Den 12. Oktober ging Luise durchs Gebirg‘

LuisevorJena_red

Literaturkennerinnen und -kenner werden mir verzeihen, Verehrerinnen und Verehrer von Georg Büchner mögen den Seufzer unterdrücken -die Sache will’s. Es ist Oktober, die Preußen-Fans legen auf der B 96 im Städtchen Gransee einen Schlenker ein, verweilen wie ich einige Minuten vor Schinkels gusseisernem Ruhedach für die tote preußische Königin, damals im Sommer 1810. Die „Königin der Herzen“ kehrte nach Berlin zurück, diesmal aber im Sarg. Historiker und Biographen erinnern sich: Knapp vier Jahre zuvor war sie ebenfalls unterwegs, in einer Kutsche, im Herbst im Thüringer „Gebirg’“.

luise-1

Doch zu den Details des Herbstes 1806: Wie der geschätzte Historiker Adolf Streckfuß in seinem Standardwerk „Fünfhundert Jahre Berliner Geschichte. Vom Fischerdorf zur Weltstadt. Geschichte und Sage“ (1900) sehr zeitnah und anschaulich beschreibt, traf man sich am 21. September unter den Bögen des Brandenburger Tors, um auszureiten – nach Thüringen! Preußens ruhmreiche Armee, geschmückt mit den Trophäen des großen Friedrich, sollte endlich das vollbringen, was Russen, Österreicher und anderen europäischen Armeen nicht gelungen war, den Korsen zu bezwingen. Königin Luise und der mehr durch seine Amouren und Alkoholabenteuer als durch militärische Erfahrungen bekannte Hohenzollernspross Luis Ferdinand heizten die Stimmung an, die Menge jubelte, die Armee wollte sich in Marsch setzen, da wurde man durch schlimme Omen gebremst! Hören wir Streckfuß, der hat es von Augenzeugen: „Am Tage der Abreise war vom Giebel des Zeughauses … die Bildsäule der Bellona bei windstillem Wetter auf das Straßenpflaster herabgefallen und hatte den rechten Arm gebrochen; am selben Tage war der alte 81jährige Feldmarschall von Möllendorf, als ihn seine Reitknechte vor dem Brandenburger Thor mit Mühe von der linken Seite auf das Pferd gehoben hatten, auf der rechten Seite wieder heruntergefallen. Das waren böse Vorzeichen!“

Unbeirrt schleppte sich nun die Karawane in Richtung Weimar, Erfurt, Jena. Luise ist nahe an der Truppe, die „embedded“ Künstler sind gierig auf Schnappschüsse – Luise in der Kutsche, den Jungs Mut machen! Luis Ferdinand hat man die Vorhut anvertraut, immerhin hat der Prinz den Rang eines Generals, die Schlachten haben noch nicht begonnen, da ist er schon auf hohem Ross erschossen.

luise-krieg

Man kennt den Ausgang, der König hat eine Bataille verloren – Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, lässt man in Berlin und Potsdam verlautbaren. Luise und ihr Friedrich Wilhelm suchen das Heil in wilder Flucht, überlassen die geschlagenen Regimenter ihrem Schicksal. Tief im Osten, an der Memel finden die Majestäten endlich Ruhe. Die Truppen sind ohne Führung, die Festungen am Wege, z. B. Magdeburg – wohlproviantiert und aufmunitioniert – halten ihre Tore verschlossen, um sie beim Eintreffen der Franzosen intakt zu übergeben – nur ein Beispiel der chaotischen Situation im Oktober 1806.

Luise war durchs Gebirg‘ gegangen – Zehntausende tote und verstümmelte Soldaten, Zivilisten, Frauen, Kinder und Greise säumten noch Tage später die Wege, was Luises Bewunderer nicht hindert, sie heute noch Königin der Herzen zu nennen. Wer es nicht glaubt, lese die unerträglichen Zeilen an Schinkels Denkmal in Gransee. Übrigens – auch Theodor Fontane gehörte zu Luises Bewunderern.

Dieter Weigert aus Thüringen, Oktober 2018

 

 

Ein Wehrdienstverweigerer vor 218 Jahren 

sydow-3

Vor den Toren Berlins wurde dem Charlottenburger Bürgermeister Otto Ferdinand Sydow und dessen Ehefrau Karoline Sophie Henriette geb. Müncheberg am 23. November 1800 ein Sohn geboren und in der Berliner Nikolaikirche  getauft. Als Geburtsort ist nicht Charlottenburg, sondern Berlin angegeben, weil die Mutter – obwohl sehr königstreu und voller Verehrung für Königin Luise – ihre fünf Knaben in Berlin bei ihren Eltern zur Welt brachte, um sie wegen der „Kantonfreiheit“ der Residenz Berlin dem preußischen Militärdienst zu entziehen. Schon als Kind kam Sydow in enge Berührung zum preußischen Offizierskorps, wurden doch seine Schwestern gemeinsam mit der Tochter des preußischen Stadtkommandanten, General von L ‚Estocq, erzogen. Durch Privatlehrer gut vorbereitet, konnte der Knabe Adolph ab 1812 das bekannte „Gymnasium zum Grauen Kloster“ in Berlin besuchen. Ein Stipendium versetzte ihn in die Lage, an der Berliner Universität bei Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher Theologie zu studieren. Wegen der Teilnahme an burschenschaftlichen Aktivitäten wurde er 1819 verhört, durfte aber das Studium fortsetzen.  Schon während des dritten Studienjahres war der  Chef des Berliner Kadettenkorps, General von Brause,  auf Sydow aufmerksam geworden und hatte ihm auf  Empfehlung der Lehrer vom Gymnasium zum Grauen  Kloster das Angebot einer Repetentenstelle, eine Art  Hilfsprediger, an der Kadettenanstalt gemacht. General von Brause gehörte zum engeren Kreis der Offiziere um Scharnhorst und Boyen, die sich nach 1806 energisch um die Reformierung der preußischen Armee, um die Qualifizierung des Offizierskorps bemühten. Es ist daher nicht zufällig, dass er den durch beste Studienleistungen aufgefallenen Sydow für die Tätigkeit im reformierten Kadettenkorps ausgewählt hatte.  Mit 21 Jahren trat Sydow damit in den Staatsdienst, studierte nachts und legte seine Abschlussprüfungen an der Universität erst im Jahre 1827 ab – mit vorzüglichem Erfolg, was ihm die zweite theologische Prüfung ersparte. Diese Zeit an der Kadettenanstalt brachte ihn in engen Kontakt zu jungen Offizieren, die später bekannte Generale der preußischen Armee wurden – von Roon und von Scheliha.

Die ausgezeichneten Prüfungsergebnisse und die Protektion durch General von Brause bewogen das Konsistorium, dem jungen Sydow schon 1828 eine reguläre Predigerstelle an der Kadettenanstalt zu übertragen. Bis 1837 hat er diese Stelle ausgefüllt, geschätzt von den Kollegen, beliebt bei den Militärschülern und stets im Blickfeld des Königs. König Friedrich Wilhelm III. hatte 1836 beim Besuch einer seiner Predigten in der Berliner Garnisonkirche den Entschluss gefasst, ihn an die Garnisonkirche von Potsdam zu versetzen – eine Rangerhöhung im militärischen Sinn und eine Auszeichnung auch unter kirchenpolitischen Gesichtspunkten. Seine Probepredigt hielt er am 6. November 1836 in der Berliner Garnisonkirche. Sie fiel positiv aus, und der anwesende Prinz Wilhelm schrieb die positive Beurteilung als Kommandeur der Gardedivision an das Königliche Konsistorium. Er bezeichnete die Anstellung Sydows als „einen wahren Gewinn für die Militärgemeinde“.  Sydow war der Abschied von Berlin nicht leicht gefallen, musste er doch einen Freundeskreis und eine in den Jahren gewachsene Personalgemeinde zurücklassen.  In Potsdam gelang es Sydow relativ schnell, enge Kontakte zu führenden zivilen und militärischen Persönlichkeiten aufzubauen, aber auch seelsorgerische Aufgaben in den unteren Schichten der Gesellschaft zu erfüllen. 1840/41 erreicht er durch eine öffentliche Vortragsreihe zu theologischen und kulturellen Themen einen breiten Kreis von literarisch und philosophisch Interessierten.

