Von zwei niedersächsischen Zwergen, die auszogen, den Thüringern Glück zu bringen

Es war einmal ein im schönen armen Niedersachsen ein Salzsieder, der hatte drei Söhne, Balduin, Bernd und Bruno.

Balduin,der älteste und größte, erbte die Saline, den beiden anderen, die kleinwüchsig an Körper und Geist geblieben waren, befahl der Vater auf dem Sterbebette, in der Fremde, flußaufwärts von Weser und Werra ihr Glück zu suchen. So wanderten sie entlang der Weser, dann weiter die Werra bergauf,

schlugen sich durch das Unterholz, mieden die Städte und Dörfer aus Furcht vor den Räuberbanden und Wegelageren, bis sie in der Ferne Salzsieder erblickten. „Hier lassen wir uns nieder“ flüsterte Bruno dem Bruder Bernd, der etwa träge im Geiste war, ins rechte Ohr, „die Siedlung heißt Salzungen ! Sieh‘ mal, wie die Leute sich tummeln!“

Nach einem erfrischenden Bade machten sie sich auf den Weg, um sich bei einem Salinenmeister zu verdingen. Ach, wie groß war der Schreck! Der Meister und seine Altgesellen wiesen ihnen die Tür -„Euch Wichtel brauchen wir in Thüringen nicht, wir haben genügend einheimisches Gesindel, versuchts doch mal in den Klöstern, die Brüder suchen immer Rechts- und Linksgläubige! Drei Tagesmärsche immer der Sonne nach hat der Mainzer Erzbischof eine Niederlassung, ich wünsche Euch Glück“. Sprachs und knallte ihnen die Tür vor der Nase zu.
Da weinten die Brüder bitterlich und trennten sich, Bruno wendete sich nach links, Bernd nach rechts. Bruno fand Unterschlupf bei den hessischen Brüdern im Kloster zur heiligen Brüderlichkeit, die ihm bei guter Führung den immerwährenden Sonnenschein und die 20-Stunden-Woche versprachen und einen stolperfreien Aufstieg auf den schmalen Leitern zur Spitze der Gemeinschaft zusicherten, als sie seine Geisteskraft, seine Gerissenheit und Gewandheit im Umgang mit den Oberen erkannten.

Bernd jedoch, dem rechten Weg vertrauend, zu dem ihm der Vater im Stillen bei der Erinnerung an früherer Keuzzüge gen Osten geraten hatte, wanderte stracks zur Mainzer Siedlung am Fluß Gera und fand sofort Gleichgesinnte – entwurzelte Raubritter, Glücksspieler, Tagediebe und Lohnschreiber auf der Krämerbrücke. In der Hinterstube der Bierkneipe „Zum Heiligen Kreuzritter“ erzählten die Alten von den siegreichen Schlachten „damals im Osten“, von den Aufmärschen hinter den Totenkopf-Bannern, vom schmählichen Ende ihrer Träume hier in der thüringischen Einöde. Sie begrüßten den Zuwanderer mit aufgereckten Armen, wählten ihn, der schnell die richtigen Sprüche fand, zum Anführer. Noch sei die Zeit nicht reif zum letzten Gefecht, aber wenn er die Posaune bläst, marschieren sie hinter ihm „wie die Kälber“ hinter dem Hirten – wohin auch immer! Bernd schwelgte in Glückseligkeit, das war nun seine neue Heimat, wie stolz wäre der Vater, ihn so noch erleben zu dürfen.

Vollkommen war sein Stolz und Glücksgefühl, als er in der Menge bei einer seiner Umzüge im Andreasviertel seinen verloren geglaubten Bruder Bruno erkannte – nicht jubelnd, aber doch anwesend – und ein Banner gegen ihn schwenkend: „Nieder mit den Rechtgläubigen!“
Sie trafen sich in der Nacht und verabredeten für den nächsten Sonntag einen öffentlichen Kampf um die Führung in der Stadt und im Lande Thüringen.

Zur Wahlstatt wurde die an dieser Stlle sehr seichte Gera hinter der Krämerbrücke auserkoren. Die braven Bürger lachten über die gerüsteten, bannerumschlungenen Zwerge auf den Eseln – der rechtgläubige Totenkopf gegen den linkshändigen Sonnenschein! Sonnenschein gelang es, Bruder Bernd in die stinkende Brühe zu werfen und sich damit den Ehrenplatz im Kreise der Thüringer Edlen zu sichern. Bernd blieb der Platz hinter ihm in der Hohen Ratsversammlung – der Platz des in den Rücken stichelnden Führers des gegnerischen Lagers.
So hatten sie es sich nun gemütlich gemacht, die zugewanderten armen Brüder von der Weser im goldenen Thüringen.
Damit könnte das Märchen nun zu Ende sein – aber, aber !!!

