PANIK, FLUCHT und die grüne Kandidatin BAERBOCK

Wir erlauben uns, mit Genehmigung der Autoren, Teil des Blogs „Panikmache und Flüchtlingswelle“ von „Josias.blog“ (bei WordPress) zu übernehmen, jedoch gewisse Aussagen zuzuspitzen.
Unter meinem Fenster (Berlin Prenzlauer Berg) hängt seit kurzem das Konterfei der grünen Frau Kanzlerkandidatin, einer eifrigen, fast fanatischen Befürworterin und Anblaserin eines neuen gewaltigen „Flüchtlings-Tsunami“. (darf man so schreiben, ohne des Rassismus bezichtigt zu werden?)
Ich denke, manchen deutschen Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfern kommen die Ereignisse in Kabul, besonders das aus der Unwilligkeit und Unfähigkeit der US-Streitkräfte entspringende Chaos am Flughafen, sehr gelegen.

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Panikmache auch in deutschen Landen

Wieviel Vernunft kann aber sich angesichts der FAKE-News in Printmedien und auf den Bildschirmen in unseren Tagen durchsetzen? Ich bin nicht sehr optimistisch. Noch weiß man absolut nichts – aber Politikerinnen kreischen um die Wette die Forderung in die Welt, dass Deutschland die Grenzen öffnen müsse, dass man den offiziellen Erklärungen der Taliban-Führer zur Amnestie und zur Versöhnung nicht trauen dürfe.


Aber schon eine kleine Atempause zum Luftschnappen würde zum Nachdenken genügen, um sich die Frage zu stellen – wie setzt sich denn diese nach Tausenden zählenden verzweifelter Menschen in Bagram zusammen? Wollen und sollen wir Ihnen wirklich allen helfen?


Zwei größere Gruppen läßt uns der gesunde Menschenverstand erkennen: erstens diejenigen Männer und Frauen und ihre Familienangehörigen, die sich in den letzten 20 Jahren einen relativ hohen Lebensstandard durch ihre vertraglich gesicherten Dienste für die Okkupationsstreitkräfte (incl. Bundeswehr und Bundespolizei), deren Geheimdienste, für die sog. Kontraktoren, (die Manager der westlichen Konzerne, die sich auf Kosten der afghanischen Bevölkerung die Taschen und ihre Schweizer Konten gefüllt haben) erkauft hatten – in Norwegen nannte man während und nach dem 2. Weltkrieg solche Personen „Quislinge“.

Diese Personen fordern, dass sie in Deutschland, den USA, Großbritannien etc. weiterhin, diesmal als anerkannte Flüchtlinge, mitsamt ihren Familien ihr gewohntes Leben – weit über dem Standard des einfachen Bauern oder Handwerkers – führen können. Wissen unsere Politikerinnen und Politiker, unsere Kanzlerkandidatinnen und Kanzlerkandidaten, auf welch dünnem, brüchigem Eis sie sich moralisch bewegen? Oder wissen sie es und führen sie dennoch einen „sauberen“ Wahlkampf ? Welch‘ ein Zynismus – da ist doch wahrhaftig das Plagiieren beim Buchschreiben oder das Fälschen eines Lebenslaufes nichts dagegen!


Zweitens kann man bei etwas Nachdenken eine große Gruppe erkennen, die ohne offizielle Vertragsbindung an die Okkupanten recht gut ihre Geschäfte in den afghanischen Städten seit 2001 betrieben haben, ihre Luxusrestaurants, Hotels, Cafés, Bordelle laufen hatten samt ihren „Häschen“ und denen die berechtigte Furcht vor den Taliban im Nacken sitzt. Das alles erinnert sehr an Shanghai 1949, Havanna 1959/60 und Saigon im April 1975!

Oder woran erinnern wir uns bei diesen Bildern – Havanna vor der Revolution?

Schließlich eine dritte Gruppe – vermutlich die größte. Es sind jene, die nach Jahren des Elends, der Meinungsmanipulation, der Ausweglosigkeit, der schonungslosen Ausbeutung durch ein Regime der Korruption und der Abhängigkeit vom westlichen System der „Entwicklungshilfe“ sich in purer Verzweiflung an die Flugzeuge klammern, ihre Kleinkinder über die Absperrzäune anbieten, die jedes Vertrauen in amtliche Versprechungen verloren haben, denen eingehämmert wurde, dass die Taliban ihre Kinder missbrauchen. Traurige Bilder! Was haben unsere deutschen Soldaten und Offiziere, unsere Medienvertreter, unsere Diplomaten, die jetzt die ersten sind, die sich absetzen, was haben sie getan, damit der „einfache Afghane“ der deutschen Demokratie vertraut?





… und das Ende? oder ein Neuanfang – aber in Afghanistan !!!!!
Eine solche demokratische Alternative würde Ihnen gut stehen, Frau Baerbock

Joschka Fischer, Steinmeier – Petersberg

Kein öffentlicher Widerspruch war zu hören, zu lesen oder in den Fernsehkanälen zu sehen, als USA-Präsident in seiner ersten Ansprache nach dem Einmarsch der TALIBAN in Kabul vollmundig erklärte, das Ziel der USA und NATO-Militäroperationen in Afghanistan in den letzten fast 20 Jahren sei niemals „Nation-Building“ gewesen, sondern „nur“ die Bekämpfung des internationalen Terrorismus, was nun erfolgreich mit dem Abzug der USA-Truppen abgeschlossen worden sei.

