Herr Tchoban, Hans Poelzig, Karl Friedrich Schinkel – ein unheiliges Dreieck

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Die Berliner Tchoban-Foundation eröffnete letzte Woche im pikfeinen Museum an der Christinenstraße (Prenzlauer Berg) eine Ausstellung – mit Zeichnungen von Hans Poelzig. Bewundernswert und verdienstvoll. Herr Tchoban war selbst zur Vernissage nicht anwesend, der Raum im Erdgeschoss war dennoch gepackt.

Aber es lag etwas Unwirkliches über der Szene – für diejenigen Besucher spürbar, die das aktuelle praktische Agieren des Herrn Tchoban in Berlin kennen. Nein, nein, er tut nichts Illegales, er und seine Kollegen kennen die Gesetze, sie wissen um die Möglichkeiten, den weiten Rahmen der Bauvorschriften und Beschlüsse der Verwaltungen juristisch sauber so auszuschöpfen, dass größtmögliche Profite herausspringen.

Was jedoch manchen in den Ausstellungsräumen als Frage in den Gesichtern geschrieben stand – was ist mit jener Sensibiliät, die Architekten wie Hans Poelzig auszeichnete, wo ist bei allem Drang zum Neuen, um Noch-Nicht-Dagewesenen des zeitgenössischen Architekten die Achtung vor der Kreativität der Väter? Was bewegt Herrn Tchoban, wenn er Poelzigs Blätter mit Ehrfurcht betrachtet und gleichzeitig mitverantwortlich ist für den Fast-Einsturz der Friedrichswerderschen Kirche, eines der großen Denkmale der Schinkelschen Architektur? War es Fahrlässigkeit, war es Unachtsamkeit, war es Unkenntnis, die jene Gruppe von Architekten um Sergei Tchoban dazu bewog, die Warnungen der Fachleute in den Wind zu schlagen? Arroganz der Macht nennt man derartige  Verhaltensweisen in der Politik, oder beim Militär, wo Menschenleben im Spiel sind: Wo gehobelt wird, fallen Späne! Beruhigen wir uns, wird gesagt, hier geht es doch nicht um Leben oder Tod, hier steht ja „nur“ das Schicksal eines Bauwerkes auf dem Spiel. Welch ein Zynismus! Was ist das für ein armes Leben, dem wir Schinkels Kirchen opfern.

Deshalb meine ich: das Dreieck Tchoban – Poelzig – Schinkel ist unheilig. Es wäre der Sache angemessen, wenn die Besucher der Ausstellungsräume am Pfefferberg im Prenzlauer Berg eine Erklärung von Herrn Tchoban in dieser Angelegenheit finden könnten.

Dr. Dieter Weigert, Berlin, Oktober 2018

Den 12. Oktober ging Luise durchs Gebirg‘

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Literaturkennerinnen und -kenner werden mir verzeihen, Verehrerinnen und Verehrer von Georg Büchner mögen den Seufzer unterdrücken -die Sache will’s. Es ist Oktober, die Preußen-Fans legen auf der B 96 im Städtchen Gransee einen Schlenker ein, verweilen wie ich einige Minuten vor Schinkels gusseisernem Ruhedach für die tote preußische Königin, damals im Sommer 1810. Die „Königin der Herzen“ kehrte nach Berlin zurück, diesmal aber im Sarg. Historiker und Biographen erinnern sich: Knapp vier Jahre zuvor war sie ebenfalls unterwegs, in einer Kutsche, im Herbst im Thüringer „Gebirg’“.

