Eine tote Polin in der Mulackstraße – Rings um das Berliner Scheunenviertel (3)

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Das „Scheunenviertel“ im Berliner Osten war Zufluchtsort seit Jahrhunderten für verfolgte aus dem Riesenreich der russischen Zaren – Juden und Nichtjuden aus Polen, der Ukraine, den baltischen Ländern, Weißrussland. Die Kneipen, kleinen Kellerläden, die Hinterhöfe der Münz-, Grenadier-, Hirten-, Dragoner-, Mulackstraße beherbergten die Ärmsten der Armen, aber auch schon diejenigen, die es schon zu etwas gebracht hatten – kleine Straßenhändler, Musikanten, Zuhälter, Spitzel der Geheimpolizei, Flickschuster und Änderungsschneider.

Wir wissen leider nicht, wie die Frau hieß und welche Tätigkeit sie ausgeübt hatte, bei der die Polin Sonia Horn im April 1945 nach ihrer Entlassung aus dem Konzentrationslager Ravensbrück Zuflucht gesucht hatte. Wir wissen, dass sie eine Verwandte oder eine Freundin der Mutter Stanislawa Kowalska war, dass sie in der Mulackstraße 23 wohnte. Und wir kennen das tragische Schicksal der jungen Frau, denn ihr Grabstein in der südöstlichen Ecke des benachbarten alten historischen Garnisonfriedhof gibt Auskunft: sie starb am 29. April 1945, am vorletzten Tag des Krieges.

Was wissen wir aus ihrem Leben? Sonia war die Tochter einer Polin und eines deutschen Vaters, wuchs bei der Mutter in Myslowice (Schlesien) auf, nahm als Kind Tanzunterricht, wird aber in einer Klosterschule auf das „wirkliche Leben“ vorbereitet. Sie verliebt sich in den Lehrer Franticzek Roj, folgt ihm 1939 nach der Niederlage der polnischen Armee, deren Angehöriger ihr Geliebter als Reserveoffizier ist, in den Untergrund und nimmt aktiv am Widerstandskampf teil. Durch Verrat fliegt die Gruppe auf. Franticzek, der die Zusammenarbeit mit den Deutschen im Krieg mit der Sowjetunion ablehnt, wird 1943 von den Nazis in Auschwitz erschossen, Sonia in des KZ Ravensbrück verschleppt. Sie übersteht die Quälereien, spendet ihren mitgefangenen Frauen und Kindern durch Tanz Trost, überlebt das Grauen und kommt im Frühjahr 1945 frei. Zwei mögliche Erklärungen für das „Verschwinden“ des Häftlings Sonia in diesen letzten Monaten des Krieges, als die Rote Armee näher rückt, werden aufgrund mangelnder Archivmaterialien von den Historikern angeboten  – entweder die Flucht aus der Stadt Oranienburg, nachdem es ihr gelungen war, sich eine Stelle als „dienstverpflichtete Helferin“ bei einem SS-Arzt zu verschaffen oder ein Listenplatz für die Transporte nach Skandinavien des Internationalen Roten Kreuzes, den sie sich durch Bestechung oder falsche Papiere besorgt haben könnte.

Es gelingt – sie schlägt sich nach Berlin in die Mulackstraße durch, will das Ende des Krieges hier abwarten. Es ist ihr nicht vergönnt – sie fällt den letzten Straßenkämpfen in Berlin-Mitte, im „Scheunenviertel“ zum Opfer, ihr Körper wird in einem Massengrab Anfang Mai auf dem alten Militärfriedhof zwischen Linien- und Mulackstraße beigesetzt.

Dr. Dieter Weigert, im Oktober 2018

 

Rings um das Berliner Scheunenviertel (2) – die Torstraße

 

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Neben der Volksbühne rechts durch die Weydingerstraße gelangt man zum Ausgangspunkt dieses Spaziergangs. Mit der Ecke Karl-Liebknecht- Straße/Torstraße ist der nordöstlichste Punkt der Spandauer Vorstadt erreicht. Hier befand sich das Prenzlauer Tor, einer der vielen Zugänge in die Stadt Berlin.

Obwohl diese Vorstadt noch nicht offiziell eingemeindet war, verlief seit 1705 auf der Höhe der Linienstraße faktisch die nördliche Stadtgrenze Berlins. Die ,,Linie“, wie die Straße ursprünglich hieß, war Teil eines hölzernen Palisadenzaunes.

Fünf Tore (Prenzlauer, Schönhauser, Rosenthaler, Hamburger, Oranienburger Tor) verbanden die Spandauer Vorstadt hier mit ihrem noch ländlichen Umland. 1732/1734 wurde die Palisadenumwehrung durch eine steinerne Mauer ersetzt, Teil der unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. um ganz Berlin herum errichteten Akzisemauer. Diese wurde nach 1780 auf die Hähe der heutigen Torstraße vorverlegt.

Hatte sich die Stadtmauer der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin-Cälln weit weg von dieser neuen Stadtgrenze befunden, so war auch von dem ehrgeizigen Vorhaben des Kurfürsten Friedrich Wilhelm l., Berlin nach dem Dreißigjährigen Krieg zu einer uneinnehmbaren Festung auszubauen, Anfang des 18. Jahrhunderts schon nicht mehr viel übrig. Nur der S-Bahnbogen zwischen Jannowitzbrücke und Friedrichstraße und die verwinkelte Straßenführung am Hackeschen Markt erinnern heute noch daran.

Den Toren an der ,,Linie“ wurde nicht nur die Funktion zugeschrieben, die Einlaß begehrenden Händler, Bauern und Fremden zu Gunsten der Stadtkasse tüchtig zu schröpfen. Militärische und polizeiliche Kontrolle diente zugleich dazu, Deserteure aus den Berliner Regimentern nicht herauszulassen und vermeintlichem ,,Gesindel“ den Zugang in die Stadt zu verweigern. Die ursprünglichen Tore der Akzisemauer werden von Architekturhistorikern als einfache, von mehr oder minder reich verzierten Pfeilern eingefasste Maueröffnungen beschrieben, die durch hölzerne Torflügel verschlossen wurden. Zur Anlage gehörte in jedem Fall ein Wachlokal und ein Haus für den Steuerbeamten, den Torschreiber. Nicht von ungefähr verzeichnen alte Adressbücher in der Nähe dieser Mauer Herbergen und Gaststätten, werden auffällig viele Bierbrauer und Branntweinbrenner aß Hausbesitzer aufgeführt.

Die Tore wurden mehrfach umgebaut und dabei immer pompöser. So wurden 1786 nach Entwürfen von Gontard und Unger das Oranienburger, Hamburger und Rosenthaler Tor neu errichtet. Ein Jahrhundert später blieb von ihnen kein Stein übrig – Straßenverkehr und Stadtexpansion forderten ihr Recht. Hingegen fanden künstlerische und bauhistorische Bedenken keine Unterstützung durch einflussreiche Gönner.

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Hamburger Tor

Das erste Haus der Linienstraße, die am Anfang der Tour als Sackgasse beginnt, trägt die Nummer 13. Das hat nichts mit magischen Zahlen oder Aberglauben zu tun. Ursprünglich reichte die Linienstraße bis zur Neuen Königsstraße, heute etwa bis zur Otto-Braun-Straße.

Schon nach wenigen Minuten Fußweg gelangt man an die nächste Straßenkreuzung. Am Rosa-Luxemburg-Platz befand sich das Schönhauser Tor. Gleich vier Straßen unterbrechen den Lauf der Linienstraße und deuten darauf hin, dass hier auch früher ein lebhafter Verkehr geherrscht hat. Nach dieser Kreuzung bleibt Muße, die Ruhe der Linienstraße aufzunehmen. Wohnbauten und relativ wenige Gewerbebetriebe, oft in den Quergebäuden der Höfe untergebracht und mit einer langen Firmengeschichte, koexistieren friedlich Seite an Seite. Immer wieder kann man das lieblose Nebeneinander von Plattenbauten der 80er Jahre sowie einiger oft unter radikaler Beseitigung allen Fassadenschmucks renovierter Bürgerhäuser betrachten.

Auf der linken Seite unterbricht eine Backsteinmauer den Häuserfluss. Durch ein Gittertor bietet sich der Blick auf verfallene Grabmale und schattenspendende Bäume. Um die Ecke, in der kleinen Rosenthaler Straße, verspricht eine Pforte Einlass auf den Garnisonfriedhof. Nicht erst 1722, wie über dem zu diesem Zeitpunkt errichteten Tor zu lesen ist, sondern bereits zwischen 1703 und 1706 wurde dieser Platz für die Berliner Garnison der preußischen Armee eingerichtet. Ursprünglich gab es an der ,,Linie“ zwei sorgsam getrennte Totenfelder – für Soldaten und Offiziere.