EINE OFFENE LÜGE !

Sie zu enthüllen, könnte eine wirklich demokratische Gesellschaft einige glaubwürdige Kronzeugen aufbieten – z.B. Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Ex-Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer, Ex-Geheimdienste-Oberaufseher Steinmeier sowie Hunderte Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und des BND – und sie dazu bringen, unter Eid Aussagen über den sogenannten „Petersberg-Prozess“ (englisch „Bonn Process“) der Jahre nach 2001 zu machen.

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DIE WELT

„AFGHANISTAN“

Hat Joe Biden gelogen?

Stand: 18.08.2021 | Lesedauer: 6 Minuten Von Daniel Friedrich Sturm

USA-Korrespondent

  • * **

Die Dokumente des Auswärtigen Amtes lügen nicht! Joschka Fischer hat damals auch nicht gelogen, als er optimistisch in Fernseh-Interviews vom Gipfel des Petersberges aus der Bevölkerung der Bundesrepublik und dem afghanischen Volk eine rosige Zukunft versprach, die die Konferenz-Teilnehmer durch das Instrumentarium des „NATION-BUILDING“ in wenigen Jahren herbeizaubern werde. Versprechen ist nicht Lügen! Man kann in einer Demokratie Politiker nicht wegen illusionärer Wahlversprechen und ihrer Nichteinhaltung vor Gericht zitieren!

Aber man kann ihnen den Spiegel vorhalten und ihnen ihr Gedächtnis auffrischen: Die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte im Jahre 2007 einen Aufsatz unter dem Titel: „Nation-building in Afghanistan“, Verfasser war der Lehrbeauftragte für internationale Politik an den Universitäten  Marburg, Gießen und Kassel Dr. phil. Martin Baraki, Jahrgang 1947. Damit wir uns recht verstehen – die Bundeszentrale für politische Bildung ist kein Privatverein, unter dessen Dach man Hypothesen, theoretische Annahmen, unbewiesene Fiktionen veröffentlichen kann, ohne Verantwortung für das geschriebene Wort übernehmen zu müssen. Diese Zentrale ist eine offizielle Institution der Bundesregierung! Ihre Veröffentlichungen sind also regierungsoffiziell. Also ist der verwendete Begriff „Nation-building“ regierungsoffiziell – und wenn man sich die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland vor Augen führt, wird wohl niemand sich vorstellen können, dass Begrifflichkeiten und Konferenzplanungen ohne enge Koordinierung mit dem State Department in Washington erarbeitet werden. Übrigens ergibt sich diese Schlussfolgerung auch daraus, dass der gesamte „Petersberg-Prozess“ zur Afghanistan-Frage in ständiger Abstimmung mit dem UN-Sicherheitsrat organisiert und durchgeführt wurde – also in enger Zusammenarbeit mit den USA als ständiges Mitglied dieses Gremiums.

Nicht wegsehen – auch das ist Teil der Lügenkampagne


Ich nehme nochmals die Wortwahl des Herrn Steinmeier auf, der am Wochenende von „beschämend“ im Zusammenhang mit den Ereignissen in Kabul sprach. Zu seiner Verantwortung als Bundespräsident gehört in meinem politischen Verständnis auch, dass er Lügen auf höchster staatlicher Ebene als solche benennt – natürlich in den üblichen diplomatischen Wendungen, aber doch öffentlich. Wenn er nicht den Mut dazu aufbringt, schäme ich mich für ihn.

Dr. Dieter Weigert. Berlin Prenzlauer Berg

Heinrich von Kleist, St. Marien in Frankfurt an der Oder und der Generalsuperintendent Josias F. C. Löffler

Vor fast drei Jahren, am 5. Oktober 2018, veröffentlichte ich an dieser Stelle einen Blog unter dem Titel „Der Antichrist auf Kleists Bühne – Glasfenster in St. Marien an der Oder“ (wird als Anlage zur Erinnerung angefügt).

Auf Anfrage von Leserinnen und Lesern suchte ich in den relevanten Archiven nach personellen Bezügen des jungen Heinrich von Kleist unter den damaligen Pfarrern an der Marienkirche – und wurde fündig.
Der aus dem thüringischen Saalfeld stammende Theologe Josias Friedrich Löffler (1752 – 1816 war von 1782 bis 1787 Oberpfarrer an der Gemeinde von St. Marien, Generalsuperintendent der evangelisch-lutherischen Kirchen in Frankfurt/Oder und Professor für Theologie an der Viadrina.

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Gemeindehaus St. Marien mit Arbeitsräumen und Wohnung des Superintendenten J.F.C. Löffler

Löffler hatte nach dem Schulbesuch an den Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale an der dortigen Friedrichsuniversität Theologie studiert, erhielt in Berlin eine Predigerstelle an der Charité und an der Hausvogteikirche, nahm als Feldprediger des berühmten königlichen Regiments Gensd’Armes am Krieg 1778/79 teil und wurde mit einem eindeutigen aufklärerischen Auftrag 1782 durch Minister von Zedlitz an die VIADRINA in Frankfurt/Oder berufen. Als Theologieprofessor hatte er bedeutenden Anteil an der studentischen Ausbildung der Gebrüder Humboldt, zu seinem Freundeskreis gehörte u.a. der Kommandeur des in Frankfurt stationierten Infanterieregiments, Prinz Leopold von Braunschweig, der Bruder der Weimarer Herzogin Anna Amalia.


