Undine, NIXE oder HEXE   — FOBI Lilienstern

Ein Kronprinz unterm Dach Die geheimnisumwitterten Bodenkammern des Berliner Schlosses am Lustgarten – sie werden wohl nicht wieder erstehen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Kinder von Königin Luise sie beim Stöbern in der Bibliothek am oberen Ausgang einer schmalen steilen Wendeltreppe ausgespäht und sich zum Spiel dorthin zurückgezogen hatten. Als Erwachsener entsann sich Kronprinz Friedrich […]

über Undine, NIXE oder HEXE   — FOBI Lilienstern

Undine, NIXE oder HEXE  

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Ein Kronprinz unterm Dach

Die geheimnisumwitterten Bodenkammern des Berliner Schlosses am Lustgarten – sie werden wohl nicht wieder erstehen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Kinder von Königin Luise sie beim Stöbern in der Bibliothek am oberen Ausgang einer schmalen steilen Wendeltreppe ausgespäht und sich zum Spiel dorthin zurückgezogen hatten. Als Erwachsener entsann sich Kronprinz Friedrich Wilhelm, den man als König später den Vierten dieses Namens nannte, dieses Refugiums der Kindheit.

Zu den Freuden aus den Familien des märkischen Adels, die er zum Plaudern und Pläneschmieden für die kommende Zeit der Regentschaft einlud, gehörte der phantasievolle, einfallsreiche Friedrich de la Motte Fouqué, Enkel des berühmten Generals mit hugenottischen Wurzeln, eines Freundes des großen Friedrich. Die beiden Fritze in den königlichen Bodenkammern hatten vieles gemeinsam – verträumt, musisch talentiert, nicht sehr interessiert an aktuellen Problemen, Romantiker eben. Der Prinz war ein begnadeter Zeichner, der Generals-Enkel aus der Domstadt Brandenburg ein wunderbarere Erzähler.

Nicht fassbare Geschöpfe

So entstanden die Erzählungen Fouqués, gedruckt in Massenauflagen, eine hat es 1816 sogar auf die Bühne am Gendarmenmarkt geschafft – die UNDINE, von Goethe « allerliebst » genannt. Was begeistert das Publikum damals und heute an jenen Frauengestalten – oben Mädchen, unten Fisch, halb wirklich, halb phantastisch, teils sinnlich-verführerisch, teils kalt-abstoßend?  Die Weisen der Stämme und Völkerschaften von der Urzeit an haben ihr jeweils Namen in ihren unterschiedlichen Sprachen gegeben : Melusine, Berthald, Hulda, Viadrine, Sirene, Sirenka, Lorelei, auch namenlos taucht sie aus dem Meer, dem See oder dem Fluss auf – mit einer Metapher nur den Typ beschreibend: Najade, Nereide, Okeanide, Meerfee, Nymphe, Nixe usw.

kaiser, könig, edelmann – ritter, hexe, henkersmann

Man sucht vergeblich bei Fouqué wie auch bei anderen Autoren von Erzählungen derartiger romantischer  Frauengestalten wie Oscar Wilde, Andersen, James Joyce Bezüge zu den furchtbaren Verbrechen, die seit Jahrhunderten an Frauen begangen wurden. Der Poet der Romantik übergeht die Scheiterhaufen, die Schreie der Gemarterten. Ihm und seinem Freund, dem Kronprinzen, sind die Schicksale jener « Hexen » und « Ketzerinnen » nicht gleichgültig , aber die Staatsräson fordert Schweigen. Fouqués Undine ist keine Hexe, ihre Zauberkraft bewirkt keine Schäden bei Mensch und Tier, sondern entfacht die Liebe des Ritters;  Undine lästert nicht Gott, sie ist nicht mit dem Teufel oder Dämonen im Bunde. Auch ihr Sterben ist nicht gespenstisch – Undine bleibt ein liebendes Wesen, vergleichbar mit Kleists Käthchen, Goethes Gretchen.

