Berlin-Neukölln: Bruno Bauer und Friedrich Engels

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In Berlin starb am 13. April ein Mann, der früher einmal als Philosoph und Theolog eine Rolle gespielt, seit Jahren aber, halb verschollen, nur von Zeit zu Zeit als „literarischer Sonderling“ die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gezogen hatte. Nein liebe Berliner Leser, Sie haben keine Nachricht im Fernsehen oder in den Zeitungen verpasst – die Nachricht ist uralt, nicht einmal von gestern, sondern aus dem Jahre 1882. Diese wörtlich übernommene Formulierung (Marx/Engels Werke, Band 19, Berlin 1962, Seite 297) stammt aus der Feder von Friedrich Engels, erschien in der Zeitschrift „Der Sozialdemokrat“ im Mai 1882 und bezieht sich auf Bruno Bauer. Engels hatte Bruno Bauer während seines Berliner Aufenthalts gut gekannt, wegen des konsequenten Eintretens für Demokratie und Pressefreiheit verloren Engels‘ Freund Karl Marx und Bruno Bauer gleichzeitig 1842 ihre Aussichten auf eine akademische Laufbahn im konservativen Preußen.

Obwohl Engels Bruno Bauers politische Ansichten (insbesondere zur Judenfrage) nicht teilte, achtete er ihn als Wissenschaftler, schätze er vor allem seine Untersuchungen zur Geschichte des Urchristentums. Bauer ist lange tot und vergessen, liegt auf einem der vielen Neuköllner Friedhöfe begraben, seine Schriften zur Religionsgeschichte sind aber heute noch mit Genuss lesbar.

Den Schlüsselsatz seiner Auseinandersetzung mit den Konservativen im Gefolge der epochemachenden Analyse von David Friedrich Strauß „Das Leben Jesu“  finden wir in der 1840 erschienenen „Kritik der evangelischen Geschichte des Johannes“, wonach niemand die Frage beantwortet hat, „wie die prophetische unmittelbare Anschauung vom Messias zu einem festen Reflexions-Begriff geworden sey, und dennoch würde man sich bei dem gewöhnlichen Vorurtheil, welches in der Geschichte überall bekannte und abgemachte Sachen sieht, nur wundern, wie man noch jene Frage aufwerfen könne. Andererseits ist die gewöhnliche und populäre Anschauung von der Persönlichkeit Jesu so sehr in starre Reflexionen eingehaust, daß sie sich in der wirklichen Geschichte nicht mehr wiederfinden kann und, wenn ihr das Licht derselben entgegentritt, nur unangenehm berührt wird“ (Vorrede, Seite VI).

Es ist die Konfrontation der Legenden und Mythen um die Gestalt des Jesus des Neuen Testaments mit der geschichtlichen Wirklichkeit, die der Hegelianer Bruno Bauer detailliert betreibt. Akribisch beschreibt er die Prozesse der Verschmelzung von Positionen der griechischen (vor allem der stoischen) Philosophie mit rationalistischen jüdischen Lehren, der Versöhnung östlicher und westlicher Anschauungen, aus der sich die wesentlichen ur-christlichen Vorstellungen herausschälen – die angeborene Sündhaftigkeit des Menschen, anstelle der Tieropfer die Darbringung des eigenen Herzens auf den Altar Gottes, die Abwendung vom Reichtum und den Privilegierten, damit die Hinwendung zu den Armen, Kranken, Sklaven. Mit seinen Untersuchungen erreichte Bauer auf dem Fundament der Hegelschen Religions- und Geschichtsphilosophie den entscheidenden Durchbruch zum wissenschaftlichen Nachweis, dass der Siegeszug des Christentums im römischen Weltreich vorrangig nicht das Werk von Betrügern gewesen war, wenn er auch Elemente des Betrugs und der Fälschung nicht entbehrte. Friedrich Engels konnte auf Bauers Arbeiten zum Evangelium des Johannes und zu den Synoptikern zurückgreifen, als er später selbst umfangreiche Studien zu den geistigen Quellen des Urchristentums veröffentlichte. Er wird wohl noch während seiner Berliner Jahre Bruno Bauer auf dessem kleinen Gut in Rixdorf (heute Ortsteil Neuköllns) besucht haben. Vermutlich können wir aber ausschließen, dass er das Ehrengrab Bauers auf dem Neuen St. Jacobi Friedhof kannte.

 

Das ist’s, Münster!

tolle besinnliche lektüre zum nachmittag in berlin

seppolog

Eine Woche ist nun ins Westfalenland gezogen, nachdem ich in meiner Düsseldorfer Küche Abschied vom Oberbilker Slum genommen habe. Am folgenden Tag zogen meine Mitbewohnerin und ich nach Utopia Münster. Und so war es im Nachhinein mindestens fragwürdig, möglicherweise aber auch einfach dämlich, am letzten Abend noch zwei Flaschen Weißwein zu leeren, bevor am nächsten Tag um acht Uhr die Umzugshandlanger kamen.

Lieber Leser, in diesem Moment sitze ich auf meinem Bett, denn ein Sofa haben wir nicht mehr. Ebenso wenig wie jenen Küchentisch, an dem ich sooft schrieb. Wir haben uns von einigen Möbeln getrennt und rüsten nun nach und nach auf. Auch von meinem Internet-Provider habe ich mich getrennt, was jedoch nur ein Missverständnis war. Ich hatte ihm lediglich meinen Umzug mitteilen wollen, er hat das aus unerfindlichen Gründen als Kündigung verstanden und diese auch noch umstandslos akzeptiert, sodass ich jetzt bis Ende dieses Monats – wenn es…

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Mittwochabend zur „Berliner Sorbonne“ – die Militärische Gesellschaft in der Mohrenstraße

 

Vorbemerkung des Autors: Leider ist mir die Quelle jener Bezeichnung „Berliner Sorbonne“ verloren gegangen – mit großer Dankbarkeit nehme ich Hinweise und Kommentare entgegen, wo ich zu suchen habe. Dieter Weigert, Berlin

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Die Mohrenstraße im Zentrum Berlin, durchschneidend den Gendarmenmarkt, war vor zweihundert Jahren eine der Flaniermeilen der guten Gesellschaft, in ihrem dem Schloss zugewandten Teil befand sich das renommierte Hotel „Zum Englischen Hof“ – eine gute Adresse zum Speisen, Geschäfteanbahnen, Feiern. In der ersten Etage traf man sich zu größeren Geselligkeiten in den Sälen, manche der offenen und geschlossenen Gesellschaften hielten dort ihre regelmäßigen Tagungen ab. Eine der heute vergessenen Vereinigungen war die von 1802 bis 1805 bestehende Militärische Gesellschaft zu Berlin, von Kennern liebevoll die Sorbonne von Berlin genannt. Die Kolonaden zu beiden Seiten der Straße, die damals die Brücke über einen Kanal begrenzten, lassen auf den Standort des Hotels schließen. Was hatte es mit jener „Sorbonne von Berlin“ auf sich? Gehen wir zurück in jenes Preußen der Jahre vor 1806, bevor die Truppen Napoleons die Armee und den Staat zerschlugen.