Wie schon oben erwähnt, berief ihn der Magistrat der Stadt Frankfurt nach Fürsprache durch den preußischen König Friedrich II. und dessen Minister von Zedlitz zum Oberpfarrer an die Marienkirche.

Josias Friedrich Christian Löffler

Nach dem Tode Friedrich II. verlor der der Aufklärung verpflichtete von Zedlitz sein Amt. Unter seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II., den Arnold Zweig „eine Null von frommem König“ nannte, gewannen konservative Kreise in der Religionspolitik, den Kirchenleitungen und den Schulverwaltungen die Oberhand, so dass Löffler sich entschied Frankfurt zu verlassen. Auf Einladung des Herzogs Ernst II. von Gotha übernahm er das Amt des Generalsuperintenden des Herzogtums, machte sich vor allem durch die Verteidigung aufklärerischer Positionen und eine progressive Schulpolitik verdient. In diese Gothaer Periode fällt auch die durch einen Brief Kleists aus dem Jahre 1793 bekannte Begegnung mit dem zu seinem Regiment reisenden Fähnich Heinrich von Kleist. Über weitere Begegnungen bei späteren Besuchen des Dichters in Gotha und über den Einfluss des Theologen und Pädagogen Löffler auf den jungen Kleist in Frankfurt/Oder können aufgrund fehlender schriftlicher Quellen Vermutungen angestellt werden. Sehr wahrscheinlich sind auch angesichts der engen Kontakte der Familie von Kleist mit dem im Nachbarhause wohnenden und arbeitenden Oberpfarrers und Professors Löffler Führungen in der Marienkirche und zum Bildprogramm der Fenster aus dem 14. Jahrhundert für den jungen neugierigen Offizierssohn Heinrich von Kleist. Leider geben die wenigen schriftlichen Quellen zur Kindheit und Jugend Kleists auch zu diesem Thema keine Auskunft.

Die Chorfenster von St. Marien aus dem 14. Jahrhundert

17. August 2021

Dr. Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

Anlage – Kopie des Blogs von 2018
Der Antichrist auf Kleists Bühne – Glasfenster in St. Marien an der Oder
5. Oktober 2018

Wenige Meter entfernt von den Backsteinmauern der mittelalterlichen Kirche St. Marien von Frankfurt an der Oder reißen Bagger und Presslufthämmer einen Wohnblock aus DDR-Zeiten ab, schaffen Platz für einen Neubau. Es ist genau die Stelle, an der im 18. Jahrhundert das Wohnhaus des Stadtkommandanten von Kleist stand, in dem Heinrich von Kleist seine Kindheit verbrachte. Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, wie der verträumte Junge im benachbarten Kirchenraum ehrfürchtig die Steine aus dem 14. Jahrhundert berührte, die Säulen und das Gewölbe bewunderte und sich im Chor den hohen Glasfenstern neugierig näherte.

Besonders das rechte der drei reichlich geschmückten Fenster hatte es ihm angetan. Aufrechte Christenmenschen und der Antichrist, Engel und Wanderprediger, Sünder im Höllenrachen, viel Feuer, Martyrium und Wunder. Althergebrachtes biblisches Wissen wird in leuchtenden Farben erzählt – auch für Analphabeten oder Kinder im Vorschulalter verständlich, begreifbar, zu erfühlen. Dem Dramatiker Heinrich von Kleist sind diese Bilder voll gegenwärtig, der Erwachsene kleidet Jahrzehnte später die kindlichen Eindrücke in ein Gewebe aus bühnenwirksamen Handlungsfäden. Anschaulich, aber heute nicht mehr ohne Weiteres, nur über die Mühen der Kleistforschung zu verstehen, gleich im 1. Auftritt des I. Aktes des « Käthchens von Heilbronn » : Käthchens Vater, der Waffenmeister Theobald, deutet vor Gericht die Gründe für die bedingungslose Liebe seiner Tochter zum Grafen von Strahl als schwarze Kunst, Teufelszauber, Verbrüderung mit dem Satan. Seine Beschreibung der Werkzeuge des Satans « mit Hörnern, Schwänzen, und Klauen, wie sie zu Heilbronn, über dem Altar abgebildet sind » entspricht dem rechten Chorfenster der Marienkirche von Frankfurt an der Oder ! Kleist bringt seine Kindheitserinnerungen auf die Bühne. Kleists Theobald fordert die Verurteilung des Verführers, seine sofortige Festsetzung : « Nehmt ihn, ihr irdischen Schergen Gottes, und überliefert ihn allen geharnischten Scharen, die an den Pforten der Hölle stehen und ihre glutroten Spieße schwenken ». Da sind sie, jene Figuren der Henkersknechte, jene Tore des Höllenfeuers, der Scheiterhaufen, auf dem Menschen verbrannt werden, in den Bildern des Fensters von St. Marien !

Heinrich von Kleist war kein Kunstwissenschaftler, kein Fachhistoriker für Religionsgeschichte oder die Geschichte des ausgehenden Mittelalters, aber sein untrügliches Gefühl leitet ihn zu dramatischen Gestaltungen, die ebenso verschlüsselt komponiert sind wie die Abfolge der einzelnen Bilder  und die Detailprogramme jener Glasfenster. Es lohnt sich also für uns heute nicht nur wieder mal ein Theaterbesuch sondern auch eine Fahrt an die Oder und ein Gang zu St. Marien.