Dieter Weigert, im Oktober 2018

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Hacke und der Narr

 

Mehrfach trafen sie sich in schicksalhaften Situationen, der preußische Offizier von Hacke und der Berliner Professor Gundling, beider Biographien von Legenden umrankt, aber von Bedeutung für die Geschichte Preußens und der Residenz Berlin. Der enge Rahmen unseres modernen Kommunikationsmittels zwingt uns zur Beschränkung auf wenige Aspekte.

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Hans Christoph, der Riese

Der 15-jährige Hans Christoph Friedrich von Hacke kommt im Jahre 1715 nach Potsdam, er trifft den jungen König Friedrich Wilhelm I., gerade erst zwei Jahre auf dem Thron. Der großgewachsene Fähnrich gefällt dem König, er steckt ihn in die Garde, morgens der erste, abends der letzte Soldat in den Vorräumen zum Schlafzimmer der Majestät. Menschenkenntnis zeichnet sie beide aus, die beste Voraussetzung für die militärische Laufbahn des einen, die ihn an den Schreibtisch des Generaladjutanten bringt, des Verantwortlichen für alle Personalentscheidungen in der preußischen Armee –  eine unbedingte Notwendigkeit für den anderen, den absoluten Herrscher, der seine loyalen Offiziere an die richtigen Positionen setzen muss, kein Fehlurteil erlauben darf.
In jenen Anfangsjahren des Dienstes im Nebenzimmer der Majestät kommt es zu ersten Begegnungen des jungen Hans Christoph mit dem erfahrenen, älteren Hofmann Gundling, vermutlich informell, sozusagen zwischen Tür und Angel.
Der arbeitslose Jakob Paul

Sie erkennen sofort, dass sie einander brauchen, der militärische Neuling ohne notwendige Kontakte, aber in der Nähe des Herrschers und der gewandte, erfahrene Professor für Geschichte und Archivkunde ohne feste Beschäftigung, ohne Lehrauftrag, ohne Forschungsmandat.

gundlingProfessor Jakob Paul Gundling war vom König mit Übernahme der Regentschaft aus allen Ämtern entlassen worden, begründet mit dem rigorosen Sparkurs. Der erst 40-Jährige sucht eine Nische zum Überleben – er sammelt politische und volkswirtschaftliche Informationen, um sie der neuen Regierung gegen gute Taler anzubieten, um seinen Namen wieder ins Gespräch zu bringen. Auch die Narrenkappe, ihm vom König aus einer Laune verordnet, schlägt er um der Sache willen nicht aus. Was aber kann ihm Fähnrich, später Leutnant, Hauptmann von Hacke bieten? Keinen Hofklatsch, der ist nicht verwertbar. Aber die Familie Hackes ist im althergebrachten Salzrevier um Stassfurt zu Hause, die Strukturen in der Gewinnung, der Verarbeitung, des Handels dieses wertvolle Rohstoffes interessieren den volkswirtschaftlich und strategisch denkenden König und seinen modern geprägten Vertrauten Creutz gewaltig. Salz wird um 1717 für Gundling der berufliche Wieder-Einstieg bei Creutz und beim König – und der aufstrebende junge Offizier von Hacke ist seine beste Quelle – anfänglich um Mitternacht und im Morgengrauen, später bei offiziellen Begegnungen auch tagsüber.