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Doch zu den Details des Herbstes 1806: Wie der geschätzte Historiker Adolf Streckfuß in seinem Standardwerk „Fünfhundert Jahre Berliner Geschichte. Vom Fischerdorf zur Weltstadt. Geschichte und Sage“ (1900) sehr zeitnah und anschaulich beschreibt, traf man sich am 21. September unter den Bögen des Brandenburger Tors, um auszureiten – nach Thüringen! Preußens ruhmreiche Armee, geschmückt mit den Trophäen des großen Friedrich, sollte endlich das vollbringen, was Russen, Österreicher und anderen europäischen Armeen nicht gelungen war, den Korsen zu bezwingen. Königin Luise und der mehr durch seine Amouren und Alkoholabenteuer als durch militärische Erfahrungen bekannte Hohenzollernspross Luis Ferdinand heizten die Stimmung an, die Menge jubelte, die Armee wollte sich in Marsch setzen, da wurde man durch schlimme Omen gebremst! Hören wir Streckfuß, der hat es von Augenzeugen: „Am Tage der Abreise war vom Giebel des Zeughauses … die Bildsäule der Bellona bei windstillem Wetter auf das Straßenpflaster herabgefallen und hatte den rechten Arm gebrochen; am selben Tage war der alte 81jährige Feldmarschall von Möllendorf, als ihn seine Reitknechte vor dem Brandenburger Thor mit Mühe von der linken Seite auf das Pferd gehoben hatten, auf der rechten Seite wieder heruntergefallen. Das waren böse Vorzeichen!“

Unbeirrt schleppte sich nun die Karawane in Richtung Weimar, Erfurt, Jena. Luise ist nahe an der Truppe, die „embedded“ Künstler sind gierig auf Schnappschüsse – Luise in der Kutsche, den Jungs Mut machen! Luis Ferdinand hat man die Vorhut anvertraut, immerhin hat der Prinz den Rang eines Generals, die Schlachten haben noch nicht begonnen, da ist er schon auf hohem Ross erschossen.

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Man kennt den Ausgang, der König hat eine Bataille verloren – Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, lässt man in Berlin und Potsdam verlautbaren. Luise und ihr Friedrich Wilhelm suchen das Heil in wilder Flucht, überlassen die geschlagenen Regimenter ihrem Schicksal. Tief im Osten, an der Memel finden die Majestäten endlich Ruhe. Die Truppen sind ohne Führung, die Festungen am Wege, z. B. Magdeburg – wohlproviantiert und aufmunitioniert – halten ihre Tore verschlossen, um sie beim Eintreffen der Franzosen intakt zu übergeben – nur ein Beispiel der chaotischen Situation im Oktober 1806.

Luise war durchs Gebirg‘ gegangen – Zehntausende tote und verstümmelte Soldaten, Zivilisten, Frauen, Kinder und Greise säumten noch Tage später die Wege, was Luises Bewunderer nicht hindert, sie heute noch Königin der Herzen zu nennen. Wer es nicht glaubt, lese die unerträglichen Zeilen an Schinkels Denkmal in Gransee. Übrigens – auch Theodor Fontane gehörte zu Luises Bewunderern.

Dieter Weigert aus Thüringen, Oktober 2018

 

 

Ein Wehrdienstverweigerer vor 218 Jahren 

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Vor den Toren Berlins wurde dem Charlottenburger Bürgermeister Otto Ferdinand Sydow und dessen Ehefrau Karoline Sophie Henriette geb. Müncheberg am 23. November 1800 ein Sohn geboren und in der Berliner Nikolaikirche  getauft. Als Geburtsort ist nicht Charlottenburg, sondern Berlin angegeben, weil die Mutter – obwohl sehr königstreu und voller Verehrung für Königin Luise – ihre fünf Knaben in Berlin bei ihren Eltern zur Welt brachte, um sie wegen der „Kantonfreiheit“ der Residenz Berlin dem preußischen Militärdienst zu entziehen. Schon als Kind kam Sydow in enge Berührung zum preußischen Offizierskorps, wurden doch seine Schwestern gemeinsam mit der Tochter des preußischen Stadtkommandanten, General von L ‚Estocq, erzogen. Durch Privatlehrer gut vorbereitet, konnte der Knabe Adolph ab 1812 das bekannte „Gymnasium zum Grauen Kloster“ in Berlin besuchen. Ein Stipendium versetzte ihn in die Lage, an der Berliner Universität bei Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher Theologie zu studieren. Wegen der Teilnahme an burschenschaftlichen Aktivitäten wurde er 1819 verhört, durfte aber das Studium fortsetzen.  Schon während des dritten Studienjahres war der  Chef des Berliner Kadettenkorps, General von Brause,  auf Sydow aufmerksam geworden und hatte ihm auf  Empfehlung der Lehrer vom Gymnasium zum Grauen  Kloster das Angebot einer Repetentenstelle, eine Art  Hilfsprediger, an der Kadettenanstalt gemacht. General von Brause gehörte zum engeren Kreis der Offiziere um Scharnhorst und Boyen, die sich nach 1806 energisch um die Reformierung der preußischen Armee, um die Qualifizierung des Offizierskorps bemühten. Es ist daher nicht zufällig, dass er den durch beste Studienleistungen aufgefallenen Sydow für die Tätigkeit im reformierten Kadettenkorps ausgewählt hatte.  Mit 21 Jahren trat Sydow damit in den Staatsdienst, studierte nachts und legte seine Abschlussprüfungen an der Universität erst im Jahre 1827 ab – mit vorzüglichem Erfolg, was ihm die zweite theologische Prüfung ersparte. Diese Zeit an der Kadettenanstalt brachte ihn in engen Kontakt zu jungen Offizieren, die später bekannte Generale der preußischen Armee wurden – von Roon und von Scheliha.