„HUMVEE“, die Herren Steinmeier und Röttgen

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Das ist ein „Humvee“, produziert seit dem Irak-Krieg beim US-amerikanischen Industrie-Giganten General Motors. In und auf diesem hässlichen, wüstensandfarbenen Ungetüm fahren seit vorgestern die TALIBAN durch KABUL und andere Städte Afghanistans spazieren. Sollten die TALIBAN die Vorstellung hegen, eine Siegesparade zur Machtübernahme in der Hauptstadt durchzuführen, würden die Fernsehbilder in aller Welt Hunderte solcher Kisten zeigen – fabrikneu aus den USA eingeflogen – besetzt von Kämpfern in variantenreichen „Uniformen“, bewaffnet mit allem, was die Arsenale von Uncle Sam hergaben. Bei geschichtsbewussten Menschen stellen sich Erinnerungen ein – Peking im Sommer 1949, Saigon im Frühjahr 1975. Damals gab es noch keine HUMVEEs, aber amerikanisch ausgerüstete „Regierungstruppen“, die regimentweise zu den Siegern überliefen – samt ihren Waffen, Panzern, Jeeps.

Was hat das mit dem Herrn Steinmeier u tun? Vor einigen Stunden formulierte er: „Die Bilder der Verzweiflung am Flughafen Kabul sind beschämend für den politischen Westen.“ Und ??? Er war seit Jahrzehnten an führender Position in Berlin mitveranwortlich an der Seite von Schröder und Fischer für die Beteiligung der Bundesrepublik an den Kriegen der USA und der NATO. Wenn er von „Mitverantwortung“ spricht, dann sollte er die Konsequenz ziehen und als Bundespräsident das Schloss Bellevue noch heute verlassen, bevor der Schleier der Vergessenheit die Schreckensbilder des Flughafens Kabul zudeckt – für die nicht die TALIBAN, sondern die USA-Streitkräfte verantwortlich sind ! Und wenn das Wort „beschämend“ schon benutzt wird, dann bitte an der richtigen Stelle: es ist beschämend, wenn ein Herr Röttgen reflexartig nach einem Eingreifen der Bundeswehr schreit, bevor überhaupt Klarheit über die Lage am letzten Sonntag in Kabul herrschte- ein Herr Röttgen ist – und das ist wahrlich beschämend für unser politisches System – Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages! Auch er könnte sich ehrlich machen und den Rücktritt einreichen.

Dr. Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

CHINA heute – Wo zum Teufel liegt PORT ARTHUR ?

Russia: Propaganda poster of a heavily armed Russian Cossack soldier grinning over the fortifications at Port Arthur while disconcerted USA, Britain, Japan and China look on, 1904Ein Jugendtraum, seine Erfüllung Jahrzehnte aufgeschoben, klopft nun ans Fenster – das legendäre Port Arthur werde ich in wenigen Wochen betreten. Meine jüngeren Freunde und Gesprächspartner mögen mir den intellektuellen Überfall verzeihen, für sie erscheint dieser Ort in China (wie auch die Seeschlacht von Tsushima) so weit weg, die historische Periode der brutalen neuzeitlichen Kriege um dieses Felsennest am Gelben Meer lässt keine Saite in ihrer Gefühlswelt erzittern. Über einhundert Jahre sind vergangen, seit sich die Kaiser von Russland, Japan und China den wirtschaftlichen und weltpolitischen Einfluss im „Fernen Osten“ (in europäischer Sicht), auf uraltem chinesischen Kulturboden militärisch streitig machten und den Ortsnamen Port Arthur in die Schlagzeilen der Telegraphenmeldungen und Zeitungen brachten.

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Der Name des Festungsortes war zwar englisch, wurde aber durch die russischen Eroberer genutzt – vielleicht um die zivilisierende, globalisierende Mission der Ausländer in China zu unterstreichen. Was uns revolutionsbewusste Jugendliche vor Jahrzehnten beim Hören der Namen Port Arthur, Tsushima und Kreuzer Warjag bewegte, waren die Strahlen der Morgensonne, die uns aus jenen blutigen Szenen der Weltgeschichte um 1904/05 entgegen leuchteten: In den glühenden Augen der Helden Lenin, Mao und Che Guevara lasen wir die geschichtliche Wahrheit, dass gerade die epochale Niederlage der russischen Flotte und des russischen Heeres gegen die junge aufstrebende asiatische Nation Japan die erste russische Revolution von 1905 entstehen ließ. Russen, Türken, Mexikaner, Chinesen wurden aus Objekten, aus Schachfiguren der Großmächte zu historischen Akteuren. Der Hegelsche Weltgeist, den wir begeistert studierten, suggerierte die Symbolkraft des Namens Port Arthur (also: Niederlage des russischen Zarenreiches = Asche, aus der die Oktoberrevolution entspringt) für die globale Revolution des 20. Jahrhunderts. Die Hegelsche Dialektik ließ uns auch verstehen, wie sich die blutige Tradition des japanischen Faschismus, aus den Siegen gegen China und Russland vor über einhundert Jahren erwachsen, zum Sprengstoff für revolutionäre Bewegungen in Asien verwandelte.