Nur der größte Teil des Offizersfriedhofs blieb erhalten. Besonders beachtenswert an dieser parkähnlichen Stätte sind Zeugnisse der Grabmalkunst des 19. Jahrhunderts. Vor allem Beispiele des Berliner Eisenkunstgusses, aber auch des seltenen Zinkgusses geben diesem Ort das Gepräge. Gut erhalten und am bekanntesten sind die Grabstätten zweier herausragender Teilnehmer der antinapoleonischen Kriege: Adolph von Lützow (1782-1834), den Anführer der ,,wilden, verwegenen Schar“ und den hugenottischen Dichter Friedrich Freiherr de la Motte Fouqué (1777-1843), u.a. Autor des Kunstmärchens ,,Undine“. Erwähnenswert sind auch Massengräber für Opfer des 2. Weltkrieges, von denen nur wenige namentlich bekannt und benannt sind. Die Mehrzahl der Gräber des bis in die 60er Jahre genutzten Friedhofs wurde um 1978 eingeebnet. Eine behutsame Restaurierung der verbliebenen geschichtlichen Zeugnisse wie der ganzen Anlage ist geplant. lm Friedhofsgebäude ist eine informative Ausstellung zu sehen.

Zurückkehrend in die Linienstraße fällt die künstlerisch kreative Gestaltung der Rückfront wie aller Straßenfronten des Eckhauses Linienstraße Nr. 206 auf. Alternative Lebens- und Kunstauffassungen fanden hier wie anderswo im Kiez eine gewisse, nicht spannungsfreie behördliche Duldung, sind von unklaren Eigentumsverhältnissen und Mieterhöhungen existentiell bedroht.

Die Linienstraße kreuzt jetzt die Rosenthaler Straße.

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Hier, am Rosenthaler Platz, stieg Franz Biberkopf, der Held aus Alfred Döblins Roman ,,Berlin Alexanderplatz“ aus der Straßenbahn. Aus dem Moabiter Gefängnis entlassen, kehrte er zurück ins ,,Miljöh“. Eine eher traurige Berühmtheit erlangte das hier befindliche Rosenthaler Tor zwei Jahrhunderte früher als Merkzeichen für die tatsächliche Begrenztheit der geistigen Toleranz im absolutistischen PreuBen. Wie alle anderen Juden durfte 1743 ein junger Mann nur durch dieses Tor Berlin betreten: Moses Mendelssohn, später einer der weltbekanntesten Berliner, Freund Lessings und Nicolais, Aufklärer und Philosoph, zugleich auch erfolgreicher Geschäftsmann.

An der Ecke Ackerstraße unterbricht am Koppenplatz eine weitere grüne Insel den Weg durch graue Häuserfluchten. Der Platz wurde nach Christian Koppe (gest. 1721) benannt, der sich um das Berliner Armenwesen verdient machte. Das von ihm gestiftete Armenhaus für Frauen und ein Armenfriedhof sowie das gerichtliche Obduktionshaus erhielten hier zu Beginn des 18. Jahrhunderts ihren Platz. Links neben dem Schulgebäude (Koppenplatz Nr. 12), einer der vielen Berliner Schulbauten Ludwig Hoffmanns (1852-1932), erinnert ein nach Entwürfen von Friedrich August Stüler (1800-1865) errichtetes Denkmal an Koppes uneigennütziges Wirken. Mit etwas Mühe kann man die verblasste, ehemals goldfarbene Inschrift entziffern: ,,Herr Christian Koppe Raths Verwandter und Stadt Hauptmann zu Berlin widmete diesen Platz und dessen Umgebung im Jahre 1705 als Ruhestatte den Armen und Waisen, in deren Mitte er selbst mit den Seinigen ruhen wollte und ruht. Sein Andenken ehrt dankbar die Stadt Berlin 1855″. Unter dem Park und der Spielanlage des Platzes sind die Trümmer von Luftschutzbunkern verborgen.
Wieder zur Linienstraße einbiegend führt der Weg an einem Seniorenheim vorbei (Koppenplatz Nr.11), einen 1835 errichteten klassizistischen Putzbau. Über dem Eingang ist noch ein Hinweis auf die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes erhalten: Erinnert wird an Wilhelmine Amalie Hollmann, deren Mann 1834, nach ihrem Tode, hier die Hollmannsche Wilhelminen-Amalien-Stiftung für Witwen und Töchter höherer Beamter errichtet hatte. Der Erinnerung an diese Frau ist im Hof eine Kunststeinstele mit aufgesetzter Eisenschale gewidmet. Mit der Linienstraße Nr. 162 fällt ein weiterer, 1911 errichteter Schulbau Ludwig Hoffmanns auf, in der die Volkshochschule Mitte ihr Domizil hat.
Auf der gegenüberliegenden Seite passt sich nach der Hausnummer 100 die Seitenfront eines roten Klinkerbaus an die Traufhöhe der umgebenden Häuser an. Man muss aber die Toreinfahrt des Hauses Nr. 100 durchschreiten, um die Vorderansicht eines der schönsten Sakralbauten in Formen der ,,neuen Sachlichkeit“ betrachten zu können. Die katholische St. Adalbert-Kirche wurde 1933 errichtet.

Die folgende unscheinbare Querstraße, die heute von einem Sportplatz durchschnittene Kleine Hamburger Straße, krönte das nächste, das Hamburger Tor. Es gehörte zu den imposantesten, am reichsten geschmückten Toren der Stadtbefestigung.

Empfohlen wird, in den Hof des Hauses Nr. 147 zu gehen. Seit seiner Errichtung hat dieses wie die benachbarten Häuser keine neue Farbe gesehen. Es ist auch noch von Einschüssen aus der Zeit des 2. Weltkrieges übersät. Dennoch gehört dieser Hof vor allem in den Sommermonaten zu den schönsten im Kiez; Theateraufführungen finden hier statt und man kann sich vom Grau der Großstadt erholen.

Nach der Kreuzung Tucholskystraße (früher Artilleriestraße) fällt die bunte Mischung von Gewerbebetrieben und Wohnhäusern auf, die Hinterfront einer Schule (Nr. 122-123), der Zugang zu einer Kegelbahn mit Bewirtschaftung (Nr. 121).

Auf die Oranienburger Straße stoßend, endet der Spaziergang am ehemaligen Oranienburger Tor, das durch einen U-Bahnhof und auch sonst umgangssprachlich als einziges Tor der Spandauer Vorstadt noch in Erinnerung blieb. Rechter Hand, leicht zu übersehen, hat im Haus Nr. 128-129 ein Trupp der freiwilligen Feuerwehr seinen Sitz; es soll sich um das älteste Feuerwehrgebäude Berlins handeln. Der nordwestlichste Punkt der Spandauer Vorstadt und auch die Hausnummernkehre der Linien-Straße mit den Nummern 135/136 ist erreicht.

 

Massenmorde in Afrika – des Kaisers Admirals SMS „Albatros“

 

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Geboren am 12. Februar 1846 in der Hafenstadt Stettin, stammte Max Plüddemann aus einer preußischen Beamtenfamilie. Die Ostsee war eine Droge – der 17jährige trat in die Marineschule ein, Seeoffizier war sein Traum. Erste Schritte als Kadett folgten 1867/68 auf dem Segler „Niobe“. Dann war für den angehenden Offizier Theorie angesagt: das Seekadetteninstitut in Kiel, das er mit der Beförderung zum Unterleutnant zur See und der Aussicht auf eine Kommandierung in der königlich-preußischen Ostseeflotte 1867 abschloss. 1870 wurde Max Plüddemann Leutnant zur See und Wachoffizier auf SMS Elisabeth, einer Korvette der Marine des Norddeutschen Bundes, später des Reiches. Im Juni 1874, nun Kapitänleutnant, war Max Plüddemann für 3 Monate „Kommandant in Vertretung“ auf SMS Nymphe. Die Korvette war gegen Frankreich 1870 im aktiven Einsatz gewesen, bekannt geworden war ein Nachtgefecht vor Rügen am 23. September 1870. Als erstes Schiff der Reichsmarine hatte SMS Nymphe 1871 eine Weltreise angetreten. Nach einem ersten Lehrgang an der Marineakademie Kiel diente Plüddemann 1875 auf SMS Kronprinz als Batterieoffizier, einem Schiff, dessen Brücke er 10 Jahre später  wieder als Erster Offizier im Range eines Korvettenkapitäns betreten soll. Stationen danach: Mai 1876 – September 1876 und Mai 1877 – Oktober 1877 Batterieoffizier auf Panzerfregatte SMS Friedrich Carl