Die ausgezeichneten Prüfungsergebnisse und die Protektion durch General von Brause bewogen das Konsistorium, dem jungen Sydow schon 1828 eine reguläre Predigerstelle an der Kadettenanstalt zu übertragen. Bis 1837 hat er diese Stelle ausgefüllt, geschätzt von den Kollegen, beliebt bei den Militärschülern und stets im Blickfeld des Königs. König Friedrich Wilhelm III. hatte 1836 beim Besuch einer seiner Predigten in der Berliner Garnisonkirche den Entschluss gefasst, ihn an die Garnisonkirche von Potsdam zu versetzen – eine Rangerhöhung im militärischen Sinn und eine Auszeichnung auch unter kirchenpolitischen Gesichtspunkten. Seine Probepredigt hielt er am 6. November 1836 in der Berliner Garnisonkirche. Sie fiel positiv aus, und der anwesende Prinz Wilhelm schrieb die positive Beurteilung als Kommandeur der Gardedivision an das Königliche Konsistorium. Er bezeichnete die Anstellung Sydows als „einen wahren Gewinn für die Militärgemeinde“.  Sydow war der Abschied von Berlin nicht leicht gefallen, musste er doch einen Freundeskreis und eine in den Jahren gewachsene Personalgemeinde zurücklassen.  In Potsdam gelang es Sydow relativ schnell, enge Kontakte zu führenden zivilen und militärischen Persönlichkeiten aufzubauen, aber auch seelsorgerische Aufgaben in den unteren Schichten der Gesellschaft zu erfüllen. 1840/41 erreicht er durch eine öffentliche Vortragsreihe zu theologischen und kulturellen Themen einen breiten Kreis von literarisch und philosophisch Interessierten.