Dem Regierungsantritt König Friedrich Wilhelms IV. sah Sydow wie viele seiner Zeitgenossen hoffnungsvoll entgegen, die ersten Kontakte und Diskussionen mit dem König bestätigten seine Erwartungen. Sydow erhielt in diesen Jahren den Auftrag, die anglikanischen Kirchenverhältnisse in England zu studieren, um den König in der Frage zu beraten, inwieweit Möglichkeiten der Übertragung dieser Verhältnisse auf Preußen bestünden. Der ablehnende Bericht Sydows 1844 nach  eineinhalb Jahren Vor-Ort-Untersuchung enttäuschte  den König ebenso wie Sydows kritisches Auftreten in  der Provinzialsynode von 1846, das wesentlich dazu  beitrug, Friedrich Wilhelms IV Projekt einer konservativen Kirchenreform in Preußen zu Fall zu bringen.  1846 wird Sydow Pfarrer an der Neuen Kirche in Berlin, dabei in die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen des Vormärz hineingerissen – und entwickelt sich zu einem ihrer führenden Akteure.  Doch gehen wir zurück in das Frühjahr 1840, Friedrich Wilhelm, der preußische Kronprinz, verfasste ein Konzept für die Erneuerung der Kirche – eine apostolische Kirche sollte es sein, vom patriarchalischen Verständnis über Staat und Gesellschaft ausgehend, ohne Rationalismus und Pantheismus. Gott sei nicht rational erklärbar, Gott sei nicht nach menschlichen Vorstellungen messbar.  Es ging dem späteren König Friedrich Wilhelm IV.  um die Wiederherstellung der reinen Verfassung der primitiven Kirche, angepasst an die Zustände des christlichen Staates des 19. Jahrhunderts. So wie die Apostel neue Kirchen gestiftet hatten, sollte nun in Preußen eine neue apostolische Kirche gestiftet werden. An der  Spitze des kirchlichen Systems sollte ein König von  Gottes Gnaden stehen, ihm untergeben ein Erzbischof  nach dem Vorbild der anglikanischen Kirche in England  – eine katholische Struktur mit evangelischen Lehren.  Der König ist 45 Jahre, das Konzept ist das eines poetischen Charakters, illusionär, romantisch – aber es schließt Toleranz gegenüber anderen Strömungen ein – aber außerhalb der Kirche. Die Kirche soll rein bleiben.  1845/46 trägt der nunmehrige König seine Vorstellungen einer Kirchenreform in zwei Aufsätzen noch-mals vor – mit Änderungen in der Struktur der Kirchenleitung. Eine letzte Niederschrift stammt von der Jahreswende 1847/48, schon pessimistisch gehalten, das Scheitern dieser Ideen war offensichtlich.  Der Ablauf der auf Weisung des Königs seit 1840 einberufenen Synoden zeigte, dass sich die evangelischen Pfarrer Preußens mit den Ideen Friedrich Wilhelms IV nicht anfreunden konnten und wollten. Die liberalen, weltoffenen Pfarrer hatten besonders in der Provinz Brandenburg die Mehrheit. Auf der Brandenburgischen Provinzialsynode vom 8. November 1844 wurde eine vom Staat unabhängige Kirchenverfassung gefordert. Der Bericht der Verfassungskommission verwarf explizit alle Ideen einer Ordination oder Weihe der Pfarrer im Sinne einer ununterbrochenen Abfolge seit den Aposteln, also genau der Lieblingsidee des Königs. Als führender Kopf der liberalen Mehrheit trat in Berlin der Pfarrer an der Nikolaikirche, Ludwig Jonas (1797-1859), Anhänger und später Herausgeber des Nachlasses Schleiermachers, hervor. Seit 1845 hatte er gemeinsam mit Sydow die „Zeitschrift für die unirte evangelische Kirche“ herausgegeben, das publizistische Zentrum der evangelischen Linken. Jonas war 1844 Mitbegründer des großen Berliner Handwerker- Vereins, wurde 1848 in die Verfassungsgebende Preußische Versammlung gewählt, gehörte ihr bis November 1848 an, war 1858/59 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses.  Auf der konservativen Seite heißen die Führer Otto  von Gerlach, Pfarrer mit großem sozialen Engagement,  ab 1833 im Berliner Vogtland (Elisabethkirche in der  Invalidenstraße) und Ernst Wilhelm Hengstenberg,  Theologie-Professor an der Berliner Universität, der ab  1827 die Evangelische Kirchenzeitung herausgab.  Scheitelpunkt der Auseinandersetzungen war die vom König einberufene Pfingstsynode der evangelischen Kirche Preußens, die so genannte Generalsynode von 1846. Sie setzte sich aus geistlichen und weltlichen Würdenträgern zusammen, Vorsitzender war Kultusminister Johann Albrecht Friedrich Eichhorn, Stellvertreter der von der Synode gewählte Bischof  Daniel Amadeus Neander.  Auch in dieser Versammlung dominierten die Liberalen der Schleiermacher-Richtung (59 von 75 Mitgliedern), der führende Kopf der Linken innerhalb der  Liberalen war Adolph Sydow. Obwohl die Synode in einem Gesamtkompromiss bezüglich der Kirchenverfassung endete, war sie doch eine Niederlage für den König und die Konservativen. Sie wurde am 29. August 1846 vertagt und nicht wieder einberufen.Die wichtigste Erkenntnis: Die Synode hatte gezeigt, dass die Kirche ebenso wie die gesamte Gesellschaft im Vormärz politisiert und polarisiert war.

In diese explosive Situation fliegen die Funken des März 1848.  Am Nachmittag, Abend und in der Nacht des 18.  März (Samstag) liegt die Garnisonkirche unmittelbar im Frontbereich. Sie wird zwar noch vom Militär verteidigt, ist aber ringsum von Demokraten belagert; Barrikaden stehen an der Herkulesbrücke, der Spandauer Brücke, in der nördlichen Burgstraße zwischen Herkulesbrücke und Neuer Friedrichstraße.  Weiterhin haben die Aufständischen Barrikaden am Hackeschen Markt, an den Zugängen zum Schloss Monbijou, innerhalb der Neuen Friedrichstraße an der Kreuzung Klosterstraße errichtet. Das Militär in Bataillonsstärke hat Posten gefasst in der Nähe der Marienkirche und in der Klosterstraße, an der Kreuzung Königstraße.  Garnisonpfarrer Ziehe ist einer der Verteidiger der Kirche, wie uns Georg Goens berichtet: „Und in der That, einen königstreueren Mann hat’s wohl gegeben.  Als die Flut revolutionärer Gedanken und Thaten im Jahre 1848 auch durch Berlin rauschten, da stand der alte Ziehe mit dem Volke in Waffen, wie eine Säule zu dem ,Königthum von Gottes Gnaden‘. In unmittelbarer Nähe der Garnisonkirche, an der Ecke der Spandauer Straße, hatten die Aufrührer eine Barrikade gebaut, und da Droschken und Fässer nicht mehr zur Stelle  waren, machte man sich daran, die Kirche zu erbrechen, um mit den Bänken die Lücken auszufüllen. Da  eilte der Pfarrer mit seinem Töchterchen hinab auf die  Straße und deckte mit seinem Leibe die Kirchenthür,  und das Bild des hünenhaften, greisen Geistlichen und  neben ihm das des tapferen jungen Mädchens machte  auf den Pöbel einen solchen Eindruck, daß sie die  Kirche beschämt verließen.“  Das Militär wird zurückgezogen, auf beiden Seiten wird die Bilanz aufgemacht und es werden die Toten bestattet – mit und ohne militärischen Ehren, aber mit religiöser Feier.