Kapitänleutnant Max Plüddemann ging im Oktober 1877 von Kiel aus für zwei Jahre als Navigationsoffizier mit SMS Leipzig auf Weltreise. Im März 1878 passierte man die Südspitze Südamerika, die schwierige Magellanstraße, vor Valparaiso kam es zum geplanten Zusammentreffen mit SMS Ariadne und SMS Elisabeth, gemeinsam wurde zur Durchsetzung der deutschen Interessen in Nikaragua interveniert. Weitere Zielgebiete: Hawaii, Japan, China – überall wurde „Flagge gezeigt“. Die Abreise nach Europa erfolgte im Mai 1879 über Singapore und Mauritius, Ankunft in Kiel September 1879. Die Korvette, ab 1884 Kreuzerfregatte, war an zahlreichen Unternehmungen der deutschen Kolonialpolitik beteiligt sowie ein Instrument deutscher Kanonenbootpolitik. Von 1888 bis 1892 war sie das Flaggschiff des Kreuzergeschwaders in Übersee. Max Plüddemann erweiterte seine Kenntnisse und konnte seine neugewonnenen Erfahrungen vom Oktober 1879 bis September 1881 auf der Kaiserlichen Werft Wilhelmshaven als Assistent des Oberwerftdirektors erfolgreich einsetzen – das war der Ritterschlag, die Voraussetzung für die künftige Admiralskarriere. Ende 1883, nach Kommandos in der Navigation, in der Artillerie und in der Mannschaftsführung auf Kanonenbooten und Kreuzern, nach intensivem Kennenlernen der strategischen Aufgaben in den Werften an Ost- und Nordsee und in der Admiralität war Max Plüddemann bereit für die Übernahme von größeren Aufgaben in Übersee.

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Im November  1883  übernahm Korvettenkapitän Plüddemann  das Kommando auf SMS Albatros. Es wurde sein bis  November 1885 andauerndes erstes selbständiges Kommando. Ziel: die Südsee, im Frühjahr 1884 war sie erreicht. In jenen ersten Jahren der kolonialen Erwerbungen lag die militärische und politische Verantwortung für die völkerrechtliche Gewinnung und Absicherung der seit Jahrzehnten in den Händen wirtschaftlicher Unternehmen liegenden Territorien bei der Marine, und damit bei den Kommandanten der Kriegsschiffe. Die unterschiedlichen Bedingungen und die weiten Entfernungen, auch die unterschiedlichen Interessen der Rivalen forderten die Eigenverantwortung der Kommandanten. Starke Persönlichkeiten waren gefragt. Die erste Station im äußersten Südosten des deutschen Interessengebietes, die Hauptstadt Samoas, Apia, wurde am 30. Mai 1884 genommen. SMS Albatros „zeigte Flagge“ gegenüber den Rivalen und der einheimischen Bevölkerung. Damit begann die deutsche Verwicklung in den Konflikt mit den USA und Großbritannien um die Inselgruppe, im November 1884 wurde SMS Albatros in Apia permanent stationiert – Plüddemann unterstützte die deutsche Kolonialverwaltung, er war kurzzeitig „Dienstältester Seeoffizier auf der Südseestation“. Als sich die einheimischen Regenten nicht unterwarfen, setzte der Kommandant Gewalt ein. Militärische Auseinandersetzungen erreichten im Sommer 1887 ihren Höhepunkt, der König  wurde gefangen und verbannt – SMS Albatros brachte ihn nach Kamerun in die Verbannung. Dennoch blieb Samoa ein Unruheherd. Weitere Einsätze der SMS Albatros: September Oktober 1885: Abschluß von Verträgen mit den Häuptlingen der Karolinen-Inseln, Verteilen von Geschenken, Flaggenhissungen und Aufstellen von Hoheitszeichen als Hinweis auf die völkerrechtliche Besitzergreifung. Bemerkenswert die Aktion auf der Insel Ponape (Palau-Inselgruppe) am 13.Oktober, die Pensionär Max Plüddemann in einem Artikel in der Berliner „Die Woche“ (Nr. 16/1899) ausführlich beschreibt.

Am 21. November 1885 trat Fregattenkapitän Plüddemann die Heimreise aus der Südsee an, wurde ohne Pause durch die Admiralität und das Reichsmarineamt in strategisch bedeutende Positionen versetzt und zum Kapitän zur See befördert. In den folgenden Jahren kommandierte er nacheinander drei neu in Dienst gestellte Panzerschiffen (SMS Oldenburg,  SMS Baden, SMS Bayern), auf denen er seine in den Kampfeinsätzen gesammelten Erfahrungen als Mitglied der Schiffsprüfungskommission des Reichsmarineamtes für den Prozess des Ausbaus, der Erweiterung, der technischen Vervollkommnung  und der Erhöhung der taktischen Kampfqualität der kaiserlichen Kriegsflotte einsetzen konnte. Max Plüddemann war ein exzellenter Techniker, den Schiffbau hatte er schon als Kind auf der Werft studiert. Für sein Verständnis der  ingenieur-technischen Fragen des modernen Schiffbaus, für seine Materialkenntnis, für sein kreatives Herangehen an die Probleme der Konstrukteure auf den Werften sprechen einige der Aufsätze in den Jahren ab 1898, die er in Fachmedien veröffentlichte besonders bemerkenswert der Artikel „Kriegsschiffe“ im ersten Jahrgang (1901) des von ihm herausgegebenen Flottenkalenders. Das Panzerschiff SMS Oldenburg, das er vom 27. September bis zum 23. Dezember 1886 kommandierte,  war das erste in Deutschland vollständig aus Stahl gebaute Schiff, ein von vornherein ohne Segeltakelage konstruiertes Panzerschiff der kaiserlichen Marine. SMS Oldenburg wurde in den Bestand des neu geschaffenen „Manövergeschwaders“ übernommen. Hauptaufgaben der Manöver und der direkten Vorbereitung von Kampfeinsätzen waren Landungsübungen, Blockadeübungen, Tests neuester Technik wie z.B. elektrische Ausrüstungen, Übungsmärsche zwischen Ost- und Nordsee sowie Stabsübungen des Zusammenwirkens mit der Torpedoflottille. Unter Kaiser Wilhelm II. war er vom Dezember 1890 bis September 1896 Präses der Schiffsprüfungskommission, danach bis Juni 1897 Vorstand der Nautischen Abteilung im Reichsmarineamt.

Die Einsätze an der Küste Ostafrikas ab 1888, an denen Max Plüddemann als Kommandant von SMS Leipzig teilnahm, waren die größte und längste militärische und politische Aktion der Reichsmarine vor dem I. Weltkrieg. Einer der Brennpunkte des Aufstandes war die nördlich von Dar es Salaam liegende Region um Bagamoyo. Der Widerstand der afrikanischen und arabischen Bevölkerung der Region entzündete sich an dem aggressiven Bestreben und brutalem Vorgehen deutscher Siedler, die angestammte Bevölkerung aus dem Küstenstreifen zu vertreiben, um sich ungehinderten Zugang von den Häfen zu den Plantagen im Inneren des Landes zu verschaffen. Die afrikanischen Händler, Bauern, Handwerker griffen zu den Waffen, leisteten hartnäckigen Widerstand. Die Siedler beriefen sich auf einen kaiserlichen „Schutzbrief“, forderten die Kriegsmarine und die neugeschaffene „Schutztruppe“ unter Führung des „Reichskommissars“ Wissmann zum Eingreifen auf.  Wer sich widersetzte, wurde nach seiner Gefangennahme vor ein Kriegsgericht gestellt und exekutiert. Auf Schonung hoffen konnte derjenige, der für die Kolonialherren eventuell noch von Nutzen war. Den Häuptling Bushiri ließ Wissmann hängen, weil er von den Deutschen nicht „irgendwie auszunutzen“ war. Derartige Exekutionen fielen in den Verantwortungsbereich Max Plüddemanns als Kommandant der SMS Leipzig und Admiral Deinhards als Geschwaderchef, auch wenn die Marineoffiziere selbst nicht die Urteile sprachen und auch nicht an den Scheinprozessen teilnahmen. Hauptmann Wissmann war auf die Marine angewiesen, auf SMS Leipzig, die Marine wiederum auf die Truppen Wissmanns. SMS Leipzig hatte sich bei der Niederschlagung des Aufstandes hervorgetan durch Artilleriebeschuss und Überfälle der Marineinfanterie: ein Augenzeuge, der Kommandant von SMS Schwalbe, Korvettenkapitän Hirschberg, formulierte 1888 lapidar : „Am 22. September landet S.M.S. „Leipig“ in Bagamoyo und stürmt es. Der Feind 115 Todte,“Leipzig“ keine.“

Im Jahre 1897 wurde Max Plüddemann  „zur Disposition gestellt“- noch dem Reich verpflichtet, wenn auch nicht mehr aktiv. Er verstand sich weiterhin als Angehöriger der Marine, blieb seinem Kaiser als Autor, Historiker und auch Herausgeber des jährlichen Flottenkalenders treu. Im Jahrgang 1901 schrieb er einen Leitartikel: „Kaiser Wilhelm II. und die Deutsche Flotte“. Der Aufsatz schließt pathetisch: „die Zeiten und Verhältnisse ändern sich, wir müssen ihnen auch fernerhin Rechnung tragen und aufpassen, daß wir nicht bei dem allgemeinen Ansturm sämtlicher Seestaaten zur Erringung von Seegewalt und Geltung im Weltverkehr ins Hintertreffen geraten. Doch das Vaterland kann ruhig sein: Der Kaiser steht selbst auf der Wacht.“ Zeitgemäß und patriotisch ist sein zweiter Aufsatz in dieser Ausgabe zur Niederschlagung des sogenannten Boxer-Aufstandes in China. Beeindruckend ist das schriftstellerische Erbe Max Plüddemanns auch als Übersetzer aus dem Englischen: Originalwerke britischer Admirale, wissenschaftliche Berichte über neueste archäologische Entdeckungen in Ägypten wie auch Intimes aus dem Leben von Königin Victoria. Von seiner internationalen Anerkennung als Militärhistoriker zeugt auch die Herausgabe seiner Analyse des Krieges der USA gegen Spanien 1898 in Washington, D.C.