Dem Regierungsantritt König Friedrich Wilhelms IV. sah Sydow wie viele seiner Zeitgenossen hoffnungsvoll entgegen, die ersten Kontakte und Diskussionen mit dem König bestätigten seine Erwartungen. Sydow erhielt in diesen Jahren den Auftrag, die anglikanischen Kirchenverhältnisse in England zu studieren, um den König in der Frage zu beraten, inwieweit Möglichkeiten der Übertragung dieser Verhältnisse auf Preußen bestünden. Der ablehnende Bericht Sydows 1844 nach  eineinhalb Jahren Vor-Ort-Untersuchung enttäuschte  den König ebenso wie Sydows kritisches Auftreten in  der Provinzialsynode von 1846, das wesentlich dazu  beitrug, Friedrich Wilhelms IV Projekt einer konservativen Kirchenreform in Preußen zu Fall zu bringen.  1846 wird Sydow Pfarrer an der Neuen Kirche in Berlin, dabei in die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen des Vormärz hineingerissen – und entwickelt sich zu einem ihrer führenden Akteure.  Doch gehen wir zurück in das Frühjahr 1840, Friedrich Wilhelm, der preußische Kronprinz, verfasste ein Konzept für die Erneuerung der Kirche – eine apostolische Kirche sollte es sein, vom patriarchalischen Verständnis über Staat und Gesellschaft ausgehend, ohne Rationalismus und Pantheismus. Gott sei nicht rational erklärbar, Gott sei nicht nach menschlichen Vorstellungen messbar.  Es ging dem späteren König Friedrich Wilhelm IV.  um die Wiederherstellung der reinen Verfassung der primitiven Kirche, angepasst an die Zustände des christlichen Staates des 19. Jahrhunderts. So wie die Apostel neue Kirchen gestiftet hatten, sollte nun in Preußen eine neue apostolische Kirche gestiftet werden. An der  Spitze des kirchlichen Systems sollte ein König von  Gottes Gnaden stehen, ihm untergeben ein Erzbischof  nach dem Vorbild der anglikanischen Kirche in England  – eine katholische Struktur mit evangelischen Lehren.  Der König ist 45 Jahre, das Konzept ist das eines poetischen Charakters, illusionär, romantisch – aber es schließt Toleranz gegenüber anderen Strömungen ein – aber außerhalb der Kirche. Die Kirche soll rein bleiben.  1845/46 trägt der nunmehrige König seine Vorstellungen einer Kirchenreform in zwei Aufsätzen noch-mals vor – mit Änderungen in der Struktur der Kirchenleitung. Eine letzte Niederschrift stammt von der Jahreswende 1847/48, schon pessimistisch gehalten, das Scheitern dieser Ideen war offensichtlich.  Der Ablauf der auf Weisung des Königs seit 1840 einberufenen Synoden zeigte, dass sich die evangelischen Pfarrer Preußens mit den Ideen Friedrich Wilhelms IV nicht anfreunden konnten und wollten. Die liberalen, weltoffenen Pfarrer hatten besonders in der Provinz Brandenburg die Mehrheit. Auf der Brandenburgischen Provinzialsynode vom 8. November 1844 wurde eine vom Staat unabhängige Kirchenverfassung gefordert. Der Bericht der Verfassungskommission verwarf explizit alle Ideen einer Ordination oder Weihe der Pfarrer im Sinne einer ununterbrochenen Abfolge seit den Aposteln, also genau der Lieblingsidee des Königs. Als führender Kopf der liberalen Mehrheit trat in Berlin der Pfarrer an der Nikolaikirche, Ludwig Jonas (1797-1859), Anhänger und später Herausgeber des Nachlasses Schleiermachers, hervor. Seit 1845 hatte er gemeinsam mit Sydow die „Zeitschrift für die unirte evangelische Kirche“ herausgegeben, das publizistische Zentrum der evangelischen Linken. Jonas war 1844 Mitbegründer des großen Berliner Handwerker- Vereins, wurde 1848 in die Verfassungsgebende Preußische Versammlung gewählt, gehörte ihr bis November 1848 an, war 1858/59 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses.  Auf der konservativen Seite heißen die Führer Otto  von Gerlach, Pfarrer mit großem sozialen Engagement,  ab 1833 im Berliner Vogtland (Elisabethkirche in der  Invalidenstraße) und Ernst Wilhelm Hengstenberg,  Theologie-Professor an der Berliner Universität, der ab  1827 die Evangelische Kirchenzeitung herausgab.  Scheitelpunkt der Auseinandersetzungen war die vom König einberufene Pfingstsynode der evangelischen Kirche Preußens, die so genannte Generalsynode von 1846. Sie setzte sich aus geistlichen und weltlichen Würdenträgern zusammen, Vorsitzender war Kultusminister Johann Albrecht Friedrich Eichhorn, Stellvertreter der von der Synode gewählte Bischof  Daniel Amadeus Neander.  Auch in dieser Versammlung dominierten die Liberalen der Schleiermacher-Richtung (59 von 75 Mitgliedern), der führende Kopf der Linken innerhalb der  Liberalen war Adolph Sydow. Obwohl die Synode in einem Gesamtkompromiss bezüglich der Kirchenverfassung endete, war sie doch eine Niederlage für den König und die Konservativen. Sie wurde am 29. August 1846 vertagt und nicht wieder einberufen.Die wichtigste Erkenntnis: Die Synode hatte gezeigt, dass die Kirche ebenso wie die gesamte Gesellschaft im Vormärz politisiert und polarisiert war.

