Nochmals China: Drei Mädchen und drei Wüstlinge

0-willow-2CHINA in der Tang-Periode, also in den Jahren 630 bis 700 unserer Zeitrechnung. Eine scheinbar leicht aufzulösende Kriminalgeschichte – drei sehr junge Mädchen, davon ein Zwillingspaar, und drei ältere Wüstlinge. Zwei der drei Herren werden in schneller Folge ermordet, der ermittelnde Richter, gleichzeitig Kriminaldirektor der Stadt, erkennt, dass die Aufklärung der zusammenhängenden Fälle in der Vergangenheit der Mädchen und der drei Herren beginnen muss. Die einfache Rechnung – jeder Wüstling hatte eines der Mädchen gekauft und brutal misshandelt, dass sich nun rächt – geht nicht auf!
Obwohl ich gern anknüpfen würde an den vorigen BLOG-Geschichten vom schönen Mädchen und dem törichten Jüngling aus dem kaiserlichen China,

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Robert van Gulik

verlangt die Redlichkeit vom Schreiber den Bruch und die Offenlegung der nunmehrigen Quelle: mehr als ein Dutzend Bände von Kriminalerzählungen, erschienen erstmals zwischen 1950 und 1968 in englisch, niederländisch und japanisch aus der Feder des niederländischen Diplomaten, Historikers, Sinologen, Musikers und Zeichners Robert van Gulik (1910 – 1967).

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Alle Handlungsfäden der sehr unterschiedlichen Geschichten, angesiedelt in verschiedenen Regionen und Städten des Kaiserreiches, laufen zusammen in einer Person, des Richters Di (englisch Dee), seiner Familie und einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern  Es sind nun nicht mehr die Erzählstile der verschiedenen chinesischen Autoren, die wundersame Verknüpfung von Schicksalen junger Menschen in den Jahrhunderten des Reiches der Mitte, die uns beeindrucken, sondern hier versucht uns erfolgreich ein europäischer Autor, Kenner der Materie durch Spannung, Details aus der Tätigkeit von Polizei, Verwaltung, Militär, durch die Offenlegung psychologischer Strukturen, Denkweisen, Tiefen der Motivationen von Händlern, Beamten, Kurtisanen, Künstler, Studenten, Krimineller das innere Wesen Chinas nahezubringen. Man spürt in jeder Zeile, in jeder Zeichnung die Liebe des Autoren zu diesen Menschen, das Mitgefühl in einer Zeit der Kriege, Bürgerkriege, der Hungersnöte und des politischen Terrors.
Doch zurück zu jenen drei Mädchen und ihren Schicksalen – nachzulesen im Erzählband „The Willow Pattern“ (deutsch: „Mord nach Muster“), geschrieben 1964 und in Fortsetzungen zuerst in den Niederlanden veröffentlicht.

Die Fabel: ein schon nicht mehr sehr junger Sohn aus dem reichem Hause Mei der kaiserlichen Residenz kauft eine sehr junge Kurtisane aus einem Bordell, macht sie zu seiner Ehefrau, umgibt sie mit Luxus und verschleiert in der „guten Gesellschaft“ ihre Herkunft. Das Mädchen, die nunmehrige Ehefrau, leidet unter der Isolation und Monotonie ihres Daseins, brennt mit einem Mann aus einer anderen Familie (Hoo) der Oberschicht durch, wird im Geheimen zu einer Perle der sexuellen Orgien in der Oberschicht, an der auch ihr bisheriger Ehemann teilhat. Der neue Liebhaber jedoch sucht daneben erotische Abenteuer durch die Verführung junger Mädchen in Komplizenschaft mit einem ebenfalls reichen und amoralischen Nachbarn (Yee), dem die schönen Zwillinge aber zum tödlichen Verhängnis werden. Der reiche Ehemann Mei aber kann trotz der erotischen Zerstreuungen seine Eifersucht nicht beherrschen, überrascht seine Frau mit ihrem Liebhaber im eigenen Hause und bezahlt diese Entdeckung mit dem Leben.

0-willow-4Richter Di schafft es, die Fäden des scheinbar unlösbaren Falles aufzutroddeln und den dritten noch lebenden Wüstling aufs Schafott zu bringen – durch den Nachweis, dass einer der drei Wüstlinge die Mutter der beiden schönen Zwillinge auf dem Gewissen hat und Rache das Motiv der Tötung des dritten Mannes Yee war.
Anregung genug, bei van Gulik weiterzulesen – zum Beginn seiner Karriere als Richter in der Provinz und dem Gewinn einer neuen, zusätzlichen Nebenfrau!