Die Aufbahrung der Toten erfolgt in Sydows Neuer Kirche. Nach einem feierlichen Marsch durch die Stadt erfolgt die Beisetzung der 183 Barrikadenkämpfer am 22. März 1848 im Friedrichshain, an der auf Befehl des  Königs die gesamte Berliner Geistlichkeit im Ornat teilzunehmen hatte!  Die Leichenpredigt an den Gräbern  hält Adolph Sydow für die Evangelischen. Der Eindruck der Rede ist so gewaltig, dass Sydow zur Kandidatur für die Wahlen zur Preußischen Verfassungsgebenden Versammlung gedrängt und im Mai 1848 für den 5.  Berliner Bezirk im ersten Wahlgang zum Mitglied gewählt wird. Adolph Sydow ist einer von den 50 Geistlichen, die eines der 395 Abgeordnetenmandate erringen?  In den parlamentarischen Sitzungen zeigte sich bald, dass Sydow kein Revolutionär war. In wichtigen Fragen stimmte der königstreue Prediger mit den Konservativen, so dass er auf dem Platz vor dem Parlament im  „Kastanienwäldchen“ am 9. Juni 1848 durch aufgebrachte Demonstranten aus Enttäuschung und Wut vor  der Tür der Tagungsstätte beschimpft, bedroht und tätlich angegriffen wurde.

Die konservative Haltung Sydows zeigte sich auch im Juni 1848 während des Zeughaussturms und im November 1848, als er und Jonas der Aufforderung des Königs folgen, nach Verkündung des Ausnahmezustandes nach Brandenburg zu ziehen, während die revolutionäre Minderheit des Parlaments dem König die  Stirn bietet und in Berlin bleibt. Das Kapitel Revolution ist abgeschlossen. Sydows parlamentarisches Mandat war erloschen, um ein neues hat er sich – trotz mehrfacher Aufforderung – nicht beworben.

Noch zweimal gerät er in politische Turbulenzen. Im Jahre 1859 begeht Berlin den 100. Geburtstag Friedrich Schillers. Der Magistrat beauftragt Sydow mit einer Gedenkrede zur Grundsteinlegung eines Denkmals auf dem Gendarmenmarkt. Die konservative Hofpartei und persönlich Wilhelm I., Prinzregent, später preußischer König und deutscher Kaiser, haben das Denkmal zu Ehren des Dichters der „Räuber“ nicht verhindern können, nun aber wollen sie wenigstens die Feierlichkeiten in ihrer Wirkung begrenzen. Wenn schon der populäre Sydow Redner sein soll, dann aber in „Zivil“, nicht im Talar eines Pfarrers der Landeskirche, an deren Spitze eben der Regent stand. Sydow  antwortet auf die Provokation mit den Worten: „Sagen Sie Sr. Königlichen Hoheit, der Talar sei meine Uniform, und er würde doch keinem Offizier eine Handlung zu vollziehen gestatten, zu der er genöthigt sei,  seines Königs Rock vorher auszuziehen.“°  Wie Menzels Zeichnung dokumentiert, hat Sydow  seine Rede im Talar gehalten. Wilhelm, der Prinzregent, zog es vor, in Abänderung des vereinbarten Programms, sich nicht öffentlich zu zeigen. Hinter den Gardinen eines Gebäudes mit Sicht auf den Gendarmenmarkt (Preußische Seehandlung) hat er die Zeremonie beobachtet.

Der zweite Anlass, der ihn nochmals in Widerspruch zum Hof bringt, ist ein öffentlicher Vortrag am 12.  Januar 1872 zum Thema „Die wunderbare Geburt Jesu“ in einer Veranstaltungsreihe des Berliner Unionsvereins. Sydow weist nach, dass die jüdische Vorstellung der Gottessohnschaft oder Messianität eine andere gewesen sei als die später aufgekommene christliche Lehre. Er lässt die Quellen des Neuen Testaments sprechen, die Jesus als den Sohn Josephs bezeichnen?  Der Vortrag erregte Aufsehen, die Zeitungen berichteten darüber – das Königliche Konsistorium der Provinz Brandenburg forderte Sydow zur Stellungnahme auf – es habe Proteste gegeben. Angesichts des öffentlichen Interesses der Debatte in den Berliner Zeitungen und der starken Unterstützung für Sydow in der Stadt bis zum Magistrat und zur Stadtverordnetenversammlung statuierte die Kirchenleitung auf Druck des Hofes ein Exempel: Sydow wurde des Amtes enthoben. Als der Druck der Öffentlichkeit zunahm, wandelte das Konsistorium die Strafe in einen scharfen Verweis um.  Schließlich ergeht es Adolph Sydow wie Johann Friedrich Walther und anderen historischen Gestalten – sie sind entweder vergessen oder nur den Experten mit einer Seite ihres Wirkens bekannt. Im Biographisch- Bibliographischen Kirchenlexikon von 19969 ist er zwar als Theologe mit einer Doppelspalte vertreten – aber ohne Bezug zu seinen politischen Aktivitäten 1848 – und natürlich auch ohne Bezug zu den besonderen Umständen von Geburt und Taufe.  Ebenfalls gibt es keinen Bezug im der Gedenktafel an Sydow Kirche am Gendarmenmarkt  zu seiner Person – leider!

Dieter Weigert, Berlin  Oktober 2018

 

 

 

Donald Trump und „unsere“ Medien

Aus gegebenem Anlass – Rick Sanchez‘ Debut bei RT – Freitag, d. 19. Oktober 2018

Ohne CGTN, Financial Times und RT wäre ich aufgeschmissen, würde ich keine Zeile von Gideon Rachman und William D. Cohan gelesen haben, stünde ich ebenso ratlos vor dem Phänomen Trumps Amerika wie die Mehrzahl der Deutschen und – jämmerlich täglich zu erleben – die Mehrzahl der deutschen Journalisten.

trump-2

Ohne RT hätte ich heute vormittag die aufregende Nachricht vom Beginn der Präsenz des US-Journalisten Rick Sanchez (1958 geboren auf Kuba) beim englischsprachigen Programm des russischen Sender Russia Today verpasst. In den USA ist er eine Medien-Institution, beim englischsprechenden und beim spanischsprechenden Publikum. Seine Medienlaufbahn begann er beim Radio in Miami, arbeitete viele Jahre bei CNN, wurde wegen inhaltlicher Differenzen gefeuert, hat gegenwärtig seine show bei FOX NEWS, die Adresse seiner website:  www.ricksancheztv.com.

Ohne die FINANCIAL TIMES, die ich aus unterschiedlichen Gründen nur gelegentlich lese, hätte ich einen sehr schrägen Blick auf Washington, D.C. und meine Lieblingsstadt New York.

