CHINA heute – Wo zum Teufel liegt PORT ARTHUR ?

Russia: Propaganda poster of a heavily armed Russian Cossack soldier grinning over the fortifications at Port Arthur while disconcerted USA, Britain, Japan and China look on, 1904Ein Jugendtraum, seine Erfüllung Jahrzehnte aufgeschoben, klopft nun ans Fenster – das legendäre Port Arthur werde ich in wenigen Wochen betreten. Meine jüngeren Freunde und Gesprächspartner mögen mir den intellektuellen Überfall verzeihen, für sie erscheint dieser Ort in China (wie auch die Seeschlacht von Tsushima) so weit weg, die historische Periode der brutalen neuzeitlichen Kriege um dieses Felsennest am Gelben Meer lässt keine Saite in ihrer Gefühlswelt erzittern. Über einhundert Jahre sind vergangen, seit sich die Kaiser von Russland, Japan und China den wirtschaftlichen und weltpolitischen Einfluss im „Fernen Osten“ (in europäischer Sicht), auf uraltem chinesischen Kulturboden militärisch streitig machten und den Ortsnamen Port Arthur in die Schlagzeilen der Telegraphenmeldungen und Zeitungen brachten.

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Der Name des Festungsortes war zwar englisch, wurde aber durch die russischen Eroberer genutzt – vielleicht um die zivilisierende, globalisierende Mission der Ausländer in China zu unterstreichen. Was uns revolutionsbewusste Jugendliche vor Jahrzehnten beim Hören der Namen Port Arthur, Tsushima und Kreuzer Warjag bewegte, waren die Strahlen der Morgensonne, die uns aus jenen blutigen Szenen der Weltgeschichte um 1904/05 entgegen leuchteten: In den glühenden Augen der Helden Lenin, Mao und Che Guevara lasen wir die geschichtliche Wahrheit, dass gerade die epochale Niederlage der russischen Flotte und des russischen Heeres gegen die junge aufstrebende asiatische Nation Japan die erste russische Revolution von 1905 entstehen ließ. Russen, Türken, Mexikaner, Chinesen wurden aus Objekten, aus Schachfiguren der Großmächte zu historischen Akteuren. Der Hegelsche Weltgeist, den wir begeistert studierten, suggerierte die Symbolkraft des Namens Port Arthur (also: Niederlage des russischen Zarenreiches = Asche, aus der die Oktoberrevolution entspringt) für die globale Revolution des 20. Jahrhunderts. Die Hegelsche Dialektik ließ uns auch verstehen, wie sich die blutige Tradition des japanischen Faschismus, aus den Siegen gegen China und Russland vor über einhundert Jahren erwachsen, zum Sprengstoff für revolutionäre Bewegungen in Asien verwandelte.

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Nun aber zu unserem Port Arthur zurück: in der nunmehrigen nordostchinesischen Hafenmetropole DALIAN finden sich heute Spuren jener Tage. Die meisten europäischen gedruckten Reiseführer ignorieren geflissentlich diese Fakten und Fotos. Ich fand glücklicherweise den Rowohlt-Verlag auch hier auf der Seite der Revolutionäre: vor über zwanzig Jahren hatten die Lektoren den Bielefelder Autoren Hartwig Bögeholz entdeckt und seine China-Impressionen in der Reihe „Anders reisen“ im Jahre 1997 publiziert. S. 184 ff: Ein Genuss !!! Und dessen Eindrücke über Port Arthur-Danian-Lüshun sollte man auf die Reise mitnehmen – was ich tun werde. Vor allem werde ich die Chinesen fragen, was aus ihrem Traum, Dalian zu einem zweiten Hongkong werden zu lassen, geworden ist.

Also bis dann in vier Wochen – Dieter Weigert, Berlin

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Van Guliks Liebe zum chinesischen Nordosten – Bei zhou oder Pei-chow ?