Das Bildungsdefizit der preußischen Offiziere um 1800 

Der große Scharnhorst hatte formuliert: „Der Geist einer Armee sitzt in ihren Offiziers“. Als er nach Preußen kam – was fand er vor? Der preußische Offizier des Jahres 1802 hatte neben all seinen Alltagsprobleme wie Geldmangel, Uniformzwang, Hektik der Dienstordnung und Überalterung der Vorgesetzten ein wesentliches Defizit — das der fehlenden umfassenden wissenschaftlichen Bildung.  Die meisten Offiziere kamen als 13- bis 15-jährige Adlige ohne ausreichendes Wissen in die Regimenter, manche als Absolventen von Kadettenanstalten, kirchlicher Garnisonschulen oder militärischer Waisenhäuser. Als Junker und Fähnriche lernten sie durch Trial and Error, Wissensaneignung war zufällig, das Selbststudium zum großen Teil verpönt, die Weiterbildungsveranstaltungen für Offiziere in den Inspektionsorten planlos, unkontrolliert — mehr dem Theater- und Bordellvergnügen dienend als der systematischen Qualifizierung.  Gewaltige Vorbehalte gegenüber gediegener Bildung bis in die höchsten Kreise:  nach dem Motto des Hofes Theoderichs von Ravenna — Tapferkeit, nicht Bildung ziere den Jüngling; wer einmal den Stock des Schulmeisters gefürchtet hatte, werde kein Krieger! Erfahrung vervollkommne den Mann!  Schon Friedrich der Große hatte dagegen gehalten: Wenn die Erfahrung allein hinreichend wäre, große Feldherren zu bilden, so müssten es die Maultiere des Prinzen Eugen geworden sein“. Die wenigen erhaltenen Lebenserinnerungen sprechen Bände.  Ein bedrückendes Beispiel sei zitiert: Julius von Voß aus Brandenburg/Havel, Jahrgang 1768, Sohn eines Hauptmanns, glücklicherweise durch den Vater und durch  Hauslehrer im Privatunterricht mit klassischem Bildungsgut, Sprachen, Musik  ausgerüstet, aber wie er selbst sagte – nicht erzogen! ,,Ich entwarf mir das roheste  Ideal eines Offiziers. Fluchen, Saufen, Spielen, Menschern nachjagen, immer nur Krieg wünschen, und dann wie der Teufel darauf los – dies waren die Züge.“ Voß wurde mit 14 Jahren Fahnenjunker im Infanterieregiment Nr. 12 von Wunsch in Prenzlau, wie die älteren Offiziere dem Spiel und den Frauen verfallen. Da geschieht ein Wunder — er wird mit einer rühmlichen Ausnahme bekannt – einem Sonderling: Carl Andreas von Boguslawski. Über ihn werde ich bei gegebener Zeit in einem Blog berichten. Diesem Offizier in Prenzlau, der Jahrzehnte später Gründungsdirektor der Berliner Militärakademien wird, gelingt es durch sein Vorbild den jungen Voß zu Bildung und Reife zu führen.

Zurück zu den Jahren um 1800. Hatte sich etwas geändert seit 1788? Ja!  Erstens — die Erlebnisse der Niederlagen der preußischen Armee in Frankreich und Polen zwischen 1792 und 1794. Zweitens – erste Versuche der Reform der militärischen Bildung und Weiterbildung, jedoch unvollkommen und abgebrochen. Das Defizit bleibt und ist eine der Hauptursachen für die Niederlagen von 1806.  Drittens — die politischen Vorbehalte bei Hofe und im Offizierskorps gegen notwendige Reformen waren verstärkt durch die Furcht vor der Beispielwirkung der französischen Revolution und des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges – mündend im Vorwurf des Jacobinertums gegenüber den Streitern für Reformen.

Die ersten Versuche einer Reform der militärischen Bildung und Weiterbildung 

Der Alte Garnisonfriedhof in Berlin-Mitte ist eines der kulturgeschichtlichen Zeugnisse  für die historische Rolle der Berliner Militärs im 19.Jahrhundert. Bedeutende Militärs sind dort beigesetzt, darunter viele, die sich in der Periode  zwischen 1786 und 1815 um die Reorganisation der preußischen Armee und der  preußischen Gesellschaft verdient gemacht haben.  lhr Kristallisationskern waren Hardenberg, Scharnhorst. Zwischen 1800 und 1805 nehmen beide ihren endgültigen Wohnsitz in Berlin und Umgebung — Scharnhorst in der Nähe vom Alexanderplatz, Hardenberg kauft das Dorf Tempelberg.   Warum Scharnhorst? Er war in Hannover selbst ab 1772 bis 1777 Schüler der Militärakademie  des Grafen Friedrich Wilhelm Ernst zu Schaumburg-Lippe-Bückeburg (Festung  Wilhelmstein) gewesen, der seinerzeit besten militärischen Bildungseinrichtung Deutschlands.  1782 war er Herausgeber der Zeitschrift ,,Militair-Bibliothek“, fortgesetzt ab 1785 unter dem Namen ,,Bibliothek für Officiere“. An deren Stelle tritt ab 1788 das ,,Neue militarische Journal“. Das Journal war während des Krieges ab 1793 eingestellt, wurde 1798 wiederbelebt — nunmehr mit dem Untertitel ,,Militärische Denkwürdigkeiten unserer Zeiten, insbesondere des französischen Revolutionskrieges im Jahre 1792 u.s.f.“

Ab 12. Mai 1801 ist Scharnhorst in Berlin, Lehrer an der ,,Akademie für junge Offiziere“ in Berlin, der école militaire, deren Name durch Kabinettsordre vom 5. September  1801 (Vorlaufer: Kadettenakademie, Ritterakademie)  offiziell lautet  Lehranstalt für Junge  lnfanterie- und Kavallerie-Offiziere  in den militärischen Wissenschaften zu Berlin,  von Scharnhorst selbst aber kritisch betrachtet. Warum sind Offiziere der Artillerie und des Pionierwesens nicht als Schüler genannt? Die Artilleristen und Pioniere hatten eigene technische Schulen.  Nur zwei Lehrer sind fest angestellt: der Major der Pioniertruppe Ludwig Müller für Militärgeographie und Festungskunde und der Philosophie-Professor Johann Gottfried Kiesewetter für Logik und  Mathematik (Der Kantianer Kiesewetter stand im Briefwechsel mit Kant, positiv  mehrfach gewürdigt bei Varnhagen von Ense, hatte großen Einfluss auf  Clausewitz; berichtet in einem Brief an Kant, dass seine Vorlesungen in Berlin  überwacht werden); kontrolliert durch Generalleutnant von Geusau.
Die Berliner Militär-Lehranstalt war eine von 6 Inspektionsschulen, geschaffen durch Friedrich ll. im Jahre 1779 (neben Berlin gab es solche Schulen in Breslau, Königsberg, Magdeburg, Stettin, Wesel).  Die Berliner Schule wird ergänzt durch die 1765 geschaffene sogenannte Adelsakademie (15 der besten Zöglinge der Kadettenanstalt, die ,,königlichen  Eleven“ mit eigener Uniform). Daher ist der Chef des Kadettenkorps von nun an Chef der Militär-Bildungseinrichtungen.  Diese Offiziersschule — mehr war sie nicht — wurde besucht von ausgewählten  jungen Offizieren im Anschluss oder als Ergänzung zur Ausbildung an der  Kadettenanstalt und anderen Bildungseinrichtungen der Armee — auch die Lehrer  konnten ausgetauscht werden – so lehrte z.B. Kiesewetter auch an der 1795 auf  Anregung des Generalstabschirurgen Görcke gegründeten Berliner  Bildungseinrichtung für junge Militärärzte, der sog. Pepiniére  Erst nach der bitteren Niederlage von 1806 gab es die gesetzliche Forderung nach  einer schulmäßigen Prüfung als Bedingung für den Eintritt in den Offiziersstand – mit  dem königlichen Reglement über die Besetzung der Stellen der Portepeefähnriche  vom 6. August 1808.