Nun aber zu Donald Trump. Er ist der erste USA-Präsident seit Billy Carter, der seinen Bürgern – nicht nur seinen Wählern – ungeschminkt die Wahrheit sagt. Das vertragen nicht alle, das vertragen auch die meisten Europäer nicht und erst recht nicht meine Landsleute. So wie er vom Dach seiner Wolkenkratzer auf New York sieht, das Gewimmel der Provinzpolitiker belächelt, schmunzelt er angesichts der meisten ökonomischen und politischen Entscheidungen, die er als Präsident zu entscheiden hat. Er „sitzt sie nicht aus“, seine Wähler wollen sofortige Antworten auf ihre Fragen.

trump-3

Er handelt, er ist ein Macher. In seinen Adern fließt das Blut von Handwerkern, von Technikern, von Haus- und Brückenbauern. Die denken und fühlen anders als Juristen, Soldaten, Künstler. Deshalb suchte er für den Sessel neben ihm, den des Secretary of State, einen Mann von gleichem Kaliber, einen Öl-Ingenieur … das hält nicht ewig, die EGO-Gegensätze mussten zum Bruch führen. Da in Amerika alles auf dem offenen Markt ausgetragen wird, was man in Europa lieber in Hinterzimmern mauschelt, verstehen „unsere“ Medien Amerika nicht mehr und berauschen sich an den Anti-Trump-Demos an den Küsten, ignorieren geflissentlich die Pro-Trump-Haltung im Binnenland, die auf realen Wirtschaftsinteressen und auf schlimmen Erfahrungen mit der Politik der letzten Jahrzehnte beruht.. Die europäischen und deutschen Trump-Nichtversteher hoffen auf Himmelszeichen bei den Mid-term-Wahlen im November, sie werden enttäuscht Wählerschelte betreiben und auf 2010 hoffen.

trump

Vermutlich hat es keinen Sinn, ihnen die Bücher und Kolumnen in der Financial Times von Gideon Rachman und William D. Cohan zu empfehlen – sie werden nicht und wollen nicht lesen, sie werden und wollen nicht lernen. Ich jedenfalls freue mich auf nächsten Montag, ich muss mich nicht vor einem Herausgeber oder seinem Chefredakteur verbeugen und verbiegen.

Dieter Weigert, Berlin

Berlin-Neukölln: Bruno Bauer und Friedrich Engels

grab-bauer

In Berlin starb am 13. April ein Mann, der früher einmal als Philosoph und Theolog eine Rolle gespielt, seit Jahren aber, halb verschollen, nur von Zeit zu Zeit als „literarischer Sonderling“ die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gezogen hatte. Nein liebe Berliner Leser, Sie haben keine Nachricht im Fernsehen oder in den Zeitungen verpasst – die Nachricht ist uralt, nicht einmal von gestern, sondern aus dem Jahre 1882. Diese wörtlich übernommene Formulierung (Marx/Engels Werke, Band 19, Berlin 1962, Seite 297) stammt aus der Feder von Friedrich Engels, erschien in der Zeitschrift „Der Sozialdemokrat“ im Mai 1882 und bezieht sich auf Bruno Bauer. Engels hatte Bruno Bauer während seines Berliner Aufenthalts gut gekannt, wegen des konsequenten Eintretens für Demokratie und Pressefreiheit verloren Engels‘ Freund Karl Marx und Bruno Bauer gleichzeitig 1842 ihre Aussichten auf eine akademische Laufbahn im konservativen Preußen.

Obwohl Engels Bruno Bauers politische Ansichten (insbesondere zur Judenfrage) nicht teilte, achtete er ihn als Wissenschaftler, schätze er vor allem seine Untersuchungen zur Geschichte des Urchristentums. Bauer ist lange tot und vergessen, liegt auf einem der vielen Neuköllner Friedhöfe begraben, seine Schriften zur Religionsgeschichte sind aber heute noch mit Genuss lesbar.

Den Schlüsselsatz seiner Auseinandersetzung mit den Konservativen im Gefolge der epochemachenden Analyse von David Friedrich Strauß „Das Leben Jesu“  finden wir in der 1840 erschienenen „Kritik der evangelischen Geschichte des Johannes“, wonach niemand die Frage beantwortet hat, „wie die prophetische unmittelbare Anschauung vom Messias zu einem festen Reflexions-Begriff geworden sey, und dennoch würde man sich bei dem gewöhnlichen Vorurtheil, welches in der Geschichte überall bekannte und abgemachte Sachen sieht, nur wundern, wie man noch jene Frage aufwerfen könne. Andererseits ist die gewöhnliche und populäre Anschauung von der Persönlichkeit Jesu so sehr in starre Reflexionen eingehaust, daß sie sich in der wirklichen Geschichte nicht mehr wiederfinden kann und, wenn ihr das Licht derselben entgegentritt, nur unangenehm berührt wird“ (Vorrede, Seite VI).

Es ist die Konfrontation der Legenden und Mythen um die Gestalt des Jesus des Neuen Testaments mit der geschichtlichen Wirklichkeit, die der Hegelianer Bruno Bauer detailliert betreibt. Akribisch beschreibt er die Prozesse der Verschmelzung von Positionen der griechischen (vor allem der stoischen) Philosophie mit rationalistischen jüdischen Lehren, der Versöhnung östlicher und westlicher Anschauungen, aus der sich die wesentlichen ur-christlichen Vorstellungen herausschälen – die angeborene Sündhaftigkeit des Menschen, anstelle der Tieropfer die Darbringung des eigenen Herzens auf den Altar Gottes, die Abwendung vom Reichtum und den Privilegierten, damit die Hinwendung zu den Armen, Kranken, Sklaven. Mit seinen Untersuchungen erreichte Bauer auf dem Fundament der Hegelschen Religions- und Geschichtsphilosophie den entscheidenden Durchbruch zum wissenschaftlichen Nachweis, dass der Siegeszug des Christentums im römischen Weltreich vorrangig nicht das Werk von Betrügern gewesen war, wenn er auch Elemente des Betrugs und der Fälschung nicht entbehrte. Friedrich Engels konnte auf Bauers Arbeiten zum Evangelium des Johannes und zu den Synoptikern zurückgreifen, als er später selbst umfangreiche Studien zu den geistigen Quellen des Urchristentums veröffentlichte. Er wird wohl noch während seiner Berliner Jahre Bruno Bauer auf dessem kleinen Gut in Rixdorf (heute Ortsteil Neuköllns) besucht haben. Vermutlich können wir aber ausschließen, dass er das Ehrengrab Bauers auf dem Neuen St. Jacobi Friedhof kannte.

 

Mittwochabend zur „Berliner Sorbonne“ – die Militärische Gesellschaft in der Mohrenstraße

 

Vorbemerkung des Autors: Leider ist mir die Quelle jener Bezeichnung „Berliner Sorbonne“ verloren gegangen – mit großer Dankbarkeit nehme ich Hinweise und Kommentare entgegen, wo ich zu suchen habe. Dieter Weigert, Berlin

kolonaden-2

Die Mohrenstraße im Zentrum Berlin, durchschneidend den Gendarmenmarkt, war vor zweihundert Jahren eine der Flaniermeilen der guten Gesellschaft, in ihrem dem Schloss zugewandten Teil befand sich das renommierte Hotel „Zum Englischen Hof“ – eine gute Adresse zum Speisen, Geschäfteanbahnen, Feiern. In der ersten Etage traf man sich zu größeren Geselligkeiten in den Sälen, manche der offenen und geschlossenen Gesellschaften hielten dort ihre regelmäßigen Tagungen ab. Eine der heute vergessenen Vereinigungen war die von 1802 bis 1805 bestehende Militärische Gesellschaft zu Berlin, von Kennern liebevoll die Sorbonne von Berlin genannt. Die Kolonaden zu beiden Seiten der Straße, die damals die Brücke über einen Kanal begrenzten, lassen auf den Standort des Hotels schließen. Was hatte es mit jener „Sorbonne von Berlin“ auf sich? Gehen wir zurück in jenes Preußen der Jahre vor 1806, bevor die Truppen Napoleons die Armee und den Staat zerschlugen.