Max Plüddemann starb am 23. Januar 1910 in seiner Villa in Kleinmachnow und wurde am 26. Januar auf dem Offiziersfriedhof an der Linienstraße beigesetzt. Sein Grabmonument ziert ein Relief seines Lieblingsschiffes, der SMS „Albatros“.

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Berliner Spaziergänge – das Scheunenviertel (Teil I)

 

Vorbemerkung: Vor etwa 25 Jahren entstand ein damals dringend gebrauchter „Stadtteilführer Scheunenviertel Berlin“, passend in die Sakko-Innentasche, locker geschrieben, aber gründlich recherchiert. Der Verlag Neues Leben ist lange verschwunden, damit gewünschte Nachauflagen unmöglich. Also dieser Weg, heute einen Vergleich mit der Lage vor einer Generation anzustellen. Vielleicht sollten wir gemeinsam die Spaziergänge von damals wiederholen.

Hier schon ein visueller Vorgeschmack, was uns erwartet – ein Blick in die Gipsstraße damals und heute:

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,,Scheunenviertel“ – ,,Scheunenfeld” – ,,Spandauer Vorstadt“. Hier befindet sich die historische Mitte Berlins, unmittelbar hinter den ehemaligen Befestigungen des Holländers Johann Gregor Memhard. Der Platz ist geschichtsträchtig, obwohl von hier kaum große historische Entscheidungen ausgingen.

Das Scheunenviertel entstand in der Vorstadt, auf der Glacis, dem äußeren Vorgelände der Festungsanlagen der Stadt Berlin. Es war jenes Vorgelände, das in Richtung Nordwesten, also in Richtung Spandau gelegen war, daher der noch heute gültige Begriff der Stadtplaner: Spandauer Vorstadt. Spandau selbst liegt allerdings etwa zwanzig Kilometer westlich.

Die Doppelstadt Berlin-Cölln war im 17. und 18. Jahrhundert eine befestigte Stadt. Es war daher natürlich, dass sich Bauwesen, Straßenanlage und Stadtentwicklung an den räumlichen Gegebenheiten, d.h. an den Befestigungsanlagen orientieren mussten. In der Spandauer Vorstadt regierte das Militär – Straßennamen zeugen u.a. davon wie Grenadier-, Artillerie-, Füsilier- und Dragonerstraße, Hackescher Markt.  Der Verlauf mancher Straßen wie der der Neuen Schönhauser musste sich den Festungsmauern anpassen und schließlich hatte die Stadt ein ziemlich grobes Terrain der Vorstadt an das Militär zur Anlage von zwei Garnisonfriedhöfen abzutreten.

In diesem Gebiet aber beginnt auch ab 1671 eine neue historische Phase der jüdischen Besiedlung. Fast genau ein Jahrhundert zuvor (1573) waren die Juden per Dekret des Kurfürsten Joachim und mittels Feuer und Schwert seiner Söldner aus der Mark Brandenburg vertrieben worden. Nun ruft sie Kurfürst Friedrich Wilhelm I. nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder ins Land, um aus ihren Kenntnissen und praktischen Erfahrungen sowie aus ihren europäischen finanziellen Verbindungen Nutzen zu ziehen. Der erste Friedhof der neugegründeten jüdischen Gemeinde wird an der Großen Hamburger Straße angelegt – außerhalb der Stadtmauern. Und es ist einer der historischen Zufälle, dass fast gleichzeitig der Stadtkommandant einen Erlass verfügt, nach dem brennbare landwirtschaftliche Produkte wie Heu, Stroh, Getreide nicht mehr innerhalb der Stadtmauern zu lagern seien. Infolge dieses Befehls steckte die Polizei im Vorgelände der Festung, außerhalb der ,,Contreescarpe“ Bauplätze für siebenundzwanzig Scheunen ab und wies die Anlage der dazu gehörenden Verbindungswege an, der Scheunengassen. So entstand in den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts das sogenannte Scheunenfeld, das Ausgangsgebiet des späteren Scheunenviertels. Die Scheunen standen dort, wo sich heute das Gebäude der Volksbühne erhebt, auf dem Rosa-Luxemburg-Platz.

Scheunenviertel – das war in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts ein Teil der Berliner ,,Szene“. Das war ,,verruchte Boheme“, Straßenhandel, Kabarett und Prostitu tion und auch Kriminalität. Das war auch die Wirkungsstätte Doblins, Zilles, Hauptmanns, Fontanes, das waren die Volksbühne und die freien Theatergruppen.

Scheunenviertel – das ist eine unendliche Geschichte von Stadtsanierung und Grundstücksspekulation, von Verfall, Zerstörung und Aufbauwillen der Bewohner. In diese Geschichte gehört aber auch das Wirken solcher Architekten und Stadtplaner wie Hans Poelzig, Oskar Kaufmann, Ludwig Hoffmann und ihres Vorgängers Georg Christian Unger.

Das Scheunenviertel war schließlich auch Arena politischer und zuweilen militärischer Auseinandersetzungen. Spartakisten, Kommunisten, rechte und linke Sozialdemokraten, Anarchisten, die Polizisten des Kaisers und der Weimarer Republik und endlich die SA-Trupps Hitlers – sie alle hatten ihre Quartiere, Kneipen, Hinterzimmer oder auch Verstecke im Scheunenviertel. Das besondere soziale Klima des Viertels bot einen günstigen Nährboden für Gewalt und Terror.

lst die Beschreibung von ,,Taten der Toleranz“, vom überwiegend friedlichen Zusammenleben der Bewohner nur eine Legende? Wohl kaum. Es gab sie von Anfang an im Scheunenviertel, diese aus der Notwendigkeit des Zusammenlebens auf kleinstem Raum geborene Haltung der Akzeptanz des Andersseins des Mitmenschen, der anderen Religion, der fremden Kleidung und Haartracht und auch eines anderen Geschäftsgebarens. Juden und Christen, Protestanten und Katholiken, Lutheraner und Reformierte mussten miteinander auskommen. Der Große Kurfürst und seine Nachfolger hatten zur ,,Hebung des Wohlstandes Brandenburgs“ die Andersdenkenden ins Land geholt. Brandenburger hatten sich mit Pommern, Preußen, Böhmen, Hessen und Holländern zu arrangieren. Deutsche, Franzosen, Italiener, Polen arbeiteten auf den Baustellen Berlins, dienten in den Regimentern der Kurfürsten Brandenburgs und der preußischen Könige.

Wo ist das Scheunenviertel heute? Wer sich auf die Suche macht, zu Fuß, auf dem Fahrrad oder gar hinter den Autoscheiben, muss auf Überraschungen gefasst sein. Die erste herbe Enttäuschung: Es gibt keine Scheunen im Scheunenviertel. Es gibt auch keine Bauernhöfe, keine Felder, nur sehr wenig Rasen, einige Bäume und ganz selten gemütliche und saubere Höfe. Die letzten Scheunen verschwanden vor über 100 Jahren, als auf dem Gelände des heutigen Rosa-Luxemburg-Platzes Baufreiheit für das Gebäude der Volksbühne und die umliegenden Blöcke geschaffen wurde. Da war aber aus dem ,,Scheunenfeld“ schon lange das ,,Scheunenvierte|” geworden, eine Mixtur aus Slum, Straßenmärkten, Boheme und Kasernen.

Die zweite Enttäuschung für den Suchenden im Scheunenviertel: Man findet keine eindeutigen und ablaufbaren Grenzlinien des Scheunenviertels. Es ist müßig, sich über die exakte Topografie des Scheunenviertels der letzten hundert Jahre zu streiten. Seinen historischen Kern bildet das Gebiet um den Rosa-Luxemburg-Platz zwischen Prenzlauer Tor, Tor-, Rosenthaler, Weinmeister-,Münzstraße und Alexanderplatz. Es hat sich aber eingebürgert, den Namen Scheunenviertel auch auf das kulturelle, gewerbliche und soziale Ausstrahlungsgebiet dieses historischen Kerns auszudehnen – in westlicher Richtung entlang der August-, Linien- und Sophienstrafie sowie der Oranienburger Stral3e zwischen Hackeschem Markt und ehemaligem Schloß Monbijou bis hin zum Oranienburger Tor.