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Robert van Gulik schrieb während eines Aufenthalts in Beirut im Jahre 1956 die drei Kriminalerzählungen The Headless Corps, The Paper Cat, The Murdered Merchant und veröffentlichte sie 1961 zusammengefasst unter dem Titel „The Chinese Nail Murders“.

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Er siedelte die Handlungen an in der fiktiven Bezirkshauptstadt Pei-chow – wie er schreibt – „nahe der Nordgrenze des chinesischen Kaiserreiches“.  Im Unterschied zu Peng-lai, der real existiereden Hafenstadt nahe Yantai in der Provinz Shandong, die den Handlungsort eines anderen des Kriminalbandes („The Chinese Gold Murderers“) abgibt, lässt sich eine Stadt Pei-chow (auch unter Verwendung verschiedener Schreibvarianten) nicht nachweisen – weder in der Geschichte noch in der Gegenwart.
Gulik schrieb auf einer Kartenskizze den Namen pei-chow mit den chinesischen Zeichen

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Das würde in moderner Schreibweise: Bei-zhou (übersetzt mit Nordland oder Nordprovinz), und in pinyin  běi  zhōu ( 北  州) heißen.

Liest man gründlich die Erzählungen des Bandes, findet man ausreichend Attribute des chinesischen Nordens – die kalten Steppenwinde, die Sandstürme aus den Wüstens des Nordostens, vermutlich heute die Gebiete der äußeren und inneren Mongolei oder Mandschuriens, die einfache Küche, in deren Mittelpunkt Wild und Fisch standen.

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Man findet Verwandtschaftsbeziehungen der Bewohner dieser chinesischen Stadt zu Familien der Tatarenstämme, Hinweise auf Kleidungsstücke wie Turbane und Kapuzen der Tataren.

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Liebte Robert van Gulik also besonders den chinesischen Nordosten? Die fiktive Stadt pei-chow lässt die Antwort offen, auch der Biograph Janwillem van de Wetering umgeht diese Frage. Man kann natürlich davon ausgehen, dass Gulik die wissenschaftliche und Reiseliteratur der europäischen Entdecker des 19. Jahrhunderts gekannt hat,

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so die Publikation „Entdeckungsreisen in China“ des deutschen Geographen und Geologen Ferdinand von Richthofen – auf dessen Berichte über die Kohlevorkommen in China sich die wilhelminischen Eroberer des „Pachtgebietes“ in Shandong stützten.

Hoffend auf Kommentare ! Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

Van Gulik und die anderen Holländer im chinesischen Peng-lai

Nach der Veröffentlichung meines blogs „Das alte China – des Richters Di zweite Nebenfrau“  lehnte ich mich zufrieden zurück und wartete auf Kommentare – wie üblich.

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Nun aber, da mich das Thema weiter verfolgte, regten sich der Sozialwissenschaftler, der genießende Leser und der Philosoph in mir, ließen mir keine Ruhe und bringen mich heute zur Präzision gewisser Passagen jenes blogs.
Was war geschehen? Ich ertappte mich bei intellektueller Oberflächlichkeit – ich hatte den niederländischen Sinologen, Diplomaten und Romancier Robert van Gulik in seiner Beziehung zur chinesischen Stadt Peng-lai als einzelnes, seltsames und bewundernswertes Wesen dargestellt, keine Minute darauf verwandt, ihn soziologisch aus seiner Zeit und aus jener Region des chinesischen Nordostens zu verstehen. Das Wort ist nun in der Welt, man möge mir verzeihen – aber die Redlichkeit des Autoren verlangt eine Präzisierung.
Robert van Gulik, der Holländer, nimmt die Hafenstadt Peng-lai zum Handlungsort der erwähnten Kriminalerzählung „The chinese gold murderers“ (deutsche Version „Gespensterspuk in Pen-lai“) nicht wegen des spannenden Namens, sondern weil er sie kennt – und weil er dort auf holländische Spuren stößt!