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

CHINA: Der törichte Jüngling und die Schöne

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Ich wollte mich einstimmen mit leichter Lektüre auf die nächste China-Reise: Die schöne Li, das Perlenhemd, die törichte Buhle und natürlich zwei Bände I GING – das Buch der Wandlungen!  Leicht und flüssig die Erzählungen, die Moral locker dahingesprochen wie bei den Fabeln La Fontaines: Ein Jüngling auf dem Wege zur kaiserlichen Beamtenprüfung in der Hauptstadt, also dem sicheren Sprungbrett zur Karriere, wird von einem Mädchen und ihrer erfahrenen Kupplerin um seine Reisekasse geprellt. Sie gefällt ihm, er verfällt ihr mit Kasse und allen Reiseplänen, Familienpflichten und Verantwortung gegenüber den alten Eltern. Dieses Thema mehrfach variiert, auch ein Greis mit einigem Reichtum verfällt den Reizen des Mädchens („Die Kleine Nai“). Die Schönen haben erregende Namen – die schöne Li, die schöne Tu, Duftwolke und Morgenröte. Selbst der reiche Buchhändler Tschang „in seiner imposanten Fülle“ im gelben Rock eines Mandarins  lässt sich von den körperlichen Vorzügen der „Pfirsichblüte“ und „Nephritwolke“ vom rechten Weg, von der Erfüllung seiner Pflichten abbringen – hat aber Glück, wird begnadigt und landet nicht  in der Gosse. Ich glaubte schon auf dem rechten literarischen Weg zu sein – doch dann wurde es philosophisch. Zum Nachtisch hatte ich „I ging“, das „Buch der Wandlungen“, zurechtgelegt.

(eigentlich Yijing 易经, Pinyin  jīng)

Aber – unter der Überschrift „Mong – die Jugendtorheit“ fand ich zu meinem Erstaunen fünf tausend Jahre alte Rezepte, wie diesen Verirrungen der Jünglinge begegnet werden sollte: ein Zeichen aus 13 Strichen, beginnend mit dem oberen Querstrich, angeschlossen die beiden oberen kleinen Längsstriche. Und nach dem mittleren horizontalen Teilungsstrich eine Gruppe verbundener Striche, die ein Tier darstellen könnte – ein Rückgrat, ein Schwanz und nach links vier Füße! Also ein Haustier, ein Hausschwein! Was hat das Hausschwein mit den Torheiten des Jünglings zu schaffen?

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Die chinesische Schrift hat ihre Ordnungsprinzipien – keine Willkür in der Reihenfolge der Striche, keine Willkür in der Richtung, wie der Pinsel oder Kugelschreiber die Striche aufs Papier bringt. Also auch keine Willkür in der Deutung der vielfachen Verwendung des Tier-Zeichens mit seinen nur sieben Strichen:

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Das moderne Wörterbuch erklärt die Silbe als meng, in unseren Breiten ausgesprochen MANG, im zeitgenössischen Chinesischen je nach Bedeutung in der ersten, zweiten oder dritten Aussprachegruppe. Das Hausschwein geht in seiner bildlichen Gestalt verloren, aber das Zeichen erhält vielfache Interpretationsvarianten!  Zu unserer Überraschung gehen aber die Bedeutungen nicht allzusehr auseinander – und haben alle einen interessanten Bezug zu unserem Jüngling und seinen Irrungen – hier nur einige Beispiele: Genie, hintergehen, beschwindeln, betrügen, Kopf verlieren, benommen, bewusstlos, Elefant – in Zusammensetzungen: Betäubungsmittel, Schlaftrunk, verhüllen,  verkleiden, Halbschlaf, Sand in die Augen streuen, dunstig, neblig, schummeln.

Nun stecke ich fest im Philosophischen, erinnere mich an meine Jugendlektüre – wie bei Balzac und Dumas der französische Jüngling aus der Provinz wie einst Bonaparte sein Glück in Paris macht – im Gegensatz zum törichten und sinnlich anfälligen Chinesen lässt er sich nicht ablenken auf dem Weg zu Ruhm, Reichtum und Ehre.

