Meister Eckhart: Hund des Herrn, Ketzer oder gar beides?

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Von Erfurt-Hochheim nach Avignon

Die Fragen entstehen schon in Thüringen. Die Biographen geben unterschiedliche Orte für das Jahr 1260 an, in dem der Heilige meiner Kindheit zur Welt gekommen sein sollte – Hochheim bei Erfurt, nur 20 Minuten per Fahrrad von meinem Heimatdorf Möbisburg entfernt oder Tambach am Fuße des Thüringer Waldes, doch schon etwas weiter, ca. 40 km. Zur Predigerkirche in Erfurt am Ufer der träge fließenden Gera hatte mich meine Großmutter oft geführt, immer mit dem Hinweis auf den Geburtsort Hochheim, in dem unsere Familie die Gaststätte „Zum Birnbaum“ führte. Die Phantasie ging mit mir durch, ich sah den Prediger Bier trinken, mit anderen Mönchen debattieren, im fernen Avignon sich gegen die päpstlichen Vertrauten vom Vorwurf der Ketzerei verteidigen. Was meine schlaue Großmutter alles wusste! Jahrzehnte später erinnerte ich mich an jene Kirche und das benachbarte Dominikanerkloster als ich in Leipzig mit evangelischen Theologiestudenten über den Marxismus, über Aristoteles, über Luther diskutierte und mir meine Unkenntnis der Lehren des Meister Eckhart schrecklich zu Bewusstsein kam. Also kehrte ich so oft ich konnte, zu jenen Brücken im Zentrum Erfurts zurück, von denen man aus beide Kirchen und Klosterhöfe im Blick hat – und begann ein gründliches Studium der Texte Eckharts. Erst heute aber kann ich sagen, dass ich mich dem wirklichen Verständnis des Gedankenreichtums des mittelalterlichen Theologen annähere, den man sehr vereinfacht einen Mystiker nennt.

 

Die Dominikaner – Ketzerjäger und schöpferische Theologen

So stellte ich mir den Prior der Dominikaner Eckhart vor, wie er aus seinem Klosterhof über den Fluss auf das Anwesen der Franziskaner (heute Ruine der Barfüßerkirche) blickte. Jene in den grauen Kutten hatten in den theologischen Auseinandersetzungen des Mittelalters das Wortspiel „domini canes“ (des Herren Hunde) geprägt, um vor allem die Rolle des vom heiligen Dominicus gegründeten Predigerordens bei den brutalen Verfolgungen der Ketzerbewegung der Katharer in Südfrankreich zu charakterisieren. (In Carcassonne werden übrigens an jedem Sommerabend in den Festungsanlagen die blutigen Kämpfe zwischen Katharern und den „Hunden des Herrn“ als realistisches Freilichttheater dargestellt.)

 

