Das klassische China – Richter Di

Im Jahre -1 der CORONA-Pandemie, also 2018, begann ich einige Blogs zu klassischen chinesischen Themen zu veröffentlichen – ziemlich wahllos, für manchen Leser chaotisch, planlos – eben nicht ordentlich, wie man sich das so in deutschen Lesestuben vorstellt. Man schrieb mir böse und auch gutartige Zeilen, so dass ich nun nach Jahren der Abstinenz den Ordnungsfanatikern den Richter Di (judge Dee) systematisch vorstellen möchte. Wobei ich es mir die Bemerkung nicht verkneifen kann, dass meine eigene erste Lektüre des van Gulikschen Oeuvres mit dem 1981 zufällig in einem New Yorker Café-Antiquariat erstandenen „Necklace and Calabash“ war:

Dennoch ein lyrischer Einstieg – ich kann nicht anders! Die Anfänge – erste Schritte nach dem Abschluss des Studiums – beschreibt van Gulik im 1958 in London erschienenen „The Chinese Gold Murders“.

Ein trüber Frühlingsmorgen. Drei junge Männer sitzen in  einer Schenke vor den Toren von Chang’an (das heutige  Xi’an). Sie feiern Abschied: Einer der drei macht sich auf  nach Nordosten, an die Küste. Er soll dort das Amt als  Bezirksrichter übernehmen, statt, wie seine Freunde, eine  Karriere am Hofe von Kaiser Gaozong anzustreben.  „Ich habe es Euch doch schon gesagt, ich habe es satt  Kriminalfälle nur auf dem Papier zu studieren“, begründet  der angehende Bezirksrichter von Penglai seinen  Entschluss. Und deshalb verlässt er im Frühjahr 663 die  vertraute Umgebung, die Familie, die Freunde – begleitet  nur von Wachtmeister Hong, der schon der Diener seines  Vater war und darauf bestanden hat, seinem Schützling  beizustehen.
Erst dreizehn Jahre später, im Jahr 676 wird  Di Renjie wieder nach Chang’an zurückkehren – im Rang  des Präsidenten des obersten Gerichtshofes. Doch bis  dahin muss der viele Kriminalfälle in den verschiedensten  Ecken des Reiches zu Iísen. Fast 20 Jahre begleitet der  Leser den Helden des Romanzyklus von Robert van Gulik  (1910 – 1967). 

Richter Di ist ein Sherlock Holmes des alten China, der  seine Fälle in erster Linie durch kühles Analysieren der  Fakten löst. Bei handfesten Auseinandersetzungen verlässt  er sich auf seine beiden Gehilfen, Qiao Tai und Ma Yong.  Doch wenn es drauf ankommt, kann sich Di durchaus auch  seiner Haut erwehren – mit den Fäusten und mit seinem  berühmten Schwert „Regendrachen“. Das müssen auch  Qiao Tai und Ma Yong erfahren, als die beiden „Brüder  vom grünen Wald“ den Richter um seine Habe erleichtern  wollen, sich dann aber geschlagen geben müssen.
Diesen Einstieg in die farbig gestaltete Karriere des jungen Richters finden wir in „The Chinese Maze Murders“,

dessen Entstehungsgeschichte Robert van Gulik im Vorwort in Kurzfassung wiedergiebt:

Nach  der Niederlage entschließen sie sich, das Dasein als  ehrliche Räuber gegen das von Gerichtsgehilfen  einzutauschen. – Die Brüder vom grünen Wald genossen  übrigens im alten China hohes Ansehen bei der einfachen  Bevölkerung, die sie häufig vor der Willkür von Beamten  und Reichen schützten. Viele Geschichten_rankten sich um  diese Bruderschaften, etwa der Klassiker iš“Die Räuber  von Lianq Shan Moor“. – Die Truppe komplettiert Tao Gan.  Der ehemaliger Falschspieler und Spezialist für das Öffnen  von Schlössern ohne Schlüssel und jedwede Art von  geheimen Türen schließt sich Richter Di während der  Ermittlungen um die Verschwörung in Hanyuan an.  Di Renjie (630 – 700) ist eine historische Persönlichkeit aus  der Tang-Dynastie (618 – 906). Er wurde dadurch  bekannt, dass er sich nach dem Tod der Kaiserin Wu  Jiao für die Wiedereinsetzung der Herrscher-Dynastie der  Tang einsetzte. Während seine politische Laufbahn ganz  gut dokumentiert ist, sind seine Kriminalfälle jedoch kaum  überliefert.

Robert van Gulik, holländischer Diplomat und  Sinologe, hatte 1949 ein klassisches Werk_über den  Richter ins Englische übersetzt (deutsch: „Merkwürdige  Kriminalfälle des Richters Di“), bevor er begann, eigene  Richter Di-Krimis zu schreiben, die er zudem selbst  illustriert hat (wenn auch im Stil der Ming-Zeit).

In seinen  Werken adaptierte Gulik vielfach Kriminalfälle aus der  klassischen chinesischen Literatur. Auch ein anderes  Handlungselement übernahm er aus der Tradition: Wie die  Protagonisten der klassischen chinesischen Krimis muss  auch Richter Di in jedem Buch drei Fälle lösen, die jedoch  oft miteinander in Zusammenhang stehen. Die  Kurzgeschichten in den beiden Bänden „Richter Di bei der  Arbeit“ und „Der Affe und der Tiger“ behandeln hingegen  jeweils nur einen Fall.  Übrigens, so verrät der holländische Krimiautor Janwillem  van de Wettering, Guliks Freund und Biograph („Robert  van Gulik. Ein Leben mit Richter Di“), pflegte Robert van  Gulik nach einigen Genever zu gestehen: „Richter Di bin  ich.“

Geisterspuk in Peng-Iai  Zürich: Diogenes, 1988. 224 Seiten.   