In diese explosive Situation fliegen die Funken des März 1848.  Am Nachmittag, Abend und in der Nacht des 18.  März (Samstag) liegt die Garnisonkirche unmittelbar im Frontbereich. Sie wird zwar noch vom Militär verteidigt, ist aber ringsum von Demokraten belagert; Barrikaden stehen an der Herkulesbrücke, der Spandauer Brücke, in der nördlichen Burgstraße zwischen Herkulesbrücke und Neuer Friedrichstraße.  Weiterhin haben die Aufständischen Barrikaden am Hackeschen Markt, an den Zugängen zum Schloss Monbijou, innerhalb der Neuen Friedrichstraße an der Kreuzung Klosterstraße errichtet. Das Militär in Bataillonsstärke hat Posten gefasst in der Nähe der Marienkirche und in der Klosterstraße, an der Kreuzung Königstraße.  Garnisonpfarrer Ziehe ist einer der Verteidiger der Kirche, wie uns Georg Goens berichtet: „Und in der That, einen königstreueren Mann hat’s wohl gegeben.  Als die Flut revolutionärer Gedanken und Thaten im Jahre 1848 auch durch Berlin rauschten, da stand der alte Ziehe mit dem Volke in Waffen, wie eine Säule zu dem ,Königthum von Gottes Gnaden‘. In unmittelbarer Nähe der Garnisonkirche, an der Ecke der Spandauer Straße, hatten die Aufrührer eine Barrikade gebaut, und da Droschken und Fässer nicht mehr zur Stelle  waren, machte man sich daran, die Kirche zu erbrechen, um mit den Bänken die Lücken auszufüllen. Da  eilte der Pfarrer mit seinem Töchterchen hinab auf die  Straße und deckte mit seinem Leibe die Kirchenthür,  und das Bild des hünenhaften, greisen Geistlichen und  neben ihm das des tapferen jungen Mädchens machte  auf den Pöbel einen solchen Eindruck, daß sie die  Kirche beschämt verließen.“  Das Militär wird zurückgezogen, auf beiden Seiten wird die Bilanz aufgemacht und es werden die Toten bestattet – mit und ohne militärischen Ehren, aber mit religiöser Feier.

Die Aufbahrung der Toten erfolgt in Sydows Neuer Kirche. Nach einem feierlichen Marsch durch die Stadt erfolgt die Beisetzung der 183 Barrikadenkämpfer am 22. März 1848 im Friedrichshain, an der auf Befehl des  Königs die gesamte Berliner Geistlichkeit im Ornat teilzunehmen hatte!  Die Leichenpredigt an den Gräbern  hält Adolph Sydow für die Evangelischen. Der Eindruck der Rede ist so gewaltig, dass Sydow zur Kandidatur für die Wahlen zur Preußischen Verfassungsgebenden Versammlung gedrängt und im Mai 1848 für den 5.  Berliner Bezirk im ersten Wahlgang zum Mitglied gewählt wird. Adolph Sydow ist einer von den 50 Geistlichen, die eines der 395 Abgeordnetenmandate erringen?  In den parlamentarischen Sitzungen zeigte sich bald, dass Sydow kein Revolutionär war. In wichtigen Fragen stimmte der königstreue Prediger mit den Konservativen, so dass er auf dem Platz vor dem Parlament im  „Kastanienwäldchen“ am 9. Juni 1848 durch aufgebrachte Demonstranten aus Enttäuschung und Wut vor  der Tür der Tagungsstätte beschimpft, bedroht und tätlich angegriffen wurde.