Im Gespräch mit einem chinesischen Freund aber kam gestern die Ernüchterung! Er gab zu bedenken, ob nicht die heutigen europäischen jungen Männer bei der Lektüre der Erzählungen von Balzac und Dumas die Rationalität und Strategie zur Maxime machten, aber das Risiko auf dem Wege nach oben, auf dem Wege in die weite Welt scheuten.

Er meinte, dass manche Berater chinesischer Politiker und Wirtschaftslenker von heute im stillen Kämmerlein munkeln, dass sich westliche Minister, Präsidenten, Konzernbosse immer noch vom Image jener Figuren aus den chinesischen Novellen und Kurzgeschichten leiten lassen, wenn sie zögerlich, halbherzig, zaudernd auf die verlockenden Angebote zur langfristigen Zusammenarbeit reagieren.

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

 

Ein heiliger Kroate – Hieronymus der Dalmatiner

Auf Anhieb, ohne Vorbereitung überraschte mich letzte Woche die Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum mit zehn Darstellungen des heiligen Hieronymus. Deutsche Renaissancemaler (Lukas Cranach, Albrecht Altdorfer, Hans Schäufelein), Italiener, Holländer sind präsent.20190209_141759-neu-kl

Was hat sie bewogen, diesen Gelehrten und Kirchenfürsten des 5. Jahrhunderts in unterschiedlichen Posen und Umgebungen zu porträtieren, der vor nunmehr über einem Jahrtausend gelebt und gewirkt hatte, dem nicht das Schicksal eines grausam gefolterten und getöteten christlichen Märtyrers zugefallen war? Gewiss mag eine Rolle gespielt haben, dass ihm die bekannte LEGENDA AUREA des Jacobus de Voragine aus dem 13. Jahrhundert ein umfangreiches Kapitel widmete, jene unerschöpfliche Quelle der religiösen Legenden, Biographien und Ereignissen seit Christi Geburt, die der Phantasie der Künstler an der Wende von der Gotik zur Renaissance in Europa mannigfaltige visuelle und sensuelle Anregungen vermittelte. Aber warum gerade dieser Greis, der halbnackte Alte in der Wüste, der Theologe in der Klosterzelle, der Geselle des Löwen?

Ich glaube, dass seine Herkunft aus Dalmatien, dem heutigen Kroatien an der Ostküste der Adria einen Schlüssel bietet zur Beantwortung dieser Frage. Das gebildete Europa des ausgehenden Mittelalters verband diese Region mit den klassischen theologischen Zentren West- und Mitteleuropas, es sah sie als Verbindungsglied zu Byzanz und den legendären heiligen Stätten der christlichen Ursprünge in Palästina.

Künstler, die Hieronymus mit Kardinalshut abbilden oder sogar wie Lukas Cranach d.Ä. den zeitgenössischen Erzbischof von Mainz, Kardinal Albrecht von Brandenburg zum Modell des Heiligen erwählen, stellen so einen ausdrücklichen Bezug zur klerikalen Hierarchie des 15./16. Jahrhunderts her. So bedarf es nicht der naturalistischen Darstellung gemarterter, verbrannter, zerstückelter, geräderter heiliger Frauen wie Katharina, in den Altarbildern und Holzschnitzereien, um die Kirchgänger in ihrem Glauben zu stärken. Der friedliche alte Hieronymus mit seinem zahmen Löwen, ein Kirchenbruder, Mönch, Eremit und Kardinal in Einem, vielleicht glaubhafter als die heiligen Frauengestalten? Und er stammte aus einer Landschaft in der Nähe, aus Kroatien-Dalmatien! – ein Stück Venedig, das man ja kannte, wie Albrecht Dürer verriet.

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Dr. Dieter Weigert, Berlin-Prenzlauer Berg

Nochmals: Die Heilige Maria Magdalena

20181230_122403-neuAuf der Suche nach der „echten“ Maria Magdalena stieß ich auf die Legenda aurea – sehr interessante Ausgabe in deutscher Sprache, gesetzt und gedruckt in „SCHWABACHER“. Leider ist diese Schriftart im Angebot meines Rechners nicht enthalten, so dass wir uns heute das Vergnügen des gemeinsamen, geteilten Lesens im Mittelalter-Lebensgefühl nicht erlauben können.

