: Hund des Herrn, Ketzer oder gar beides?

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Von Erfurt-Hochheim nach Avignon

Die Fragen entstehen schon in Thüringen. Die Biographen geben unterschiedliche Orte für das Jahr 1260 an, in dem der Heilige meiner Kindheit zur Welt gekommen sein sollte – Hochheim bei Erfurt, nur 20 Minuten per Fahrrad von meinem Heimatdorf Möbisburg entfernt oder Tambach am Fuße des Thüringer Waldes, doch schon etwas weiter, ca. 40 km. Zur Predigerkirche in Erfurt am Ufer der träge fließenden Gera hatte mich meine Großmutter oft geführt, immer mit dem Hinweis auf den Geburtsort Hochheim, in dem unsere Familie die Gaststätte „Zum Birnbaum“ führte. Die Phantasie ging mit mir durch, ich sah den Prediger Bier trinken, mit anderen Mönchen debattieren, im fernen Avignon sich gegen die päpstlichen Vertrauten vom Vorwurf der Ketzerei verteidigen. Was meine schlaue Großmutter alles wusste! Jahrzehnte später erinnerte ich mich an jene Kirche und das benachbarte Dominikanerkloster als ich in Leipzig mit evangelischen Theologiestudenten über den Marxismus, über Aristoteles, über Luther diskutierte und mir meine Unkenntnis der Lehren des Meister Eckhart schrecklich zu Bewusstsein kam. Also kehrte ich so oft ich konnte, zu jenen Brücken im Zentrum Erfurts zurück, von denen man aus beide Kirchen und Klosterhöfe im Blick hat – und begann ein gründliches Studium der Texte Eckharts. Erst heute aber kann ich sagen, dass ich mich dem wirklichen Verständnis des Gedankenreichtums des mittelalterlichen Theologen annähere, den man sehr vereinfacht einen Mystiker nennt.

 

Die Dominikaner – Ketzerjäger und schöpferische Theologen

So stellte ich mir den Prior der Dominikaner Eckhart vor, wie er aus seinem Klosterhof über den Fluss auf das Anwesen der Franziskaner (heute Ruine der Barfüßerkirche) blickte. Jene in den grauen Kutten hatten in den theologischen Auseinandersetzungen des Mittelalters das Wortspiel „domini canes“ (des Herren Hunde) geprägt, um vor allem die Rolle des vom heiligen Dominicus gegründeten Predigerordens bei den brutalen Verfolgungen der Ketzerbewegung der Katharer in Südfrankreich zu charakterisieren. (In Carcassonne werden übrigens an jedem Sommerabend in den Festungsanlagen die blutigen Kämpfe zwischen Katharern und den „Hunden des Herrn“ als realistisches Freilichttheater dargestellt.)

 