Die konservative Haltung Sydows zeigte sich auch im Juni 1848 während des Zeughaussturms und im November 1848, als er und Jonas der Aufforderung des Königs folgen, nach Verkündung des Ausnahmezustandes nach Brandenburg zu ziehen, während die revolutionäre Minderheit des Parlaments dem König die  Stirn bietet und in Berlin bleibt. Das Kapitel Revolution ist abgeschlossen. Sydows parlamentarisches Mandat war erloschen, um ein neues hat er sich – trotz mehrfacher Aufforderung – nicht beworben.

Noch zweimal gerät er in politische Turbulenzen. Im Jahre 1859 begeht Berlin den 100. Geburtstag Friedrich Schillers. Der Magistrat beauftragt Sydow mit einer Gedenkrede zur Grundsteinlegung eines Denkmals auf dem Gendarmenmarkt. Die konservative Hofpartei und persönlich Wilhelm I., Prinzregent, später preußischer König und deutscher Kaiser, haben das Denkmal zu Ehren des Dichters der „Räuber“ nicht verhindern können, nun aber wollen sie wenigstens die Feierlichkeiten in ihrer Wirkung begrenzen. Wenn schon der populäre Sydow Redner sein soll, dann aber in „Zivil“, nicht im Talar eines Pfarrers der Landeskirche, an deren Spitze eben der Regent stand. Sydow  antwortet auf die Provokation mit den Worten: „Sagen Sie Sr. Königlichen Hoheit, der Talar sei meine Uniform, und er würde doch keinem Offizier eine Handlung zu vollziehen gestatten, zu der er genöthigt sei,  seines Königs Rock vorher auszuziehen.“°  Wie Menzels Zeichnung dokumentiert, hat Sydow  seine Rede im Talar gehalten. Wilhelm, der Prinzregent, zog es vor, in Abänderung des vereinbarten Programms, sich nicht öffentlich zu zeigen. Hinter den Gardinen eines Gebäudes mit Sicht auf den Gendarmenmarkt (Preußische Seehandlung) hat er die Zeremonie beobachtet.

Der zweite Anlass, der ihn nochmals in Widerspruch zum Hof bringt, ist ein öffentlicher Vortrag am 12.  Januar 1872 zum Thema „Die wunderbare Geburt Jesu“ in einer Veranstaltungsreihe des Berliner Unionsvereins. Sydow weist nach, dass die jüdische Vorstellung der Gottessohnschaft oder Messianität eine andere gewesen sei als die später aufgekommene christliche Lehre. Er lässt die Quellen des Neuen Testaments sprechen, die Jesus als den Sohn Josephs bezeichnen?  Der Vortrag erregte Aufsehen, die Zeitungen berichteten darüber – das Königliche Konsistorium der Provinz Brandenburg forderte Sydow zur Stellungnahme auf – es habe Proteste gegeben. Angesichts des öffentlichen Interesses der Debatte in den Berliner Zeitungen und der starken Unterstützung für Sydow in der Stadt bis zum Magistrat und zur Stadtverordnetenversammlung statuierte die Kirchenleitung auf Druck des Hofes ein Exempel: Sydow wurde des Amtes enthoben. Als der Druck der Öffentlichkeit zunahm, wandelte das Konsistorium die Strafe in einen scharfen Verweis um.  Schließlich ergeht es Adolph Sydow wie Johann Friedrich Walther und anderen historischen Gestalten – sie sind entweder vergessen oder nur den Experten mit einer Seite ihres Wirkens bekannt. Im Biographisch- Bibliographischen Kirchenlexikon von 19969 ist er zwar als Theologe mit einer Doppelspalte vertreten – aber ohne Bezug zu seinen politischen Aktivitäten 1848 – und natürlich auch ohne Bezug zu den besonderen Umständen von Geburt und Taufe.  Ebenfalls gibt es keinen Bezug im der Gedenktafel an Sydow Kirche am Gendarmenmarkt  zu seiner Person – leider!