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Nun aber zu unserem Port Arthur zurück: in der nunmehrigen nordostchinesischen Hafenmetropole DALIAN finden sich heute Spuren jener Tage. Die meisten europäischen gedruckten Reiseführer ignorieren geflissentlich diese Fakten und Fotos. Ich fand glücklicherweise den Rowohlt-Verlag auch hier auf der Seite der Revolutionäre: vor über zwanzig Jahren hatten die Lektoren den Bielefelder Autoren Hartwig Bögeholz entdeckt und seine China-Impressionen in der Reihe „Anders reisen“ im Jahre 1997 publiziert. S. 184 ff: Ein Genuss !!! Und dessen Eindrücke über Port Arthur-Danian-Lüshun sollte man auf die Reise mitnehmen – was ich tun werde. Vor allem werde ich die Chinesen fragen, was aus ihrem Traum, Dalian zu einem zweiten Hongkong werden zu lassen, geworden ist.

Also bis dann in vier Wochen – Dieter Weigert, Berlin

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Van Guliks Liebe zum chinesischen Nordosten – Bei zhou oder Pei-chow ?

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Robert van Gulik schrieb während eines Aufenthalts in Beirut im Jahre 1956 die drei Kriminalerzählungen The Headless Corps, The Paper Cat, The Murdered Merchant und veröffentlichte sie 1961 zusammengefasst unter dem Titel „The Chinese Nail Murders“.

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Er siedelte die Handlungen an in der fiktiven Bezirkshauptstadt Pei-chow – wie er schreibt – „nahe der Nordgrenze des chinesischen Kaiserreiches“.  Im Unterschied zu Peng-lai, der real existiereden Hafenstadt nahe Yantai in der Provinz Shandong, die den Handlungsort eines anderen des Kriminalbandes („The Chinese Gold Murderers“) abgibt, lässt sich eine Stadt Pei-chow (auch unter Verwendung verschiedener Schreibvarianten) nicht nachweisen – weder in der Geschichte noch in der Gegenwart.
Gulik schrieb auf einer Kartenskizze den Namen pei-chow mit den chinesischen Zeichen

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Das würde in moderner Schreibweise: Bei-zhou (übersetzt mit Nordland oder Nordprovinz), und in pinyin  běi  zhōu ( 北  州) heißen.

Liest man gründlich die Erzählungen des Bandes, findet man ausreichend Attribute des chinesischen Nordens – die kalten Steppenwinde, die Sandstürme aus den Wüstens des Nordostens, vermutlich heute die Gebiete der äußeren und inneren Mongolei oder Mandschuriens, die einfache Küche, in deren Mittelpunkt Wild und Fisch standen.

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Man findet Verwandtschaftsbeziehungen der Bewohner dieser chinesischen Stadt zu Familien der Tatarenstämme, Hinweise auf Kleidungsstücke wie Turbane und Kapuzen der Tataren.

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Liebte Robert van Gulik also besonders den chinesischen Nordosten? Die fiktive Stadt pei-chow lässt die Antwort offen, auch der Biograph Janwillem van de Wetering umgeht diese Frage. Man kann natürlich davon ausgehen, dass Gulik die wissenschaftliche und Reiseliteratur der europäischen Entdecker des 19. Jahrhunderts gekannt hat,

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so die Publikation „Entdeckungsreisen in China“ des deutschen Geographen und Geologen Ferdinand von Richthofen – auf dessen Berichte über die Kohlevorkommen in China sich die wilhelminischen Eroberer des „Pachtgebietes“ in Shandong stützten.

Hoffend auf Kommentare ! Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

Van Gulik und die anderen Holländer im chinesischen Peng-lai

Nach der Veröffentlichung meines blogs „Das alte China – des Richters Di zweite Nebenfrau“  lehnte ich mich zufrieden zurück und wartete auf Kommentare – wie üblich.

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Nun aber, da mich das Thema weiter verfolgte, regten sich der Sozialwissenschaftler, der genießende Leser und der Philosoph in mir, ließen mir keine Ruhe und bringen mich heute zur Präzision gewisser Passagen jenes blogs.
Was war geschehen? Ich ertappte mich bei intellektueller Oberflächlichkeit – ich hatte den niederländischen Sinologen, Diplomaten und Romancier Robert van Gulik in seiner Beziehung zur chinesischen Stadt Peng-lai als einzelnes, seltsames und bewundernswertes Wesen dargestellt, keine Minute darauf verwandt, ihn soziologisch aus seiner Zeit und aus jener Region des chinesischen Nordostens zu verstehen. Das Wort ist nun in der Welt, man möge mir verzeihen – aber die Redlichkeit des Autoren verlangt eine Präzisierung.
Robert van Gulik, der Holländer, nimmt die Hafenstadt Peng-lai zum Handlungsort der erwähnten Kriminalerzählung „The chinese gold murderers“ (deutsche Version „Gespensterspuk in Pen-lai“) nicht wegen des spannenden Namens, sondern weil er sie kennt – und weil er dort auf holländische Spuren stößt!

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Die Stadt selbst taucht unter verschiedenen Namen in den chinesischen Beschreibungen auf: Peng-lai, Dengzhou, Tengchow, Tschi-fu, Tshi-fu, Chefoo, Penglai in unterschiedlichen Beziehungen zum benachbarten Yantai. Auffällig aber die mehrfachen Bezüge zu Firmen und Banken aus den Niederlanden über die Jahrhunderte, die sicherlich dem geübten Auge des Wissenschaftlers und Diplomaten van Gulik bekannt gewesen sein müssten. Holländische Wirtschaftshistoriker und Soziologen weisen nach, dass während der vier Epochen der ökonomischen Aktivitäten des Westens in China vor 1941 (1557-1715, 1715 – 1842, 1842 – 1895 und ab 1895) verstärktes holländisches Auftreten in China vor allem in den beiden Perioden 1715-1842 und nach 1895 mittels Direktinvestitionen zu verzeichnen ist. Für den interessierten Beobachter van Gulik springen ins Auge die Investitionen und das praktische direkte Engagement holländischer Firmen beim Bau von Eisenbahnen und Hafenanlagen.