Scheiterhaufen in Paris

An der Pariser Universität, der bedeutendsten des scholastisch dominierten Abendlandes, hatte Eckhart im Jahre 1302 seinen Magister gemacht, weshalb der den Ehrentitel MEISTER führte, vergleichbar mit dem heutigen Doktorgrad. Hochgeschätzt von den Gelehrten nicht nur seines Ordens, war er der bedeutendste deutsche Theologe aus der Schule des Thomas von Aquin, bemüht nicht nur um Vertiefung seines Wissens, sondern vor allem um eine allgemein verständliche Sprache seiner Predigten und Kommentare, um die Gewinnung auch der Laien für die Auseinandersetzungen mit Teilen des Klerus, der für sich einen Überlegenheitsanspruch propagierte. In den scharfen Debatten der Thomisten mit den Franziskanern vertrat Eckhart kühne, für die damalige Zeit schockierende theologische Positionen, die ihn den Vorwurf der Häresie einbrachten. Im Mittelpunkt standen dabei sehr modern anmutende Vorstellungen über die Wege zum Gottesverständnis, über das Verhältnis des Glaubens und der göttlichen Offenbarung zur Vernunft, zur Erkenntnis, zum Intellekt wie auch die aktuelle Debatte um die Rolle der Frau, der aktiven Frau in der Gesellschaft und in der religiösen Gemeinschaft. Meister Eckart versteht es sehr gut, seine vom päpstlichen Klerus abweichenden Meinungen hinter Bildern zu verschlüsseln oder durch neuartige Interpretationen bekannter Bibelstellen öffentlich zu machen. Da ist zum einen die bekannte Stelle aus dem Lukas-Evangelium (10; 38-42) zu den Charakterunterschieden der beiden Schwestern Maria und Marta. Während die orthodoxen Theologen Marias unbedingte kontemplative Unterwerfung unter den Willen des Herrn (Jesus) preisen und die hart arbeitende, aktive Marta kritisieren, da sie sich für das Zuhören der Predigt des Herrn keine Zeit nimmt, vertritt Eckart die entgegengesetzte Position.  Das ist mutig, heißt es doch im letzten Satz dieser Textstelle – aus dem Munde des Herrn: „Maria hat das Bessere gewählt …“ Eckhart jedoch überspielt diesen Einwand der Orthodoxie – die reifere Marta sei durch ihre bewundernswerte Einheit von Aktion, praktischer Tätigkeit und Nachdenklichkeit, Einkehr, Reflektion eine wertvollere Partnerin für Jesus als die rein kontemplative, jüngere Maria. Eckart stellte damit seine Lebenserfahrung über die trockene scholastische Schulweisheit der Orthodoxen.
Da sind zum zweiten jene Passagen in Eckharts Predigten und Traktate, in denen er den Wert der menschlichen Gemeinschaft, des sozialen Tuns betont, die Isolation des Einzelnen zur Ausnahme erklärt. Nicht die Abkehr von der Gemeinschaft predigt er, wenn er über das „Reinigen“ von äußeren Beziehungen spricht, sondern die „Abgeschiedenheit“, eine auf reinem Gefühl und göttlichen Werten beruhende zu konsequente Ausrichtung nach Innen.

Und da ist zum dritten die verschleierte, aber deutliche Auseinandersetzung mit der Verfolgung unschuldiger Frauen und Männer als Ketzer, Hexen, Dämonen. Er selbst wird angeklagt, reist zum Papst nach Avignon, um sich zu verteidigen, stirbt während dieser Auseinandersetzungen.

Angesichts all dessen fragt man sich, warum ihn die Religionsgeschichte in Deutschland einen Mystiker nennt? Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Das landläufige Verständnis von Mystik als wissenschafts- und theoriefeindlich greift nicht, wenn man sich gründlich mit dem theoretischen Gesamtwerk des Theologen Eckhart beschäftigt. Wenn er Erleben, Gefühl,  in den Vordergrund seiner Ontologie und Erkenntnislehre stellt, dann nicht aus einer extremen Liebe zum Irrationalismus, sondern aus der absoluten Hinwendung zum irdischen Glückserleben des Menschen. Es scheint heute, dass sich die vereinfachenden Theoretiker des 19. Jahrhunderts, die diesen Begriff für Eckhart und seine Mitstreiter erfanden, für philosophische interessierte Theologen und theologisch dominierte suchende Philosophen des Mittelalters noch kein Verständnis aufbrachten und deshalb zu dieser begrifflichen Hilfskonstruktion Zuflucht nahmen. Aber vielleicht irre ich mich.

Dieter Weigert aus Erfurt-Möbisburg

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Undine, NIXE oder HEXE   — FOBI Lilienstern

Ein Kronprinz unterm Dach Die geheimnisumwitterten Bodenkammern des Berliner Schlosses am Lustgarten – sie werden wohl nicht wieder erstehen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Kinder von Königin Luise sie beim Stöbern in der Bibliothek am oberen Ausgang einer schmalen steilen Wendeltreppe ausgespäht und sich zum Spiel dorthin zurückgezogen hatten. Als Erwachsener entsann sich Kronprinz Friedrich […]

über Undine, NIXE oder HEXE   — FOBI Lilienstern

Undine, NIXE oder HEXE  

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Ein Kronprinz unterm Dach

Die geheimnisumwitterten Bodenkammern des Berliner Schlosses am Lustgarten – sie werden wohl nicht wieder erstehen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Kinder von Königin Luise sie beim Stöbern in der Bibliothek am oberen Ausgang einer schmalen steilen Wendeltreppe ausgespäht und sich zum Spiel dorthin zurückgezogen hatten. Als Erwachsener entsann sich Kronprinz Friedrich Wilhelm, den man als König später den Vierten dieses Namens nannte, dieses Refugiums der Kindheit.