In dieser Gewohnheit der Verwischung von Grenzen steckt nichts Verwerfliches, führte doch diese ,,Spandauer Vorstadt“ schon seit dem 17. Jahrhundert ein Eigenleben, dessen Charakter auch in einem sehr weit gefassten Verständnis vom ,,Scheunenviertel“ zum Ausdruck kommt. Wenn Döblin oder Zille vom Scheunenviertel sprechen, sind Münz-, Ackerstraße und Rosenthaler Platz und auch die inzwischen verschwundene Amalienstraße eingeschlossen.

In den ,,goldenen Zwanzigern“ ist die ,,Mulackritze“ ebenso Scheunenviertel wie die Kinos in der Neuen Schönhauser oder in den Hackeschen Höfen.

Die Verwischung der Grenzlinien in der Spandauer Vorstadt hatte auch etwas mit der gewerblichen Entwicklung dieses Gebietes zu tun. Die Ausdehnung des städtischen Siedlungsgebietes Berlins über die Spree hinweg in Richtung Norden und Westen schuf neue Bedürfnisse nach Transportmitteln wie Schiffe und Karren. Es wurde Baumaterial in bisher unbekannten Mengen gebraucht. Der Soldatenstand verlangte Uniformtuche und Leder; die Herrschaften des Hofes brauchten Samt und Seide. lm 17. und 18. Jahrhundert wurde insbesondere die Uferlage der Spandauer Vorstadt zu einer günstigen Bedingung für die Anlage von Schiffswerften, Maulbeerplantagen (für die Seidenraupenzucht), Textilmanufakturen, Ziegel-, Gips- und Kalkbrennereien, aber auch Herbergen und Bierbrauereien.

Die schon bestehenden Meiereien, Vorwerke und Holzverarbeitungsplätze erlebten einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die ständige neue Niederlassung von Arbeitern, Unternehmern mit Kapital und Erfahrungen sowie auch Finanz- und Verwaltungsfachleuten aus anderen deutschen Ländern und dem Ausland im sich ausdehnenden Scheunenviertel und der gesamten Spandauer Vorstadt trug zu neuen gewerblichen Verflechtungen bei. Die Spree und die künstlich angelegten Wasserlaufe trennten eigentlich weniger die Spandauer Vorstadt von Berlin-Cölln als heute angenommen. Vorwiegend über die Spandauer-, Hercules-und Weidendammbrücke floss der Verkehr ursprünglich zwischen dem alten Stadtkern und der Vorstadt. Später kamen die Eberts-, Monbijou- und Rochbrücke hinzu.

Schließlich sind auch die Bedürfnisse des sich ausdehnenden Schlosses Monbijou, die Entstehung von Verlagen und Druckereien, die Anlage der königlichen Münze, das Entstehen von Theatern und Varietés und überhaupt die Herausbildung eines Netzes gewerblicher Dienstleistungen in der Spandauer Vorstadt bis ins 19./20. Jahrhundert wesentliche Faktoren für das Ineinanderfließen von Lebensräumen, religiösen und kirchlichen Einflüssen und kulturellen Traditionen.

Heute (1992) liegen Handwerk und Gewerbe wie auch die anderen Lebensbereiche im Scheunenviertel ziemlich am Boden. Dieses Gebiet leidet unter den Folgen einer Vernachlässigung, die sich über mehrere Generationen hinzog. Während Bau- und Verkehrswesen, die kulturelle und soziale lnfrastruktur in der unmittelbaren Nachbarschaft -zwischen Alexanderplatz und der Friedrichsstadt, entlang der Karl-Marx-Allee und im Nikolaiviertel – in den 70er und 80er Jahren einen unter DDR-bedingungen überdurchschnittlichen Aufschwung erlebten, wurde dem Scheunenviertel wie schon in den Jahrzehnten zuvor ein Dornröschenschlaf verordnet. Angesichts dieser aussichtslosen Lage trocknete das Gebiet aus, nur die wenigsten Bewohner und Gewerbetreibenden widerstanden dem Sog des Umzugs nach Marzahn, Hohenschönhausen oder Hellersdorf. 1989/90 waren es diese Wenigen, die unter den neuen politischen Bedingungen nach einem Ausweg für das Scheunenviertel von morgen suchten, die zusammen mit Denkmalpflegern, Stadtplanern und Soziologen Alternativen für die soziale und gewerbliche Renaissance des Scheunenviertels entwickelten. Vielleicht sind schon erste Resultate dieser Bemühungen in den nächsten Jahren bei Wanderungen durch das Scheunenviertel zu erkennen.

Zwischen diesen Stationen und den Zielpunkten wie Alexanderplatz oder Oranienburger Tor liegen traditionsreiche Kulturstatten (,,Babylon“, ,,Volksbühne“), alte Friedhofe, Bauwerke großer Architekten, Kirchen und Gedenkstatten, ruhige Hinterhöfe sowie neue Cafes und Galerien. ln den ruhigen Seitenstraßen kann man sich mit einiger Phantasie das verschwundene Leben und Treiben der Handler und Handwerker, der Passanten und der Kunden der jüdischen Buchhandlungen oder koscheren Geschäfte zurückrufen. Parks und Friedhöfe lassen den aufnahmebereiten Wanderer die historischen Gestalten des Freiherrn de la Motte Fouqué, der Gräfin Katharina von Wartenberg, des Stadtkommandanten von Hacke, vielleicht auch des Zeichners Heinrich Zille, des Verlegers Friedrich Nicolai oder der Dichterin Anna Louisa Karschin lebendig werden.

Die Spaziergänge versprechen also Spannung, neue Erkenntnisse und vielleicht auch Erstaunenswertes. Zum vorläufigen Abschluss noch ein visueller Vergleich – ein Blick in die Große Hamburger Straße – 1992 und 2018

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Dieter Weigert, im Oktober 2018

Ein verschwundenes Berliner Baudenkmal: Die Alte Garnisonkirche

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Garnisonkirchen und Garnisonfriedhöfe sind für Orte, in denen Militär stationiert war, nichts Ungewöhnliches. In Berlin gehörte rund zweieinhalb Jahrhunderte die Alte Garnisonkirche zum Stadtbild. Heute sucht man sie jedoch vergeblich – sie ist verschwunden. 

1703 in Anwesenheit von König Friedrich I. feierlich  eingeweiht, war die Alte Berliner Garnisonkirche durch ihre Bau- und Architekturgeschichte sowie ihre mehrfachen Um- und Ausbauten mit der Kultur- und Militärgeschichte der Mark- Brandenburg, des Königreichs Preußen und seiner Residenz Berlin eng verbunden. Ihr Untergang – 1943 ausgebombt und in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts abgetragen – wirkt wie ein Symbol für die Größe und den Untergang Preußens. Das benachbarte Gebäude der ehemaligen Garnisonschule ist erhalten geblieben (Anna-Louisa-Karsch-Straße 8).

Die Namen kulturgeschichtlich bedeutender Architekten wie Martin Grünberg, Johann Philipp Gerlach oder Karl Friedrich Schinkel, herausragender bildender Künstler wie Johann Friedrich Walther, Adolph Menzel und Christian Bernhard Rode wie auch des Orgelbaumeisters Joachim Wagner sind eng mit der Entwicklung der Alten Berliner Garnisonkirche verknüpft.

In den Grüften der Kirche waren über achthundert Offiziere der Berliner Garnison und deren Familienangehörige beigesetzt.

Als Kirche für das Militär präsentierte sich die Berliner Garnisonkirche zwischen 1703 und 1943 dem Betrachter janusköpfig: einerseits war sie ein Ort der stillen Andacht von Soldaten, Offizieren und deren Familien – andererseits eine Kultstätte, in der man sich laut und mit geschwellter Brust der militärischen Siege rühmte. Woran liegt es, dass die Kirche, die einst glanzvolle Tage erlebte, heute vergessen scheint? Wohl daran, dass sie nie so berühmt wie die „Königliche Hof- und Garnisonkirche“ in Potsdam wurde. Zudem erlebte die Kirche ab 1918, als die Garnison aufgelöst wurde und Kaiser Wilhelm II. ins holländische Doorn floh, stille Zeiten. Nach der Zerstörung 1943 lag die Kirche dann als eine von vielen Ruinen inmitten der zerstörten Stadt. Sie wurde abgerissen und geriet fast gänzlich in Vergessenheit.