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Einen Höhepunkt bildete der Ausbau der Docks, Wellenbrecher, Hafenanlagen und der Eisenbahnanschlüsse von Yantai und Peng-lai zwischen 1909 und 1923. Die Bauten bestehen noch heute und bilden touristische Attraktionen.
Die wichtigste niederländische Reederei Java-China-Japan-Lijn (JCJL) hatte schon im Jahr 1903 in Yantai/Peng-lai eine ihrer strategisch bedeutendsten Agenturen errichtet. Vermutlich kannte van Gulik aus einer Diplomatenzeit auch führende Persönlichkeiten der beiden großen Unternehmen Nederlandsch Syndicaat voor China (Eisenbahnbau) und Nederlandsche Maatschappij voor Havenwerken (Hafenausbau und -anlagen) – und angesichts der engen Zusammenarbeit der holländischen Firmen mit Niederlassungen aus Deutschland und Großbritannien deren ausländische Partner.

Soweit ein erster Versuch, Robert van Gulik in seinen Verflechtungen als Diplomat, Wissenschaftler und Schriftsteller zu erkennen. Ich hoffe aus Kommentare.

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

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Das alte China – des Richters Di zweite Nebenfrau

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Vier Frauen durfte ein Bezirksrichter im kaiserlichen China haben, sie wohnten im geräumigen Gerichtsgebäude, hatten ihr eigenes abgetrenntes Privatquartier für sich, für die Kinder und Dienstboten. Robert van Gulik, der holländische Sinologe und Diplomat des 20. Jahrhunderts, hatte en passant in dem Band „The chinese gold murderers“ (deutsch: „Geisterspuk in Peng-lai“) beschrieben, wie sein berühmter Richter Di bei der Lösung eines Kriminalfalles zu einer zweiten Nebenfrau kam, obwohl er eigentlich mit der Hauptfrau und der ersten Nebenfrau sehr zufrieden war.

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Das Zeichen für einen Rechtsfall: an

Es ist die erste Station der langen Karriere des Richters, die unruhige Stadt Peng-lai im Norden, an der Grenze zu den Herrschaftsgebieten der Tataren und der Koreaner. Und es ist der fünfte Band der Serie Robert van Guliks über den Richter Di.

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Trotz seiner Jugend – er ist 33 Jahre alt – und dem Mangel an taktischen Erfahrungen im Umgang mit den lokalen Autoritäten gelingt es dem Richter in wenigen Tagen, die imperiale Macht zu stabilisieren und – gegründet auf den gesunden Menschenverstand – Vertrauen in seine Person und sein Team zu wecken. Nun muss das Verschwinden einer Person aufgeklärt werden, der frisch verheirateten Frau des Reeders Koo, also einer Person der Oberschicht. Das achte Kapitel des Bandes erzählt im Detail, wie der Reeder dem Gericht die mögliche Entführung oder den möglichen Mord an seiner Ehefrau, einer Tochter aus dem gutem Hause Tsao, mitteilt und damit dem Richter die Aufklärung zur Pflicht macht.


0-willow-2Die Hafenstadt Penglai (蓬 莱 市, pinyin: Pénglái shì) gibt es heute noch, sie liegt westlich des bekannteren Yantai an der Bohai-Bucht in der Provinz Shandong und ist Teil der Großgemeinde Yantai. Vermutlich geht auch heute wie vor Jahrhunderten ein Großteil des chinesischen Seehandels mit Firmen aus beiden koreanischen Staaten über Penglai und Yantai. Diese Umgebung – Seehandel, Schmuggel, Sprach- und Kulturmix, Bandenkriminalität und Prostitution – prägt die Tochter des Literaten und Landbesitzers Tsao – durch ihren Vater vermeintlich auf dem Landgut beschützt.

Die junge Frau aber entgeht nur Tage nach ihrer Hochzeit um wenige Zentimeter einem Mordanschlag, gerät auf der Flucht in die Fänge einer kriminellen Bande, die sie als Prostituierte missbraucht.  Nach all diesen brutalen Erlebnissen wird sie von der verängstigten Bordellbesitzerin dem Gericht übergeben – damit wäre der Fall der vermissten Braut aufgeklärt. Aber – die Normen der „guten Gesellschaft“ verbieten die „Rückgabe“ an Ehemann oder Vater – der geschändeten jungen Frau, der „beschädigten Ware“ wird Selbstmord nahegelegt! Für den Weg in ein Kloster fühlt sie sich nicht reif genug – sie sieht keinen Ausweg. Richter Di, ein Vorläufer der aufgeklärten Juristen der Neuzeit, bietet ihr die aus seiner Sicht beste Alternative – eine Nebenfrau in seinem Haushalt, da sie nicht unansehnlich ist, mit seiner ersten, der Hauptfrau vermutlich gut zurechtkommt und ihm – wie gesagt – rechtmäßig vier Frauen zustehen. Robert van Gulik lässt Richter Di in einem anderen Band der Krimi-Serie („The Chinese Nail Murders“) ein happy-end für die junge Frau und auch den geplagten Richter formulieren: „Er reflektierte, dass er wirklich sehr viel Glück mit seinen Frauen hatte. Seine First Lady war eine sehr kultivierte Frau, die älteste Tochter seines besten Freundes. Das gute Verständnis zwischen ihnen war ihm immer eine große Hilfe in Zeiten der beruflichen Anspannung und ihre zwei Söhne waren eine ständige Quelle der Freude. Seine zweite Frau war nicht ganz so gebildet, aber sie sah gut aus, war mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet und führte den großen Haushalt sehr effizient. Die Tochter, die sie ihm geschenkt hatte, besaß denselben ausgeglichenen Charakter.
Seine dritte Frau hatte er aus Penglai mitgebracht, seinem ersten Posten.