Zu den Freuden aus den Familien des märkischen Adels, die er zum Plaudern und Pläneschmieden für die kommende Zeit der Regentschaft einlud, gehörte der phantasievolle, einfallsreiche Friedrich de la Motte Fouqué, Enkel des berühmten Generals mit hugenottischen Wurzeln, eines Freundes des großen Friedrich. Die beiden Fritze in den königlichen Bodenkammern hatten vieles gemeinsam – verträumt, musisch talentiert, nicht sehr interessiert an aktuellen Problemen, Romantiker eben. Der Prinz war ein begnadeter Zeichner, der Generals-Enkel aus der Domstadt Brandenburg ein wunderbarere Erzähler.

Nicht fassbare Geschöpfe

So entstanden die Erzählungen Fouqués, gedruckt in Massenauflagen, eine hat es 1816 sogar auf die Bühne am Gendarmenmarkt geschafft – die UNDINE, von Goethe « allerliebst » genannt. Was begeistert das Publikum damals und heute an jenen Frauengestalten – oben Mädchen, unten Fisch, halb wirklich, halb phantastisch, teils sinnlich-verführerisch, teils kalt-abstoßend?  Die Weisen der Stämme und Völkerschaften von der Urzeit an haben ihr jeweils Namen in ihren unterschiedlichen Sprachen gegeben : Melusine, Berthald, Hulda, Viadrine, Sirene, Sirenka, Lorelei, auch namenlos taucht sie aus dem Meer, dem See oder dem Fluss auf – mit einer Metapher nur den Typ beschreibend: Najade, Nereide, Okeanide, Meerfee, Nymphe, Nixe usw.

kaiser, könig, edelmann – ritter, hexe, henkersmann

Man sucht vergeblich bei Fouqué wie auch bei anderen Autoren von Erzählungen derartiger romantischer  Frauengestalten wie Oscar Wilde, Andersen, James Joyce Bezüge zu den furchtbaren Verbrechen, die seit Jahrhunderten an Frauen begangen wurden. Der Poet der Romantik übergeht die Scheiterhaufen, die Schreie der Gemarterten. Ihm und seinem Freund, dem Kronprinzen, sind die Schicksale jener « Hexen » und « Ketzerinnen » nicht gleichgültig , aber die Staatsräson fordert Schweigen. Fouqués Undine ist keine Hexe, ihre Zauberkraft bewirkt keine Schäden bei Mensch und Tier, sondern entfacht die Liebe des Ritters;  Undine lästert nicht Gott, sie ist nicht mit dem Teufel oder Dämonen im Bunde. Auch ihr Sterben ist nicht gespenstisch – Undine bleibt ein liebendes Wesen, vergleichbar mit Kleists Käthchen, Goethes Gretchen.

Dieter Weigert, im Oktober 2018

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Hacke und der Narr

 

Mehrfach trafen sie sich in schicksalhaften Situationen, der preußische Offizier von Hacke und der Berliner Professor Gundling, beider Biographien von Legenden umrankt, aber von Bedeutung für die Geschichte Preußens und der Residenz Berlin. Der enge Rahmen unseres modernen Kommunikationsmittels zwingt uns zur Beschränkung auf wenige Aspekte.

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Hans Christoph, der Riese

Der 15-jährige Hans Christoph Friedrich von Hacke kommt im Jahre 1715 nach Potsdam, er trifft den jungen König Friedrich Wilhelm I., gerade erst zwei Jahre auf dem Thron. Der großgewachsene Fähnrich gefällt dem König, er steckt ihn in die Garde, morgens der erste, abends der letzte Soldat in den Vorräumen zum Schlafzimmer der Majestät. Menschenkenntnis zeichnet sie beide aus, die beste Voraussetzung für die militärische Laufbahn des einen, die ihn an den Schreibtisch des Generaladjutanten bringt, des Verantwortlichen für alle Personalentscheidungen in der preußischen Armee –  eine unbedingte Notwendigkeit für den anderen, den absoluten Herrscher, der seine loyalen Offiziere an die richtigen Positionen setzen muss, kein Fehlurteil erlauben darf.
In jenen Anfangsjahren des Dienstes im Nebenzimmer der Majestät kommt es zu ersten Begegnungen des jungen Hans Christoph mit dem erfahrenen, älteren Hofmann Gundling, vermutlich informell, sozusagen zwischen Tür und Angel.
Der arbeitslose Jakob Paul