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Die Stadt selbst taucht unter verschiedenen Namen in den chinesischen Beschreibungen auf: Peng-lai, Dengzhou, Tengchow, Tschi-fu, Tshi-fu, Chefoo, Penglai in unterschiedlichen Beziehungen zum benachbarten Yantai. Auffällig aber die mehrfachen Bezüge zu Firmen und Banken aus den Niederlanden über die Jahrhunderte, die sicherlich dem geübten Auge des Wissenschaftlers und Diplomaten van Gulik bekannt gewesen sein müssten. Holländische Wirtschaftshistoriker und Soziologen weisen nach, dass während der vier Epochen der ökonomischen Aktivitäten des Westens in China vor 1941 (1557-1715, 1715 – 1842, 1842 – 1895 und ab 1895) verstärktes holländisches Auftreten in China vor allem in den beiden Perioden 1715-1842 und nach 1895 mittels Direktinvestitionen zu verzeichnen ist. Für den interessierten Beobachter van Gulik springen ins Auge die Investitionen und das praktische direkte Engagement holländischer Firmen beim Bau von Eisenbahnen und Hafenanlagen.

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Einen Höhepunkt bildete der Ausbau der Docks, Wellenbrecher, Hafenanlagen und der Eisenbahnanschlüsse von Yantai und Peng-lai zwischen 1909 und 1923. Die Bauten bestehen noch heute und bilden touristische Attraktionen.
Die wichtigste niederländische Reederei Java-China-Japan-Lijn (JCJL) hatte schon im Jahr 1903 in Yantai/Peng-lai eine ihrer strategisch bedeutendsten Agenturen errichtet. Vermutlich kannte van Gulik aus einer Diplomatenzeit auch führende Persönlichkeiten der beiden großen Unternehmen Nederlandsch Syndicaat voor China (Eisenbahnbau) und Nederlandsche Maatschappij voor Havenwerken (Hafenausbau und -anlagen) – und angesichts der engen Zusammenarbeit der holländischen Firmen mit Niederlassungen aus Deutschland und Großbritannien deren ausländische Partner.

Soweit ein erster Versuch, Robert van Gulik in seinen Verflechtungen als Diplomat, Wissenschaftler und Schriftsteller zu erkennen. Ich hoffe aus Kommentare.

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

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Das alte China – des Richters Di zweite Nebenfrau

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Vier Frauen durfte ein Bezirksrichter im kaiserlichen China haben, sie wohnten im geräumigen Gerichtsgebäude, hatten ihr eigenes abgetrenntes Privatquartier für sich, für die Kinder und Dienstboten. Robert van Gulik, der holländische Sinologe und Diplomat des 20. Jahrhunderts, hatte en passant in dem Band „The chinese gold murderers“ (deutsch: „Geisterspuk in Peng-lai“) beschrieben, wie sein berühmter Richter Di bei der Lösung eines Kriminalfalles zu einer zweiten Nebenfrau kam, obwohl er eigentlich mit der Hauptfrau und der ersten Nebenfrau sehr zufrieden war.

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Das Zeichen für einen Rechtsfall: an

Es ist die erste Station der langen Karriere des Richters, die unruhige Stadt Peng-lai im Norden, an der Grenze zu den Herrschaftsgebieten der Tataren und der Koreaner. Und es ist der fünfte Band der Serie Robert van Guliks über den Richter Di.

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Trotz seiner Jugend – er ist 33 Jahre alt – und dem Mangel an taktischen Erfahrungen im Umgang mit den lokalen Autoritäten gelingt es dem Richter in wenigen Tagen, die imperiale Macht zu stabilisieren und – gegründet auf den gesunden Menschenverstand – Vertrauen in seine Person und sein Team zu wecken. Nun muss das Verschwinden einer Person aufgeklärt werden, der frisch verheirateten Frau des Reeders Koo, also einer Person der Oberschicht. Das achte Kapitel des Bandes erzählt im Detail, wie der Reeder dem Gericht die mögliche Entführung oder den möglichen Mord an seiner Ehefrau, einer Tochter aus dem gutem Hause Tsao, mitteilt und damit dem Richter die Aufklärung zur Pflicht macht.