So hatte sich der junge Di sein erstes  Amt als Richter wohl nicht vorgestellt:  Nicht nur, dass er den Mord an seinem  Amtsvorgänger in Penglai aufklären  muss. Schon bald geschehen weitere  Morde in dem Ort nahe der Grenze zu  Korea. Auch einer seiner Schreiber ist  seit einiger Zeit spurlos verschwunden,  ebenso wie die Ehefrau eines der  Honoratioren.  Schon bald beschleicht den erfahrenen  Krimileser der Verdacht, dass die  Morde, das Verschwinden einiger  Personen sowie die Angriffe auf den  Richter und seine streitbaren Gefährten  in Zusammenhang stehen – und er ist  damit dem Richter zunächst einen  Schritt voraus. Doch während der Leser  noch grübelt und versucht, die  einzelnen Verdachtsmomente zu einem  Ganzen zusammenzusetzen, findet Di  mit seinem genauen  Beobachtungsvermögen und seinem  scharfen analytischen Verstand die  verblüffende Lösung des Falls, dessen  Auswirkungen sogar in der Hauptstadt  zu spüren sind. 

Richter Di bei der Arbeit  Zürich: Diogenes, 1990. 240 Seiten.

Dieser Band enthält acht  Kurzgeschichten über kleinere Fälle,  die Richter Di auf verschiedenen  Stationen seiner Laufbahn gelöst hat.  Im Gegensatz zu den Romanen, in  denen Di meist mehrere Straftaten  (oder vermeintlich mehrere, die sich  am Ende als eine herausstellen)  aufklärt, drehen sich die  Kurzgeschichten immer nur um ein  einziges Verbrechen. 

Fünf glückbringende Wolken 

Richter Di sitzt mit mehreren  Geschäftsleuten zusammen als einer  von ihnen die Nachricht erhält, seine Frau habe sich umgebracht. Di nimmt  die Ermittlungen auf. Doch schon bald  kommen ihm Zweifel: Ist der Tod von  Frau He wirklich Selbstmord? Eine  Weihrauchuhr bringt ihn auf die  Lösung. 

Tod in der Festung 

In der Garnison nahe der  Bezirkshauptstadt wird ein Offizier  ermordet. Der Schuldige scheint  schnell gefunden. Doch Richter Di  kommt wegen einer fehlenden Akte  einem Mordkomplott auf die Spur. 

Er kam mit dem Regen 

Rätsel um einen Toten im Sumpfland  außerhalb der Stadt. Eine Zeugin sagt  aus, der Tote sei ein Regengeist, der  sie immer besucht habe, und schwarze  Kobolde hätten ihn getötet. Oder hat  der Mord doch ganz un-metaphysische  Gründe? 

Mord am Lotosteich 

Richter Di ist ratlos: Ein alternder Poet  wird in seinem Garten ermordet, doch  niemand scheint ein Motiv für den Mord  zu haben. Ein tierischer Zeuge bringt  den Richter schließlich auf die Spur des  Täters. 

Zwei Bettler 

Es ist der Tag des Laternenfestes, der  letzte Tag der Neujahrsfeierlichkeiten.  Richter Di hat die guten Wünsche der  Honoratioren Puyangs empfangen und  will sich gerade zum Festessen mit  seiner Familie begeben, als  Wachtmeister Hong ihm die Nachricht  vom Tod eines Bettlers überbringt.  Offensichtlich ein Unfall – der Tote war  kopfüber in eine Grube gefallen. Doch  kaum ist der Wachtmeister aus dem  Raum, als der Geist des Toten durch  Zimmer das Richters schwebt. Di  beherzigt den Wink aus dem Jenseits  und beginnt zu ermitteln. Noch vor  dem Abendessen kann er den Mörder  des Bettlers dingfest machen und das  Rätsel des Geistes entschlüsseln. 

Das falsche Schwert 

Qiao Tai und Ma Yong, die Gehilfen von  Richter Di, haben sich eben zum Essen  niedergelassen, da passiert auf der  Straße vor ihrem Lieblingsrestaurant  ein Unfall: Der Sohn einer  Gauklerfamilie stirbt während des  Auftritts. Sein Vater hat ihn statt mit  einem Trickschwert mit einer echten  Waffe durchbohrt. Hat der Vater die  beiden Waffen verwechselt? Oder war  der Unfall in Wirklichkeit ein Mord? 

Die kaiserlichen Särge 

Ausnahmezustand in der Westprovinz:  Die Tataren sammeln sich zu seinem  Angriff. Der Kaiser hat seinen  Oberbefehlshaber in den Westen  geschickt, um die Verteidigung zu  organisieren. Doch eine Verschwörung  in den eigenen Reihen bedroht seine  Bemühungen. Mit einem  archimedischen Trick verhindert Di die  Verschwörung, die den Sieg der  Tataren herbeigeführt hätte, und rettet  en passant einem zu Unrecht  Verurteilten das Leben. 