Generaladjutant von Hacke und die „Commerzien“ des Freiherrn von Gundling

Die Themen des nunmehr gegenseitigen Informationsaustausches erweitern und vertiefen sich mit dem schnellen Aufstieg Hackes in bedeutende Positionen der Militärführung, schließlich in das Amt des Generaladjutanten und mit dem Bedürfnis des Königs, den allwissenden, geschickten und sprachgewandten Gundling ständig um sich zu haben. Beide sitzen jetzt im Tabakskollegium, der informellen Schaltzentrale der Macht. Beide müssen aber auch hart arbeiten, um ihren unmittelbaren Zugang zur Majestät gegen die Konkurrenten kontinuierlich zu behaupten – Hacke mit den Mitteln der nüchternen militärischen Disziplin und der Nutzung der geheimen Informationsnetze der Armee, Gundling mit den Mitteln der Wirtschafts- und Finanzberatung, aber auch des Hoflebens, dessen allzu hoher Wein- und Bierkonsum ihn frühzeitig zur Strecke bringt. Professor Freiherr von Gundling stirbt nach vielen Alkoholorgien im Jahre 1731, eine künstlerisch hochwertig gestaltete Gedenktafel hat sich bis in die Gegenwart in der Dorfkirche von Potsdam-Bornstedt erhalten, wobei man der Legende von der Beisetzung des Professors im Weinfass und der theologischen und moralischen Debatte um eine würdevolle, der Persönlichkeit des Verstorbenen angemessene letzte Ruhestätte nicht allzuviel Bedeutung beimessen sollte.
Wer sich mit dem oberflächlichen Geschwätz einiger Reiseführer und „Stadtbilderklärer“ in Berlin und Potsdam nicht zufrieden geben möchte, dem seien zum Thema Hacke und Gundling die gründlichen und liebenswert geschriebenen Darstellungen Theodor Fontanes, Eduard Vehses und Adolf Streckfuß‘ empfohlen – auch wenn sie nun über ein Jahrhundert auf dem Buckel haben. Aber gute Literatur wird mit den Jahren – wie guter Wein – nicht sauer, sondern besser.

Dieter Weigert, Berlin im Oktober 2018

Renaissance in der Mark: eine geopferte Konkubine

 

Rauschende Feste und ein tiefer Fall mit Folgen

Die Legende beginnt mit einem morschen Fußboden im Schloss Grimnitz am Werbellinsee. Renaissancefürst Joachim II., Liebhaber der schönen Künste, lud seine Gemahlin Jadwiga (Hedwig) ein, ihn zum gesellschaftlichen Großereignis des Jahres 1549, der Jagd am Werbellinsee, zu begleiten und mitzufeiern, was die Weidgenossen so erlegt hatten.  Es muss hoch her gegangen sein bei Tanz und Wein, der Fußboden in der oberen Etage brach ein und die Damen und Herren landeten tot oder lebendig, zum Teil schwer verletzt, im Erdgeschoss und im Keller oder in den scharfen Spitzen der an den Wänden hängenden Trophäen. Joachim überlebte, Jadwiga erlitt ernsthafte Verletzungen im Unterleib, ihre Schamhaftigkeit verhinderte die Behandlung durch den Arzt – das schlimme Resultat war nicht nur eine dauernde Unfähigkeit ohne Krücken zu gehen – sondern auch das Ende der ehelichen Liebesgenüsse.

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Aufstieg und Legenden

Joachim suchte unter den Töchtern des Landes nach Abhilfe – nicht nur für Stunden, sondern für ständig. Schon im Dorf Grimnitz wurde er fündig: Die Ehefrau seiner Geschützmeisters Michael Diederich, Anna, geborene Sydow, wählte er aus. Sie hatte keine Chance des Ausweichens, der Ehemann erhielt eine große Summe, formal blieben die Diederichs ein Ehepaar, aber die „schöne Gießerin“ war mit etwa 24 Jahren die Konkubine des Herrschers. Eine Legende war geboren. Alle gekrönten Häupter zu jener genussvollen Renaissancezeit bedienten sich auf diese Weise – der französische König Heinrich II. mit seiner Diane von Poitiers, Heinrich VIII. in England mit den zahlreichen Mädchen und Damen des In- und Auslandes, die italienischen Territorialpotentaten und natürlich auch die Päpste brüsteten sich mit der Schönheit, Liebeserfahrung und Hingebung ihrer weiblichen Untertanen.

Der tiefe Fall II

Zurück zur Mark Brandenburg und zur „schönen Gießerin“. Wir wissen nicht, wie Anna Diederich, geb. Sydow, das Los aufgenommen hat, auf besondere Weise dem Landesherrn zu dienen. Es gibt auch keine Kenntnis davon, ob sie sich allen Konsequenzen dieser intimen Verbindung bewusst war – für ihre Person, für ihre Kinder, für ihre gesamte Familie. Eine Ablehnung kam nicht in Frage, selbst eine starke Frau mit Würde und Gefühl für ihre Werte hatte in diesen Zeiten keine Chance, ein eigenes Leben zu gestalten.
Und so kam es wie es kommen musste – die Ahnung des tiefen Falles der Konkubine nach dem Todes des Herrschers, verursacht durch die kurfürstlichen Familie, vor allem durch den Sohn und Nachfolger, bewog Joachim zur schriftlichen Fixierung in Gegenwart des Hofes und seines Sohnes, Anna und ihre gemeinsamen Kinder nicht verfolgen zu lassen. Es half nichts.  1571 ließ der Sohn, Johann Georg, die Konkubine des Vaters festsetzen, ihrer Ehre und Würde berauben und bis ans Ende ihres Lebens (1575) im Juliusturm der Festung Spandau in strenger Isolation halten.