Sie erkennen sofort, dass sie einander brauchen, der militärische Neuling ohne notwendige Kontakte, aber in der Nähe des Herrschers und der gewandte, erfahrene Professor für Geschichte und Archivkunde ohne feste Beschäftigung, ohne Lehrauftrag, ohne Forschungsmandat.

gundlingProfessor Jakob Paul Gundling war vom König mit Übernahme der Regentschaft aus allen Ämtern entlassen worden, begründet mit dem rigorosen Sparkurs. Der erst 40-Jährige sucht eine Nische zum Überleben – er sammelt politische und volkswirtschaftliche Informationen, um sie der neuen Regierung gegen gute Taler anzubieten, um seinen Namen wieder ins Gespräch zu bringen. Auch die Narrenkappe, ihm vom König aus einer Laune verordnet, schlägt er um der Sache willen nicht aus. Was aber kann ihm Fähnrich, später Leutnant, Hauptmann von Hacke bieten? Keinen Hofklatsch, der ist nicht verwertbar. Aber die Familie Hackes ist im althergebrachten Salzrevier um Stassfurt zu Hause, die Strukturen in der Gewinnung, der Verarbeitung, des Handels dieses wertvolle Rohstoffes interessieren den volkswirtschaftlich und strategisch denkenden König und seinen modern geprägten Vertrauten Creutz gewaltig. Salz wird um 1717 für Gundling der berufliche Wieder-Einstieg bei Creutz und beim König – und der aufstrebende junge Offizier von Hacke ist seine beste Quelle – anfänglich um Mitternacht und im Morgengrauen, später bei offiziellen Begegnungen auch tagsüber.

Generaladjutant von Hacke und die „Commerzien“ des Freiherrn von Gundling

Die Themen des nunmehr gegenseitigen Informationsaustausches erweitern und vertiefen sich mit dem schnellen Aufstieg Hackes in bedeutende Positionen der Militärführung, schließlich in das Amt des Generaladjutanten und mit dem Bedürfnis des Königs, den allwissenden, geschickten und sprachgewandten Gundling ständig um sich zu haben. Beide sitzen jetzt im Tabakskollegium, der informellen Schaltzentrale der Macht. Beide müssen aber auch hart arbeiten, um ihren unmittelbaren Zugang zur Majestät gegen die Konkurrenten kontinuierlich zu behaupten – Hacke mit den Mitteln der nüchternen militärischen Disziplin und der Nutzung der geheimen Informationsnetze der Armee, Gundling mit den Mitteln der Wirtschafts- und Finanzberatung, aber auch des Hoflebens, dessen allzu hoher Wein- und Bierkonsum ihn frühzeitig zur Strecke bringt. Professor Freiherr von Gundling stirbt nach vielen Alkoholorgien im Jahre 1731, eine künstlerisch hochwertig gestaltete Gedenktafel hat sich bis in die Gegenwart in der Dorfkirche von Potsdam-Bornstedt erhalten, wobei man der Legende von der Beisetzung des Professors im Weinfass und der theologischen und moralischen Debatte um eine würdevolle, der Persönlichkeit des Verstorbenen angemessene letzte Ruhestätte nicht allzuviel Bedeutung beimessen sollte.
Wer sich mit dem oberflächlichen Geschwätz einiger Reiseführer und „Stadtbilderklärer“ in Berlin und Potsdam nicht zufrieden geben möchte, dem seien zum Thema Hacke und Gundling die gründlichen und liebenswert geschriebenen Darstellungen Theodor Fontanes, Eduard Vehses und Adolf Streckfuß‘ empfohlen – auch wenn sie nun über ein Jahrhundert auf dem Buckel haben. Aber gute Literatur wird mit den Jahren – wie guter Wein – nicht sauer, sondern besser.

Dieter Weigert, Berlin im Oktober 2018