Scheiterhaufen in Paris

An der Pariser Universität, der bedeutendsten des scholastisch dominierten Abendlandes, hatte Eckhart im Jahre 1302 seinen Magister gemacht, weshalb der den Ehrentitel MEISTER führte, vergleichbar mit dem heutigen Doktorgrad. Hochgeschätzt von den Gelehrten nicht nur seines Ordens, war er der bedeutendste deutsche Theologe aus der Schule des Thomas von Aquin, bemüht nicht nur um Vertiefung seines Wissens, sondern vor allem um eine allgemein verständliche Sprache seiner Predigten und Kommentare, um die Gewinnung auch der Laien für die Auseinandersetzungen mit Teilen des Klerus, der für sich einen Überlegenheitsanspruch propagierte. In den scharfen Debatten der Thomisten mit den Franziskanern vertrat Eckhart kühne, für die damalige Zeit schockierende theologische Positionen, die ihn den Vorwurf der Häresie einbrachten. Im Mittelpunkt standen dabei sehr modern anmutende Vorstellungen über die Wege zum Gottesverständnis, über das Verhältnis des Glaubens und der göttlichen Offenbarung zur Vernunft, zur Erkenntnis, zum Intellekt wie auch die aktuelle Debatte um die Rolle der Frau, der aktiven Frau in der Gesellschaft und in der religiösen Gemeinschaft. Meister Eckart versteht es sehr gut, seine vom päpstlichen Klerus abweichenden Meinungen hinter Bildern zu verschlüsseln oder durch neuartige Interpretationen bekannter Bibelstellen öffentlich zu machen. Da ist zum einen die bekannte Stelle aus dem Lukas-Evangelium (10; 38-42) zu den Charakterunterschieden der beiden Schwestern Maria und Marta. Während die orthodoxen Theologen Marias unbedingte kontemplative Unterwerfung unter den Willen des Herrn (Jesus) preisen und die hart arbeitende, aktive Marta kritisieren, da sie sich für das Zuhören der Predigt des Herrn keine Zeit nimmt, vertritt Eckart die entgegengesetzte Position.  Das ist mutig, heißt es doch im letzten Satz dieser Textstelle – aus dem Munde des Herrn: „Maria hat das Bessere gewählt …“ Eckhart jedoch überspielt diesen Einwand der Orthodoxie – die reifere Marta sei durch ihre bewundernswerte Einheit von Aktion, praktischer Tätigkeit und Nachdenklichkeit, Einkehr, Reflektion eine wertvollere Partnerin für Jesus als die rein kontemplative, jüngere Maria. Eckart stellte damit seine Lebenserfahrung über die trockene scholastische Schulweisheit der Orthodoxen.
Da sind zum zweiten jene Passagen in Eckharts Predigten und Traktate, in denen er den Wert der menschlichen Gemeinschaft, des sozialen Tuns betont, die Isolation des Einzelnen zur Ausnahme erklärt. Nicht die Abkehr von der Gemeinschaft predigt er, wenn er über das „Reinigen“ von äußeren Beziehungen spricht, sondern die „Abgeschiedenheit“, eine auf reinem Gefühl und göttlichen Werten beruhende zu konsequente Ausrichtung nach Innen.

Und da ist zum dritten die verschleierte, aber deutliche Auseinandersetzung mit der Verfolgung unschuldiger Frauen und Männer als Ketzer, Hexen, Dämonen. Er selbst wird angeklagt, reist zum Papst nach Avignon, um sich zu verteidigen, stirbt während dieser Auseinandersetzungen.

Angesichts all dessen fragt man sich, warum ihn die Religionsgeschichte in Deutschland einen Mystiker nennt? Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Das landläufige Verständnis von Mystik als wissenschafts- und theoriefeindlich greift nicht, wenn man sich gründlich mit dem theoretischen Gesamtwerk des Theologen Eckhart beschäftigt. Wenn er Erleben, Gefühl,  in den Vordergrund seiner Ontologie und Erkenntnislehre stellt, dann nicht aus einer extremen Liebe zum Irrationalismus, sondern aus der absoluten Hinwendung zum irdischen Glückserleben des Menschen. Es scheint heute, dass sich die vereinfachenden Theoretiker des 19. Jahrhunderts, die diesen Begriff für Eckhart und seine Mitstreiter erfanden, für philosophische interessierte Theologen und theologisch dominierte suchende Philosophen des Mittelalters noch kein Verständnis aufbrachten und deshalb zu dieser begrifflichen Hilfskonstruktion Zuflucht nahmen. Aber vielleicht irre ich mich.

Dieter Weigert aus Erfurt-Möbisburg

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Undine, NIXE oder HEXE   — FOBI Lilienstern

Ein Kronprinz unterm Dach Die geheimnisumwitterten Bodenkammern des Berliner Schlosses am Lustgarten – sie werden wohl nicht wieder erstehen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Kinder von Königin Luise sie beim Stöbern in der Bibliothek am oberen Ausgang einer schmalen steilen Wendeltreppe ausgespäht und sich zum Spiel dorthin zurückgezogen hatten. Als Erwachsener entsann sich Kronprinz Friedrich […]

über Undine, NIXE oder HEXE   — FOBI Lilienstern

Undine, NIXE oder HEXE  

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Ein Kronprinz unterm Dach

Die geheimnisumwitterten Bodenkammern des Berliner Schlosses am Lustgarten – sie werden wohl nicht wieder erstehen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Kinder von Königin Luise sie beim Stöbern in der Bibliothek am oberen Ausgang einer schmalen steilen Wendeltreppe ausgespäht und sich zum Spiel dorthin zurückgezogen hatten. Als Erwachsener entsann sich Kronprinz Friedrich Wilhelm, den man als König später den Vierten dieses Namens nannte, dieses Refugiums der Kindheit.