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Auch das Strahlen der Juwelen, die rauschenden Hoffeste, die glanzvolle Garderobe, die Lobhudeleien der gekauften Presse, die Küsse der gemeinsamen Kinder können das Schicksal der geopferten Frau nicht übertünchen – klingt das nicht allzu aktuell? Sklaverei im „weißen“ Europa? Subtile Formen der Gewalt gegen Frauen? Jeder mag sich heraussuchen, was ihm beliebt!

Dieter Weigert Berlin, im Oktober 2018

Verbrennt die Hexe! – Hier irrte Fontane

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Theodor Fontane 1860: Keine Scheiterhaufen in der Mark

Der durch die Mark Brandenburg wandernde Fontane erreichte vermutlich im Jahre 1860 das brandenburgisch-preußische Küstrin, heute polnisch, dessen Altstadt durch die Kämpfe im Frühjahr 1945 fast vollständig zerstört wurde, so dass das jetzige Kostrzyn nad Odra nichts mehr mit jenem Ort „Jenseits der Oder“ gemein hat, „wo zwischen Werft und Weiden die Warthe rechtwinklig einmündet“. Theodor Fontane würdigte die Verteidigung der lutherischen Sache des zwischen 1535 und 1571 regierenden Markgrafen Johann und zitierte den Satz eines zeitgenössischen Biographen, der bis heute immer wieder als Demonstration des Irrtums selbst eines so bedeutenden Schriftstellers herangezogen wird: „Was er nach dieser Seite hin getan, konnte nicht Wurzel fassen in den Gemütern eins Stammes, von dem in Lob und Tadel gesagt worden ist, daß es keine Heiligen hervorgebracht, aber auch keine Ketzer verbrannt habe.

Wilhelm Wattenbach 1886: Inquisition in der Uckermark seit 1393

Bis zu seinem Tode 1898 war dem Schriftsteller keine gegenteilige Meinung bekannt geworden. Doch schon 1886 war die leise, von der Öffentlichkeit ungehörte und unbeachtete wissenschaftliche Abhandlung „Über die Inquisition gegen die Waldenser in Pommern und der Mark Brandenburg“ erschienen, nur 102 Seiten, aber doch für den kleinen Kreis der Fachleute, zu denen der Dichter Fontane nicht gehörte, ein epochales Ereignis. Wattenbach hatte Original-Protokolle von Verhören der Inquisition gefunden und sie ausgewertet und nachgewiesen, dass man in der Mark Brandenburg der Ketzerei angeklagte Frauen und Männer nicht nur verhörte, in der Folter grausam marterte, sondern sie auch auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Dass Fontane diese wissenschaftliche Untersuchung nicht kannte, zeigt die Wiederholung seines Satzes, leicht abgewandelt, im Roman „Der Stechlin“ (1895/97).

Dietrich Kurze 1968/75: Über 500 Hinrichtungen in der Mark

Auch als wissenschaftliche Abhandlung, diesmal aber von der Öffentlichkeit wahrgenommen und breit diskutiert, legte der Berliner Historiker Dietrich Kurze 1968 eine Analyse vor, in der er nach Auswertung von weiteren Quellen aus anderen Archiven nachwies, dass in einem weitaus höherem Ausmaß als bisher angenommen in der Mark Bandenburg unschuldige Menschen als Ketzer, Hexen, Dämonen, Zauberer verfolgt, gemartert und hingerichtet wurden.