Das Bildungsdefizit der preußischen Offiziere um 1800 

Der große Scharnhorst hatte formuliert: „Der Geist einer Armee sitzt in ihren Offiziers“. Als er nach Preußen kam – was fand er vor? Der preußische Offizier des Jahres 1802 hatte neben all seinen Alltagsprobleme wie Geldmangel, Uniformzwang, Hektik der Dienstordnung und Überalterung der Vorgesetzten ein wesentliches Defizit — das der fehlenden umfassenden wissenschaftlichen Bildung.  Die meisten Offiziere kamen als 13- bis 15-jährige Adlige ohne ausreichendes Wissen in die Regimenter, manche als Absolventen von Kadettenanstalten, kirchlicher Garnisonschulen oder militärischer Waisenhäuser. Als Junker und Fähnriche lernten sie durch Trial and Error, Wissensaneignung war zufällig, das Selbststudium zum großen Teil verpönt, die Weiterbildungsveranstaltungen für Offiziere in den Inspektionsorten planlos, unkontrolliert — mehr dem Theater- und Bordellvergnügen dienend als der systematischen Qualifizierung.  Gewaltige Vorbehalte gegenüber gediegener Bildung bis in die höchsten Kreise:  nach dem Motto des Hofes Theoderichs von Ravenna — Tapferkeit, nicht Bildung ziere den Jüngling; wer einmal den Stock des Schulmeisters gefürchtet hatte, werde kein Krieger! Erfahrung vervollkommne den Mann!  Schon Friedrich der Große hatte dagegen gehalten: Wenn die Erfahrung allein hinreichend wäre, große Feldherren zu bilden, so müssten es die Maultiere des Prinzen Eugen geworden sein“. Die wenigen erhaltenen Lebenserinnerungen sprechen Bände.  Ein bedrückendes Beispiel sei zitiert: Julius von Voß aus Brandenburg/Havel, Jahrgang 1768, Sohn eines Hauptmanns, glücklicherweise durch den Vater und durch  Hauslehrer im Privatunterricht mit klassischem Bildungsgut, Sprachen, Musik  ausgerüstet, aber wie er selbst sagte – nicht erzogen! ,,Ich entwarf mir das roheste  Ideal eines Offiziers. Fluchen, Saufen, Spielen, Menschern nachjagen, immer nur Krieg wünschen, und dann wie der Teufel darauf los – dies waren die Züge.“ Voß wurde mit 14 Jahren Fahnenjunker im Infanterieregiment Nr. 12 von Wunsch in Prenzlau, wie die älteren Offiziere dem Spiel und den Frauen verfallen. Da geschieht ein Wunder — er wird mit einer rühmlichen Ausnahme bekannt – einem Sonderling: Carl Andreas von Boguslawski. Über ihn werde ich bei gegebener Zeit in einem Blog berichten. Diesem Offizier in Prenzlau, der Jahrzehnte später Gründungsdirektor der Berliner Militärakademien wird, gelingt es durch sein Vorbild den jungen Voß zu Bildung und Reife zu führen.

Zurück zu den Jahren um 1800. Hatte sich etwas geändert seit 1788? Ja!  Erstens — die Erlebnisse der Niederlagen der preußischen Armee in Frankreich und Polen zwischen 1792 und 1794. Zweitens – erste Versuche der Reform der militärischen Bildung und Weiterbildung, jedoch unvollkommen und abgebrochen. Das Defizit bleibt und ist eine der Hauptursachen für die Niederlagen von 1806.  Drittens — die politischen Vorbehalte bei Hofe und im Offizierskorps gegen notwendige Reformen waren verstärkt durch die Furcht vor der Beispielwirkung der französischen Revolution und des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges – mündend im Vorwurf des Jacobinertums gegenüber den Streitern für Reformen.

Die ersten Versuche einer Reform der militärischen Bildung und Weiterbildung 

Der Alte Garnisonfriedhof in Berlin-Mitte ist eines der kulturgeschichtlichen Zeugnisse  für die historische Rolle der Berliner Militärs im 19.Jahrhundert. Bedeutende Militärs sind dort beigesetzt, darunter viele, die sich in der Periode  zwischen 1786 und 1815 um die Reorganisation der preußischen Armee und der  preußischen Gesellschaft verdient gemacht haben.  lhr Kristallisationskern waren Hardenberg, Scharnhorst. Zwischen 1800 und 1805 nehmen beide ihren endgültigen Wohnsitz in Berlin und Umgebung — Scharnhorst in der Nähe vom Alexanderplatz, Hardenberg kauft das Dorf Tempelberg.   Warum Scharnhorst? Er war in Hannover selbst ab 1772 bis 1777 Schüler der Militärakademie  des Grafen Friedrich Wilhelm Ernst zu Schaumburg-Lippe-Bückeburg (Festung  Wilhelmstein) gewesen, der seinerzeit besten militärischen Bildungseinrichtung Deutschlands.  1782 war er Herausgeber der Zeitschrift ,,Militair-Bibliothek“, fortgesetzt ab 1785 unter dem Namen ,,Bibliothek für Officiere“. An deren Stelle tritt ab 1788 das ,,Neue militarische Journal“. Das Journal war während des Krieges ab 1793 eingestellt, wurde 1798 wiederbelebt — nunmehr mit dem Untertitel ,,Militärische Denkwürdigkeiten unserer Zeiten, insbesondere des französischen Revolutionskrieges im Jahre 1792 u.s.f.“

Ab 12. Mai 1801 ist Scharnhorst in Berlin, Lehrer an der ,,Akademie für junge Offiziere“ in Berlin, der école militaire, deren Name durch Kabinettsordre vom 5. September  1801 (Vorlaufer: Kadettenakademie, Ritterakademie)  offiziell lautet  Lehranstalt für Junge  lnfanterie- und Kavallerie-Offiziere  in den militärischen Wissenschaften zu Berlin,  von Scharnhorst selbst aber kritisch betrachtet. Warum sind Offiziere der Artillerie und des Pionierwesens nicht als Schüler genannt? Die Artilleristen und Pioniere hatten eigene technische Schulen.  Nur zwei Lehrer sind fest angestellt: der Major der Pioniertruppe Ludwig Müller für Militärgeographie und Festungskunde und der Philosophie-Professor Johann Gottfried Kiesewetter für Logik und  Mathematik (Der Kantianer Kiesewetter stand im Briefwechsel mit Kant, positiv  mehrfach gewürdigt bei Varnhagen von Ense, hatte großen Einfluss auf  Clausewitz; berichtet in einem Brief an Kant, dass seine Vorlesungen in Berlin  überwacht werden); kontrolliert durch Generalleutnant von Geusau.
Die Berliner Militär-Lehranstalt war eine von 6 Inspektionsschulen, geschaffen durch Friedrich ll. im Jahre 1779 (neben Berlin gab es solche Schulen in Breslau, Königsberg, Magdeburg, Stettin, Wesel).  Die Berliner Schule wird ergänzt durch die 1765 geschaffene sogenannte Adelsakademie (15 der besten Zöglinge der Kadettenanstalt, die ,,königlichen  Eleven“ mit eigener Uniform). Daher ist der Chef des Kadettenkorps von nun an Chef der Militär-Bildungseinrichtungen.  Diese Offiziersschule — mehr war sie nicht — wurde besucht von ausgewählten  jungen Offizieren im Anschluss oder als Ergänzung zur Ausbildung an der  Kadettenanstalt und anderen Bildungseinrichtungen der Armee — auch die Lehrer  konnten ausgetauscht werden – so lehrte z.B. Kiesewetter auch an der 1795 auf  Anregung des Generalstabschirurgen Görcke gegründeten Berliner  Bildungseinrichtung für junge Militärärzte, der sog. Pepiniére  Erst nach der bitteren Niederlage von 1806 gab es die gesetzliche Forderung nach  einer schulmäßigen Prüfung als Bedingung für den Eintritt in den Offiziersstand – mit  dem königlichen Reglement über die Besetzung der Stellen der Portepeefähnriche  vom 6. August 1808.