Dieter Weigert, Berlin  Oktober 2018

 

 

 

Donald Trump und „unsere“ Medien

Aus gegebenem Anlass – Rick Sanchez‘ Debut bei RT – Freitag, d. 19. Oktober 2018

Ohne CGTN, Financial Times und RT wäre ich aufgeschmissen, würde ich keine Zeile von Gideon Rachman und William D. Cohan gelesen haben, stünde ich ebenso ratlos vor dem Phänomen Trumps Amerika wie die Mehrzahl der Deutschen und – jämmerlich täglich zu erleben – die Mehrzahl der deutschen Journalisten.

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Ohne RT hätte ich heute vormittag die aufregende Nachricht vom Beginn der Präsenz des US-Journalisten Rick Sanchez (1958 geboren auf Kuba) beim englischsprachigen Programm des russischen Sender Russia Today verpasst. In den USA ist er eine Medien-Institution, beim englischsprechenden und beim spanischsprechenden Publikum. Seine Medienlaufbahn begann er beim Radio in Miami, arbeitete viele Jahre bei CNN, wurde wegen inhaltlicher Differenzen gefeuert, hat gegenwärtig seine show bei FOX NEWS, die Adresse seiner website:  www.ricksancheztv.com.

Ohne die FINANCIAL TIMES, die ich aus unterschiedlichen Gründen nur gelegentlich lese, hätte ich einen sehr schrägen Blick auf Washington, D.C. und meine Lieblingsstadt New York.

Nun aber zu Donald Trump. Er ist der erste USA-Präsident seit Billy Carter, der seinen Bürgern – nicht nur seinen Wählern – ungeschminkt die Wahrheit sagt. Das vertragen nicht alle, das vertragen auch die meisten Europäer nicht und erst recht nicht meine Landsleute. So wie er vom Dach seiner Wolkenkratzer auf New York sieht, das Gewimmel der Provinzpolitiker belächelt, schmunzelt er angesichts der meisten ökonomischen und politischen Entscheidungen, die er als Präsident zu entscheiden hat. Er „sitzt sie nicht aus“, seine Wähler wollen sofortige Antworten auf ihre Fragen.

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Er handelt, er ist ein Macher. In seinen Adern fließt das Blut von Handwerkern, von Technikern, von Haus- und Brückenbauern. Die denken und fühlen anders als Juristen, Soldaten, Künstler. Deshalb suchte er für den Sessel neben ihm, den des Secretary of State, einen Mann von gleichem Kaliber, einen Öl-Ingenieur … das hält nicht ewig, die EGO-Gegensätze mussten zum Bruch führen. Da in Amerika alles auf dem offenen Markt ausgetragen wird, was man in Europa lieber in Hinterzimmern mauschelt, verstehen „unsere“ Medien Amerika nicht mehr und berauschen sich an den Anti-Trump-Demos an den Küsten, ignorieren geflissentlich die Pro-Trump-Haltung im Binnenland, die auf realen Wirtschaftsinteressen und auf schlimmen Erfahrungen mit der Politik der letzten Jahrzehnte beruht.. Die europäischen und deutschen Trump-Nichtversteher hoffen auf Himmelszeichen bei den Mid-term-Wahlen im November, sie werden enttäuscht Wählerschelte betreiben und auf 2010 hoffen.

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Vermutlich hat es keinen Sinn, ihnen die Bücher und Kolumnen in der Financial Times von Gideon Rachman und William D. Cohan zu empfehlen – sie werden nicht und wollen nicht lesen, sie werden und wollen nicht lernen. Ich jedenfalls freue mich auf nächsten Montag, ich muss mich nicht vor einem Herausgeber oder seinem Chefredakteur verbeugen und verbiegen.

Dieter Weigert, Berlin

Hurra! Wir können Rick Sanchez erleben!

Am Monat beginnt der Auftritt eines Großen des US-Fernsehens, des klugen, kritischen, unangepassten RICK SANCHEZ im Fernsehen auf deutschen Fernsehschirmen! Leider nicht bei ARD, ZDF usw, die hatten keinen Mut dazu. Aber bei RT, dem „Staatsfernsehen“ Putins. Ich spüre schon die kalte Dusche. Aber ich freue mich schon darauf !!! also: The News with Rick Sanchez“ ab 22. Oktober