Die Gründung der Militärischen Gesellschaft in Berlin

Scharnhorst ist schon vor 1806 geistiges und organisatorisches Haupt der militärischen Reformbewegung in Preußen, ist gerade aus diesem Grunde aus Hannover geholt worden. Massenbach hat Erfahrungen in der Offiziersausbildung, er ist Lehrer an der technischen Offiziersschule in Potsdam.  Als Organisationsform der neuen Aus- und Weiterbildungsinstitution bietet sich eine Art literarische Gesellschaft an — Studium und ernsthafte Beschäftigung mit militärischer Literatur einschließlich der „Produktion“. Nur der konnte Mitglied werden, der einen eigenständigen Beitrag leistete, ihn vortrug, zur Diskussion stellte. Die Obristen Scharnhorst und Massenbach sind inhaltliche Leiter, Initiatoren und Organisatoren der Gründung. Ihre Idee ist die wissenschaftliche Weiterbildung der aktiven Offiziere! Clausewitz wird durch Scharnhorst zur Mitgliedschaft angeregt — ist Nr. 50 von den etwa 200 Mitgliedern. In der Sitzung vom 11. April 1804 wird Leutnant von Clausewitz zu einem der drei Redakteure der Gesellschaft gewählt (neben Leutnant von Leithold und Leutnant von Textor). Es ist auffallend, dass von den 10 Gründungsmitgliedern sieben als Lehrer an den Militärschulen tätig waren. Die enge Verknüpfung der aktivsten Mitglieder der Gesellschaft mit dem Erziehungs- und Bildungswesen der Armee ist bezeichnend für den hohen Stellenwert, den ihre Mitglieder, allen voran Scharnhorst und Massenbach, dem pädagogischen Bemühen zur Erneuerung der Armee beimaßen. So unterrichteten zwischen 1810 und 1813 an der Allgemeinen Kriegsschule die ehemaligen Mitglieder Clausewitz (Kleiner Krieg, Generalstabsdienst), Tiedemann (Taktik, Strategie), Textor (Mathematik), Streit (Artillerie) und Stutzer (Militärgeographie, Kriegsgeschichte). Von den 31 namentlich bekannten Schülern Scharnhorsts der Jahre 1801-1805 sind 16 der Militärischen Gesellschaft beigetreten, unter ihnen die bedeutendsten Mitarbeiter der Reformpartei nach 1807 wie Boyen, Braun, Clausewitz, Grolman, Steinwehr und Tiedemann.

Von der Idee zur Organisation

Wo soll die Gesellschaft Mittwochs tagen? Ausgewählt wird das Hotel „Zum Englischen Hof“, Mohrenstraße 49, beste Lage. Nachzulesen im Protokoll der Sitzung vom 28.September 1803, Man trifft sich Mittwochs von 6 bis 8 Uhr, im Prinzip jeden Mittwoch 5 Uhr,  Abends ist dann längere Sitzung.

Inhalte der Debatten:

Grundlage der Diskussionen sind schriftliche Arbeiten der Mitglieder der Gesellschaft bzw.Rezensionen von Büchern. Hauptproblem der Militärstrategie: leichte Infanterie, Notwendigkeit des Studiums der Naturwissenschaften – dargestellt durch Scharnhorst selbst, schon in Hannover. Die neuesten Entwicklungen der Militärtechnik, der Taktik der Infanterie und Kavallerie, die Lehren aus den Feldzügen des Generals Bonaparte in Italien, in der Schweiz, anderer französischer Generale in Holland sind Gegenstand ausführlichen Analysen und Debatten.
Als merkwürdig zu verzeichnen ist — der Feldzug 1792 a) nur in Rezensionen behandelt wie aa) Bd4, S. 424 durch die Rezension der Scharnhorstschen Zeitschrift „militärische Denkwürdigkeiten“ .Hannover 1804 durch v. Borck, wie durch die Rezension einer Schrift des in Sachsen-Weimarschen Diensten stehenden ehemaligen Oberstleutnant in holländischen und englischen Diensten stehenden von Groß, geschrieben fur die Akademie zu Belvedere „Von dem Dienste des Officiers im Felde  1803: „Das neue Militärsystem der Franzosen,  welches sie mit so glücklichem Erfolg angenommen haben, mache es unmöglich, ihnen Widerstand zu thun, ohne die Annahme eines auf ähnlichen Grundsätzen ruhenden Systems.“oder nur am Rand erwähnt Bd. 4, S. 268: „Auszug aus den Protokollen der militärischen Gesellschaft 28. Dezember 1804: „Der General v. Lecoq verlas eine Relation der Kanonade bei Valmy. Obgleich diese Begebenheit an sich eben so wichtig nicht ist, so verdient sie doch als Glied in einer großen Kette der Dinge bemerkt zu werden. Es wurde die Lage der französischen und alliierten Armee, und hierauf die Unternehmungen nach der Einnahme von Verdun bis zum Rückzug aus Champagne geschildert.“ Periode zwischen 1789 und 1806 geprägt vom grundlegenden Defizit an gesellschaftlichen und militärischen Reformen.

Für die anhaltende Wirkung der Weiterbildungsgesellschaft spechen folgende Zahlen: 5 von den 8 Generalstabschefs zwischen 1813 und 1870 waren Mitglied der Gesellschaft, (Scharnhorst, Gneisenau, Grolmann, Ruhle, Muffling); 7 (Yorck, Kleist, Gneisenau, Müffling, Boyen, Knesebek, Dohna-Schiobitten) von den 9 Generalfeldmarschällen; 2 Generalinspekteure der Militärischen Bildung (Holtzendorff, Rühle von Lilienstern);3 Kriegsminister (Boyen, Hake, Rauch), Generalinspekteur der Artillerie (Prinz August), Generalinspekteur des Ingenieurkorps (Reiche), Präsident der Militärischen Prüfungskommission (Steinwehr), Finanzminister (Louis Gustav von Thile) gehörten der Gesellschaft als junge Offiziere an.

Die bedeutendsten Persönlichkeiten der Gesellschaft, beigesetzt auf dem Alten Garnisonfriedhof

Karl Friedrich von dem Knesebeck,  Carl Andreas von Boguslawski, Wilhelm von Clausewitz, Karl Friedrich v. Holtzendorf, Karl Leopold Heinrich Ludwig v. Borstell, Friedrich Karl Heinrich Graf v. Wylich und Lottum, Georg Wilhelm v. Valentini, Johann Eberhard Ernst Herwarth von Bittenfeldt, Friedrich Albrecht Gotthilf Freiherr von Ende

Literatur zum Nachlesen

Karl Demeter, Das deutsche Offizierskorps in Gesellschaft und Staat 1650-1945, Frankfurt/Main 1965

G. Ch. Kiesewetter, Directeur et Professeur en Philosophie et Directeur de l’éducation scientifique de l‘institute: Discours prononcé a l’anniversaire de la fondation de la Pépiniére Royale de médecine et de chirurgie le 2. Ao0t 1808 par , Berlin 1808,

Joachim Niemeyer, Einleitung zu Denkwlirdigkeiten der Militarischen Gesellschaft zu Berlin, Neudruck der Ausgabe von 1802-1805, Osnabriick 1985

Dietrich Pellnitz, Beitrage zur Geschichte der Pépiniere, Berlin 1993,

Schickert, Die Militärärztlichen Bildungsanstalten von ihrer Griindung bis zur Gegenwart, Berlin 1895, Reprint Ziirich 1985

Schössler, Dietmar, Carl von Clausewitz, rororo Hamburg 1991

Charles Edward White, The Enlightened Soldier. Scharnhorst and the Militaerische Gesellschaft in Berlin, 1801-1805, New York/London 1989

Eine tote Polin in der Mulackstraße – Rings um das Berliner Scheunenviertel (3)

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Das „Scheunenviertel“ im Berliner Osten war Zufluchtsort seit Jahrhunderten für verfolgte aus dem Riesenreich der russischen Zaren – Juden und Nichtjuden aus Polen, der Ukraine, den baltischen Ländern, Weißrussland. Die Kneipen, kleinen Kellerläden, die Hinterhöfe der Münz-, Grenadier-, Hirten-, Dragoner-, Mulackstraße beherbergten die Ärmsten der Armen, aber auch schon diejenigen, die es schon zu etwas gebracht hatten – kleine Straßenhändler, Musikanten, Zuhälter, Spitzel der Geheimpolizei, Flickschuster und Änderungsschneider.

Wir wissen leider nicht, wie die Frau hieß und welche Tätigkeit sie ausgeübt hatte, bei der die Polin Sonia Horn im April 1945 nach ihrer Entlassung aus dem Konzentrationslager Ravensbrück Zuflucht gesucht hatte. Wir wissen, dass sie eine Verwandte oder eine Freundin der Mutter Stanislawa Kowalska war, dass sie in der Mulackstraße 23 wohnte. Und wir kennen das tragische Schicksal der jungen Frau, denn ihr Grabstein in der südöstlichen Ecke des benachbarten alten historischen Garnisonfriedhof gibt Auskunft: sie starb am 29. April 1945, am vorletzten Tag des Krieges.