0-willow-2Die Hafenstadt Penglai (蓬 莱 市, pinyin: Pénglái shì) gibt es heute noch, sie liegt westlich des bekannteren Yantai an der Bohai-Bucht in der Provinz Shandong und ist Teil der Großgemeinde Yantai. Vermutlich geht auch heute wie vor Jahrhunderten ein Großteil des chinesischen Seehandels mit Firmen aus beiden koreanischen Staaten über Penglai und Yantai. Diese Umgebung – Seehandel, Schmuggel, Sprach- und Kulturmix, Bandenkriminalität und Prostitution – prägt die Tochter des Literaten und Landbesitzers Tsao – durch ihren Vater vermeintlich auf dem Landgut beschützt.

Die junge Frau aber entgeht nur Tage nach ihrer Hochzeit um wenige Zentimeter einem Mordanschlag, gerät auf der Flucht in die Fänge einer kriminellen Bande, die sie als Prostituierte missbraucht.  Nach all diesen brutalen Erlebnissen wird sie von der verängstigten Bordellbesitzerin dem Gericht übergeben – damit wäre der Fall der vermissten Braut aufgeklärt. Aber – die Normen der „guten Gesellschaft“ verbieten die „Rückgabe“ an Ehemann oder Vater – der geschändeten jungen Frau, der „beschädigten Ware“ wird Selbstmord nahegelegt! Für den Weg in ein Kloster fühlt sie sich nicht reif genug – sie sieht keinen Ausweg. Richter Di, ein Vorläufer der aufgeklärten Juristen der Neuzeit, bietet ihr die aus seiner Sicht beste Alternative – eine Nebenfrau in seinem Haushalt, da sie nicht unansehnlich ist, mit seiner ersten, der Hauptfrau vermutlich gut zurechtkommt und ihm – wie gesagt – rechtmäßig vier Frauen zustehen. Robert van Gulik lässt Richter Di in einem anderen Band der Krimi-Serie („The Chinese Nail Murders“) ein happy-end für die junge Frau und auch den geplagten Richter formulieren: „Er reflektierte, dass er wirklich sehr viel Glück mit seinen Frauen hatte. Seine First Lady war eine sehr kultivierte Frau, die älteste Tochter seines besten Freundes. Das gute Verständnis zwischen ihnen war ihm immer eine große Hilfe in Zeiten der beruflichen Anspannung und ihre zwei Söhne waren eine ständige Quelle der Freude. Seine zweite Frau war nicht ganz so gebildet, aber sie sah gut aus, war mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet und führte den großen Haushalt sehr effizient. Die Tochter, die sie ihm geschenkt hatte, besaß denselben ausgeglichenen Charakter.
Seine dritte Frau hatte er aus Penglai mitgebracht, seinem ersten Posten.

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Nach einigen schrecklichen Erfahrungen war sie von ihrer Familie verlassen worden und der Richter hatte sie als Gesellschafterin seiner First Lady in sein Haus genommen. Die First Lady war von ihr sehr angetan und hatte schon bald dem Richter nahegelegt, sie zu seiner Frau zu machen. Der hatte sich anfangs gesträubt, er wolle ihre Dankbarkeit nicht ausnutzen. Aber als sie ihm ihre Zuneigung zeigte, hatte er nachgegeben – und es nicht bereut. Sie war eine schöne, liebliche junge Frau und es war gut, dass sie nun zu viert Domino spielen konnten.“

Soviel zum Privatleben des Bezirksrichters Di im alten China!