Satz und Druck war aber auch das Einzige, was mich an diesem Buch beeindruckte – ansonsten leider nur die traurige Gewissheit, dass die heiligen Herren Petrus, Paulus, Augustinus totalen Erfolg hatten in ihrer Manipulation der blinden, tauben, stummen Bauern- und Fischermassen der Spätantike und des frühen Mittelalters. Die Legenden, Biographien, Sagen, Predigten. die der Genueser Mönch, spätere Bischof Jacobus de Voragine im 13. Jahrhundert sammelte und veröffentlichte, waren ein Bestseller, sie befriedigten ein Massenbedürfnis und fanden starke Unterstützung bei der päpstlichen Kurie. Der Herausgeber meiner Ausgabe, der Heidelberger Kulturhistoriker Richard Benz, hatte sich – verständlich angesichts seiner nationalkonservativen Grundposition – weniger mit den Verfälschungen der historiographischen Darstellungen der ersten Jahrhunderte der christlichen Religionsgeschichte auseinandergesetzt als mit den aus seiner Sicht wesentlicheren Einflüssen der germanischen Mythen- und Sagenwelt auf das aus dem Orient kommenden theologischen Gerüst der weströmischen Kirche.

Die für mich relevanten Abschnitte der Publikation sind die über Maria Magdalena, Martha, die ägyptische Maria, über die „Auferstehung des Herrn“, über die „Passion des Herrn“. Das Urteil über Maria Magdalena ist gesprochen – sie war die schuldige Sünderin, hatte sich der „leiblichen Wollust“ hingegeben und dann schwer gebüßt: dem Überfluss der Sünde entsprach der Überfluss der Gnade! – „und wieviel Lust in ihr gewesen war, soviel Opfer brachte sie nun“! In diesen Abschnitten finden sich alle überlieferten oder erfundenen Ereignisse aus dem Leben der Maria Magdalena zusammengebunden oder lose verknüpft, denen sich Maler, Bildhauer, Prediger, Kirchenfürsten bedienen: die Begegnung mit Jesus im Hause des Pharisäers Simon, die Bevorzugung Marias gegenüber Martha im Haus der Schwestern in Bethanien, das Ausharren am Kreuz gemeinsam mit der Mutter Maria, die erste Begegnung mit Jesus nach seiner Auferstehung am „dritten Tage“, die sehr weither geholten und für viele Theologen unglaubwürdigen Begebnisse der „ägyptischen Maria“ einschließlich ihrer Himmelfahrt sowie auch die französischen Varianten der Überfahrt an die Küste im Raum Marseille und das Wirken bis zum Tode in der Provence. Nicht verwunderlich, dass kein Wort über die unmittelbare Nähe dieser „Jüngerin“ zu Jesus verloren wird, über ihre herausragende Rolle in der Formierung der Gruppe nach der Hinrichtung ihres Führers Jesus, über die erfolgreichen machtpolitischen Bestrebungen von Petrus und Paulus zur Ausschaltung der Maria Magdalena und die Ergreifung der Spitzenpositionen in dem sich entwickelnden urchristlichen Verbund der lokalen Gemeinden.
Fazit: Die Sünderin dominiert, die kämpfende Frau bleibt auf der Strecke – in Theologie und Kunst.

Dr. Dieter Weigert. Berlin- Prenzlauer Berg

Die Seidenstraße des Präsidenten XI JINPING, der gefährliche Irrweg von ARTE und der leicht verwirrte Sigmar Gabriel

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Zwei Sendung von ARTE in den letzten Wochen lassen aufhorchen und demonstrieren wieder einmal das Chaos, das die Ratlosigkeit der west- und mitteleuropäischen Politiker „mitte-rechter“ Interessenlage in den Führungsetagen der Medienkonzerne verursacht.

Da war Anfang November 2018  die Ausstrahlung bei ARTE – zur besten Sendezeit – des unkritisch übernommenen Beitrages „Mission Wahrheit – die ersten 100 Tage“: die Sicht der gesamten parteiischen New York Times – Redaktion auf ihren Kampf gegen die Präsidentschaft Donald Trumps, nichtgewählte mächtige Institutionen gegen den gewählten Präsidenten.

Man konnte förmlich in jeder Szene die Begeisterung der europäischen Schüler riechen, spüren, mit Händen greifen, wie sie den Bericht über die Details über die Jagd der Pressemeute aus New York und Washington, D.C., auf jedes noch so kleinkarierte Mosaiksteinchen aus dem Weißen Haus von Donald Trump verfolgten und die Quotenhatz, die Sucht nach dem Sekundenvorsprung der NEWS ihrer amerikanischen Meister bewunderten. Das Mitleid mit den Opfern bei dieser schonungslosen, brutalen Pirsch auf die3 Kolleginnen und den Kollegen hält sich in Grenzen.