Blutiqer Neujahrsabend 

Dis letzter Fall in Lanfang: Am letzten  Abend des Jahres kommt ein Junge ins  Gericht, um ein Verbrechen  anzuzeigen. Seine Mutter ist  verschwunden, und Zuhause ist eine  riesige Blutlache auf dem Boden. Di  kombiniert sofort: Hier ist ein Mord  geschehen. Doch erstmals unterlaufen  Di bei der Aufklärung eines Falls  Fehler.

Der Wandschirm aus rotem Lack  Zürich: Diogenes, 1990. 224 Seiten.     

Statt nach einer Dienstreise einige  Tage Urlaub in Weiping zu genießen,  stürzt sich Richter Di in Ermittlungen –  es gilt das Verschwinden der Ehefrau  seines Amtskollegen Deng aufzuklären.  Der bezichtigt sich selbst der Tat, doch  Di mag ihm nicht so recht glauben.  Deng bittet Di zudem um Hilfe bei der  Klärung des Selbstmordes eines  reichen Seidenhändlers. Die  Ermittlungen bringen Di und seinen  Gehilfen Qiao auf Abwege: Sie  ermitteln under cover in der örtlichen  organisierten Unterwelt. 

Der See von Han-yuan  Zürich: Diogenes, 1991. 272 Seiten.

Etwas stimmt nicht in Hanyuan. Das  merkt Di Renjie schnell nach Antritt  seines neuen Amtes als Bezirksrichter.  Im See soll es spuken. Menschen, die  in seinen Fluten ertrinken, tauchen nie  wieder auf- wie der Sohn von Doktor  Zhang, der sich in den See stürzt, als  seine Braut in der Hochzeitsnacht  Stirbt.  Doch mehr noch als der Tod von Zhang  und seiner Braut beschäftigt Di der Tod  einer Tänzerin und die Entführung  eines städtischen Würdenträgers. Hat  dieser seine Entführung nur  vorgetäuscht, um Richter Di in die Irre  zu führen und zu verheimlichen, dass  er die Tänzerin ermordet hat? Oder  sammeln sich hier, nahe der  Hauptstadt, wirklich die Drahtzieher  einer landesweiten Verschwörung?  In der deutschen Ausgabe fehlen leider  die Guliks Illustrationen. Wer dennoch  nicht auf die Bilder verzichten möchte,  findet sie auf der Website von  Christian Weinert. 

Der Affe und der Tiger  Zürich: Diogenes, 1988. 160 Seiten.   

Der Morqen des Affen 

Richter Di sitzt auf dem Balkon, als ein  kleiner Affe in den Bäumen des  Gerichtsgartens herum turnt und einen  goldenen Ring fallen läßt. Di hebt das  Schmuckstück auf, um in der  Vormittagssitzung dem rechtmäßigen  Eingetümer ausfindig zu machen – und  sieht sich statt dessen mit dem Mord  an einem Apotheker konfrontiert, den  er zusammen mit Tao Gan aufklärt.   

Die Nacht des Tigers 

Die Reise in die Hauptstadt, wo er  seinen neuen Posten am Obersten  Gerichtshof antreten soll, steht unter  keinem guten Stern: Erst wird der  Richter von seiner Eskorte getrennt  und findet sich in einem Landgut  wieder, das, von der Außenwelt in  einem Überschwemmungsgebiet  abgeschnitten, von Banditen belagert  wird. Und nun auch noch das: Als  Richter Di und der Hausbesorger des  Landgutes den Sargdeckel anheben,  liegt im Sarg nicht, wie vermutet, die  verstorbene Tochter des Gutsbesitzers  Min, sondern eine vermisste Dienerin –  ermordet. Di muss sich beeilen mit  seinen Ermittlungen, denn die Banditen  rüsten zum Angriff. 

Nächtlicher Spuk im Mönchskloster  Zürich: Diogenes, 1990. 192 Seiten. 

Seltsames geht in dem Daoisten-  Kloster vor, in dem Richter Di, seine  Frauen und Tao Gan auf dem Rückweg        von einem Aufenthalt in der Hauptstadt  vor einem Sturm Schutz suchen.  Mehrere junge Frauen, die sich dem  Klosterleben widmen wollten, sind  verschwunden.  Di vermutet ein Verbrechen, doch er  hat nur eine Nacht Zeit, um die Vorfälle  aufzuklären. Bei seinen Ermittlungen  gerät er selbst in Lebensgefahr – und  am Ende droht ihm der Täter sogar zu  entwischen. 

Wunder in Pu-yang?  (Englischer Titel: The Chinese Bell Murders, 1958)
Zürich: Diogenes, 1985. 288 Seiten.  

Richter Di hat ein neues Amt in  Puyang in der Provinz Jiangsu  angetreten. Als erstes muss er einen  Mordfall lösen, den ihm sein Vorgänger  hinterlassen hat, der komplizierter ist,  als es zunächst den Anschein hat.  Sehr viel schwieriger hingegen  erweisen sich die beiden anderen Fälle,  mit denen sich der Richter in seinem  neuen Bezirk konfrontiert sieht: Eine  ältere Dame übergibt Di ein Konvolut  mit Dokumenten, die eine lange  Familienfehde mit einem der  Honoratioren Puyangs, einem reichen  Kaufmann belegen soll. Doch der  Richter nimmt sich der Sache an.  Schließlich geht er den seltsamen  Vorgängen im Buddhistenkloster vor  der Stadt auf den Grund. Geschehen  hier wirklich wundertätige Dinge? Oder  liegen den Wundern sehr menschliche,  kriminelle Taten zugrunde? Richter Di  gelingt es, den Fall zu lösen – und  bekommt dafür Anerkennung von  allerhöchster Stelle.       