Was wissen wir aus ihrem Leben? Sonia war die Tochter einer Polin und eines deutschen Vaters, wuchs bei der Mutter in Myslowice (Schlesien) auf, nahm als Kind Tanzunterricht, wird aber in einer Klosterschule auf das „wirkliche Leben“ vorbereitet. Sie verliebt sich in den Lehrer Franticzek Roj, folgt ihm 1939 nach der Niederlage der polnischen Armee, deren Angehöriger ihr Geliebter als Reserveoffizier ist, in den Untergrund und nimmt aktiv am Widerstandskampf teil. Durch Verrat fliegt die Gruppe auf. Franticzek, der die Zusammenarbeit mit den Deutschen im Krieg mit der Sowjetunion ablehnt, wird 1943 von den Nazis in Auschwitz erschossen, Sonia in des KZ Ravensbrück verschleppt. Sie übersteht die Quälereien, spendet ihren mitgefangenen Frauen und Kindern durch Tanz Trost, überlebt das Grauen und kommt im Frühjahr 1945 frei. Zwei mögliche Erklärungen für das „Verschwinden“ des Häftlings Sonia in diesen letzten Monaten des Krieges, als die Rote Armee näher rückt, werden aufgrund mangelnder Archivmaterialien von den Historikern angeboten  – entweder die Flucht aus der Stadt Oranienburg, nachdem es ihr gelungen war, sich eine Stelle als „dienstverpflichtete Helferin“ bei einem SS-Arzt zu verschaffen oder ein Listenplatz für die Transporte nach Skandinavien des Internationalen Roten Kreuzes, den sie sich durch Bestechung oder falsche Papiere besorgt haben könnte.

Es gelingt – sie schlägt sich nach Berlin in die Mulackstraße durch, will das Ende des Krieges hier abwarten. Es ist ihr nicht vergönnt – sie fällt den letzten Straßenkämpfen in Berlin-Mitte, im „Scheunenviertel“ zum Opfer, ihr Körper wird in einem Massengrab Anfang Mai auf dem alten Militärfriedhof zwischen Linien- und Mulackstraße beigesetzt.

Dr. Dieter Weigert, im Oktober 2018

 

Rings um das Berliner Scheunenviertel (2) – die Torstraße

 

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Neben der Volksbühne rechts durch die Weydingerstraße gelangt man zum Ausgangspunkt dieses Spaziergangs. Mit der Ecke Karl-Liebknecht- Straße/Torstraße ist der nordöstlichste Punkt der Spandauer Vorstadt erreicht. Hier befand sich das Prenzlauer Tor, einer der vielen Zugänge in die Stadt Berlin.

Obwohl diese Vorstadt noch nicht offiziell eingemeindet war, verlief seit 1705 auf der Höhe der Linienstraße faktisch die nördliche Stadtgrenze Berlins. Die ,,Linie“, wie die Straße ursprünglich hieß, war Teil eines hölzernen Palisadenzaunes.

Fünf Tore (Prenzlauer, Schönhauser, Rosenthaler, Hamburger, Oranienburger Tor) verbanden die Spandauer Vorstadt hier mit ihrem noch ländlichen Umland. 1732/1734 wurde die Palisadenumwehrung durch eine steinerne Mauer ersetzt, Teil der unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. um ganz Berlin herum errichteten Akzisemauer. Diese wurde nach 1780 auf die Hähe der heutigen Torstraße vorverlegt.

Hatte sich die Stadtmauer der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin-Cälln weit weg von dieser neuen Stadtgrenze befunden, so war auch von dem ehrgeizigen Vorhaben des Kurfürsten Friedrich Wilhelm l., Berlin nach dem Dreißigjährigen Krieg zu einer uneinnehmbaren Festung auszubauen, Anfang des 18. Jahrhunderts schon nicht mehr viel übrig. Nur der S-Bahnbogen zwischen Jannowitzbrücke und Friedrichstraße und die verwinkelte Straßenführung am Hackeschen Markt erinnern heute noch daran.

Den Toren an der ,,Linie“ wurde nicht nur die Funktion zugeschrieben, die Einlaß begehrenden Händler, Bauern und Fremden zu Gunsten der Stadtkasse tüchtig zu schröpfen. Militärische und polizeiliche Kontrolle diente zugleich dazu, Deserteure aus den Berliner Regimentern nicht herauszulassen und vermeintlichem ,,Gesindel“ den Zugang in die Stadt zu verweigern. Die ursprünglichen Tore der Akzisemauer werden von Architekturhistorikern als einfache, von mehr oder minder reich verzierten Pfeilern eingefasste Maueröffnungen beschrieben, die durch hölzerne Torflügel verschlossen wurden. Zur Anlage gehörte in jedem Fall ein Wachlokal und ein Haus für den Steuerbeamten, den Torschreiber. Nicht von ungefähr verzeichnen alte Adressbücher in der Nähe dieser Mauer Herbergen und Gaststätten, werden auffällig viele Bierbrauer und Branntweinbrenner aß Hausbesitzer aufgeführt.

Die Tore wurden mehrfach umgebaut und dabei immer pompöser. So wurden 1786 nach Entwürfen von Gontard und Unger das Oranienburger, Hamburger und Rosenthaler Tor neu errichtet. Ein Jahrhundert später blieb von ihnen kein Stein übrig – Straßenverkehr und Stadtexpansion forderten ihr Recht. Hingegen fanden künstlerische und bauhistorische Bedenken keine Unterstützung durch einflussreiche Gönner.

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Hamburger Tor

Das erste Haus der Linienstraße, die am Anfang der Tour als Sackgasse beginnt, trägt die Nummer 13. Das hat nichts mit magischen Zahlen oder Aberglauben zu tun. Ursprünglich reichte die Linienstraße bis zur Neuen Königsstraße, heute etwa bis zur Otto-Braun-Straße.

Schon nach wenigen Minuten Fußweg gelangt man an die nächste Straßenkreuzung. Am Rosa-Luxemburg-Platz befand sich das Schönhauser Tor. Gleich vier Straßen unterbrechen den Lauf der Linienstraße und deuten darauf hin, dass hier auch früher ein lebhafter Verkehr geherrscht hat. Nach dieser Kreuzung bleibt Muße, die Ruhe der Linienstraße aufzunehmen. Wohnbauten und relativ wenige Gewerbebetriebe, oft in den Quergebäuden der Höfe untergebracht und mit einer langen Firmengeschichte, koexistieren friedlich Seite an Seite. Immer wieder kann man das lieblose Nebeneinander von Plattenbauten der 80er Jahre sowie einiger oft unter radikaler Beseitigung allen Fassadenschmucks renovierter Bürgerhäuser betrachten.

Auf der linken Seite unterbricht eine Backsteinmauer den Häuserfluss. Durch ein Gittertor bietet sich der Blick auf verfallene Grabmale und schattenspendende Bäume. Um die Ecke, in der kleinen Rosenthaler Straße, verspricht eine Pforte Einlass auf den Garnisonfriedhof. Nicht erst 1722, wie über dem zu diesem Zeitpunkt errichteten Tor zu lesen ist, sondern bereits zwischen 1703 und 1706 wurde dieser Platz für die Berliner Garnison der preußischen Armee eingerichtet. Ursprünglich gab es an der ,,Linie“ zwei sorgsam getrennte Totenfelder – für Soldaten und Offiziere.

Nur der größte Teil des Offizersfriedhofs blieb erhalten. Besonders beachtenswert an dieser parkähnlichen Stätte sind Zeugnisse der Grabmalkunst des 19. Jahrhunderts. Vor allem Beispiele des Berliner Eisenkunstgusses, aber auch des seltenen Zinkgusses geben diesem Ort das Gepräge. Gut erhalten und am bekanntesten sind die Grabstätten zweier herausragender Teilnehmer der antinapoleonischen Kriege: Adolph von Lützow (1782-1834), den Anführer der ,,wilden, verwegenen Schar“ und den hugenottischen Dichter Friedrich Freiherr de la Motte Fouqué (1777-1843), u.a. Autor des Kunstmärchens ,,Undine“. Erwähnenswert sind auch Massengräber für Opfer des 2. Weltkrieges, von denen nur wenige namentlich bekannt und benannt sind. Die Mehrzahl der Gräber des bis in die 60er Jahre genutzten Friedhofs wurde um 1978 eingeebnet. Eine behutsame Restaurierung der verbliebenen geschichtlichen Zeugnisse wie der ganzen Anlage ist geplant. lm Friedhofsgebäude ist eine informative Ausstellung zu sehen.