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Nach einigen schrecklichen Erfahrungen war sie von ihrer Familie verlassen worden und der Richter hatte sie als Gesellschafterin seiner First Lady in sein Haus genommen. Die First Lady war von ihr sehr angetan und hatte schon bald dem Richter nahegelegt, sie zu seiner Frau zu machen. Der hatte sich anfangs gesträubt, er wolle ihre Dankbarkeit nicht ausnutzen. Aber als sie ihm ihre Zuneigung zeigte, hatte er nachgegeben – und es nicht bereut. Sie war eine schöne, liebliche junge Frau und es war gut, dass sie nun zu viert Domino spielen konnten.“

Soviel zum Privatleben des Bezirksrichters Di im alten China!

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

Nochmals China: Drei Mädchen und drei Wüstlinge

0-willow-2CHINA in der Tang-Periode, also in den Jahren 630 bis 700 unserer Zeitrechnung. Eine scheinbar leicht aufzulösende Kriminalgeschichte – drei sehr junge Mädchen, davon ein Zwillingspaar, und drei ältere Wüstlinge. Zwei der drei Herren werden in schneller Folge ermordet, der ermittelnde Richter, gleichzeitig Kriminaldirektor der Stadt, erkennt, dass die Aufklärung der zusammenhängenden Fälle in der Vergangenheit der Mädchen und der drei Herren beginnen muss. Die einfache Rechnung – jeder Wüstling hatte eines der Mädchen gekauft und brutal misshandelt, dass sich nun rächt – geht nicht auf!
Obwohl ich gern anknüpfen würde an den vorigen BLOG-Geschichten vom schönen Mädchen und dem törichten Jüngling aus dem kaiserlichen China,

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Robert van Gulik

verlangt die Redlichkeit vom Schreiber den Bruch und die Offenlegung der nunmehrigen Quelle: mehr als ein Dutzend Bände von Kriminalerzählungen, erschienen erstmals zwischen 1950 und 1968 in englisch, niederländisch und japanisch aus der Feder des niederländischen Diplomaten, Historikers, Sinologen, Musikers und Zeichners Robert van Gulik (1910 – 1967).

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Alle Handlungsfäden der sehr unterschiedlichen Geschichten, angesiedelt in verschiedenen Regionen und Städten des Kaiserreiches, laufen zusammen in einer Person, des Richters Di (englisch Dee), seiner Familie und einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern  Es sind nun nicht mehr die Erzählstile der verschiedenen chinesischen Autoren, die wundersame Verknüpfung von Schicksalen junger Menschen in den Jahrhunderten des Reiches der Mitte, die uns beeindrucken, sondern hier versucht uns erfolgreich ein europäischer Autor, Kenner der Materie durch Spannung, Details aus der Tätigkeit von Polizei, Verwaltung, Militär, durch die Offenlegung psychologischer Strukturen, Denkweisen, Tiefen der Motivationen von Händlern, Beamten, Kurtisanen, Künstler, Studenten, Krimineller das innere Wesen Chinas nahezubringen. Man spürt in jeder Zeile, in jeder Zeichnung die Liebe des Autoren zu diesen Menschen, das Mitgefühl in einer Zeit der Kriege, Bürgerkriege, der Hungersnöte und des politischen Terrors.
Doch zurück zu jenen drei Mädchen und ihren Schicksalen – nachzulesen im Erzählband „The Willow Pattern“ (deutsch: „Mord nach Muster“), geschrieben 1964 und in Fortsetzungen zuerst in den Niederlanden veröffentlicht.

Die Fabel: ein schon nicht mehr sehr junger Sohn aus dem reichem Hause Mei der kaiserlichen Residenz kauft eine sehr junge Kurtisane aus einem Bordell, macht sie zu seiner Ehefrau, umgibt sie mit Luxus und verschleiert in der „guten Gesellschaft“ ihre Herkunft. Das Mädchen, die nunmehrige Ehefrau, leidet unter der Isolation und Monotonie ihres Daseins, brennt mit einem Mann aus einer anderen Familie (Hoo) der Oberschicht durch, wird im Geheimen zu einer Perle der sexuellen Orgien in der Oberschicht, an der auch ihr bisheriger Ehemann teilhat. Der neue Liebhaber jedoch sucht daneben erotische Abenteuer durch die Verführung junger Mädchen in Komplizenschaft mit einem ebenfalls reichen und amoralischen Nachbarn (Yee), dem die schönen Zwillinge aber zum tödlichen Verhängnis werden. Der reiche Ehemann Mei aber kann trotz der erotischen Zerstreuungen seine Eifersucht nicht beherrschen, überrascht seine Frau mit ihrem Liebhaber im eigenen Hause und bezahlt diese Entdeckung mit dem Leben.