Zu den Freuden aus den Familien des märkischen Adels, die er zum Plaudern und Pläneschmieden für die kommende Zeit der Regentschaft einlud, gehörte der phantasievolle, einfallsreiche Friedrich de la Motte Fouqué, Enkel des berühmten Generals mit hugenottischen Wurzeln, eines Freundes des großen Friedrich. Die beiden Fritze in den königlichen Bodenkammern hatten vieles gemeinsam – verträumt, musisch talentiert, nicht sehr interessiert an aktuellen Problemen, Romantiker eben. Der Prinz war ein begnadeter Zeichner, der Generals-Enkel aus der Domstadt Brandenburg ein wunderbarere Erzähler.

Nicht fassbare Geschöpfe

So entstanden die Erzählungen Fouqués, gedruckt in Massenauflagen, eine hat es 1816 sogar auf die Bühne am Gendarmenmarkt geschafft – die UNDINE, von Goethe « allerliebst » genannt. Was begeistert das Publikum damals und heute an jenen Frauengestalten – oben Mädchen, unten Fisch, halb wirklich, halb phantastisch, teils sinnlich-verführerisch, teils kalt-abstoßend?  Die Weisen der Stämme und Völkerschaften von der Urzeit an haben ihr jeweils Namen in ihren unterschiedlichen Sprachen gegeben : Melusine, Berthald, Hulda, Viadrine, Sirene, Sirenka, Lorelei, auch namenlos taucht sie aus dem Meer, dem See oder dem Fluss auf – mit einer Metapher nur den Typ beschreibend: Najade, Nereide, Okeanide, Meerfee, Nymphe, Nixe usw.

kaiser, könig, edelmann – ritter, hexe, henkersmann

Man sucht vergeblich bei Fouqué wie auch bei anderen Autoren von Erzählungen derartiger romantischer  Frauengestalten wie Oscar Wilde, Andersen, James Joyce Bezüge zu den furchtbaren Verbrechen, die seit Jahrhunderten an Frauen begangen wurden. Der Poet der Romantik übergeht die Scheiterhaufen, die Schreie der Gemarterten. Ihm und seinem Freund, dem Kronprinzen, sind die Schicksale jener « Hexen » und « Ketzerinnen » nicht gleichgültig , aber die Staatsräson fordert Schweigen. Fouqués Undine ist keine Hexe, ihre Zauberkraft bewirkt keine Schäden bei Mensch und Tier, sondern entfacht die Liebe des Ritters;  Undine lästert nicht Gott, sie ist nicht mit dem Teufel oder Dämonen im Bunde. Auch ihr Sterben ist nicht gespenstisch – Undine bleibt ein liebendes Wesen, vergleichbar mit Kleists Käthchen, Goethes Gretchen.

Dieter Weigert, im Oktober 2018

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Hacke und der Narr

 

Mehrfach trafen sie sich in schicksalhaften Situationen, der preußische Offizier von Hacke und der Berliner Professor Gundling, beider Biographien von Legenden umrankt, aber von Bedeutung für die Geschichte Preußens und der Residenz Berlin. Der enge Rahmen unseres modernen Kommunikationsmittels zwingt uns zur Beschränkung auf wenige Aspekte.

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Hans Christoph, der Riese

Der 15-jährige Hans Christoph Friedrich von Hacke kommt im Jahre 1715 nach Potsdam, er trifft den jungen König Friedrich Wilhelm I., gerade erst zwei Jahre auf dem Thron. Der großgewachsene Fähnrich gefällt dem König, er steckt ihn in die Garde, morgens der erste, abends der letzte Soldat in den Vorräumen zum Schlafzimmer der Majestät. Menschenkenntnis zeichnet sie beide aus, die beste Voraussetzung für die militärische Laufbahn des einen, die ihn an den Schreibtisch des Generaladjutanten bringt, des Verantwortlichen für alle Personalentscheidungen in der preußischen Armee –  eine unbedingte Notwendigkeit für den anderen, den absoluten Herrscher, der seine loyalen Offiziere an die richtigen Positionen setzen muss, kein Fehlurteil erlauben darf.
In jenen Anfangsjahren des Dienstes im Nebenzimmer der Majestät kommt es zu ersten Begegnungen des jungen Hans Christoph mit dem erfahrenen, älteren Hofmann Gundling, vermutlich informell, sozusagen zwischen Tür und Angel.
Der arbeitslose Jakob Paul