 Der Standort der Garnisonkirche befand sich in Berlin-Mitte, dort wo die Anna-Louisa-Karsch-Straße (früher Neue Friedrichstraße) in die Spandauer Straße mündet . Eine Inschrift über der Tür des Hauses Anna-Louisa-Karsch-Straße 9 verweist darauf, dass dieses Gebäude einst als Garnison-Pfarramt genutzt wurde. Auf dem Nachbargrundstück, wo sich heute eine Straßenbahnhaltestelle befindet, am Schnittpunkt von Garnisonkirchplatz, Spandauer Straße, Anna-Louisa-Karsch-Straße, Spandauer Straße und der Straße An der Spandauer Brücke, stand die Garnisonkirche.

 Der Platz der ehemaligen Kirche ist heute umbaut – auf dem Terrain hinter dem S-Bahnhof Hackescher Markt sind Bürogebäude entstanden, Gaststätten, die Zentrale der GASAG, ein Hotel und andere Einrichtungen.

DIE KIRCHE IM 18. JAHRHUNDERT

Die Garnisongemeinde zu Berlin entstand 1655 als erste ihrer Art in Brandenburg-Preußen. Ihre Gründung steht im Zusammenhang mit dem Neuaufbau des Staatswesens nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges. Das neu geschaffene stehende Heer bedurfte einer bis dahin nicht vorhandenen Garnisonsstruktur und inneren Ordnung. In der von strenger ständischer Gliederung und Leibeigenschaft geprägten Gesellschaft übernahm das Regiment obrigkeitliche Funktionen für die Soldaten; die Kirchgemeinde sollte von jenen der Stadtbürgerschaft unabhängig sein.

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Der Grundstein für die Berliner Garnisonkirche wurde im Jahre 1701 gelegt. Will man ihre Geschichte erzählen, muss man weiter zurückblicken: in die Regierungsjahre Friedrich Wilhelms, des Großen Kurfürsten (1640 – 1688).

 Wüst war die Mark 1648 nach dreißig langen Jahren Krieg; Mensch und Tier getötet, ganze Orte verlassen – ein Neuanfang unter Führung des jungen Fürsten Friedrich Wilhelm musste auch den militärischen Schutz der Kurmark bedeuten. Das Geld für ein stehendes Heer, für die Befestigung der Städte wurde den Ständen aufgebürdet. Vor 350 Jahren, im Sommer 1653, konnte der Kurfürst den Widerstand der Stände brechen – der Kompromiss mit dem Landtag sah eine jährliche Summe von 530 000 Talern für das kurfürstliche Heer vor. Die Gegenleistung: Friedrich Wilhelm sicherte den adligen Grundbesitzern alle ständischen Privilegien wie Steuer- und Zollfreiheit, Obrigkeitsrecht über die Bauern, Verfügung über deren Frondienste, Festschreibung von bestehenden Leibeigenschaftsverhältnissen zu.  Als der Große Kurfürst die Söldnerheere nicht mehr vollständig auflöste und mit dem Aufbau eines stehenden Heeres begann, schickte man die Feldprediger nicht nach Hause. Sie wurden Regimentern zugeordnet, um die Soldaten nicht nur während des Krieges, sondern ebenso in Friedenszeiten zu betreuen. So entstand schrittweise mit den Garnisonen auch eine militärkirchliche Struktur

Die erste Kirche (1703-1720)

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Die erste Garnisonkirche im preußischen Staat wurde auf Weisung König Friedrichs I. als Kirche der Berliner Garnisongemeinde von 1701-1703 erbaut. Der Entwurf stammte vom Hofbaumeister Martin Grünberg (1655 – 1706). Dieser hatte mit Johann Arnold Nering einen berühmten Vorgänger, mit Philipp Gerlach einen nicht minder bekannten Nachfolger. Er selbst scheint vergessen, obwohl von ihm bedeutende Berliner Kirchen stammen und er an nahezu allen großen Bauvorhaben seiner Zeit mitwirkte: am Zeughaus, am Großen Friedrichshospital und am Bau des Charlottenburger Schlosses.

Einweihung der Kirche war am 1. Januar 1703. Grünberg schuf einen Zentralbau auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes und gestaltete den Bau sparsam, ganz zweckmäßig auf die Funktion zugeschnitten. 11 Eingänge garantierten den geordneten Einzug der in Formationen zum Gottesdienst einrückenden Soldaten. Im Innern fand sich ein schlichter Raum mit Kanzel und Altar. Emporen boten Platz für die Regimenter.

 Die erste Kirche stand nur 17 Jahre. 1720 sollte ein alter Pulverturm unmittelbar neben der Kirche abgetragen werden. Der Turm explodierte am 12. August, kurz nach 10 Uhr. Die eigentliche Ursache des Unglückes blieb ungeklärt. 72 Menschen wurden getötet, darunter auch 35 Soldatenkinder, die gerade am Schulunterricht teilgenommen hatten.  Das Schulgebäude war völlig zerstört, die Garnisonkirche stark beschädigt.

Ein Modell dieses Gebäudes ist in den Ausstellungsräumen des historischen Kirchhofs der Berliner Garnison in Berlin Mitte zu sehen – Kleine Rosenthaler Straße 3 (in der Nähe des Rosenthaler Platzes)

Die zweite Kirche (1722-1943)

Schon unmittelbar danach entstand der Plan des Wiederaufbaus. Bauherr war nunmehr König Friedrich Wilhelm I. (1713 – 1740). Er ließ die Trümmer beiseite räumen, besorgte das Geld und beauftragte den Oberbaudirektor Philipp Gerlach, mit den Entwürfen. Es entstand ein Quersaalbau auf rechteckigem Grundriß (ca. 58 m x 31,4 m) mit 11 : 5 Achsen. Um den reibungslosen Einmarsch der Regimenter zu sichern, wurden wie schon bei der Grünbergschen Kirche mehrere Eingänge konzipiert, diesmal acht.

Den Bau bekrönte ein hohes Dach. Es fehlten allerdings ein Kreuz oder gar ein Turm. Der Gottesdienst wurden den Mannschaften und Offizieren nicht durch Glockengeläut, sondern durch Trommelschlag angekündigt.

 Im Innern war die Kirche schlicht gehalten. In der Mitte des Raumes befand sich ein einfacher Tischaltar, an der nördlichen Langseite die Kanzel, ihr gegenüber, an der Eingangsseite, die königliche Loge.

 Die Kanzel gehörte mit der Orgel zu den Schmuckstücken der Kirche. Beide waren reich verziert – mit dem zur Sonne aufstrebenden Adler, mit Engelsfiguren, mit Harnisch, Helmbüschen und Kriegszeug – schließlich sollten die Besucher daran erinnert werden, dass sie sich in einer Militärkirche befanden. Als einzig erhaltenes Ausstattungsstück der ersten Kirche kam ein Taufstein in das neue Gebäude. Es handelt sich um eine meisterlich ausgeführte, mit plastischem Schmuck reich versehene Sandsteinarbeit, die vermutlich von Andreas Schlüter stammt. Seit 1994 ist dieser Taufstein in der Nikolaikirche zu sehen.

Eine Gruft in der Kirche scheint nichts Besonderes. Die unterirdische Begräbnisstätte in der Berliner Garnisonkirche darf sich dennoch so bezeichnen, entwickelte sie sich doch im Laufe der Zeit zum Prominentenfriedhof der preußischen Armee. Im Jahre 1723 angelegt, arbeitete König Friedrich Wilhelm I. persönlich die Gebührenordnung für Beisetzungen in der Gruft aus – wichtige Einnahmen für die Kirchengemeinde.

Unter Friedrich II. erfuhr die Garnisonkirche im Innern zahlreiche Veränderungen, die den Ruf der Kirche als Traditionsstätte begründeten. Fahnen und Standarten aus den Schlachten der Schlesischen Kriege wurden in der Kirche zur Schau gestellt. Der beauftragte König den Maler und Radierer Christian Bernhard Rode (1725 – 1797) mit der Anfertigung patriotischer Gemälde, die an gefallene „Helden“ des Siebenjährigen Krieges erinnern sollten. So entstanden nach 1759 Huldigungen an Kurt Christoph Graf von Schwerin, Ewald von Kleist, Hanns Karl von Winterfeld und Jakob von Keith. Ein fünftes Gemälde fertigte B. Rode Jahre später, vermutlich erst nach 1786 an – es stellte Hans Joachim von Zieten dar

DIE KIRCHE IM 19. JAHRHUNDERT

Preußens Niederlage bei Jena und Auerstedt 1806 schlug auch auf die Berliner Garnisonkirche zurück. Nach Napoleons Einzug in Berlin wurde die Kirche zu einem Heu- und Branntweinmagazin zweckentfremdet. Damit nicht genug, wurden in der Gruft auf der Suche nach Trophäen die Särge erbrochen und geplündert. Die Fahnen aus den Schlesischen Kriegen hatte man vor den Franzosen versteckt. Das 19. Jahrhundert darf für die Kirche als das Jahrhundert der Umbauten bezeichnet werden. Nach den großen Umbauten von 1817, 1863 und 1900 präsentierte sich die Kirche ihrem Besucher jeweils in neuem Antlitz.