Zurückkehrend in die Linienstraße fällt die künstlerisch kreative Gestaltung der Rückfront wie aller Straßenfronten des Eckhauses Linienstraße Nr. 206 auf. Alternative Lebens- und Kunstauffassungen fanden hier wie anderswo im Kiez eine gewisse, nicht spannungsfreie behördliche Duldung, sind von unklaren Eigentumsverhältnissen und Mieterhöhungen existentiell bedroht.

Die Linienstraße kreuzt jetzt die Rosenthaler Straße.

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Hier, am Rosenthaler Platz, stieg Franz Biberkopf, der Held aus Alfred Döblins Roman ,,Berlin Alexanderplatz“ aus der Straßenbahn. Aus dem Moabiter Gefängnis entlassen, kehrte er zurück ins ,,Miljöh“. Eine eher traurige Berühmtheit erlangte das hier befindliche Rosenthaler Tor zwei Jahrhunderte früher als Merkzeichen für die tatsächliche Begrenztheit der geistigen Toleranz im absolutistischen PreuBen. Wie alle anderen Juden durfte 1743 ein junger Mann nur durch dieses Tor Berlin betreten: Moses Mendelssohn, später einer der weltbekanntesten Berliner, Freund Lessings und Nicolais, Aufklärer und Philosoph, zugleich auch erfolgreicher Geschäftsmann.

An der Ecke Ackerstraße unterbricht am Koppenplatz eine weitere grüne Insel den Weg durch graue Häuserfluchten. Der Platz wurde nach Christian Koppe (gest. 1721) benannt, der sich um das Berliner Armenwesen verdient machte. Das von ihm gestiftete Armenhaus für Frauen und ein Armenfriedhof sowie das gerichtliche Obduktionshaus erhielten hier zu Beginn des 18. Jahrhunderts ihren Platz. Links neben dem Schulgebäude (Koppenplatz Nr. 12), einer der vielen Berliner Schulbauten Ludwig Hoffmanns (1852-1932), erinnert ein nach Entwürfen von Friedrich August Stüler (1800-1865) errichtetes Denkmal an Koppes uneigennütziges Wirken. Mit etwas Mühe kann man die verblasste, ehemals goldfarbene Inschrift entziffern: ,,Herr Christian Koppe Raths Verwandter und Stadt Hauptmann zu Berlin widmete diesen Platz und dessen Umgebung im Jahre 1705 als Ruhestatte den Armen und Waisen, in deren Mitte er selbst mit den Seinigen ruhen wollte und ruht. Sein Andenken ehrt dankbar die Stadt Berlin 1855″. Unter dem Park und der Spielanlage des Platzes sind die Trümmer von Luftschutzbunkern verborgen.
Wieder zur Linienstraße einbiegend führt der Weg an einem Seniorenheim vorbei (Koppenplatz Nr.11), einen 1835 errichteten klassizistischen Putzbau. Über dem Eingang ist noch ein Hinweis auf die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes erhalten: Erinnert wird an Wilhelmine Amalie Hollmann, deren Mann 1834, nach ihrem Tode, hier die Hollmannsche Wilhelminen-Amalien-Stiftung für Witwen und Töchter höherer Beamter errichtet hatte. Der Erinnerung an diese Frau ist im Hof eine Kunststeinstele mit aufgesetzter Eisenschale gewidmet. Mit der Linienstraße Nr. 162 fällt ein weiterer, 1911 errichteter Schulbau Ludwig Hoffmanns auf, in der die Volkshochschule Mitte ihr Domizil hat.
Auf der gegenüberliegenden Seite passt sich nach der Hausnummer 100 die Seitenfront eines roten Klinkerbaus an die Traufhöhe der umgebenden Häuser an. Man muss aber die Toreinfahrt des Hauses Nr. 100 durchschreiten, um die Vorderansicht eines der schönsten Sakralbauten in Formen der ,,neuen Sachlichkeit“ betrachten zu können. Die katholische St. Adalbert-Kirche wurde 1933 errichtet.

Die folgende unscheinbare Querstraße, die heute von einem Sportplatz durchschnittene Kleine Hamburger Straße, krönte das nächste, das Hamburger Tor. Es gehörte zu den imposantesten, am reichsten geschmückten Toren der Stadtbefestigung.

Empfohlen wird, in den Hof des Hauses Nr. 147 zu gehen. Seit seiner Errichtung hat dieses wie die benachbarten Häuser keine neue Farbe gesehen. Es ist auch noch von Einschüssen aus der Zeit des 2. Weltkrieges übersät. Dennoch gehört dieser Hof vor allem in den Sommermonaten zu den schönsten im Kiez; Theateraufführungen finden hier statt und man kann sich vom Grau der Großstadt erholen.

Nach der Kreuzung Tucholskystraße (früher Artilleriestraße) fällt die bunte Mischung von Gewerbebetrieben und Wohnhäusern auf, die Hinterfront einer Schule (Nr. 122-123), der Zugang zu einer Kegelbahn mit Bewirtschaftung (Nr. 121).

Auf die Oranienburger Straße stoßend, endet der Spaziergang am ehemaligen Oranienburger Tor, das durch einen U-Bahnhof und auch sonst umgangssprachlich als einziges Tor der Spandauer Vorstadt noch in Erinnerung blieb. Rechter Hand, leicht zu übersehen, hat im Haus Nr. 128-129 ein Trupp der freiwilligen Feuerwehr seinen Sitz; es soll sich um das älteste Feuerwehrgebäude Berlins handeln. Der nordwestlichste Punkt der Spandauer Vorstadt und auch die Hausnummernkehre der Linien-Straße mit den Nummern 135/136 ist erreicht.

 

Massenmorde in Afrika – des Kaisers Admirals SMS „Albatros“

 

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Geboren am 12. Februar 1846 in der Hafenstadt Stettin, stammte Max Plüddemann aus einer preußischen Beamtenfamilie. Die Ostsee war eine Droge – der 17jährige trat in die Marineschule ein, Seeoffizier war sein Traum. Erste Schritte als Kadett folgten 1867/68 auf dem Segler „Niobe“. Dann war für den angehenden Offizier Theorie angesagt: das Seekadetteninstitut in Kiel, das er mit der Beförderung zum Unterleutnant zur See und der Aussicht auf eine Kommandierung in der königlich-preußischen Ostseeflotte 1867 abschloss. 1870 wurde Max Plüddemann Leutnant zur See und Wachoffizier auf SMS Elisabeth, einer Korvette der Marine des Norddeutschen Bundes, später des Reiches. Im Juni 1874, nun Kapitänleutnant, war Max Plüddemann für 3 Monate „Kommandant in Vertretung“ auf SMS Nymphe. Die Korvette war gegen Frankreich 1870 im aktiven Einsatz gewesen, bekannt geworden war ein Nachtgefecht vor Rügen am 23. September 1870. Als erstes Schiff der Reichsmarine hatte SMS Nymphe 1871 eine Weltreise angetreten. Nach einem ersten Lehrgang an der Marineakademie Kiel diente Plüddemann 1875 auf SMS Kronprinz als Batterieoffizier, einem Schiff, dessen Brücke er 10 Jahre später  wieder als Erster Offizier im Range eines Korvettenkapitäns betreten soll. Stationen danach: Mai 1876 – September 1876 und Mai 1877 – Oktober 1877 Batterieoffizier auf Panzerfregatte SMS Friedrich Carl