Sie erkennen sofort, dass sie einander brauchen, der militärische Neuling ohne notwendige Kontakte, aber in der Nähe des Herrschers und der gewandte, erfahrene Professor für Geschichte und Archivkunde ohne feste Beschäftigung, ohne Lehrauftrag, ohne Forschungsmandat.

gundlingProfessor Jakob Paul Gundling war vom König mit Übernahme der Regentschaft aus allen Ämtern entlassen worden, begründet mit dem rigorosen Sparkurs. Der erst 40-Jährige sucht eine Nische zum Überleben – er sammelt politische und volkswirtschaftliche Informationen, um sie der neuen Regierung gegen gute Taler anzubieten, um seinen Namen wieder ins Gespräch zu bringen. Auch die Narrenkappe, ihm vom König aus einer Laune verordnet, schlägt er um der Sache willen nicht aus. Was aber kann ihm Fähnrich, später Leutnant, Hauptmann von Hacke bieten? Keinen Hofklatsch, der ist nicht verwertbar. Aber die Familie Hackes ist im althergebrachten Salzrevier um Stassfurt zu Hause, die Strukturen in der Gewinnung, der Verarbeitung, des Handels dieses wertvolle Rohstoffes interessieren den volkswirtschaftlich und strategisch denkenden König und seinen modern geprägten Vertrauten Creutz gewaltig. Salz wird um 1717 für Gundling der berufliche Wieder-Einstieg bei Creutz und beim König – und der aufstrebende junge Offizier von Hacke ist seine beste Quelle – anfänglich um Mitternacht und im Morgengrauen, später bei offiziellen Begegnungen auch tagsüber.

Generaladjutant von Hacke und die „Commerzien“ des Freiherrn von Gundling

Die Themen des nunmehr gegenseitigen Informationsaustausches erweitern und vertiefen sich mit dem schnellen Aufstieg Hackes in bedeutende Positionen der Militärführung, schließlich in das Amt des Generaladjutanten und mit dem Bedürfnis des Königs, den allwissenden, geschickten und sprachgewandten Gundling ständig um sich zu haben. Beide sitzen jetzt im Tabakskollegium, der informellen Schaltzentrale der Macht. Beide müssen aber auch hart arbeiten, um ihren unmittelbaren Zugang zur Majestät gegen die Konkurrenten kontinuierlich zu behaupten – Hacke mit den Mitteln der nüchternen militärischen Disziplin und der Nutzung der geheimen Informationsnetze der Armee, Gundling mit den Mitteln der Wirtschafts- und Finanzberatung, aber auch des Hoflebens, dessen allzu hoher Wein- und Bierkonsum ihn frühzeitig zur Strecke bringt. Professor Freiherr von Gundling stirbt nach vielen Alkoholorgien im Jahre 1731, eine künstlerisch hochwertig gestaltete Gedenktafel hat sich bis in die Gegenwart in der Dorfkirche von Potsdam-Bornstedt erhalten, wobei man der Legende von der Beisetzung des Professors im Weinfass und der theologischen und moralischen Debatte um eine würdevolle, der Persönlichkeit des Verstorbenen angemessene letzte Ruhestätte nicht allzuviel Bedeutung beimessen sollte.
Wer sich mit dem oberflächlichen Geschwätz einiger Reiseführer und „Stadtbilderklärer“ in Berlin und Potsdam nicht zufrieden geben möchte, dem seien zum Thema Hacke und Gundling die gründlichen und liebenswert geschriebenen Darstellungen Theodor Fontanes, Eduard Vehses und Adolf Streckfuß‘ empfohlen – auch wenn sie nun über ein Jahrhundert auf dem Buckel haben. Aber gute Literatur wird mit den Jahren – wie guter Wein – nicht sauer, sondern besser.