Tod im Roten Pavillon  Zürich: Diogenes, 1986. 208 Seiten. 

Di Renjie wird in die Hauptstadt  beordert, um dort über die Vorgänge  im buddhistischen Kloster von Puyang  Bericht zu erstatten. Auf dem Rückweg  müssen er und sein Gehilfe Ma Yong  eine Zwischenstation auf der  EParadiesinsel einlegen, einem  bekannten Vergnügungsort im  Nachbarbezirk von Puyang.  Der dortige Amtsvorsteher bittet den  Richter, den Selbstmord eines  Akademikers aus der Hauptstadt zu  untersuchen. Er soll aus aus  verschmähter Liebe zu Herbstmond,  der Schönheitskönigin der Insel, aus  dem Leben geschieden sein. Doch dann  wird auch Herbstmond tot  aufgefunden. War wirklich Selbstmord  die Todesursache? Richter Di ermittelt –  und kommt dabei einem alten  Verbrechen auf die Spur. 

Die Perle des Kaisers  Zürich: Diogenes, 1989. 192 Seiten.

Es verspricht ein spannendes Finale zu  werden, beim Drachenbootrennen zum  Laternenfest vor den Toren von Richter  Dis Amtssitz in Puyang. Doch dann  bricht der Trommler des führenden  Bootes kurz vor der Ziellinie  zusammen. Herzanfall als Folge von  Alkoholgenuss und der Hitze, sagt ein  herbeigeeilter Arzt. Der Amtsarzt  hingegen stellt fest: Der Mann wurde  vergiftet. War es ein Ritualmord zu  Ehren der Flussgöttin, der früher an  diesem Festtag stets ein junger Mann  geopfert wurde?   Doch der Mord an dem Trommler ist  nur der Auftakt zu einer ganzen  Mordserie. Viele Motive scheinen für  die Taten in Frage zu kommen: Betrug,  Eifersucht, Habgier und ein lange  verloren geglaubtes Schmuckstück: die  Perle des Kaisers. Oder ist der  legendäre Staatsschatz nur ein  Vorwand für ein anderes, schlimmeres  Verbrechen? Ein fehlender Stein in  seinem Lieblingsspiel bringt den Richter  schließlich auf die richtige Spur.

Halskette und Kalebasse  Zürich: Diogenes, 2004. 192 Seiten.  

Eine gespenstische Szene: Auf dem  Rückweg von der Präfektur nach  Puyang verirrt sich Richter Di in  einem dunklen Wald und begegnet-  sich selbst. Der Doppelgänger entpuppt  sich als weiser Gelehrter, der den  Richter in die „Stadt am Fluss“ geleitet,  eine kaiserliche Residenzstadt und  Sommersitz der Lieblingstochter des  Kaisers.  Doch statt sich in der Stadt am Fluss  beim Angeln erholen zu können, gerät  Richter Di in einen Strudel von  Ereignissen: Kaum in der Stadt  angekommen, wird er Zeuge, wie ein  Toter aus dem Fluss gezogen wird.  Dann wird er entführt – und findet sich  im kaiserlichen Palast wieder, wo ihn  die Prinzessin mit einem sehr heiklen  Auftrag betraut: Er soll eine  verschwundene Halskette, ein  Geschenk ihres Vaters, finden.  Gerade mal zwei Tage bleiben Di, um  das wertvolle Schmuckstück  aufzuspüren. Und keiner seiner  Assistenten steht dem Richter bei  diesem vertrackten Fall zur Seite. Dafür erweist sich eine attraktive junge  Dame als sehr hilfreich bei den  Ermittlungen – und beim Angeln. 

Poeten und Mörder  Zürich: Diogenes, 1988. 208 Seiten.

Statt das Mittherbstfest mit seiner  Familie bei Mondkuchen zuhause zu  verbringen, muss Di Renjie im  Nachbarbezirk Qinhua an einer  Konferenz mit dem Präfekten  teilnehmen. Sein Kollege Lo bemüht  sich redlich, zum Trost ein  Unterhaltungsprogramm für das Fest  auf die Beine zu stellen. Einige der  bekanntesten Dichter des Reiches sind  geladen – und Di soll klären, ob die  Dichterin Yu-lan wirklich ihre Magd  getötet hat.  Doch noch während die Vorbereitungen  zum Fest im Gange sind, wird ein  Student ermordet, und Lo bittet seinen  Kollegen, ihm bei den Ermittlungen  behilflich zu sein. Wonach suchte der  junge Mann aus der Hauptstadt in  Qinhua? Welche Rolle spielt sein  Vermieter, ein angesehener  Teehändler, in dem Fall? Hat einer von  Los berühmten Gästen mit dem Mord  zu tun?  Die beiden Ermittler müssen ihr ganzes  Können aufwenden, um zu beweisen,  dass nicht einer der Fuchsgeister, vor  denen die Einwohner der Stadt zittern,  sondern ein Mensch aus Fleisch und  Blut für die Tat verantwortlich ist. 

Mord im Labyrinth  Zürich: Diogenes, 2000. 320 Seiten.        