Kapitänleutnant Max Plüddemann ging im Oktober 1877 von Kiel aus für zwei Jahre als Navigationsoffizier mit SMS Leipzig auf Weltreise. Im März 1878 passierte man die Südspitze Südamerika, die schwierige Magellanstraße, vor Valparaiso kam es zum geplanten Zusammentreffen mit SMS Ariadne und SMS Elisabeth, gemeinsam wurde zur Durchsetzung der deutschen Interessen in Nikaragua interveniert. Weitere Zielgebiete: Hawaii, Japan, China – überall wurde „Flagge gezeigt“. Die Abreise nach Europa erfolgte im Mai 1879 über Singapore und Mauritius, Ankunft in Kiel September 1879. Die Korvette, ab 1884 Kreuzerfregatte, war an zahlreichen Unternehmungen der deutschen Kolonialpolitik beteiligt sowie ein Instrument deutscher Kanonenbootpolitik. Von 1888 bis 1892 war sie das Flaggschiff des Kreuzergeschwaders in Übersee. Max Plüddemann erweiterte seine Kenntnisse und konnte seine neugewonnenen Erfahrungen vom Oktober 1879 bis September 1881 auf der Kaiserlichen Werft Wilhelmshaven als Assistent des Oberwerftdirektors erfolgreich einsetzen – das war der Ritterschlag, die Voraussetzung für die künftige Admiralskarriere. Ende 1883, nach Kommandos in der Navigation, in der Artillerie und in der Mannschaftsführung auf Kanonenbooten und Kreuzern, nach intensivem Kennenlernen der strategischen Aufgaben in den Werften an Ost- und Nordsee und in der Admiralität war Max Plüddemann bereit für die Übernahme von größeren Aufgaben in Übersee.

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Im November  1883  übernahm Korvettenkapitän Plüddemann  das Kommando auf SMS Albatros. Es wurde sein bis  November 1885 andauerndes erstes selbständiges Kommando. Ziel: die Südsee, im Frühjahr 1884 war sie erreicht. In jenen ersten Jahren der kolonialen Erwerbungen lag die militärische und politische Verantwortung für die völkerrechtliche Gewinnung und Absicherung der seit Jahrzehnten in den Händen wirtschaftlicher Unternehmen liegenden Territorien bei der Marine, und damit bei den Kommandanten der Kriegsschiffe. Die unterschiedlichen Bedingungen und die weiten Entfernungen, auch die unterschiedlichen Interessen der Rivalen forderten die Eigenverantwortung der Kommandanten. Starke Persönlichkeiten waren gefragt. Die erste Station im äußersten Südosten des deutschen Interessengebietes, die Hauptstadt Samoas, Apia, wurde am 30. Mai 1884 genommen. SMS Albatros „zeigte Flagge“ gegenüber den Rivalen und der einheimischen Bevölkerung. Damit begann die deutsche Verwicklung in den Konflikt mit den USA und Großbritannien um die Inselgruppe, im November 1884 wurde SMS Albatros in Apia permanent stationiert – Plüddemann unterstützte die deutsche Kolonialverwaltung, er war kurzzeitig „Dienstältester Seeoffizier auf der Südseestation“. Als sich die einheimischen Regenten nicht unterwarfen, setzte der Kommandant Gewalt ein. Militärische Auseinandersetzungen erreichten im Sommer 1887 ihren Höhepunkt, der König  wurde gefangen und verbannt – SMS Albatros brachte ihn nach Kamerun in die Verbannung. Dennoch blieb Samoa ein Unruheherd. Weitere Einsätze der SMS Albatros: September Oktober 1885: Abschluß von Verträgen mit den Häuptlingen der Karolinen-Inseln, Verteilen von Geschenken, Flaggenhissungen und Aufstellen von Hoheitszeichen als Hinweis auf die völkerrechtliche Besitzergreifung. Bemerkenswert die Aktion auf der Insel Ponape (Palau-Inselgruppe) am 13.Oktober, die Pensionär Max Plüddemann in einem Artikel in der Berliner „Die Woche“ (Nr. 16/1899) ausführlich beschreibt.

Am 21. November 1885 trat Fregattenkapitän Plüddemann die Heimreise aus der Südsee an, wurde ohne Pause durch die Admiralität und das Reichsmarineamt in strategisch bedeutende Positionen versetzt und zum Kapitän zur See befördert. In den folgenden Jahren kommandierte er nacheinander drei neu in Dienst gestellte Panzerschiffen (SMS Oldenburg,  SMS Baden, SMS Bayern), auf denen er seine in den Kampfeinsätzen gesammelten Erfahrungen als Mitglied der Schiffsprüfungskommission des Reichsmarineamtes für den Prozess des Ausbaus, der Erweiterung, der technischen Vervollkommnung  und der Erhöhung der taktischen Kampfqualität der kaiserlichen Kriegsflotte einsetzen konnte. Max Plüddemann war ein exzellenter Techniker, den Schiffbau hatte er schon als Kind auf der Werft studiert. Für sein Verständnis der  ingenieur-technischen Fragen des modernen Schiffbaus, für seine Materialkenntnis, für sein kreatives Herangehen an die Probleme der Konstrukteure auf den Werften sprechen einige der Aufsätze in den Jahren ab 1898, die er in Fachmedien veröffentlichte besonders bemerkenswert der Artikel „Kriegsschiffe“ im ersten Jahrgang (1901) des von ihm herausgegebenen Flottenkalenders. Das Panzerschiff SMS Oldenburg, das er vom 27. September bis zum 23. Dezember 1886 kommandierte,  war das erste in Deutschland vollständig aus Stahl gebaute Schiff, ein von vornherein ohne Segeltakelage konstruiertes Panzerschiff der kaiserlichen Marine. SMS Oldenburg wurde in den Bestand des neu geschaffenen „Manövergeschwaders“ übernommen. Hauptaufgaben der Manöver und der direkten Vorbereitung von Kampfeinsätzen waren Landungsübungen, Blockadeübungen, Tests neuester Technik wie z.B. elektrische Ausrüstungen, Übungsmärsche zwischen Ost- und Nordsee sowie Stabsübungen des Zusammenwirkens mit der Torpedoflottille. Unter Kaiser Wilhelm II. war er vom Dezember 1890 bis September 1896 Präses der Schiffsprüfungskommission, danach bis Juni 1897 Vorstand der Nautischen Abteilung im Reichsmarineamt.

Die Einsätze an der Küste Ostafrikas ab 1888, an denen Max Plüddemann als Kommandant von SMS Leipzig teilnahm, waren die größte und längste militärische und politische Aktion der Reichsmarine vor dem I. Weltkrieg. Einer der Brennpunkte des Aufstandes war die nördlich von Dar es Salaam liegende Region um Bagamoyo. Der Widerstand der afrikanischen und arabischen Bevölkerung der Region entzündete sich an dem aggressiven Bestreben und brutalem Vorgehen deutscher Siedler, die angestammte Bevölkerung aus dem Küstenstreifen zu vertreiben, um sich ungehinderten Zugang von den Häfen zu den Plantagen im Inneren des Landes zu verschaffen. Die afrikanischen Händler, Bauern, Handwerker griffen zu den Waffen, leisteten hartnäckigen Widerstand. Die Siedler beriefen sich auf einen kaiserlichen „Schutzbrief“, forderten die Kriegsmarine und die neugeschaffene „Schutztruppe“ unter Führung des „Reichskommissars“ Wissmann zum Eingreifen auf.  Wer sich widersetzte, wurde nach seiner Gefangennahme vor ein Kriegsgericht gestellt und exekutiert. Auf Schonung hoffen konnte derjenige, der für die Kolonialherren eventuell noch von Nutzen war. Den Häuptling Bushiri ließ Wissmann hängen, weil er von den Deutschen nicht „irgendwie auszunutzen“ war. Derartige Exekutionen fielen in den Verantwortungsbereich Max Plüddemanns als Kommandant der SMS Leipzig und Admiral Deinhards als Geschwaderchef, auch wenn die Marineoffiziere selbst nicht die Urteile sprachen und auch nicht an den Scheinprozessen teilnahmen. Hauptmann Wissmann war auf die Marine angewiesen, auf SMS Leipzig, die Marine wiederum auf die Truppen Wissmanns. SMS Leipzig hatte sich bei der Niederschlagung des Aufstandes hervorgetan durch Artilleriebeschuss und Überfälle der Marineinfanterie: ein Augenzeuge, der Kommandant von SMS Schwalbe, Korvettenkapitän Hirschberg, formulierte 1888 lapidar : „Am 22. September landet S.M.S. „Leipig“ in Bagamoyo und stürmt es. Der Feind 115 Todte,“Leipzig“ keine.“