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

Nochmals China: Drei Mädchen und drei Wüstlinge

0-willow-2CHINA in der Tang-Periode, also in den Jahren 630 bis 700 unserer Zeitrechnung. Eine scheinbar leicht aufzulösende Kriminalgeschichte – drei sehr junge Mädchen, davon ein Zwillingspaar, und drei ältere Wüstlinge. Zwei der drei Herren werden in schneller Folge ermordet, der ermittelnde Richter, gleichzeitig Kriminaldirektor der Stadt, erkennt, dass die Aufklärung der zusammenhängenden Fälle in der Vergangenheit der Mädchen und der drei Herren beginnen muss. Die einfache Rechnung – jeder Wüstling hatte eines der Mädchen gekauft und brutal misshandelt, dass sich nun rächt – geht nicht auf!
Obwohl ich gern anknüpfen würde an den vorigen BLOG-Geschichten vom schönen Mädchen und dem törichten Jüngling aus dem kaiserlichen China,

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Robert van Gulik

verlangt die Redlichkeit vom Schreiber den Bruch und die Offenlegung der nunmehrigen Quelle: mehr als ein Dutzend Bände von Kriminalerzählungen, erschienen erstmals zwischen 1950 und 1968 in englisch, niederländisch und japanisch aus der Feder des niederländischen Diplomaten, Historikers, Sinologen, Musikers und Zeichners Robert van Gulik (1910 – 1967).

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Alle Handlungsfäden der sehr unterschiedlichen Geschichten, angesiedelt in verschiedenen Regionen und Städten des Kaiserreiches, laufen zusammen in einer Person, des Richters Di (englisch Dee), seiner Familie und einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern  Es sind nun nicht mehr die Erzählstile der verschiedenen chinesischen Autoren, die wundersame Verknüpfung von Schicksalen junger Menschen in den Jahrhunderten des Reiches der Mitte, die uns beeindrucken, sondern hier versucht uns erfolgreich ein europäischer Autor, Kenner der Materie durch Spannung, Details aus der Tätigkeit von Polizei, Verwaltung, Militär, durch die Offenlegung psychologischer Strukturen, Denkweisen, Tiefen der Motivationen von Händlern, Beamten, Kurtisanen, Künstler, Studenten, Krimineller das innere Wesen Chinas nahezubringen. Man spürt in jeder Zeile, in jeder Zeichnung die Liebe des Autoren zu diesen Menschen, das Mitgefühl in einer Zeit der Kriege, Bürgerkriege, der Hungersnöte und des politischen Terrors.
Doch zurück zu jenen drei Mädchen und ihren Schicksalen – nachzulesen im Erzählband „The Willow Pattern“ (deutsch: „Mord nach Muster“), geschrieben 1964 und in Fortsetzungen zuerst in den Niederlanden veröffentlicht.

Die Fabel: ein schon nicht mehr sehr junger Sohn aus dem reichem Hause Mei der kaiserlichen Residenz kauft eine sehr junge Kurtisane aus einem Bordell, macht sie zu seiner Ehefrau, umgibt sie mit Luxus und verschleiert in der „guten Gesellschaft“ ihre Herkunft. Das Mädchen, die nunmehrige Ehefrau, leidet unter der Isolation und Monotonie ihres Daseins, brennt mit einem Mann aus einer anderen Familie (Hoo) der Oberschicht durch, wird im Geheimen zu einer Perle der sexuellen Orgien in der Oberschicht, an der auch ihr bisheriger Ehemann teilhat. Der neue Liebhaber jedoch sucht daneben erotische Abenteuer durch die Verführung junger Mädchen in Komplizenschaft mit einem ebenfalls reichen und amoralischen Nachbarn (Yee), dem die schönen Zwillinge aber zum tödlichen Verhängnis werden. Der reiche Ehemann Mei aber kann trotz der erotischen Zerstreuungen seine Eifersucht nicht beherrschen, überrascht seine Frau mit ihrem Liebhaber im eigenen Hause und bezahlt diese Entdeckung mit dem Leben.

0-willow-4Richter Di schafft es, die Fäden des scheinbar unlösbaren Falles aufzutroddeln und den dritten noch lebenden Wüstling aufs Schafott zu bringen – durch den Nachweis, dass einer der drei Wüstlinge die Mutter der beiden schönen Zwillinge auf dem Gewissen hat und Rache das Motiv der Tötung des dritten Mannes Yee war.
Anregung genug, bei van Gulik weiterzulesen – zum Beginn seiner Karriere als Richter in der Provinz und dem Gewinn einer neuen, zusätzlichen Nebenfrau!