Die Gründung der Militärischen Gesellschaft in Berlin

Scharnhorst ist schon vor 1806 geistiges und organisatorisches Haupt der militärischen Reformbewegung in Preußen, ist gerade aus diesem Grunde aus Hannover geholt worden. Massenbach hat Erfahrungen in der Offiziersausbildung, er ist Lehrer an der technischen Offiziersschule in Potsdam.  Als Organisationsform der neuen Aus- und Weiterbildungsinstitution bietet sich eine Art literarische Gesellschaft an — Studium und ernsthafte Beschäftigung mit militärischer Literatur einschließlich der „Produktion“. Nur der konnte Mitglied werden, der einen eigenständigen Beitrag leistete, ihn vortrug, zur Diskussion stellte. Die Obristen Scharnhorst und Massenbach sind inhaltliche Leiter, Initiatoren und Organisatoren der Gründung. Ihre Idee ist die wissenschaftliche Weiterbildung der aktiven Offiziere! Clausewitz wird durch Scharnhorst zur Mitgliedschaft angeregt — ist Nr. 50 von den etwa 200 Mitgliedern. In der Sitzung vom 11. April 1804 wird Leutnant von Clausewitz zu einem der drei Redakteure der Gesellschaft gewählt (neben Leutnant von Leithold und Leutnant von Textor). Es ist auffallend, dass von den 10 Gründungsmitgliedern sieben als Lehrer an den Militärschulen tätig waren. Die enge Verknüpfung der aktivsten Mitglieder der Gesellschaft mit dem Erziehungs- und Bildungswesen der Armee ist bezeichnend für den hohen Stellenwert, den ihre Mitglieder, allen voran Scharnhorst und Massenbach, dem pädagogischen Bemühen zur Erneuerung der Armee beimaßen. So unterrichteten zwischen 1810 und 1813 an der Allgemeinen Kriegsschule die ehemaligen Mitglieder Clausewitz (Kleiner Krieg, Generalstabsdienst), Tiedemann (Taktik, Strategie), Textor (Mathematik), Streit (Artillerie) und Stutzer (Militärgeographie, Kriegsgeschichte). Von den 31 namentlich bekannten Schülern Scharnhorsts der Jahre 1801-1805 sind 16 der Militärischen Gesellschaft beigetreten, unter ihnen die bedeutendsten Mitarbeiter der Reformpartei nach 1807 wie Boyen, Braun, Clausewitz, Grolman, Steinwehr und Tiedemann.

Von der Idee zur Organisation

Wo soll die Gesellschaft Mittwochs tagen? Ausgewählt wird das Hotel „Zum Englischen Hof“, Mohrenstraße 49, beste Lage. Nachzulesen im Protokoll der Sitzung vom 28.September 1803, Man trifft sich Mittwochs von 6 bis 8 Uhr, im Prinzip jeden Mittwoch 5 Uhr,  Abends ist dann längere Sitzung.

Inhalte der Debatten:

Grundlage der Diskussionen sind schriftliche Arbeiten der Mitglieder der Gesellschaft bzw.Rezensionen von Büchern. Hauptproblem der Militärstrategie: leichte Infanterie, Notwendigkeit des Studiums der Naturwissenschaften – dargestellt durch Scharnhorst selbst, schon in Hannover. Die neuesten Entwicklungen der Militärtechnik, der Taktik der Infanterie und Kavallerie, die Lehren aus den Feldzügen des Generals Bonaparte in Italien, in der Schweiz, anderer französischer Generale in Holland sind Gegenstand ausführlichen Analysen und Debatten.
Als merkwürdig zu verzeichnen ist — der Feldzug 1792 a) nur in Rezensionen behandelt wie aa) Bd4, S. 424 durch die Rezension der Scharnhorstschen Zeitschrift „militärische Denkwürdigkeiten“ .Hannover 1804 durch v. Borck, wie durch die Rezension einer Schrift des in Sachsen-Weimarschen Diensten stehenden ehemaligen Oberstleutnant in holländischen und englischen Diensten stehenden von Groß, geschrieben fur die Akademie zu Belvedere „Von dem Dienste des Officiers im Felde  1803: „Das neue Militärsystem der Franzosen,  welches sie mit so glücklichem Erfolg angenommen haben, mache es unmöglich, ihnen Widerstand zu thun, ohne die Annahme eines auf ähnlichen Grundsätzen ruhenden Systems.“oder nur am Rand erwähnt Bd. 4, S. 268: „Auszug aus den Protokollen der militärischen Gesellschaft 28. Dezember 1804: „Der General v. Lecoq verlas eine Relation der Kanonade bei Valmy. Obgleich diese Begebenheit an sich eben so wichtig nicht ist, so verdient sie doch als Glied in einer großen Kette der Dinge bemerkt zu werden. Es wurde die Lage der französischen und alliierten Armee, und hierauf die Unternehmungen nach der Einnahme von Verdun bis zum Rückzug aus Champagne geschildert.“ Periode zwischen 1789 und 1806 geprägt vom grundlegenden Defizit an gesellschaftlichen und militärischen Reformen.

Für die anhaltende Wirkung der Weiterbildungsgesellschaft spechen folgende Zahlen: 5 von den 8 Generalstabschefs zwischen 1813 und 1870 waren Mitglied der Gesellschaft, (Scharnhorst, Gneisenau, Grolmann, Ruhle, Muffling); 7 (Yorck, Kleist, Gneisenau, Müffling, Boyen, Knesebek, Dohna-Schiobitten) von den 9 Generalfeldmarschällen; 2 Generalinspekteure der Militärischen Bildung (Holtzendorff, Rühle von Lilienstern);3 Kriegsminister (Boyen, Hake, Rauch), Generalinspekteur der Artillerie (Prinz August), Generalinspekteur des Ingenieurkorps (Reiche), Präsident der Militärischen Prüfungskommission (Steinwehr), Finanzminister (Louis Gustav von Thile) gehörten der Gesellschaft als junge Offiziere an.

Die bedeutendsten Persönlichkeiten der Gesellschaft, beigesetzt auf dem Alten Garnisonfriedhof

Karl Friedrich von dem Knesebeck,  Carl Andreas von Boguslawski, Wilhelm von Clausewitz, Karl Friedrich v. Holtzendorf, Karl Leopold Heinrich Ludwig v. Borstell, Friedrich Karl Heinrich Graf v. Wylich und Lottum, Georg Wilhelm v. Valentini, Johann Eberhard Ernst Herwarth von Bittenfeldt, Friedrich Albrecht Gotthilf Freiherr von Ende

Literatur zum Nachlesen

Karl Demeter, Das deutsche Offizierskorps in Gesellschaft und Staat 1650-1945, Frankfurt/Main 1965

G. Ch. Kiesewetter, Directeur et Professeur en Philosophie et Directeur de l’éducation scientifique de l‘institute: Discours prononcé a l’anniversaire de la fondation de la Pépiniére Royale de médecine et de chirurgie le 2. Ao0t 1808 par , Berlin 1808,

Joachim Niemeyer, Einleitung zu Denkwlirdigkeiten der Militarischen Gesellschaft zu Berlin, Neudruck der Ausgabe von 1802-1805, Osnabriick 1985

Dietrich Pellnitz, Beitrage zur Geschichte der Pépiniere, Berlin 1993,

Schickert, Die Militärärztlichen Bildungsanstalten von ihrer Griindung bis zur Gegenwart, Berlin 1895, Reprint Ziirich 1985

Schössler, Dietmar, Carl von Clausewitz, rororo Hamburg 1991

Charles Edward White, The Enlightened Soldier. Scharnhorst and the Militaerische Gesellschaft in Berlin, 1801-1805, New York/London 1989

Eine tote Polin in der Mulackstraße – Rings um das Berliner Scheunenviertel (3)

sonia-11

Das „Scheunenviertel“ im Berliner Osten war Zufluchtsort seit Jahrhunderten für verfolgte aus dem Riesenreich der russischen Zaren – Juden und Nichtjuden aus Polen, der Ukraine, den baltischen Ländern, Weißrussland. Die Kneipen, kleinen Kellerläden, die Hinterhöfe der Münz-, Grenadier-, Hirten-, Dragoner-, Mulackstraße beherbergten die Ärmsten der Armen, aber auch schon diejenigen, die es schon zu etwas gebracht hatten – kleine Straßenhändler, Musikanten, Zuhälter, Spitzel der Geheimpolizei, Flickschuster und Änderungsschneider.