Nach 1815 war sie im Stile des Schinkelschen Klassizismus gestaltet und durch ein kostbares Geschenk des Kirchenpatrons Friedrich Wilhelm III. bereichert worden – das Altargemälde von Karl Begas „Christus am Oelberge“. Der König ordnete 1822 auch die Anbringung vergoldeter Kreuze aus Eisen auf den Giebelseiten des Daches an und entschied 1835 über Details der Aufhängung eines zweiten Altargemäldes, das er der Kirche geschenkt hatte.

1863 wurde das Kircheninnere durch die Geheimen Oberbauräte Friedrich August Stüler und August Ferdinand Fleischinger verändert und erneuert.  Auf Stülers Pläne geht auch der Einbau eines Altartisches aus den Jahren 1853/54 zurück, der als eine der wenigen steinerne Zeugen der wechselvollen Geschichte der Kirche heute im Lapidarium auf dem Alten Garnisonfriedhof zu sehen ist – leider ohne die steinernen Originalsäulen.

Die grauweiße Tischplatte besteht aus schlesischem Marmor (Großkunzendorf in Schlesien), die roten Innenfelder der Spiegel aus französischem Marbre du Roi (Villefranche-de-Conflent, Departement Pyrenées-Orientales) und die grünen äußerem Rahmen der Spiegel aus niederschlesischem „Gabbro“ (Zobtenberg, Sudetenvorland).

Die Kirche erfuhr, wiederum auf Befehl ihres Patrons, am Ende des Jahrhunderts einen völligen Umbau.

Adolph Menzel  sollte unverhofft Gelegenheit bekommen, einige Helden aus der Zeit Friedrichs des Großen persönlich zu Angesicht zu bekommen. Im Jahre 1873 öffnete der Kirchenvorstand in Menzels Anwesenheit viele der 900 Särge in der Gruft zur Feststellung der Namen. In einem Sarg wurde ein preußischer Feldmarschall vollkommen konserviert vorgefunden, mit Haupthaar sowie dem Schwarzen Adlerorden auf der Brust. Menzel sagte sofort: „Das ist Keith, den erkenne ich an der Ähnlichkeit!“

Mehrfach muss der Künstler in jenem Jahr die Kellertreppe, die von der Seite der Predigerhäuser zum Gewölbe führte, hinab gestiegen sein. An den geöffneten Särgen fertigte er Bleistift-Studien von Leichen und Uniformen, die sich in der Gruft über mehr als ein Jahrhundert zum Teil völlig erhalten hatten.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Garnisonkirche wieder stärker in das öffentliche Leben getreten. Garnisonprediger Friedrich Adolph Strauß, von 1858 bis 1869 im Amt, konnte in der Kirche wiederholt Mitglieder der königlichen Familie begrüßen. Den Dankgottesdiensten nach den Kriegen Preußens gegen Dänemark und Österreich wohnte Wilhelm I. persönlich bei. Beginnend in den dreißiger Jahren, erwies sich die Garnisonkirche wegen ihrer Orgel und Akustik als begehrte Bühne für Musiker aus Berlin und anderen deutschen Städten.

Garnisonprediger Emil Frommel (1828-1896) war Sohn des Direktors der großherzoglich-badischen Galerie in Karlsruhe. Als Student der Theologie nimmt Frommel an den revolutionären Ereignissen 1848 als Burschenschaftler teil, distanziert sich aber im Herbst von der Bewegung. Auf Empfehlung eines Freundes wird Frommel als Prediger der Gardedivision nach Berlin geholt. Im Februar 1870 bezieht er das Garnisonpfarrhaus in der Neuen Friedrichstraße. Im Juli gingen die Gardedivisionen ins Feld. Nach dem Sieg bei Wörth drängte auch Frommel die Vorgesetzten, ihn an die Front zu schicken. Er wird Soldat, geht an die Front ins Elsaß. Nach der Kapitulation Straßburgs hält er den Gedenkgottesdienst in der Thomaskirche. Auf eigenen Wunsch bleibt er in Straßburg und wird zum Garnisonpfarrer von Straßburg ernannt. Frommel, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz, hielt im Juni 1871die Predigt beim Dankgottesdienst in Anwesenheit des Kaisers in der Garnisonkirche. 1871 ist Kirchentag in der Garnisonkirche: die Oktober-Konferenz. Frommel kam am ersten Tag zu Wort, auf besonderen Wunsch des Kaisers. Unter Frommel erlebt die Garnisonkirche ab 1872 einen Besucherzuwachs, besonders von Seiten der Offiziersfamilien der Garnison.

Auch zu Kaiser Wilhelm II. sind die Beziehungen Frommels eng. 1890 nimmt er auf Weisung des Kaisers als Komittee-Mitglied an der Reichs-Schulkonferenz teil, einberufen zur Bekämpfung des Sozialismus und der Reste der humanistischen Bildung, und ist dort einer der härtesten Verfechter des nationalen Gedankens und einer „Reform“ des Schulsystems.

Als „Volksschriftsteller“ wird Emil Frommel bekannt und berühmt, seine Themen sind die Kriegserlebnisse und das einfache, bescheidene Leben, die Abkehr von Utopien, das Sich-Abfinden mit den Bedingungen des Alltags. Sein Wunsch war es gewesen, auf dem Garnisonfriedhof ein Kruzifix gesetzt zu bekommen. Der Leipziger Bildhauer Trebst führte es in Carrara-Marmor aus.

Die Kirche im Jahre 1896

Am Abend des 13. April 1908 gegen 8 Uhr bricht Feuer in der Garnisonkirche aus. Der Brand war in der Nähe der Orgel ausgebrochen und hatte das gesamte Kircheninnere oberhalb der Emporen erfasst. Die alte Kanzel, der Taufstein und einzelne Altargeräte konnten den Flammen noch entrissen werden, ebenso das an Urkunden und Akten reiche Archiv der Kirche. Dagegen konnten das große Altarbild, die Bilder Rodes, die Fahnen und die Orgel nicht gerettet werden. Obwohl 1896 eine zweite evangelische Berliner Garnisonkirche am Südstern gebaut worden war, ordnete Wilhelm II. den unverzüglichen und orginalgetreuen Wiederaufbau der Alten Berliner Garnisonkirche an. Nur das Dach hatte jetzt eine Mansardenform erhalten. Am 29. August 1909 wurde der Neubau in Gegenwart des Kaisers feierlich eingeweiht.

 Der Zusammenbruch des Kaiserreiches blieb für die Berliner Garnisonkirche nicht ohne Folgen. Nun war die Garnison aufgelöst und damit wohl auch deren Gemeinde. Einen Patron hatte die Garnisonkirche auch nicht mehr. Deren Status und Rechtsverhältnisse als vormalige königliche Stiftung erwiesen sich im republikanischen System als äußerst kompliziert. Unter der Obhut des Reichswehrministeriums stehend, wurde die Kirche vom Garnison-Kirchen-Kollegium verwaltet. Von 1919 bis 1933/34 gehörte diesem der Feldpropst der Armee und der Marine, D. Friedrich Gottlob Erich Schlegel, an. Nach 1919, als in der Kirche kurzzeitig Kinovorführungen stattgefunden hatten, stand sie während der Weimarer Republik vor allem Traditionsverbänden der Reichswehr zur Verfügung.

Bis 1936 scheint sich eine Regelung der unklaren Rechtsverhältnisse hingezögert zu haben. Dann bemühte sich die Wehrmacht um das Patronat. Sie betrachtete sich als rechtmäßiger Nachfolger, da das Vermögen der einstigen königlichen Stiftung nicht nur aus Schenkungen Friedrich Wilhelms I., sondern auch aus Spenden von Heeresangehörigen erwachsen war. Trotz aller rechtlichen Unklarheiten erlebte das Gotteshaus weiterhin seinen kirchlichen Alltag. Bis in das Jahr 1943 geben die Kirchenbücher Auskunft. Am 21. November soll das Kirchengebäude seinen letzten Gottesdienst erlebt haben, bevor es am 23. November 1943 von einer Bombe getroffen zur Ruine ausbrannte.

DAS ENDE DER BERLINER GARNISONKIRCHE

Im Trümmerfeld Berlin war die zerstörte Garnisonkirche nur eine Ruine unter tausenden. So wurde es still um die Kirche. Im Herbst 1947 berichteten Zeitungen über Plünderungen in den Grüften. Man sei in die offenen Gewölbe eingestiegen, habe nach Wertsachen gesucht, sich am Holz der Särge bedient, die Sohlen der Militärstiefel abgetrennt.