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

CHINA: Der törichte Jüngling und die Schöne

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Ich wollte mich einstimmen mit leichter Lektüre auf die nächste China-Reise: Die schöne Li, das Perlenhemd, die törichte Buhle und natürlich zwei Bände I GING – das Buch der Wandlungen!  Leicht und flüssig die Erzählungen, die Moral locker dahingesprochen wie bei den Fabeln La Fontaines: Ein Jüngling auf dem Wege zur kaiserlichen Beamtenprüfung in der Hauptstadt, also dem sicheren Sprungbrett zur Karriere, wird von einem Mädchen und ihrer erfahrenen Kupplerin um seine Reisekasse geprellt. Sie gefällt ihm, er verfällt ihr mit Kasse und allen Reiseplänen, Familienpflichten und Verantwortung gegenüber den alten Eltern. Dieses Thema mehrfach variiert, auch ein Greis mit einigem Reichtum verfällt den Reizen des Mädchens („Die Kleine Nai“). Die Schönen haben erregende Namen – die schöne Li, die schöne Tu, Duftwolke und Morgenröte. Selbst der reiche Buchhändler Tschang „in seiner imposanten Fülle“ im gelben Rock eines Mandarins  lässt sich von den körperlichen Vorzügen der „Pfirsichblüte“ und „Nephritwolke“ vom rechten Weg, von der Erfüllung seiner Pflichten abbringen – hat aber Glück, wird begnadigt und landet nicht  in der Gosse. Ich glaubte schon auf dem rechten literarischen Weg zu sein – doch dann wurde es philosophisch. Zum Nachtisch hatte ich „I ging“, das „Buch der Wandlungen“, zurechtgelegt.

(eigentlich Yijing 易经, Pinyin  jīng)

Aber – unter der Überschrift „Mong – die Jugendtorheit“ fand ich zu meinem Erstaunen fünf tausend Jahre alte Rezepte, wie diesen Verirrungen der Jünglinge begegnet werden sollte: ein Zeichen aus 13 Strichen, beginnend mit dem oberen Querstrich, angeschlossen die beiden oberen kleinen Längsstriche. Und nach dem mittleren horizontalen Teilungsstrich eine Gruppe verbundener Striche, die ein Tier darstellen könnte – ein Rückgrat, ein Schwanz und nach links vier Füße! Also ein Haustier, ein Hausschwein! Was hat das Hausschwein mit den Torheiten des Jünglings zu schaffen?

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Die chinesische Schrift hat ihre Ordnungsprinzipien – keine Willkür in der Reihenfolge der Striche, keine Willkür in der Richtung, wie der Pinsel oder Kugelschreiber die Striche aufs Papier bringt. Also auch keine Willkür in der Deutung der vielfachen Verwendung des Tier-Zeichens mit seinen nur sieben Strichen:

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Das moderne Wörterbuch erklärt die Silbe als meng, in unseren Breiten ausgesprochen MANG, im zeitgenössischen Chinesischen je nach Bedeutung in der ersten, zweiten oder dritten Aussprachegruppe. Das Hausschwein geht in seiner bildlichen Gestalt verloren, aber das Zeichen erhält vielfache Interpretationsvarianten!  Zu unserer Überraschung gehen aber die Bedeutungen nicht allzusehr auseinander – und haben alle einen interessanten Bezug zu unserem Jüngling und seinen Irrungen – hier nur einige Beispiele: Genie, hintergehen, beschwindeln, betrügen, Kopf verlieren, benommen, bewusstlos, Elefant – in Zusammensetzungen: Betäubungsmittel, Schlaftrunk, verhüllen,  verkleiden, Halbschlaf, Sand in die Augen streuen, dunstig, neblig, schummeln.