Wir wissen leider nicht, wie die Frau hieß und welche Tätigkeit sie ausgeübt hatte, bei der die Polin Sonia Horn im April 1945 nach ihrer Entlassung aus dem Konzentrationslager Ravensbrück Zuflucht gesucht hatte. Wir wissen, dass sie eine Verwandte oder eine Freundin der Mutter Stanislawa Kowalska war, dass sie in der Mulackstraße 23 wohnte. Und wir kennen das tragische Schicksal der jungen Frau, denn ihr Grabstein in der südöstlichen Ecke des benachbarten alten historischen Garnisonfriedhof gibt Auskunft: sie starb am 29. April 1945, am vorletzten Tag des Krieges.

Was wissen wir aus ihrem Leben? Sonia war die Tochter einer Polin und eines deutschen Vaters, wuchs bei der Mutter in Myslowice (Schlesien) auf, nahm als Kind Tanzunterricht, wird aber in einer Klosterschule auf das „wirkliche Leben“ vorbereitet. Sie verliebt sich in den Lehrer Franticzek Roj, folgt ihm 1939 nach der Niederlage der polnischen Armee, deren Angehöriger ihr Geliebter als Reserveoffizier ist, in den Untergrund und nimmt aktiv am Widerstandskampf teil. Durch Verrat fliegt die Gruppe auf. Franticzek, der die Zusammenarbeit mit den Deutschen im Krieg mit der Sowjetunion ablehnt, wird 1943 von den Nazis in Auschwitz erschossen, Sonia in des KZ Ravensbrück verschleppt. Sie übersteht die Quälereien, spendet ihren mitgefangenen Frauen und Kindern durch Tanz Trost, überlebt das Grauen und kommt im Frühjahr 1945 frei. Zwei mögliche Erklärungen für das „Verschwinden“ des Häftlings Sonia in diesen letzten Monaten des Krieges, als die Rote Armee näher rückt, werden aufgrund mangelnder Archivmaterialien von den Historikern angeboten  – entweder die Flucht aus der Stadt Oranienburg, nachdem es ihr gelungen war, sich eine Stelle als „dienstverpflichtete Helferin“ bei einem SS-Arzt zu verschaffen oder ein Listenplatz für die Transporte nach Skandinavien des Internationalen Roten Kreuzes, den sie sich durch Bestechung oder falsche Papiere besorgt haben könnte.

Es gelingt – sie schlägt sich nach Berlin in die Mulackstraße durch, will das Ende des Krieges hier abwarten. Es ist ihr nicht vergönnt – sie fällt den letzten Straßenkämpfen in Berlin-Mitte, im „Scheunenviertel“ zum Opfer, ihr Körper wird in einem Massengrab Anfang Mai auf dem alten Militärfriedhof zwischen Linien- und Mulackstraße beigesetzt.

Dr. Dieter Weigert, im Oktober 2018

 

Rings um das Berliner Scheunenviertel (2) – die Torstraße

 

buehne

Neben der Volksbühne rechts durch die Weydingerstraße gelangt man zum Ausgangspunkt dieses Spaziergangs. Mit der Ecke Karl-Liebknecht- Straße/Torstraße ist der nordöstlichste Punkt der Spandauer Vorstadt erreicht. Hier befand sich das Prenzlauer Tor, einer der vielen Zugänge in die Stadt Berlin.

Obwohl diese Vorstadt noch nicht offiziell eingemeindet war, verlief seit 1705 auf der Höhe der Linienstraße faktisch die nördliche Stadtgrenze Berlins. Die ,,Linie“, wie die Straße ursprünglich hieß, war Teil eines hölzernen Palisadenzaunes.

Fünf Tore (Prenzlauer, Schönhauser, Rosenthaler, Hamburger, Oranienburger Tor) verbanden die Spandauer Vorstadt hier mit ihrem noch ländlichen Umland. 1732/1734 wurde die Palisadenumwehrung durch eine steinerne Mauer ersetzt, Teil der unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. um ganz Berlin herum errichteten Akzisemauer. Diese wurde nach 1780 auf die Hähe der heutigen Torstraße vorverlegt.

Hatte sich die Stadtmauer der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin-Cälln weit weg von dieser neuen Stadtgrenze befunden, so war auch von dem ehrgeizigen Vorhaben des Kurfürsten Friedrich Wilhelm l., Berlin nach dem Dreißigjährigen Krieg zu einer uneinnehmbaren Festung auszubauen, Anfang des 18. Jahrhunderts schon nicht mehr viel übrig. Nur der S-Bahnbogen zwischen Jannowitzbrücke und Friedrichstraße und die verwinkelte Straßenführung am Hackeschen Markt erinnern heute noch daran.

Den Toren an der ,,Linie“ wurde nicht nur die Funktion zugeschrieben, die Einlaß begehrenden Händler, Bauern und Fremden zu Gunsten der Stadtkasse tüchtig zu schröpfen. Militärische und polizeiliche Kontrolle diente zugleich dazu, Deserteure aus den Berliner Regimentern nicht herauszulassen und vermeintlichem ,,Gesindel“ den Zugang in die Stadt zu verweigern. Die ursprünglichen Tore der Akzisemauer werden von Architekturhistorikern als einfache, von mehr oder minder reich verzierten Pfeilern eingefasste Maueröffnungen beschrieben, die durch hölzerne Torflügel verschlossen wurden. Zur Anlage gehörte in jedem Fall ein Wachlokal und ein Haus für den Steuerbeamten, den Torschreiber. Nicht von ungefähr verzeichnen alte Adressbücher in der Nähe dieser Mauer Herbergen und Gaststätten, werden auffällig viele Bierbrauer und Branntweinbrenner aß Hausbesitzer aufgeführt.

Die Tore wurden mehrfach umgebaut und dabei immer pompöser. So wurden 1786 nach Entwürfen von Gontard und Unger das Oranienburger, Hamburger und Rosenthaler Tor neu errichtet. Ein Jahrhundert später blieb von ihnen kein Stein übrig – Straßenverkehr und Stadtexpansion forderten ihr Recht. Hingegen fanden künstlerische und bauhistorische Bedenken keine Unterstützung durch einflussreiche Gönner.

tor-1a

Hamburger Tor

Das erste Haus der Linienstraße, die am Anfang der Tour als Sackgasse beginnt, trägt die Nummer 13. Das hat nichts mit magischen Zahlen oder Aberglauben zu tun. Ursprünglich reichte die Linienstraße bis zur Neuen Königsstraße, heute etwa bis zur Otto-Braun-Straße.

Schon nach wenigen Minuten Fußweg gelangt man an die nächste Straßenkreuzung. Am Rosa-Luxemburg-Platz befand sich das Schönhauser Tor. Gleich vier Straßen unterbrechen den Lauf der Linienstraße und deuten darauf hin, dass hier auch früher ein lebhafter Verkehr geherrscht hat. Nach dieser Kreuzung bleibt Muße, die Ruhe der Linienstraße aufzunehmen. Wohnbauten und relativ wenige Gewerbebetriebe, oft in den Quergebäuden der Höfe untergebracht und mit einer langen Firmengeschichte, koexistieren friedlich Seite an Seite. Immer wieder kann man das lieblose Nebeneinander von Plattenbauten der 80er Jahre sowie einiger oft unter radikaler Beseitigung allen Fassadenschmucks renovierter Bürgerhäuser betrachten.