Bernau 1536 – 1658

Im Jahre 2005 wurde ein Mahnmal im öffentlichen Raum errichtet.  Es erinnert an die Prozesse gegen Unschuldige in Bernau, die 1536, 1537, 1583, 1617–1622, 1653 und 1658 stattfanden. In einer städtischen Chronik von 1736 finden sich 22 Hexenprozesse, mindestens 25 Frauen und vier Männer wegen angeblicher Zauberei beschuldigt, angeklagt, gefoltert und zum überwiegenden Teil hingerichtet.

Theodor Fontane, selbst aus einer Familie von religiös Verfolgten stammend, hätte diese Ehrung  der Toten und Mahnung an die Lebendigen aus vollem Herzen begrüßt.

Dieter Weigert, 6. Oktober 2018

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Der Antichrist auf Kleists Bühne – Glasfenster in St. Marien an der Oder

anti-hoelle-140-aWenige Meter entfernt von den Backsteinmauern der mittelalterlichen Kirche St. Marien von Frankfurt an der Oder reißen Bagger und Presslufthämmer einen Wohnblock aus DDR-Zeiten ab, schaffen Platz für einen Neubau. Es ist genau die Stelle, an der im 18. Jahrhundert das Wohnhaus des Stadtkommandanten von Kleist stand, in dem Heinrich von Kleist seine Kindheit verbrachte. Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, wie der verträumte Junge im benachbarten Kirchenraum ehrfürchtig die Steine aus dem 14. Jahrhundert berührte, die Säulen und das Gewölbe bewunderte und sich im Chor den hohen Glasfenstern neugierig näherte.

Besonders das rechte der drei reichlich geschmückten Fenster hatte es ihm angetan. Aufrechte Christenmenschen und der Antichrist, Engel und Wanderprediger, Sünder im Höllenrachen, viel Feuer, Martyrium und Wunder. Althergebrachtes biblisches Wissen wird in leuchtenden Farben erzählt – auch für Analphabeten oder Kinder im Vorschulalter verständlich, begreifbar, zu erfühlen. Dem Dramatiker Heinrich von Kleist sind diese Bilder voll gegenwärtig, der Erwachsene kleidet Jahrzehnte später die kindlichen Eindrücke in ein Gewebe aus bühnenwirksamen Handlungsfäden. Anschaulich, aber heute nicht mehr ohne Weiteres, nur über die Mühen der Kleistforschung zu verstehen, gleich im 1. Auftritt des I. Aktes des « Käthchens von Heilbronn » : Käthchens Vater, der Waffenmeister Theobald, deutet vor Gericht die Gründe für die bedingungslose Liebe seiner Tochter zum Grafen von Strahl als schwarze Kunst, Teufelszauber, Verbrüderung mit dem Satan. Seine Beschreibung der Werkzeuge des Satans « mit Hörnern, Schwänzen, und Klauen, wie sie zu Heilbronn, über dem Altar abgebildet sind » entspricht dem rechten Chorfenster der Marienkirche von Frankfurt an der Oder ! Kleist bringt seine Kindheitserinnerungen auf die Bühne. Kleists Theobald fordert die Verurteilung des Verführers, seine sofortige Festsetzung : « Nehmt ihn, ihr irdischen Schergen Gottes, und überliefert ihn allen geharnischten Scharen, die an den Pforten der Hölle stehen und ihre glutroten Spieße schwenken ». Da sind sie, jene Figuren der Henkersknechte, jene Tore des Höllenfeuers, der Scheiterhaufen, auf dem Menschen verbrannt werden, in den Bildern des Fensters von St. Marien !

Heinrich von Kleist war kein Kunstwissenschaftler, kein Fachhistoriker für Religionsgeschichte oder die Geschichte des ausgehenden Mittelalters, aber sein untrügliches Gefühl leitet ihn zu dramatischen Gestaltungen, die ebenso verschlüsselt komponiert sind wie die Abfolge der einzelnen Bilder  und die Detailprogramme jener Glasfenster. Es lohnt sich also für uns heute nicht nur wieder mal ein Theaterbesuch sondern auch eine Fahrt an die Oder und ein Gang zu St. Marien.

Dieter Weigert, Berlin

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