Man spürte bei ARTE kein Gefühl der Scham, der Distanz, der Verantwortung gegenüber dem Publikum. Ist nicht ARTE als „deutsch-französischer Kulturkanal“ konzipiert und entwickelt worden? Die Kultur ist auf der Strecke geblieben.

Nun das jüngste Beispiel – der ganze Dienstag-Abend (18. Dezember, wieder beste Sendezeit!) zum Lieblingsthema des französischen ARTE-Partners: CHINA und Präsident Xi Jinping, die Seidenstraße, der Drache und die bellenden Kläffer angesichts der wirtschaftlichen und politischen Erfolge Chinas in Afrika, Asien und Europa. Dass ein Teil der französischen Elite verstimmt und empört ist über das konstruktive Verhalten und öffentliche Applaudieren und für Verständnis werbenden Auftreten des ehemaligen Premierministers Jean-Pierre Raffarin gegenüber der Seidenstraßen-Strategie des chinesischen Präsidenten Xi Jinping kann man ja zur Not noch nachvollziehen. Dem einigermaßen verwunderlich ist der durch ARTE aufgebotene deutsche Kronzeuge für die Glaubhaftigkeit der Gefahren, die Europa und Deutschland durch die chinesischen Blaujacken und Ameisen drohen: Sigmar Gabriel!

„Atlantik-Brücke“-Gabriel, glückloser ehemaliger SPD-Vorsitzender, Wirtschafts- und Außenminister der Bundesrepublik, hatte bisher auf manch falsche Pferde gesetzt – nun wünscht man ihm endlich mal einen Hauptgewinn. Aber weit gefehlt! Auch in der gegenwärtigen internationalen Krise, da sich die großen und kleinen, echten und selbsternannten Führungspersönlichkeiten der nationalen Eliten, nach eigenen Orientierungen  im Wettstreit der Großmächte umsehen, scheint er sich wiederum vergriffen zu haben. Was hat er in der Zeit im Wirtschaftsministerium an der Invalidenstraße gelernt? Dass die Führung der Volksrepublik China sich vom Gerede, den Warnrufen eines Marktschreiers beeindrucken lässt? Dass die Süd-, Südost- und Osteuropäer sich durch die Konkurrenzgebärden aus gewissen französischen und deutschen Bürostuben von der erfolgversprechenden Zusammenarbeit mit dem China Xi Jinpings abbringen lässt?

Man könnte leicht zu dem Eindruck kommen, dass die volks- und weltwirtschaftlichen Analysefähigkeiten Sigmar Gabriels auf dem Stand seiner politischen Anfängerzeit in Goslar und Niedersachsen eingefroren sind: JAPAN sei die dominierende asiatische Macht, den weltpolitischen Bestrebungen der USA sollte man nicht in die Quere kommen, kommunistische Planwirtschaft à la China, Vietnam und Russland sei auch unter neuer Flagge zum Scheitern verurteilt.

So gesehen könnten wir zur Tagesordnung übergehen und Gabriel Gabriel sein lassen. Aber bedrückend ist die mögliche Schlussfolgerung: So wie der nunmehr ins politische Abseits verschobene SPD-Spitzenpolitiker Sigmar Gabriel könnten auch seine in den SPD-Führungsgremien verbliebenen oder nachgerückten Kolleginnen und Kollegen denken, solch kurzsichtigen altbackenen Gedankengänge wären auch in der sich neu sortierenden CDU-Führung vorherrschend. Welch verpasste Chancen für die europäische Großmacht Deutschland!

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Der Traum eines mit der Sozialdemokratie sympathisierenden Menschen – die Brückenbauer entlang der neuen Seidenstraße sind aktiv und schöpferisch tätig quer durch Europa und Asien – auf den Spuren des durch Sigmar Gabriel als historisch abgetanen Marco Polo und geleitet vom Sternenhimmel der europäischen Sozialdemokratie!

Voraussetzung aber (vielleicht sogar eine Zumutung?): die führenden, strategisch interessierten  Genossen nehmen sich die Zeit zum Lesen mindestens der beiden hier vorgestellten Bücher – Xi Jinping im  deutschen Originaltext und der beste englischsprachige Titel von Gideon Rachman, aus meiner Sicht des klügsten Denkers zum Thema Europa-Amerika-Asien der Gegenwart!