Im Jahre 1897 wurde Max Plüddemann  „zur Disposition gestellt“- noch dem Reich verpflichtet, wenn auch nicht mehr aktiv. Er verstand sich weiterhin als Angehöriger der Marine, blieb seinem Kaiser als Autor, Historiker und auch Herausgeber des jährlichen Flottenkalenders treu. Im Jahrgang 1901 schrieb er einen Leitartikel: „Kaiser Wilhelm II. und die Deutsche Flotte“. Der Aufsatz schließt pathetisch: „die Zeiten und Verhältnisse ändern sich, wir müssen ihnen auch fernerhin Rechnung tragen und aufpassen, daß wir nicht bei dem allgemeinen Ansturm sämtlicher Seestaaten zur Erringung von Seegewalt und Geltung im Weltverkehr ins Hintertreffen geraten. Doch das Vaterland kann ruhig sein: Der Kaiser steht selbst auf der Wacht.“ Zeitgemäß und patriotisch ist sein zweiter Aufsatz in dieser Ausgabe zur Niederschlagung des sogenannten Boxer-Aufstandes in China. Beeindruckend ist das schriftstellerische Erbe Max Plüddemanns auch als Übersetzer aus dem Englischen: Originalwerke britischer Admirale, wissenschaftliche Berichte über neueste archäologische Entdeckungen in Ägypten wie auch Intimes aus dem Leben von Königin Victoria. Von seiner internationalen Anerkennung als Militärhistoriker zeugt auch die Herausgabe seiner Analyse des Krieges der USA gegen Spanien 1898 in Washington, D.C.

Max Plüddemann starb am 23. Januar 1910 in seiner Villa in Kleinmachnow und wurde am 26. Januar auf dem Offiziersfriedhof an der Linienstraße beigesetzt. Sein Grabmonument ziert ein Relief seines Lieblingsschiffes, der SMS „Albatros“.

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Berliner Spaziergänge – das Scheunenviertel (Teil I)

 

Vorbemerkung: Vor etwa 25 Jahren entstand ein damals dringend gebrauchter „Stadtteilführer Scheunenviertel Berlin“, passend in die Sakko-Innentasche, locker geschrieben, aber gründlich recherchiert. Der Verlag Neues Leben ist lange verschwunden, damit gewünschte Nachauflagen unmöglich. Also dieser Weg, heute einen Vergleich mit der Lage vor einer Generation anzustellen. Vielleicht sollten wir gemeinsam die Spaziergänge von damals wiederholen.

Hier schon ein visueller Vorgeschmack, was uns erwartet – ein Blick in die Gipsstraße damals und heute:

1992:

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2018:

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,,Scheunenviertel“ – ,,Scheunenfeld” – ,,Spandauer Vorstadt“. Hier befindet sich die historische Mitte Berlins, unmittelbar hinter den ehemaligen Befestigungen des Holländers Johann Gregor Memhard. Der Platz ist geschichtsträchtig, obwohl von hier kaum große historische Entscheidungen ausgingen.

Das Scheunenviertel entstand in der Vorstadt, auf der Glacis, dem äußeren Vorgelände der Festungsanlagen der Stadt Berlin. Es war jenes Vorgelände, das in Richtung Nordwesten, also in Richtung Spandau gelegen war, daher der noch heute gültige Begriff der Stadtplaner: Spandauer Vorstadt. Spandau selbst liegt allerdings etwa zwanzig Kilometer westlich.

Die Doppelstadt Berlin-Cölln war im 17. und 18. Jahrhundert eine befestigte Stadt. Es war daher natürlich, dass sich Bauwesen, Straßenanlage und Stadtentwicklung an den räumlichen Gegebenheiten, d.h. an den Befestigungsanlagen orientieren mussten. In der Spandauer Vorstadt regierte das Militär – Straßennamen zeugen u.a. davon wie Grenadier-, Artillerie-, Füsilier- und Dragonerstraße, Hackescher Markt.  Der Verlauf mancher Straßen wie der der Neuen Schönhauser musste sich den Festungsmauern anpassen und schließlich hatte die Stadt ein ziemlich grobes Terrain der Vorstadt an das Militär zur Anlage von zwei Garnisonfriedhöfen abzutreten.

In diesem Gebiet aber beginnt auch ab 1671 eine neue historische Phase der jüdischen Besiedlung. Fast genau ein Jahrhundert zuvor (1573) waren die Juden per Dekret des Kurfürsten Joachim und mittels Feuer und Schwert seiner Söldner aus der Mark Brandenburg vertrieben worden. Nun ruft sie Kurfürst Friedrich Wilhelm I. nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder ins Land, um aus ihren Kenntnissen und praktischen Erfahrungen sowie aus ihren europäischen finanziellen Verbindungen Nutzen zu ziehen. Der erste Friedhof der neugegründeten jüdischen Gemeinde wird an der Großen Hamburger Straße angelegt – außerhalb der Stadtmauern. Und es ist einer der historischen Zufälle, dass fast gleichzeitig der Stadtkommandant einen Erlass verfügt, nach dem brennbare landwirtschaftliche Produkte wie Heu, Stroh, Getreide nicht mehr innerhalb der Stadtmauern zu lagern seien. Infolge dieses Befehls steckte die Polizei im Vorgelände der Festung, außerhalb der ,,Contreescarpe“ Bauplätze für siebenundzwanzig Scheunen ab und wies die Anlage der dazu gehörenden Verbindungswege an, der Scheunengassen. So entstand in den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts das sogenannte Scheunenfeld, das Ausgangsgebiet des späteren Scheunenviertels. Die Scheunen standen dort, wo sich heute das Gebäude der Volksbühne erhebt, auf dem Rosa-Luxemburg-Platz.

Scheunenviertel – das war in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts ein Teil der Berliner ,,Szene“. Das war ,,verruchte Boheme“, Straßenhandel, Kabarett und Prostitu tion und auch Kriminalität. Das war auch die Wirkungsstätte Doblins, Zilles, Hauptmanns, Fontanes, das waren die Volksbühne und die freien Theatergruppen.

Scheunenviertel – das ist eine unendliche Geschichte von Stadtsanierung und Grundstücksspekulation, von Verfall, Zerstörung und Aufbauwillen der Bewohner. In diese Geschichte gehört aber auch das Wirken solcher Architekten und Stadtplaner wie Hans Poelzig, Oskar Kaufmann, Ludwig Hoffmann und ihres Vorgängers Georg Christian Unger.

Das Scheunenviertel war schließlich auch Arena politischer und zuweilen militärischer Auseinandersetzungen. Spartakisten, Kommunisten, rechte und linke Sozialdemokraten, Anarchisten, die Polizisten des Kaisers und der Weimarer Republik und endlich die SA-Trupps Hitlers – sie alle hatten ihre Quartiere, Kneipen, Hinterzimmer oder auch Verstecke im Scheunenviertel. Das besondere soziale Klima des Viertels bot einen günstigen Nährboden für Gewalt und Terror.

lst die Beschreibung von ,,Taten der Toleranz“, vom überwiegend friedlichen Zusammenleben der Bewohner nur eine Legende? Wohl kaum. Es gab sie von Anfang an im Scheunenviertel, diese aus der Notwendigkeit des Zusammenlebens auf kleinstem Raum geborene Haltung der Akzeptanz des Andersseins des Mitmenschen, der anderen Religion, der fremden Kleidung und Haartracht und auch eines anderen Geschäftsgebarens. Juden und Christen, Protestanten und Katholiken, Lutheraner und Reformierte mussten miteinander auskommen. Der Große Kurfürst und seine Nachfolger hatten zur ,,Hebung des Wohlstandes Brandenburgs“ die Andersdenkenden ins Land geholt. Brandenburger hatten sich mit Pommern, Preußen, Böhmen, Hessen und Holländern zu arrangieren. Deutsche, Franzosen, Italiener, Polen arbeiteten auf den Baustellen Berlins, dienten in den Regimentern der Kurfürsten Brandenburgs und der preußischen Könige.