Nun stecke ich fest im Philosophischen, erinnere mich an meine Jugendlektüre – wie bei Balzac und Dumas der französische Jüngling aus der Provinz wie einst Bonaparte sein Glück in Paris macht – im Gegensatz zum törichten und sinnlich anfälligen Chinesen lässt er sich nicht ablenken auf dem Weg zu Ruhm, Reichtum und Ehre.

Im Gespräch mit einem chinesischen Freund aber kam gestern die Ernüchterung! Er gab zu bedenken, ob nicht die heutigen europäischen jungen Männer bei der Lektüre der Erzählungen von Balzac und Dumas die Rationalität und Strategie zur Maxime machten, aber das Risiko auf dem Wege nach oben, auf dem Wege in die weite Welt scheuten.

Er meinte, dass manche Berater chinesischer Politiker und Wirtschaftslenker von heute im stillen Kämmerlein munkeln, dass sich westliche Minister, Präsidenten, Konzernbosse immer noch vom Image jener Figuren aus den chinesischen Novellen und Kurzgeschichten leiten lassen, wenn sie zögerlich, halbherzig, zaudernd auf die verlockenden Angebote zur langfristigen Zusammenarbeit reagieren.

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

 

Ein heiliger Kroate – Hieronymus der Dalmatiner

Auf Anhieb, ohne Vorbereitung überraschte mich letzte Woche die Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum mit zehn Darstellungen des heiligen Hieronymus. Deutsche Renaissancemaler (Lukas Cranach, Albrecht Altdorfer, Hans Schäufelein), Italiener, Holländer sind präsent.20190209_141759-neu-kl

Was hat sie bewogen, diesen Gelehrten und Kirchenfürsten des 5. Jahrhunderts in unterschiedlichen Posen und Umgebungen zu porträtieren, der vor nunmehr über einem Jahrtausend gelebt und gewirkt hatte, dem nicht das Schicksal eines grausam gefolterten und getöteten christlichen Märtyrers zugefallen war? Gewiss mag eine Rolle gespielt haben, dass ihm die bekannte LEGENDA AUREA des Jacobus de Voragine aus dem 13. Jahrhundert ein umfangreiches Kapitel widmete, jene unerschöpfliche Quelle der religiösen Legenden, Biographien und Ereignissen seit Christi Geburt, die der Phantasie der Künstler an der Wende von der Gotik zur Renaissance in Europa mannigfaltige visuelle und sensuelle Anregungen vermittelte. Aber warum gerade dieser Greis, der halbnackte Alte in der Wüste, der Theologe in der Klosterzelle, der Geselle des Löwen?

Ich glaube, dass seine Herkunft aus Dalmatien, dem heutigen Kroatien an der Ostküste der Adria einen Schlüssel bietet zur Beantwortung dieser Frage. Das gebildete Europa des ausgehenden Mittelalters verband diese Region mit den klassischen theologischen Zentren West- und Mitteleuropas, es sah sie als Verbindungsglied zu Byzanz und den legendären heiligen Stätten der christlichen Ursprünge in Palästina.

Künstler, die Hieronymus mit Kardinalshut abbilden oder sogar wie Lukas Cranach d.Ä. den zeitgenössischen Erzbischof von Mainz, Kardinal Albrecht von Brandenburg zum Modell des Heiligen erwählen, stellen so einen ausdrücklichen Bezug zur klerikalen Hierarchie des 15./16. Jahrhunderts her. So bedarf es nicht der naturalistischen Darstellung gemarterter, verbrannter, zerstückelter, geräderter heiliger Frauen wie Katharina, in den Altarbildern und Holzschnitzereien, um die Kirchgänger in ihrem Glauben zu stärken. Der friedliche alte Hieronymus mit seinem zahmen Löwen, ein Kirchenbruder, Mönch, Eremit und Kardinal in Einem, vielleicht glaubhafter als die heiligen Frauengestalten? Und er stammte aus einer Landschaft in der Nähe, aus Kroatien-Dalmatien! – ein Stück Venedig, das man ja kannte, wie Albrecht Dürer verriet.

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Dr. Dieter Weigert, Berlin-Prenzlauer Berg