Der Fall um das buddhistische Kloster  in Puyang läßt Richter Di nicht los:  Einflussreiche Kleriker in der  Hauptstadt haben bereits nach zwei  Jahren seine Ablösung als  Bezirksrichter von Puyang erwirkt  (üblich war eine Amtszeit von drei  Jahren). Die nächste Station ist  Lanfang, eine Stadt im wilden  Westen des Reiches.  Kaum im neuen Bezirk angekommen  sieht sich der Richter einer  Verschwörung gegenüber: Ein örtlicher  Usurpator hat die Macht in der Stadt an  sich gerissen. Bevor sie sich ihrer  eigentlichen Arbeit widmen können,  müssen Richter Di und seine Gehilfen  zuerst die Ordnung in der  Bezirkshauptstadt wieder herstellen –  was sich als einfacher erweist, als es  zunächst den Anschein hat.  Doch zwei weitere Morde, einer davon  an einem bekannten General im  Ruhestand, strapazieren den Verstand  von Richter Di so sehr, dass er fast  seinen Beruf an den Nagel hängt. 

Das Phantom im Tempel  Zürich: Diogenes, 1989. 208 Seiten.   

Alles beginnt mit einem Geburtstagsgeschenk für Dis erste  Frau: In dem kleinen Ebenholzkästchen  mit der Jade-Schnitzerei auf dem  Deckel findet der Richter einen Zettel  mit einem Notruf: Eine junge Frau  schreibt, sie sei entführt worden, und  bittet um Hilfe. Der Richter forscht  nach und findet heraus, dass die junge  Frau bereits vor einem halben Jahr  verschwunden ist – kurz nachdem  einem kaiserlichen Bote in Lanfang  eine Ladung mit 50 Goldbarren entwendet wurde.  Obwohl sich Diebstahl und Entführung  in der Amtszeit seines Vorgängers  ereigneten, will Richter Di die Frau  befreien und das Gold finden. Die Spur  führt zu einem Tempel außerhalb der  Stadt, in dem ein Geist sein Unwesen  treiben soll. Doch offensichtlich sind  noch andere hinter dem wertvollen  Diebesgut her. Denn schon bald finden  die Ermittler eine Leiche und geraten  zudem selbst in höchste Gefahr. 

Nagelprobe in Pei-tscho  Zürich: Diogenes, 1991. 240 Seiten.  

Merkwürdiges geschieht in Beizhou:  Erst verschwindet die Tochter eines  örtlichen Honoratioren am hellichten  Tag unter den Augen ihrer  Anstandsdame. Dann wird die Frau  eines Handwerkers enthauptet  aufgefunden. Zumindest dieser Fall  scheint einfach zu sein: Der Mann der  Ermordeten verließ am Tage zuvor Hals  über Kopf die Stadt. Aber hat er  wirklich seine Frau getötet? Oder  verbirgt sich hinter der kopflosen  Leiche noch viel mehr?  Während der Richter noch grübelt,  stirbt ein bekannter Boxer im Badehaus  durch Gift. Eine Spur, die der  Sterbende noch legen kann, weist auf  eine Frau – doch haben die Gehilfen  des Richters nicht gesagt, dass der  Boxer wie ein Mönch gelebt hat?  Richter Dis schwierigster Fall – denn  seine Verdächtige ist offensichtlich  unschuldig, und eine falsche Anklage  kann einen Beamten den Kopf kosten.  Kurz bevor die Bürger von Beizhou ihn  absetzen, kann er den Mord an dem  Boxer aufklären. Doch die Lösung des  Falles stellt den unbestechlichen   Beamten vor eine schwere Entscheidung  zwischen Pflichterfüllung und Gefühl.  Dass Di am Ende zum Präsidenten an  den Obersten Gerichtshof in der  Hauptstadt berufen wird, tröstet ihn  nur wenig über den Verlust eines  seiner Mitarbeiter hinweg. 

Mord nach Muster  Zürich: Diogenes, 1989. 208 Seiten.  

Ausnahmezustand in Chang’an: Die  Pest wütet in der Hauptstadt. Der  Kaiser und sein Hofstaat sind aufs Land  geflohen, und Di soll als  Notstandsgouverneur die Ordnung  aufrecht erhalten. Eine Aufgabe, die die  ganze Kraft des Richters und seiner  Gehilfen erfordert: Die Versorgung der  Bürger ist nur schwer aufrecht  erhalten. In der Bevölkerung rumort  es, aufrührerische Straßenkehrer, die  eigentlich die Toten beseitigen sollen,  bereiten einen Aufstand vor. Doch  damit nicht genug, werden auch noch  die Häupter von zwei der vornehmsten  Familien ermordet.  Der Richter zeigt sich jedoch den  Anforderungen seines neuen Amtes  gewachsen – und schließlich gibt es  sogar ein Happy End für einen seiner  Getreuen. 

Mord in Kanton  Zürich: Diogenes, 1988. 256 Seiten. 