Nachdem die Eingänge daraufhin verschlossen wurden, 1949 sich aber ähnliche Vorgänge wiederholt hatten, entschlossen sich Magistrat und Synodalverband, eine Umbettung der Toten vorzunehmen. 199 Särge wurden zu diesem Zeitpunkt in der Kirche gezählt. Die Reste der Toten wurden zum Stadtsynodal-Friedhof in Stahnsdorf überführt und dort in würdiger Weise bestattet. Es schien schwer zu sein, für das große und stark zerstörte Gebäude der Kirche in der Nachkriegszeit einen Nutzer zu finden. Die zuständige Groß-Berliner Grundstücksverwaltungs-AG, die im Auftrag der Deutschen Treuhandverwaltung arbeitete, versuchte dies erfolglos. Schon 1949 wurde deshalb erwogen, die Ruine zu sprengen – ohne dass diese Pläne ausgeführt wurden.

Erst Ende 1960 kam ein Abriss wieder ins Gespräch. Pro und Kontra standen sich gegenüber: Einerseits stellte die Ruine eine Gefahrenquelle dar, und ein baldiger Aufbau war nicht in Sicht, andererseits gebot der kulturgeschichtliche Wert der Kirche ihre Erhaltung. 1962 wurde die Ruine abgetragen, ungeachtet des Denkmalcharakters der Kirche.

Ein Verzeichnis der in den Grüften der Berliner Garnisonkirche zwischen 1703 und 1829 beigesetzten Personen ist beim Vorstand des Fördervereins Alter Berliner Garnisonfriedhof e.V.  erhältlich, ein Auszug aus dieser Liste ist nachzulesen in der Publikation „Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche“ von Barbara Kündiger und Dieter Weigert, Berlin 2004

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Meister Eckhart: Hund des Herrn, Ketzer oder gar beides?

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Von Erfurt-Hochheim nach Avignon

Die Fragen entstehen schon in Thüringen. Die Biographen geben unterschiedliche Orte für das Jahr 1260 an, in dem der Heilige meiner Kindheit zur Welt gekommen sein sollte – Hochheim bei Erfurt, nur 20 Minuten per Fahrrad von meinem Heimatdorf Möbisburg entfernt oder Tambach am Fuße des Thüringer Waldes, doch schon etwas weiter, ca. 40 km. Zur Predigerkirche in Erfurt am Ufer der träge fließenden Gera hatte mich meine Großmutter oft geführt, immer mit dem Hinweis auf den Geburtsort Hochheim, in dem unsere Familie die Gaststätte „Zum Birnbaum“ führte. Die Phantasie ging mit mir durch, ich sah den Prediger Bier trinken, mit anderen Mönchen debattieren, im fernen Avignon sich gegen die päpstlichen Vertrauten vom Vorwurf der Ketzerei verteidigen. Was meine schlaue Großmutter alles wusste! Jahrzehnte später erinnerte ich mich an jene Kirche und das benachbarte Dominikanerkloster als ich in Leipzig mit evangelischen Theologiestudenten über den Marxismus, über Aristoteles, über Luther diskutierte und mir meine Unkenntnis der Lehren des Meister Eckhart schrecklich zu Bewusstsein kam. Also kehrte ich so oft ich konnte, zu jenen Brücken im Zentrum Erfurts zurück, von denen man aus beide Kirchen und Klosterhöfe im Blick hat – und begann ein gründliches Studium der Texte Eckharts. Erst heute aber kann ich sagen, dass ich mich dem wirklichen Verständnis des Gedankenreichtums des mittelalterlichen Theologen annähere, den man sehr vereinfacht einen Mystiker nennt.

 

Die Dominikaner – Ketzerjäger und schöpferische Theologen

So stellte ich mir den Prior der Dominikaner Eckhart vor, wie er aus seinem Klosterhof über den Fluss auf das Anwesen der Franziskaner (heute Ruine der Barfüßerkirche) blickte. Jene in den grauen Kutten hatten in den theologischen Auseinandersetzungen des Mittelalters das Wortspiel „domini canes“ (des Herren Hunde) geprägt, um vor allem die Rolle des vom heiligen Dominicus gegründeten Predigerordens bei den brutalen Verfolgungen der Ketzerbewegung der Katharer in Südfrankreich zu charakterisieren. (In Carcassonne werden übrigens an jedem Sommerabend in den Festungsanlagen die blutigen Kämpfe zwischen Katharern und den „Hunden des Herrn“ als realistisches Freilichttheater dargestellt.)

 

Scheiterhaufen in Paris

An der Pariser Universität, der bedeutendsten des scholastisch dominierten Abendlandes, hatte Eckhart im Jahre 1302 seinen Magister gemacht, weshalb der den Ehrentitel MEISTER führte, vergleichbar mit dem heutigen Doktorgrad. Hochgeschätzt von den Gelehrten nicht nur seines Ordens, war er der bedeutendste deutsche Theologe aus der Schule des Thomas von Aquin, bemüht nicht nur um Vertiefung seines Wissens, sondern vor allem um eine allgemein verständliche Sprache seiner Predigten und Kommentare, um die Gewinnung auch der Laien für die Auseinandersetzungen mit Teilen des Klerus, der für sich einen Überlegenheitsanspruch propagierte. In den scharfen Debatten der Thomisten mit den Franziskanern vertrat Eckhart kühne, für die damalige Zeit schockierende theologische Positionen, die ihn den Vorwurf der Häresie einbrachten. Im Mittelpunkt standen dabei sehr modern anmutende Vorstellungen über die Wege zum Gottesverständnis, über das Verhältnis des Glaubens und der göttlichen Offenbarung zur Vernunft, zur Erkenntnis, zum Intellekt wie auch die aktuelle Debatte um die Rolle der Frau, der aktiven Frau in der Gesellschaft und in der religiösen Gemeinschaft. Meister Eckart versteht es sehr gut, seine vom päpstlichen Klerus abweichenden Meinungen hinter Bildern zu verschlüsseln oder durch neuartige Interpretationen bekannter Bibelstellen öffentlich zu machen. Da ist zum einen die bekannte Stelle aus dem Lukas-Evangelium (10; 38-42) zu den Charakterunterschieden der beiden Schwestern Maria und Marta. Während die orthodoxen Theologen Marias unbedingte kontemplative Unterwerfung unter den Willen des Herrn (Jesus) preisen und die hart arbeitende, aktive Marta kritisieren, da sie sich für das Zuhören der Predigt des Herrn keine Zeit nimmt, vertritt Eckart die entgegengesetzte Position.  Das ist mutig, heißt es doch im letzten Satz dieser Textstelle – aus dem Munde des Herrn: „Maria hat das Bessere gewählt …“ Eckhart jedoch überspielt diesen Einwand der Orthodoxie – die reifere Marta sei durch ihre bewundernswerte Einheit von Aktion, praktischer Tätigkeit und Nachdenklichkeit, Einkehr, Reflektion eine wertvollere Partnerin für Jesus als die rein kontemplative, jüngere Maria. Eckart stellte damit seine Lebenserfahrung über die trockene scholastische Schulweisheit der Orthodoxen.
Da sind zum zweiten jene Passagen in Eckharts Predigten und Traktate, in denen er den Wert der menschlichen Gemeinschaft, des sozialen Tuns betont, die Isolation des Einzelnen zur Ausnahme erklärt. Nicht die Abkehr von der Gemeinschaft predigt er, wenn er über das „Reinigen“ von äußeren Beziehungen spricht, sondern die „Abgeschiedenheit“, eine auf reinem Gefühl und göttlichen Werten beruhende zu konsequente Ausrichtung nach Innen.

Und da ist zum dritten die verschleierte, aber deutliche Auseinandersetzung mit der Verfolgung unschuldiger Frauen und Männer als Ketzer, Hexen, Dämonen. Er selbst wird angeklagt, reist zum Papst nach Avignon, um sich zu verteidigen, stirbt während dieser Auseinandersetzungen.

Angesichts all dessen fragt man sich, warum ihn die Religionsgeschichte in Deutschland einen Mystiker nennt? Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Das landläufige Verständnis von Mystik als wissenschafts- und theoriefeindlich greift nicht, wenn man sich gründlich mit dem theoretischen Gesamtwerk des Theologen Eckhart beschäftigt. Wenn er Erleben, Gefühl,  in den Vordergrund seiner Ontologie und Erkenntnislehre stellt, dann nicht aus einer extremen Liebe zum Irrationalismus, sondern aus der absoluten Hinwendung zum irdischen Glückserleben des Menschen. Es scheint heute, dass sich die vereinfachenden Theoretiker des 19. Jahrhunderts, die diesen Begriff für Eckhart und seine Mitstreiter erfanden, für philosophische interessierte Theologen und theologisch dominierte suchende Philosophen des Mittelalters noch kein Verständnis aufbrachten und deshalb zu dieser begrifflichen Hilfskonstruktion Zuflucht nahmen. Aber vielleicht irre ich mich.

Dieter Weigert aus Erfurt-Möbisburg

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