Wo ist das Scheunenviertel heute? Wer sich auf die Suche macht, zu Fuß, auf dem Fahrrad oder gar hinter den Autoscheiben, muss auf Überraschungen gefasst sein. Die erste herbe Enttäuschung: Es gibt keine Scheunen im Scheunenviertel. Es gibt auch keine Bauernhöfe, keine Felder, nur sehr wenig Rasen, einige Bäume und ganz selten gemütliche und saubere Höfe. Die letzten Scheunen verschwanden vor über 100 Jahren, als auf dem Gelände des heutigen Rosa-Luxemburg-Platzes Baufreiheit für das Gebäude der Volksbühne und die umliegenden Blöcke geschaffen wurde. Da war aber aus dem ,,Scheunenfeld“ schon lange das ,,Scheunenvierte|” geworden, eine Mixtur aus Slum, Straßenmärkten, Boheme und Kasernen.

Die zweite Enttäuschung für den Suchenden im Scheunenviertel: Man findet keine eindeutigen und ablaufbaren Grenzlinien des Scheunenviertels. Es ist müßig, sich über die exakte Topografie des Scheunenviertels der letzten hundert Jahre zu streiten. Seinen historischen Kern bildet das Gebiet um den Rosa-Luxemburg-Platz zwischen Prenzlauer Tor, Tor-, Rosenthaler, Weinmeister-,Münzstraße und Alexanderplatz. Es hat sich aber eingebürgert, den Namen Scheunenviertel auch auf das kulturelle, gewerbliche und soziale Ausstrahlungsgebiet dieses historischen Kerns auszudehnen – in westlicher Richtung entlang der August-, Linien- und Sophienstrafie sowie der Oranienburger Stral3e zwischen Hackeschem Markt und ehemaligem Schloß Monbijou bis hin zum Oranienburger Tor.

In dieser Gewohnheit der Verwischung von Grenzen steckt nichts Verwerfliches, führte doch diese ,,Spandauer Vorstadt“ schon seit dem 17. Jahrhundert ein Eigenleben, dessen Charakter auch in einem sehr weit gefassten Verständnis vom ,,Scheunenviertel“ zum Ausdruck kommt. Wenn Döblin oder Zille vom Scheunenviertel sprechen, sind Münz-, Ackerstraße und Rosenthaler Platz und auch die inzwischen verschwundene Amalienstraße eingeschlossen.

In den ,,goldenen Zwanzigern“ ist die ,,Mulackritze“ ebenso Scheunenviertel wie die Kinos in der Neuen Schönhauser oder in den Hackeschen Höfen.

Die Verwischung der Grenzlinien in der Spandauer Vorstadt hatte auch etwas mit der gewerblichen Entwicklung dieses Gebietes zu tun. Die Ausdehnung des städtischen Siedlungsgebietes Berlins über die Spree hinweg in Richtung Norden und Westen schuf neue Bedürfnisse nach Transportmitteln wie Schiffe und Karren. Es wurde Baumaterial in bisher unbekannten Mengen gebraucht. Der Soldatenstand verlangte Uniformtuche und Leder; die Herrschaften des Hofes brauchten Samt und Seide. lm 17. und 18. Jahrhundert wurde insbesondere die Uferlage der Spandauer Vorstadt zu einer günstigen Bedingung für die Anlage von Schiffswerften, Maulbeerplantagen (für die Seidenraupenzucht), Textilmanufakturen, Ziegel-, Gips- und Kalkbrennereien, aber auch Herbergen und Bierbrauereien.

Die schon bestehenden Meiereien, Vorwerke und Holzverarbeitungsplätze erlebten einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die ständige neue Niederlassung von Arbeitern, Unternehmern mit Kapital und Erfahrungen sowie auch Finanz- und Verwaltungsfachleuten aus anderen deutschen Ländern und dem Ausland im sich ausdehnenden Scheunenviertel und der gesamten Spandauer Vorstadt trug zu neuen gewerblichen Verflechtungen bei. Die Spree und die künstlich angelegten Wasserlaufe trennten eigentlich weniger die Spandauer Vorstadt von Berlin-Cölln als heute angenommen. Vorwiegend über die Spandauer-, Hercules-und Weidendammbrücke floss der Verkehr ursprünglich zwischen dem alten Stadtkern und der Vorstadt. Später kamen die Eberts-, Monbijou- und Rochbrücke hinzu.

Schließlich sind auch die Bedürfnisse des sich ausdehnenden Schlosses Monbijou, die Entstehung von Verlagen und Druckereien, die Anlage der königlichen Münze, das Entstehen von Theatern und Varietés und überhaupt die Herausbildung eines Netzes gewerblicher Dienstleistungen in der Spandauer Vorstadt bis ins 19./20. Jahrhundert wesentliche Faktoren für das Ineinanderfließen von Lebensräumen, religiösen und kirchlichen Einflüssen und kulturellen Traditionen.

Heute (1992) liegen Handwerk und Gewerbe wie auch die anderen Lebensbereiche im Scheunenviertel ziemlich am Boden. Dieses Gebiet leidet unter den Folgen einer Vernachlässigung, die sich über mehrere Generationen hinzog. Während Bau- und Verkehrswesen, die kulturelle und soziale lnfrastruktur in der unmittelbaren Nachbarschaft -zwischen Alexanderplatz und der Friedrichsstadt, entlang der Karl-Marx-Allee und im Nikolaiviertel – in den 70er und 80er Jahren einen unter DDR-bedingungen überdurchschnittlichen Aufschwung erlebten, wurde dem Scheunenviertel wie schon in den Jahrzehnten zuvor ein Dornröschenschlaf verordnet. Angesichts dieser aussichtslosen Lage trocknete das Gebiet aus, nur die wenigsten Bewohner und Gewerbetreibenden widerstanden dem Sog des Umzugs nach Marzahn, Hohenschönhausen oder Hellersdorf. 1989/90 waren es diese Wenigen, die unter den neuen politischen Bedingungen nach einem Ausweg für das Scheunenviertel von morgen suchten, die zusammen mit Denkmalpflegern, Stadtplanern und Soziologen Alternativen für die soziale und gewerbliche Renaissance des Scheunenviertels entwickelten. Vielleicht sind schon erste Resultate dieser Bemühungen in den nächsten Jahren bei Wanderungen durch das Scheunenviertel zu erkennen.

Zwischen diesen Stationen und den Zielpunkten wie Alexanderplatz oder Oranienburger Tor liegen traditionsreiche Kulturstatten (,,Babylon“, ,,Volksbühne“), alte Friedhofe, Bauwerke großer Architekten, Kirchen und Gedenkstatten, ruhige Hinterhöfe sowie neue Cafes und Galerien. ln den ruhigen Seitenstraßen kann man sich mit einiger Phantasie das verschwundene Leben und Treiben der Handler und Handwerker, der Passanten und der Kunden der jüdischen Buchhandlungen oder koscheren Geschäfte zurückrufen. Parks und Friedhöfe lassen den aufnahmebereiten Wanderer die historischen Gestalten des Freiherrn de la Motte Fouqué, der Gräfin Katharina von Wartenberg, des Stadtkommandanten von Hacke, vielleicht auch des Zeichners Heinrich Zille, des Verlegers Friedrich Nicolai oder der Dichterin Anna Louisa Karschin lebendig werden.

Die Spaziergänge versprechen also Spannung, neue Erkenntnisse und vielleicht auch Erstaunenswertes. Zum vorläufigen Abschluss noch ein visueller Vergleich – ein Blick in die Große Hamburger Straße – 1992 und 2018

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Dieter Weigert, im Oktober 2018