Dieter Weigert, Berlin im Oktober 2018

Renaissance in der Mark: eine geopferte Konkubine

 

Rauschende Feste und ein tiefer Fall mit Folgen

Die Legende beginnt mit einem morschen Fußboden im Schloss Grimnitz am Werbellinsee. Renaissancefürst Joachim II., Liebhaber der schönen Künste, lud seine Gemahlin Jadwiga (Hedwig) ein, ihn zum gesellschaftlichen Großereignis des Jahres 1549, der Jagd am Werbellinsee, zu begleiten und mitzufeiern, was die Weidgenossen so erlegt hatten.  Es muss hoch her gegangen sein bei Tanz und Wein, der Fußboden in der oberen Etage brach ein und die Damen und Herren landeten tot oder lebendig, zum Teil schwer verletzt, im Erdgeschoss und im Keller oder in den scharfen Spitzen der an den Wänden hängenden Trophäen. Joachim überlebte, Jadwiga erlitt ernsthafte Verletzungen im Unterleib, ihre Schamhaftigkeit verhinderte die Behandlung durch den Arzt – das schlimme Resultat war nicht nur eine dauernde Unfähigkeit ohne Krücken zu gehen – sondern auch das Ende der ehelichen Liebesgenüsse.

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Aufstieg und Legenden

Joachim suchte unter den Töchtern des Landes nach Abhilfe – nicht nur für Stunden, sondern für ständig. Schon im Dorf Grimnitz wurde er fündig: Die Ehefrau seiner Geschützmeisters Michael Diederich, Anna, geborene Sydow, wählte er aus. Sie hatte keine Chance des Ausweichens, der Ehemann erhielt eine große Summe, formal blieben die Diederichs ein Ehepaar, aber die „schöne Gießerin“ war mit etwa 24 Jahren die Konkubine des Herrschers. Eine Legende war geboren. Alle gekrönten Häupter zu jener genussvollen Renaissancezeit bedienten sich auf diese Weise – der französische König Heinrich II. mit seiner Diane von Poitiers, Heinrich VIII. in England mit den zahlreichen Mädchen und Damen des In- und Auslandes, die italienischen Territorialpotentaten und natürlich auch die Päpste brüsteten sich mit der Schönheit, Liebeserfahrung und Hingebung ihrer weiblichen Untertanen.

Der tiefe Fall II

Zurück zur Mark Brandenburg und zur „schönen Gießerin“. Wir wissen nicht, wie Anna Diederich, geb. Sydow, das Los aufgenommen hat, auf besondere Weise dem Landesherrn zu dienen. Es gibt auch keine Kenntnis davon, ob sie sich allen Konsequenzen dieser intimen Verbindung bewusst war – für ihre Person, für ihre Kinder, für ihre gesamte Familie. Eine Ablehnung kam nicht in Frage, selbst eine starke Frau mit Würde und Gefühl für ihre Werte hatte in diesen Zeiten keine Chance, ein eigenes Leben zu gestalten.
Und so kam es wie es kommen musste – die Ahnung des tiefen Falles der Konkubine nach dem Todes des Herrschers, verursacht durch die kurfürstlichen Familie, vor allem durch den Sohn und Nachfolger, bewog Joachim zur schriftlichen Fixierung in Gegenwart des Hofes und seines Sohnes, Anna und ihre gemeinsamen Kinder nicht verfolgen zu lassen. Es half nichts.  1571 ließ der Sohn, Johann Georg, die Konkubine des Vaters festsetzen, ihrer Ehre und Würde berauben und bis ans Ende ihres Lebens (1575) im Juliusturm der Festung Spandau in strenger Isolation halten.

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Auch das Strahlen der Juwelen, die rauschenden Hoffeste, die glanzvolle Garderobe, die Lobhudeleien der gekauften Presse, die Küsse der gemeinsamen Kinder können das Schicksal der geopferten Frau nicht übertünchen – klingt das nicht allzu aktuell? Sklaverei im „weißen“ Europa? Subtile Formen der Gewalt gegen Frauen? Jeder mag sich heraussuchen, was ihm beliebt!

Dieter Weigert Berlin, im Oktober 2018