Auf der linken Seite unterbricht eine Backsteinmauer den Häuserfluss. Durch ein Gittertor bietet sich der Blick auf verfallene Grabmale und schattenspendende Bäume. Um die Ecke, in der kleinen Rosenthaler Straße, verspricht eine Pforte Einlass auf den Garnisonfriedhof. Nicht erst 1722, wie über dem zu diesem Zeitpunkt errichteten Tor zu lesen ist, sondern bereits zwischen 1703 und 1706 wurde dieser Platz für die Berliner Garnison der preußischen Armee eingerichtet. Ursprünglich gab es an der ,,Linie“ zwei sorgsam getrennte Totenfelder – für Soldaten und Offiziere.

Nur der größte Teil des Offizersfriedhofs blieb erhalten. Besonders beachtenswert an dieser parkähnlichen Stätte sind Zeugnisse der Grabmalkunst des 19. Jahrhunderts. Vor allem Beispiele des Berliner Eisenkunstgusses, aber auch des seltenen Zinkgusses geben diesem Ort das Gepräge. Gut erhalten und am bekanntesten sind die Grabstätten zweier herausragender Teilnehmer der antinapoleonischen Kriege: Adolph von Lützow (1782-1834), den Anführer der ,,wilden, verwegenen Schar“ und den hugenottischen Dichter Friedrich Freiherr de la Motte Fouqué (1777-1843), u.a. Autor des Kunstmärchens ,,Undine“. Erwähnenswert sind auch Massengräber für Opfer des 2. Weltkrieges, von denen nur wenige namentlich bekannt und benannt sind. Die Mehrzahl der Gräber des bis in die 60er Jahre genutzten Friedhofs wurde um 1978 eingeebnet. Eine behutsame Restaurierung der verbliebenen geschichtlichen Zeugnisse wie der ganzen Anlage ist geplant. lm Friedhofsgebäude ist eine informative Ausstellung zu sehen.

Zurückkehrend in die Linienstraße fällt die künstlerisch kreative Gestaltung der Rückfront wie aller Straßenfronten des Eckhauses Linienstraße Nr. 206 auf. Alternative Lebens- und Kunstauffassungen fanden hier wie anderswo im Kiez eine gewisse, nicht spannungsfreie behördliche Duldung, sind von unklaren Eigentumsverhältnissen und Mieterhöhungen existentiell bedroht.

Die Linienstraße kreuzt jetzt die Rosenthaler Straße.

tor-2

Hier, am Rosenthaler Platz, stieg Franz Biberkopf, der Held aus Alfred Döblins Roman ,,Berlin Alexanderplatz“ aus der Straßenbahn. Aus dem Moabiter Gefängnis entlassen, kehrte er zurück ins ,,Miljöh“. Eine eher traurige Berühmtheit erlangte das hier befindliche Rosenthaler Tor zwei Jahrhunderte früher als Merkzeichen für die tatsächliche Begrenztheit der geistigen Toleranz im absolutistischen PreuBen. Wie alle anderen Juden durfte 1743 ein junger Mann nur durch dieses Tor Berlin betreten: Moses Mendelssohn, später einer der weltbekanntesten Berliner, Freund Lessings und Nicolais, Aufklärer und Philosoph, zugleich auch erfolgreicher Geschäftsmann.

An der Ecke Ackerstraße unterbricht am Koppenplatz eine weitere grüne Insel den Weg durch graue Häuserfluchten. Der Platz wurde nach Christian Koppe (gest. 1721) benannt, der sich um das Berliner Armenwesen verdient machte. Das von ihm gestiftete Armenhaus für Frauen und ein Armenfriedhof sowie das gerichtliche Obduktionshaus erhielten hier zu Beginn des 18. Jahrhunderts ihren Platz. Links neben dem Schulgebäude (Koppenplatz Nr. 12), einer der vielen Berliner Schulbauten Ludwig Hoffmanns (1852-1932), erinnert ein nach Entwürfen von Friedrich August Stüler (1800-1865) errichtetes Denkmal an Koppes uneigennütziges Wirken. Mit etwas Mühe kann man die verblasste, ehemals goldfarbene Inschrift entziffern: ,,Herr Christian Koppe Raths Verwandter und Stadt Hauptmann zu Berlin widmete diesen Platz und dessen Umgebung im Jahre 1705 als Ruhestatte den Armen und Waisen, in deren Mitte er selbst mit den Seinigen ruhen wollte und ruht. Sein Andenken ehrt dankbar die Stadt Berlin 1855″. Unter dem Park und der Spielanlage des Platzes sind die Trümmer von Luftschutzbunkern verborgen.
Wieder zur Linienstraße einbiegend führt der Weg an einem Seniorenheim vorbei (Koppenplatz Nr.11), einen 1835 errichteten klassizistischen Putzbau. Über dem Eingang ist noch ein Hinweis auf die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes erhalten: Erinnert wird an Wilhelmine Amalie Hollmann, deren Mann 1834, nach ihrem Tode, hier die Hollmannsche Wilhelminen-Amalien-Stiftung für Witwen und Töchter höherer Beamter errichtet hatte. Der Erinnerung an diese Frau ist im Hof eine Kunststeinstele mit aufgesetzter Eisenschale gewidmet. Mit der Linienstraße Nr. 162 fällt ein weiterer, 1911 errichteter Schulbau Ludwig Hoffmanns auf, in der die Volkshochschule Mitte ihr Domizil hat.
Auf der gegenüberliegenden Seite passt sich nach der Hausnummer 100 die Seitenfront eines roten Klinkerbaus an die Traufhöhe der umgebenden Häuser an. Man muss aber die Toreinfahrt des Hauses Nr. 100 durchschreiten, um die Vorderansicht eines der schönsten Sakralbauten in Formen der ,,neuen Sachlichkeit“ betrachten zu können. Die katholische St. Adalbert-Kirche wurde 1933 errichtet.

Die folgende unscheinbare Querstraße, die heute von einem Sportplatz durchschnittene Kleine Hamburger Straße, krönte das nächste, das Hamburger Tor. Es gehörte zu den imposantesten, am reichsten geschmückten Toren der Stadtbefestigung.

Empfohlen wird, in den Hof des Hauses Nr. 147 zu gehen. Seit seiner Errichtung hat dieses wie die benachbarten Häuser keine neue Farbe gesehen. Es ist auch noch von Einschüssen aus der Zeit des 2. Weltkrieges übersät. Dennoch gehört dieser Hof vor allem in den Sommermonaten zu den schönsten im Kiez; Theateraufführungen finden hier statt und man kann sich vom Grau der Großstadt erholen.

Nach der Kreuzung Tucholskystraße (früher Artilleriestraße) fällt die bunte Mischung von Gewerbebetrieben und Wohnhäusern auf, die Hinterfront einer Schule (Nr. 122-123), der Zugang zu einer Kegelbahn mit Bewirtschaftung (Nr. 121).

Auf die Oranienburger Straße stoßend, endet der Spaziergang am ehemaligen Oranienburger Tor, das durch einen U-Bahnhof und auch sonst umgangssprachlich als einziges Tor der Spandauer Vorstadt noch in Erinnerung blieb. Rechter Hand, leicht zu übersehen, hat im Haus Nr. 128-129 ein Trupp der freiwilligen Feuerwehr seinen Sitz; es soll sich um das älteste Feuerwehrgebäude Berlins handeln. Der nordwestlichste Punkt der Spandauer Vorstadt und auch die Hausnummernkehre der Linien-Straße mit den Nummern 135/136 ist erreicht.