Meister SUNZI zur „Kriegskunst“ der russischen Generale in der Ukraine

Ob er wohl gelehrt und gelesen wird, der ehrwürdige Chinese SUNZI, an den angesehenen Stabsakademien der russischen Streitkräfte ? Sind Präsident Putin und seine Generäle mit dem Denken jenes Militärstategen aus den Jahren zwischen 544 und 496 v.u.Z. vertraut? Der bisherige Verlauf der „spezialnaja woennaja operazija“in der Ukraine gibt Anlass zu berechtigtem Zweifel.
Der renommierte Balkan- und Kaukasusexperte un Militärjournalist Jewgeni Krutikow kommt in seinem Beitrag für RT.DE vom 2. Juli d.J. unter dem Titel „Versuch einer Prognose: Wo wird die russische Armee in der Ukraine stoppen?“ zu ernüchternden Feststellungen. Doch bevor wir uns seiner Analyse zuwenden, lassen Sie uns auf eine geopolitische Niederlage der Sowjetarmee in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts – also noch v o r A f g h a n i s t a n – zu sprechen kommen: das strategische und taktische Versagen der sowjetischen Militärs im Kampf gegen die Armee des Apartheid-Regimes Südafrikas auf dem Boden Angolas. Offizielle Quellen berichten von russischen ( und DDR-) Waffen und Beratern im Offiziersrang an der Seite der MPLA, die den Vormarsch der südafrikanischen Armee 1975 nicht verhindern konnten, aber diese strategischen Probleme auf die zahlenmäßige Überlegenheit der südafrikanischen Einheiten zurückführten. (Die südafrikanische Armee hatte moderne russische Waffen im Wert von über einer Milliarde Dollar erbeutet !) Berichte freier Journalisten aus den USA, Afrikas und Westeuropas, die auf „off-the-record“-Gespräche mit Zeitzeugen, hochrangigen Geheimdienstmitarbeitern und Experten aus diplomatischen Vertretungen bei der UNO geben jedoch in Bezug auf die Rolle der sowjetischen Berater ein für die Sowjetarmee ernüchterndes Bild: die fehlerhaften strategischen und taktischen Vorgaben der russischen Offiziere seien die Hauptursache für das Desaster auf dem Gefechtsfeld. Jene russischen Offiziere stützten sich bei ihren Analysen und den Schlußfolgerungen für das Vorgehen der MPLA-Einheiten auf Erfahrungen der siegreichen Roten Armee im II. Weltkrieg – waffenmäßige und zahlenmäßige Überlegenheit gegenüber dem Feind, keine Scheu vor eigenen hohen Opferzahlen ! Diese informellen Berichte belegen auch die Unfähigkeit der Berater, ihre Anweisungen den Bdingungen des sog. „Buschkrieges“ auf afrikanischem Boden anzupassen.

die grüne Fläche zeigt das von der sudafrikanischen Armee und ihrer Verbündeten UNITA besetzte Gebiet Angolas im Herbst 1975

In dieser kritischen Situation – wenige Wochen vor der Ausrufung der Unabhängigkeit Angolas in Luanda – sendet die MPLA-Führung einen Hilferuf an Fidel Castro, der es schafft, in kürzester Zeit, nicht nur fähige Berater, sondern vor allem moderne Waffen und erfahrene Kampftruppen und Spezialisten in Stärke von über 35.000 Mann nach Angola zu verlegen und die südafrikanischen Truppen entscheidend zu schlagen.

Die Sieger mit „Stalin-Orgel“

Der Sieg der MPLA und der kubanischen Verbündeten bei Kifangondo am 10. November 1975 war die Voraussetzung für die Machtübernahme der MPLA und die Ausrufung der Deokratischen Volksrepublik Angola.

Militärexperten und erfahrene Journalisten kennen diese Zusammenhänge und ziehen ihre Schlußfolgerungen (auch unter Berücksichtigung des Rückzugs der Sowjetarmee aus Afghanistan) , wenn sie heute über die Ukraine ohne ideologische Scheuklappen berichten.

So verweist der schon erwähnte Jewgeni Krutikow auf das widersprüchliche Vorgehen der russischen Generale im Raum der Schlangeninsel, auf das Unverständnis vieler Experten angesichts der bisher ausgebliebenen Einkesselung größerer ukrainischer Truppenteile, auf die verständlichen Fragen nach den Ursachen von erfolgreichen Durchbrüchen ukrainischer Einheiten durch die russische Front an wichtigen, sicher geglaubten Abschnitten. Eine grundlegende Frage sei nach Meinung der Experten weiterhin die Besetzung logistisch bedeutender Bevölkerungszentren – angesichts der zunehmenden Wichtigkeit westlicheer Ausrüstungs- und Waffenlieferungen an die Ukraine.
Da der „eingeweihte“ J. Krutikow die Frage zum weiteren strategischen Vorgehen der russischen Streitkräfte in den Vordergrund seiner Überlegungen stellt, muss angenommen werden, dass es erhebliche Meinungsverschiedenheiten unter den russischen Politikern und Militärführern über die Zielrichtungen der Vorstöße nach dem absehbaren Abschluß der Operationen im Donbass gibt.

Industriezentrum Kriwoi Rog

Aus Krutikows Beitrag kann man herauslesen, dass er zu jener Gruppe von Experten gehört, für die die nächsten unmittelbaren Ziele (aus politischen und militärstrategischen Erwägungen) in den Räumen Kriwoi Rog, Dnjepropetrowsk, Saparoschje, aber auch im Südwesten Nikolajew

Hafen und Stadt Odessa

und Odessa liegen müssten. Zu weiteren Szenarien hält er sich wohlweislich zurück. Wir lassen uns überraschen – und fragen bei Meister SUNZI nach: Er kommt gleich zur Sache –

„Der Krieg ist für jeden Staat ein Ereignis von großer Bedeutung. Er ist der Ort, der über Leben und Tod entscheidet,
er ist der Weg, der das Überleben sichert oder in den Untergang führt. Unumgänglich ist es, ihn eingehend zu untersuchen.
Wer zu einer sachlichen Bestandsaufnahme gelangen will,
läßt sich von fünf Gesichtspunkten leiten und wägt eine Reihe von Voraussetzungen ab:
erstens die Moral,
zweitens das Klima,
drittens das Gelände,
viertens die Führung
und fünftens die Ordnung.
Die Moral bewirkt, daß das Volk sich mit dem Herrscher im Einvernehmen befindet. Nur so wird es auf Leben und Tod für ihn einstehen und allen Gefahren trotzen.
Das Klima wird bestimmt durch Dunkel und Helligkeit, Kälte und Hitze sowie den Gang der vier ]ahreszeiten.
Das Gelände liegt hoch oder niedrig, fern oder nah, zeigt sich unwegsam oder zugänglich, weiträumig oder beengt, verheißt Tod oder Leben.
Die Führung verkörpert Weisheit, Glaubwürdigkeit, Menschlichkeit, Tapferkeit und Strenge.
Die Ordnung umfaßt die Organisation der Truppen, die Zuweisung der Verantwortlichkeiten und die Beherrschung der Logistik.
Mit diesen fünf Dingen ist jeder Heerführer vertraut …“

SUNZI (auch SUN WU)

Sollte der Meister Sunzi heute der russischen Führung Noten verteilen, würde sie schon für Punkt 1 – der Moral – die schlechteste Note erhalten, weil sie zwar die eigene Moral richtig, die Moral des Gegners aber total falsch eingeschätzt hatte. Ebenso ungenügend würde sie bei Punkt 5 abschneiden, vor allem bezüglich der „Beherrschung der Logistik“ und der „Organisation der Truppen“, worin mir jeder Militärexperte zustimmen wird. Aber – jeder lese nach bei Meister Sunzi !

Dr. Dieter Weigert, Berlin Juli 2022

Autor: Sternberlin

Dr. phil. habil.(Philosophie und politische Wissenschaften) , inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

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