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

Hieronymus BOSCH oder die EVA an und für sich

bosch-a-8-buhlerin-2Kriege zerstören das Leben einer Frau tausendfach und das Leben tausender Frauen millionenfach.

Die Geschichte der bildenden Kunst präsentiert unzählige Werke, gewidmet dieser Botschaft. Die Sprache der Bildhauer, der Maler und Zeichner, ob figürlich oder abstrakt, kann die Gefühlstiefe der Verletzungen der Frau, der ihr angetanen Gewalt, der subtilen Herabsetzung und Abwertung durch die dominante Männergesellschaft weitaus wirksamer ausdrücken als das Wort des Schriftstellers.

Nehmen wir den niederländischen Maler Hieronymus Bosch. Das Triptychon „Die Versuchung des heiligen Antonius“ (Museo de Arte Antiga, Lissabon) zieht uns durch Feuer, Hexensabbat, fliegende Dämonen, Halluzinationen einer Traumwelt mitten ins Kriegsgeschehen hinein – und in jeder Szene die gemarterte, missbrauchte, auch selbst die Mittel der Verführung einsetzende Frau.

Die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, in der das Werk entstand, war geprägt von Kriegen, Hoffnungslosigkeit, innerkirchlichen Machtkämpfen. Für die den Schrecken der diesseitigen Welt ausgesetzten Menschen blieb die Phantasie oft der einzige Ausweg – nicht verwunderlich, dass Künstler wie Bosch ihnen Phantasiefiguren in den Altarbildern anboten – zur Verdeutlichung der Schrecken, aber auch als Zeichen der Hoffnung, des Trostes, eines vermeintlichen Auswegs. Der verkehrten, unmenschlichen Welt auf Erden für den „gemeinen Mann“ (und die „gemeine Frau“) stellt Bosch eine aufrüttelnde verkehrte Welt von dämonisierten Tieren, Naturereignissen, aus der Normalität gerissenen Alltagsgegenständen entgegen.

Die grotesken Figuren und Spukgestalten – und das ist das Eigentümliche an Boschs Antonius-Altar – bedrängen den Heiligen nicht unmittelbar körperlich, nicht quälend, sondern mehr spirituell, sinnlich-abstrakt.

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Sinnlich-konkret jedoch die Frauenfiguren: eine Buhlerin drängt sich im Mittelteil des Triptychons mit ihrem schlanken, gut gekleideten Körper an den Rücken des Heiligen, die Schöne, Nackte mit der Hand am Unterleib, im hohlen Baum (rechte Tafel) und die Hexen auf allen drei Tafeln, verführerisch und gleichzeitig Verführte, durch Spinnweben an den Teufel gebunden.

Mit dieser, wenn auch hauchdünn, subtil dargestellten Bindung der Frauenfiguren, dem Verlust ihrer Eigenständigkeit und Selbstbestimmung rückt die gesellschaftliche Realität in den Mittelpunkt der Ästhetik Boschs und seiner Zeitgenossen, ein zeitloses Thema.

Dieter Weigert, Berlin, Dezember 2018

Straße von Kertsch – oder Krone von Kertsch?

Kertsch – ein mystisches Wort für die Berichterstatter über internationale Politik – russische und ukrainische Marine im Konflikt. Für Berliner Kunstliebhaber jedoch seit zwei Monaten der Begriff für archäologische Schätze, vorgestellt im Neuen Museum.

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Völkerwanderungszeitlicher Goldschmuck vom Schwarzen Meer, silberne Gewandspangen und prächtige Gürtel aus Gräbern des frühen Mittelalters in Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland – Teile der Sammlung des Johannes von Diergardt werden nach über 80 Jahren wieder in Berlin zu sehen sein, wo sie bis 1934 ausgestellt waren. Sie gewähren glänzende Einblicke in die europäische Geschichte, besonders in die Ereignisse zwischen Antike und Mittelalter. Nach dem Tod des Sammlers und Mäzens gelangten sie in das Römisch-Germanische Museum Köln. Umbauarbeiten im Kölner Museum bieten nun eine gute Gelegenheit, die Schätze nach langer Zeit wieder der Berliner Öffentlichkeit zu präsentieren.

Eine Sonderpräsentation des Museums für Vor- und Frühgeschichte – Staatliche Museen zu Berlin in Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Museum der Stadt Köln.