Der Richter, Qiao Tai und Tao Gan in  geheimer Mission in Kanton. Zwei  hohe Beamte aus der Hauptstadt sind  verschwunden. Die Spur führt in den Süden des Reiches. Doch kaum  nehmen sie ihre Ermittlungen auf, wird  der erste Vermisste tot aufgefunden,  bald darauf auch der zweite.  Weshalb reisten die beiden gleich nach  ihrer Rückkehr in die Hauptstadt  wieder nach Kanton? Planten sie ein  Komplott? Oder wollten sie eines  verhindern und wurden von der  Gegenseite auf dem Weg geräumt?  Welche Rolle spielt Mansur, der  undurchsichtige Anführer der  arabischen Gemeinde, in dem Spiel?  Die Angelegenheit wird immer  undurchsichtiger, und den Ermittlern  wird schnell klar, dass ihre Identität  von zwei verfeindeten Parteien  aufgedeckt worden ist.  In seinem letzten Fall muss Richter Di  nochmal sein ganzes kriminalistisches  Können aufbieten, um den Mord an den  beiden Beamten aufzuklären. Doch  bevor der Richter in die ferne  Hauptstadt zurückkehren kann, erfüllt  sich eine alte Prophezeiung und zu  seiner großen Bestürzung verliert er  einen seiner langjährigen  Weggefährten.                                    

Insoweit die biographische und bibliographische Systematik – vermutlich habe ich nicht alle MURDER MYSTERIES erfasst, aber das Thema läuft uns nicht davon.

HEMD

Zurück zu den Jahren vor CORONA: Ich wollte mich einstimmen mit leichter Lektüre auf die nächste China-Reise: Die schöne Li, das Perlenhemd, die törichte Buhle und natürlich zwei Bände I GING – das Buch der Wandlungen!  Leicht und flüssig die Erzählungen, die Moral locker dahingesprochen wie bei den Fabeln La Fontaines: Ein Jüngling auf dem Wege zur kaiserlichen Beamtenprüfung in der Hauptstadt, also dem sicheren Sprungbrett zur Karriere, wird von einem Mädchen und ihrer erfahrenen Kupplerin um seine Reisekasse geprellt. Sie gefällt ihm, er verfällt ihr mit Kasse und allen Reiseplänen, Familienpflichten und Verantwortung gegenüber den alten Eltern. Dieses Thema mehrfach variiert, auch ein Greis mit einigem Reichtum verfällt den Reizen des Mädchens („Die Kleine Nai“). Die Schönen haben erregende Namen – die schöne Li, die schöne Tu, Duftwolke und Morgenröte. Selbst der reiche Buchhändler Tschang „in seiner imposanten Fülle“ im gelben Rock eines Mandarins  lässt sich von den körperlichen Vorzügen der „Pfirsichblüte“ und „Nephritwolke“ vom rechten Weg, von der Erfüllung seiner Pflichten abbringen – hat aber Glück, wird begnadigt und landet nicht  in der Gosse. Ich glaubte schon auf dem rechten literarischen Weg zu sein – doch dann wurde es philosophisch. Zum Nachtisch hatte ich „I ging“, das „Buch der Wandlungen“, zurechtgelegt.

(eigentlich Yijing 易经, Pinyin  jīng)

Aber – unter der Überschrift „Mong – die Jugendtorheit“ fand ich zu meinem Erstaunen fünf tausend Jahre alte Rezepte, wie diesen Verirrungen der Jünglinge begegnet werden sollte: ein Zeichen aus 13 Strichen, beginnend mit dem oberen Querstrich, angeschlossen die beiden oberen kleinen Längsstriche. Und nach dem mittleren horizontalen Teilungsstrich eine Gruppe verbundener Striche, die ein Tier darstellen könnte – ein Rückgrat, ein Schwanz und nach links vier Füße! Also ein Haustier, ein Hausschwein! Was hat das Hausschwein mit den Torheiten des Jünglings zu schaffen?

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Die chinesische Schrift hat ihre Ordnungsprinzipien – keine Willkür in der Reihenfolge der Striche, keine Willkür in der Richtung, wie der Pinsel oder Kugelschreiber die Striche aufs Papier bringt. Also auch keine Willkür in der Deutung der vielfachen Verwendung des Tier-Zeichens mit seinen nur sieben Strichen:

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Das moderne Wörterbuch erklärt die Silbe als meng, in unseren Breiten ausgesprochen MANG, im zeitgenössischen Chinesischen je nach Bedeutung in der ersten, zweiten oder dritten Aussprachegruppe. Das Hausschwein geht in seiner bildlichen Gestalt verloren, aber das Zeichen erhält vielfache Interpretationsvarianten!  Zu unserer Überraschung gehen aber die Bedeutungen nicht allzusehr auseinander – und haben alle einen interessanten Bezug zu unserem Jüngling und seinen Irrungen – hier nur einige Beispiele: Genie, hintergehen, beschwindeln, betrügen, Kopf verlieren, benommen, bewusstlos, Elefant – in Zusammensetzungen: Betäubungsmittel, Schlaftrunk, verhüllen,  verkleiden, Halbschlaf, Sand in die Augen streuen, dunstig, neblig, schummeln.

Nun stecke ich fest im Philosophischen, erinnere mich an meine Jugendlektüre – wie bei Balzac und Dumas der französische Jüngling aus der Provinz wie einst Bonaparte sein Glück in Paris macht – im Gegensatz zum törichten und sinnlich anfälligen Chinesen lässt er sich nicht ablenken auf dem Weg zu Ruhm, Reichtum und Ehre.

Im Gespräch mit einem chinesischen Freund aber kam gestern die Ernüchterung! Er gab zu bedenken, ob nicht die heutigen europäischen jungen Männer bei der Lektüre der Erzählungen von Balzac und Dumas die Rationalität und Strategie zur Maxime machten, aber das Risiko auf dem Wege nach oben, auf dem Wege in die weite Welt scheuten.

Er meinte, dass manche Berater chinesischer Politiker und Wirtschaftslenker von heute im stillen Kämmerlein munkeln, dass sich westliche Minister, Präsidenten, Konzernbosse immer noch vom Image jener Figuren aus den chinesischen Novellen und Kurzgeschichten leiten lassen, wenn sie zögerlich, halbherzig, zaudernd auf die verlockenden Angebote zur langfristigen Zusammenarbeit reagieren.

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Vier Frauen durfte ein Bezirksrichter im kaiserlichen China haben, sie wohnten im geräumigen Gerichtsgebäude, hatten ihr eigenes abgetrenntes Privatquartier für sich, für die Kinder und Dienstboten. Robert van Gulik, der holländische Sinologe und Diplomat des 20. Jahrhunderts, hatte en passant in dem Band „The chinese gold murderers“ (deutsch: „Geisterspuk in Peng-lai“) beschrieben, wie sein berühmter Richter Di bei der Lösung eines Kriminalfalles zu einer zweiten Nebenfrau kam, obwohl er eigentlich mit der Hauptfrau und der ersten Nebenfrau sehr zufrieden war.

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Das Zeichen für einen Rechtsfall: an

Es ist die erste Station der langen Karriere des Richters, die unruhige Stadt Peng-lai im Norden, an der Grenze zu den Herrschaftsgebieten der Tataren und der Koreaner. Und es ist der fünfte Band der Serie Robert van Guliks über den Richter Di.

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Trotz seiner Jugend – er ist 33 Jahre alt – und dem Mangel an taktischen Erfahrungen im Umgang mit den lokalen Autoritäten gelingt es dem Richter in wenigen Tagen, die imperiale Macht zu stabilisieren und – gegründet auf den gesunden Menschenverstand – Vertrauen in seine Person und sein Team zu wecken. Nun muss das Verschwinden einer Person aufgeklärt werden, der frisch verheirateten Frau des Reeders Koo, also einer Person der Oberschicht. Das achte Kapitel des Bandes erzählt im Detail, wie der Reeder dem Gericht die mögliche Entführung oder den möglichen Mord an seiner Ehefrau, einer Tochter aus dem gutem Hause Tsao, mitteilt und damit dem Richter die Aufklärung zur Pflicht macht.


0-willow-2Die Hafenstadt Penglai (蓬 莱 市, pinyin: Pénglái shì) gibt es heute noch, sie liegt westlich des bekannteren Yantai an der Bohai-Bucht in der Provinz Shandong und ist Teil der Großgemeinde Yantai. Vermutlich geht auch heute wie vor Jahrhunderten ein Großteil des chinesischen Seehandels mit Firmen aus beiden koreanischen Staaten über Penglai und Yantai. Diese Umgebung – Seehandel, Schmuggel, Sprach- und Kulturmix, Bandenkriminalität und Prostitution – prägt die Tochter des Literaten und Landbesitzers Tsao – durch ihren Vater vermeintlich auf dem Landgut beschützt.

Die junge Frau aber entgeht nur Tage nach ihrer Hochzeit um wenige Zentimeter einem Mordanschlag, gerät auf der Flucht in die Fänge einer kriminellen Bande, die sie als Prostituierte missbraucht.  Nach all diesen brutalen Erlebnissen wird sie von der verängstigten Bordellbesitzerin dem Gericht übergeben – damit wäre der Fall der vermissten Braut aufgeklärt. Aber – die Normen der „guten Gesellschaft“ verbieten die „Rückgabe“ an Ehemann oder Vater – der geschändeten jungen Frau, der „beschädigten Ware“ wird Selbstmord nahegelegt! Für den Weg in ein Kloster fühlt sie sich nicht reif genug – sie sieht keinen Ausweg. Richter Di, ein Vorläufer der aufgeklärten Juristen der Neuzeit, bietet ihr die aus seiner Sicht beste Alternative – eine Nebenfrau in seinem Haushalt, da sie nicht unansehnlich ist, mit seiner ersten, der Hauptfrau vermutlich gut zurechtkommt und ihm – wie gesagt – rechtmäßig vier Frauen zustehen. Robert van Gulik lässt Richter Di in einem anderen Band der Krimi-Serie („The Chinese Nail Murders“) ein happy-end für die junge Frau und auch den geplagten Richter formulieren: „Er reflektierte, dass er wirklich sehr viel Glück mit seinen Frauen hatte. Seine First Lady war eine sehr kultivierte Frau, die älteste Tochter seines besten Freundes. Das gute Verständnis zwischen ihnen war ihm immer eine große Hilfe in Zeiten der beruflichen Anspannung und ihre zwei Söhne waren eine ständige Quelle der Freude. Seine zweite Frau war nicht ganz so gebildet, aber sie sah gut aus, war mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet und führte den großen Haushalt sehr effizient. Die Tochter, die sie ihm geschenkt hatte, besaß denselben ausgeglichenen Charakter.
Seine dritte Frau hatte er aus Penglai mitgebracht, seinem ersten Posten.