0-willow-4Richter Di schafft es, die Fäden des scheinbar unlösbaren Falles aufzutroddeln und den dritten noch lebenden Wüstling aufs Schafott zu bringen – durch den Nachweis, dass einer der drei Wüstlinge die Mutter der beiden schönen Zwillinge auf dem Gewissen hat und Rache das Motiv der Tötung des dritten Mannes Yee war.
Anregung genug, bei van Gulik weiterzulesen – zum Beginn seiner Karriere als Richter in der Provinz und dem Gewinn einer neuen, zusätzlichen Nebenfrau!

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

CHINA: Der törichte Jüngling und die Schöne

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Ich wollte mich einstimmen mit leichter Lektüre auf die nächste China-Reise: Die schöne Li, das Perlenhemd, die törichte Buhle und natürlich zwei Bände I GING – das Buch der Wandlungen!  Leicht und flüssig die Erzählungen, die Moral locker dahingesprochen wie bei den Fabeln La Fontaines: Ein Jüngling auf dem Wege zur kaiserlichen Beamtenprüfung in der Hauptstadt, also dem sicheren Sprungbrett zur Karriere, wird von einem Mädchen und ihrer erfahrenen Kupplerin um seine Reisekasse geprellt. Sie gefällt ihm, er verfällt ihr mit Kasse und allen Reiseplänen, Familienpflichten und Verantwortung gegenüber den alten Eltern. Dieses Thema mehrfach variiert, auch ein Greis mit einigem Reichtum verfällt den Reizen des Mädchens („Die Kleine Nai“). Die Schönen haben erregende Namen – die schöne Li, die schöne Tu, Duftwolke und Morgenröte. Selbst der reiche Buchhändler Tschang „in seiner imposanten Fülle“ im gelben Rock eines Mandarins  lässt sich von den körperlichen Vorzügen der „Pfirsichblüte“ und „Nephritwolke“ vom rechten Weg, von der Erfüllung seiner Pflichten abbringen – hat aber Glück, wird begnadigt und landet nicht  in der Gosse. Ich glaubte schon auf dem rechten literarischen Weg zu sein – doch dann wurde es philosophisch. Zum Nachtisch hatte ich „I ging“, das „Buch der Wandlungen“, zurechtgelegt.

(eigentlich Yijing 易经, Pinyin  jīng)

Aber – unter der Überschrift „Mong – die Jugendtorheit“ fand ich zu meinem Erstaunen fünf tausend Jahre alte Rezepte, wie diesen Verirrungen der Jünglinge begegnet werden sollte: ein Zeichen aus 13 Strichen, beginnend mit dem oberen Querstrich, angeschlossen die beiden oberen kleinen Längsstriche. Und nach dem mittleren horizontalen Teilungsstrich eine Gruppe verbundener Striche, die ein Tier darstellen könnte – ein Rückgrat, ein Schwanz und nach links vier Füße! Also ein Haustier, ein Hausschwein! Was hat das Hausschwein mit den Torheiten des Jünglings zu schaffen?

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Die chinesische Schrift hat ihre Ordnungsprinzipien – keine Willkür in der Reihenfolge der Striche, keine Willkür in der Richtung, wie der Pinsel oder Kugelschreiber die Striche aufs Papier bringt. Also auch keine Willkür in der Deutung der vielfachen Verwendung des Tier-Zeichens mit seinen nur sieben Strichen:

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Das moderne Wörterbuch erklärt die Silbe als meng, in unseren Breiten ausgesprochen MANG, im zeitgenössischen Chinesischen je nach Bedeutung in der ersten, zweiten oder dritten Aussprachegruppe. Das Hausschwein geht in seiner bildlichen Gestalt verloren, aber das Zeichen erhält vielfache Interpretationsvarianten!  Zu unserer Überraschung gehen aber die Bedeutungen nicht allzusehr auseinander – und haben alle einen interessanten Bezug zu unserem Jüngling und seinen Irrungen – hier nur einige Beispiele: Genie, hintergehen, beschwindeln, betrügen, Kopf verlieren, benommen, bewusstlos, Elefant – in Zusammensetzungen: Betäubungsmittel, Schlaftrunk, verhüllen,  verkleiden, Halbschlaf, Sand in die Augen streuen, dunstig, neblig, schummeln.

Nun stecke ich fest im Philosophischen, erinnere mich an meine Jugendlektüre – wie bei Balzac und Dumas der französische Jüngling aus der Provinz wie einst Bonaparte sein Glück in Paris macht – im Gegensatz zum törichten und sinnlich anfälligen Chinesen lässt er sich nicht ablenken auf dem Weg zu Ruhm, Reichtum und Ehre.

Im Gespräch mit einem chinesischen Freund aber kam gestern die Ernüchterung! Er gab zu bedenken, ob nicht die heutigen europäischen jungen Männer bei der Lektüre der Erzählungen von Balzac und Dumas die Rationalität und Strategie zur Maxime machten, aber das Risiko auf dem Wege nach oben, auf dem Wege in die weite Welt scheuten.

Er meinte, dass manche Berater chinesischer Politiker und Wirtschaftslenker von heute im stillen Kämmerlein munkeln, dass sich westliche Minister, Präsidenten, Konzernbosse immer noch vom Image jener Figuren aus den chinesischen Novellen und Kurzgeschichten leiten lassen, wenn sie zögerlich, halbherzig, zaudernd auf die verlockenden Angebote zur langfristigen Zusammenarbeit reagieren.

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg