Nochmals: Die Heilige Maria Magdalena

20181230_122403-neuAuf der Suche nach der „echten“ Maria Magdalena stieß ich auf die Legenda aurea – sehr interessante Ausgabe in deutscher Sprache, gesetzt und gedruckt in „SCHWABACHER“. Leider ist diese Schriftart im Angebot meines Rechners nicht enthalten, so dass wir uns heute das Vergnügen des gemeinsamen, geteilten Lesens im Mittelalter-Lebensgefühl nicht erlauben können.

Satz und Druck war aber auch das Einzige, was mich an diesem Buch beeindruckte – ansonsten leider nur die traurige Gewissheit, dass die heiligen Herren Petrus, Paulus, Augustinus totalen Erfolg hatten in ihrer Manipulation der blinden, tauben, stummen Bauern- und Fischermassen der Spätantike und des frühen Mittelalters. Die Legenden, Biographien, Sagen, Predigten. die der Genueser Mönch, spätere Bischof Jacobus de Voragine im 13. Jahrhundert sammelte und veröffentlichte, waren ein Bestseller, sie befriedigten ein Massenbedürfnis und fanden starke Unterstützung bei der päpstlichen Kurie. Der Herausgeber meiner Ausgabe, der Heidelberger Kulturhistoriker Richard Benz, hatte sich – verständlich angesichts seiner nationalkonservativen Grundposition – weniger mit den Verfälschungen der historiographischen Darstellungen der ersten Jahrhunderte der christlichen Religionsgeschichte auseinandergesetzt als mit den aus seiner Sicht wesentlicheren Einflüssen der germanischen Mythen- und Sagenwelt auf das aus dem Orient kommenden theologischen Gerüst der weströmischen Kirche.

Die für mich relevanten Abschnitte der Publikation sind die über Maria Magdalena, Martha, die ägyptische Maria, über die „Auferstehung des Herrn“, über die „Passion des Herrn“. Das Urteil über Maria Magdalena ist gesprochen – sie war die schuldige Sünderin, hatte sich der „leiblichen Wollust“ hingegeben und dann schwer gebüßt: dem Überfluss der Sünde entsprach der Überfluss der Gnade! – „und wieviel Lust in ihr gewesen war, soviel Opfer brachte sie nun“! In diesen Abschnitten finden sich alle überlieferten oder erfundenen Ereignisse aus dem Leben der Maria Magdalena zusammengebunden oder lose verknüpft, denen sich Maler, Bildhauer, Prediger, Kirchenfürsten bedienen: die Begegnung mit Jesus im Hause des Pharisäers Simon, die Bevorzugung Marias gegenüber Martha im Haus der Schwestern in Bethanien, das Ausharren am Kreuz gemeinsam mit der Mutter Maria, die erste Begegnung mit Jesus nach seiner Auferstehung am „dritten Tage“, die sehr weither geholten und für viele Theologen unglaubwürdigen Begebnisse der „ägyptischen Maria“ einschließlich ihrer Himmelfahrt sowie auch die französischen Varianten der Überfahrt an die Küste im Raum Marseille und das Wirken bis zum Tode in der Provence. Nicht verwunderlich, dass kein Wort über die unmittelbare Nähe dieser „Jüngerin“ zu Jesus verloren wird, über ihre herausragende Rolle in der Formierung der Gruppe nach der Hinrichtung ihres Führers Jesus, über die erfolgreichen machtpolitischen Bestrebungen von Petrus und Paulus zur Ausschaltung der Maria Magdalena und die Ergreifung der Spitzenpositionen in dem sich entwickelnden urchristlichen Verbund der lokalen Gemeinden.
Fazit: Die Sünderin dominiert, die kämpfende Frau bleibt auf der Strecke – in Theologie und Kunst.

Dr. Dieter Weigert. Berlin- Prenzlauer Berg

Autor: lliensternberlin

Dr. phil. (echt Philosophie und auch noch habil. in Politologie), inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

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