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Nach einigen schrecklichen Erfahrungen war sie von ihrer Familie verlassen worden und der Richter hatte sie als Gesellschafterin seiner First Lady in sein Haus genommen. Die First Lady war von ihr sehr angetan und hatte schon bald dem Richter nahegelegt, sie zu seiner Frau zu machen. Der hatte sich anfangs gesträubt, er wolle ihre Dankbarkeit nicht ausnutzen. Aber als sie ihm ihre Zuneigung zeigte, hatte er nachgegeben – und es nicht bereut. Sie war eine schöne, liebliche junge Frau und es war gut, dass sie nun zu viert Domino spielen konnten.“

Soviel zum Privatleben des Bezirksrichters Di im alten China!

Zwei Themen habe ich herausgesucht, um die Schreibweise des holländichen Diplomaten und Sinologen Robert van Gulik detailiert zu veranschaulichen: Thema I – Drei Mädchen und drei Wüstlinge, Thema II: Der törichte Jüngling und die Schöne.

CHINA in der Tang-Periode, also in den Jahren 630 bis 700 unserer Zeitrechnung. Eine scheinbar leicht aufzulösende Kriminalgeschichte – drei sehr junge Mädchen, davon ein Zwillingspaar, und drei ältere Wüstlinge. Zwei der drei Herren werden in schneller Folge ermordet, der ermittelnde Richter, gleichzeitig Kriminaldirektor der Stadt, erkennt, dass die Aufklärung der zusammenhängenden Fälle in der Vergangenheit der Mädchen und der drei Herren beginnen muss. Die einfache Rechnung – jeder Wüstling hatte eines der Mädchen gekauft und brutal misshandelt, dass sich nun rächt – geht nicht auf!
Obwohl ich gern anknüpfen würde an den vorigen BLOG-Geschichten vom schönen Mädchen und dem törichten Jüngling aus dem kaiserlichen China,

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Robert van Gulik

verlangt die Redlichkeit vom Schreiber den Bruch und die Offenlegung der nunmehrigen Quelle: mehr als ein Dutzend Bände von Kriminalerzählungen, erschienen erstmals zwischen 1950 und 1968 in englisch, niederländisch und japanisch aus der Feder des niederländischen Diplomaten, Historikers, Sinologen, Musikers und Zeichners Robert van Gulik (1910 – 1967).

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Alle Handlungsfäden der sehr unterschiedlichen Geschichten, angesiedelt in verschiedenen Regionen und Städten des Kaiserreiches, laufen zusammen in einer Person, des Richters Di (englisch Dee), seiner Familie und einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern  Es sind nun nicht mehr die Erzählstile der verschiedenen chinesischen Autoren, die wundersame Verknüpfung von Schicksalen junger Menschen in den Jahrhunderten des Reiches der Mitte, die uns beeindrucken, sondern hier versucht uns erfolgreich ein europäischer Autor, Kenner der Materie durch Spannung, Details aus der Tätigkeit von Polizei, Verwaltung, Militär, durch die Offenlegung psychologischer Strukturen, Denkweisen, Tiefen der Motivationen von Händlern, Beamten, Kurtisanen, Künstler, Studenten, Krimineller das innere Wesen Chinas nahezubringen. Man spürt in jeder Zeile, in jeder Zeichnung die Liebe des Autoren zu diesen Menschen, das Mitgefühl in einer Zeit der Kriege, Bürgerkriege, der Hungersnöte und des politischen Terrors.
Doch zurück zu jenen drei Mädchen und ihren Schicksalen – nachzulesen im Erzählband „The Willow Pattern“ (deutsch: „Mord nach Muster“), geschrieben 1964 und in Fortsetzungen zuerst in den Niederlanden veröffentlicht.

Die Fabel: ein schon nicht mehr sehr junger Sohn aus dem reichem Hause Mei der kaiserlichen Residenz kauft eine sehr junge Kurtisane aus einem Bordell, macht sie zu seiner Ehefrau, umgibt sie mit Luxus und verschleiert in der „guten Gesellschaft“ ihre Herkunft. Das Mädchen, die nunmehrige Ehefrau, leidet unter der Isolation und Monotonie ihres Daseins, brennt mit einem Mann aus einer anderen Familie (Hoo) der Oberschicht durch, wird im Geheimen zu einer Perle der sexuellen Orgien in der Oberschicht, an der auch ihr bisheriger Ehemann teilhat. Der neue Liebhaber jedoch sucht daneben erotische Abenteuer durch die Verführung junger Mädchen in Komplizenschaft mit einem ebenfalls reichen und amoralischen Nachbarn (Yee), dem die schönen Zwillinge aber zum tödlichen Verhängnis werden. Der reiche Ehemann Mei aber kann trotz der erotischen Zerstreuungen seine Eifersucht nicht beherrschen, überrascht seine Frau mit ihrem Liebhaber im eigenen Hause und bezahlt diese Entdeckung mit dem Leben.

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Richter Di schafft es, die Fäden des scheinbar unlösbaren Falles aufzutroddeln und den dritten noch lebenden Wüstling aufs Schafott zu bringen – durch den Nachweis, dass einer der drei Wüstlinge die Mutter der beiden schönen Zwillinge auf dem Gewissen hat und Rache das Motiv der Tötung des dritten Mannes Yee war.
Anregung genug, bei van Gulik weiterzulesen – zum Beginn seiner Karriere als Richter in der Provinz und dem Gewinn einer neuen, zusätzlichen Nebenfrau!

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

Autor: Sternberlin

Dr. phil. habil.(Philosophie und politische Wissenschaften) , inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

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