Die Haß-Liebe der Brüder wurde plötzlich durch den Einfall der Riesen aus dem OSTLAND in das benachbartes Bandennest STEPANKA gestört. Man hatte sich so herrlich eingerichtet mit dem Räubernest STEPANKA – die Thüringer lieferten Speere und Salz, die STEPANKAER stichelten als Gegenleistung an der Grenze zum OSTLAND und verbrannten manchmal auch aufmüpfige OSTLÄNDER (Männer, Frauen und Kinder), die innerhalb ihrer Mauern siedelten, auf Scheiterhaufen und ersäuften sie in den Sümpfen und Flüssen hinten am Dunklen Meer.
Nun aber griffen auch die OSTLÄNDER zum Speer und marschierten gegen STEPANKA. Was erfrecht sich dieser Fürst OSTLANDS ? Unsere beiden Zwergenbrüder – vereint im väterlich eingeflößten Haß gegen OSTLAND – begruben feierlich (natürlich im Geheimen!) ihren Zwist und setzten sich an die Spitze des Kreuzzuges gegen die Ungläubigen – der Rechtgläubige Bernd und der Linksgläubige Bruno. „Mehr Speere für STEPANKA ! Nieder mit dem Fürsten des OSTLANDES ! Verbot aller Lieder und Banner des OSTLANDES in unserem FREIEN REICH !“ tönte es nun auf dem Domplatz der Mainzer Kolonie:

vereint, Arm in Arm die nun endlich vereinten Brüder !!!

Aus der sehr enttäuschten BERLINER FERNE – Märchen nach den Brüdern Grimm – Ähnlichkeiten der Brüder mit aktuellen Persönlichkeiten sind nicht angedacht und auch ausdrücklich verboten durch die neueste Bundesgesetzgebung!!!!

LIEBE – LIOBA – LEOBA

Dunkles, erstarrtes Mittelalter ! Plötzlich bekommt es Farbe, Lichter, Dynamik, Menschlichkeit. Zu studieren in Thüringen und Hessen – wenn man nicht dogmatisch an den alten Texten der sogenannten Aufklärung klebt wie die Fliege im Netz der Spinne. Der Petersberg in Erfurt,

Erfurt Petersberg

die St. Michaelskirche in Fulda helfen bei der Blickerweiterung.

Fulda

Zur Sache: Meine Kindheit und Jugend waren geprägt durch Aufklärung, aber vor allem durch die graue Lutherbrille. Romanische und gotische Kirchen und Klöster – reichlich zu finden im Zentrum Erfurts waren vor allem und fast ausschließlich Gegenstand der Architekturgeschichte für den angehenden Möbeltischler und späteren Philosophiestudenten. Der legendäre Bonifatius, „Apostel der Deutschen“ fand sich im Lesebuch der Großmutter aus Kaisers Zeiten, aber das wars auch.

Die atheistischen (aber luthertreuen) Großeltern hatten keine Antworten aus meine kindlichen Fragen nach jener Ur-Epoche der thüringischen Zivilisation. Frühes Mittelalter? Ja, Paris und Canterbury, die Scholastik, Thomas und die Kirchenväter, mit Mühe noch Meister Eckhart. Ansonsten Dunkel – am Rande die seltsame Geschichte des Grafen von Gleichen und seiner beiden Frauen aus dem Grabstein im Erfurter Dom.

Nach Jahrzehnten nun die Erleuchtung -geblendet durch den plötzlichen Einfall der Farben, der lebendigen Vielfalt in der Biographie einer vergessenen Frau jenes frühen Mittelalters – der großen Liebe des Asketen Bonifatius.

LIOBA -LEOBA

Ihr Name weckt Assoziationen – warum auch nicht zu LIEBE? Im frühen Mittelalter waren die frauenverachtenden Gebote des Klerus noch nicht peerfektioniert, es gab vielfältige Kontakte zwischen Mönchen und Nonnen, die Äbtissin LIOBA hatte einen guten Ruf, ihre hinterlassenen Briefe wie auch die ihres Verwandten Bonfatius zeugen sowohl von strenger Askese wie auch von Humanität und Achtung gegenüber dem anderen Geschlecht.

Grabkirche Liobas bei Fulda

Leider ist Leben und Wirken der in England geborenen und aufgewachsenen Nonne und Äbtissin LIOBA, der Vertrauten der Kaiserin Hildegard, in Deutschland weitgehend unbekannt.

Ich kann nur die Publikation der Historikerin Dorothee von Kügelgen zu Bonifatius empfehlen, in der – lesbar geschrieben und gut dokumentiert – an alles finden kann, das dem deutschen Publikum bisher entgangen ist.

Vuel Vergnügen beim Lesen

Dieter Weigert, Berlin, Juli 2022