Hacke und der Narr

 

Mehrfach trafen sie sich in schicksalhaften Situationen, der preußische Offizier von Hacke und der Berliner Professor Gundling, beider Biographien von Legenden umrankt, aber von Bedeutung für die Geschichte Preußens und der Residenz Berlin. Der enge Rahmen unseres modernen Kommunikationsmittels zwingt uns zur Beschränkung auf wenige Aspekte.

hacke

Hans Christoph, der Riese

Der 15-jährige Hans Christoph Friedrich von Hacke kommt im Jahre 1715 nach Potsdam, er trifft den jungen König Friedrich Wilhelm I., gerade erst zwei Jahre auf dem Thron. Der großgewachsene Fähnrich gefällt dem König, er steckt ihn in die Garde, morgens der erste, abends der letzte Soldat in den Vorräumen zum Schlafzimmer der Majestät. Menschenkenntnis zeichnet sie beide aus, die beste Voraussetzung für die militärische Laufbahn des einen, die ihn an den Schreibtisch des Generaladjutanten bringt, des Verantwortlichen für alle Personalentscheidungen in der preußischen Armee –  eine unbedingte Notwendigkeit für den anderen, den absoluten Herrscher, der seine loyalen Offiziere an die richtigen Positionen setzen muss, kein Fehlurteil erlauben darf.
In jenen Anfangsjahren des Dienstes im Nebenzimmer der Majestät kommt es zu ersten Begegnungen des jungen Hans Christoph mit dem erfahrenen, älteren Hofmann Gundling, vermutlich informell, sozusagen zwischen Tür und Angel.
Der arbeitslose Jakob Paul

Sie erkennen sofort, dass sie einander brauchen, der militärische Neuling ohne notwendige Kontakte, aber in der Nähe des Herrschers und der gewandte, erfahrene Professor für Geschichte und Archivkunde ohne feste Beschäftigung, ohne Lehrauftrag, ohne Forschungsmandat.

gundlingProfessor Jakob Paul Gundling war vom König mit Übernahme der Regentschaft aus allen Ämtern entlassen worden, begründet mit dem rigorosen Sparkurs. Der erst 40-Jährige sucht eine Nische zum Überleben – er sammelt politische und volkswirtschaftliche Informationen, um sie der neuen Regierung gegen gute Taler anzubieten, um seinen Namen wieder ins Gespräch zu bringen. Auch die Narrenkappe, ihm vom König aus einer Laune verordnet, schlägt er um der Sache willen nicht aus. Was aber kann ihm Fähnrich, später Leutnant, Hauptmann von Hacke bieten? Keinen Hofklatsch, der ist nicht verwertbar. Aber die Familie Hackes ist im althergebrachten Salzrevier um Stassfurt zu Hause, die Strukturen in der Gewinnung, der Verarbeitung, des Handels dieses wertvolle Rohstoffes interessieren den volkswirtschaftlich und strategisch denkenden König und seinen modern geprägten Vertrauten Creutz gewaltig. Salz wird um 1717 für Gundling der berufliche Wieder-Einstieg bei Creutz und beim König – und der aufstrebende junge Offizier von Hacke ist seine beste Quelle – anfänglich um Mitternacht und im Morgengrauen, später bei offiziellen Begegnungen auch tagsüber.

Generaladjutant von Hacke und die „Commerzien“ des Freiherrn von Gundling

Die Themen des nunmehr gegenseitigen Informationsaustausches erweitern und vertiefen sich mit dem schnellen Aufstieg Hackes in bedeutende Positionen der Militärführung, schließlich in das Amt des Generaladjutanten und mit dem Bedürfnis des Königs, den allwissenden, geschickten und sprachgewandten Gundling ständig um sich zu haben. Beide sitzen jetzt im Tabakskollegium, der informellen Schaltzentrale der Macht. Beide müssen aber auch hart arbeiten, um ihren unmittelbaren Zugang zur Majestät gegen die Konkurrenten kontinuierlich zu behaupten – Hacke mit den Mitteln der nüchternen militärischen Disziplin und der Nutzung der geheimen Informationsnetze der Armee, Gundling mit den Mitteln der Wirtschafts- und Finanzberatung, aber auch des Hoflebens, dessen allzu hoher Wein- und Bierkonsum ihn frühzeitig zur Strecke bringt. Professor Freiherr von Gundling stirbt nach vielen Alkoholorgien im Jahre 1731, eine künstlerisch hochwertig gestaltete Gedenktafel hat sich bis in die Gegenwart in der Dorfkirche von Potsdam-Bornstedt erhalten, wobei man der Legende von der Beisetzung des Professors im Weinfass und der theologischen und moralischen Debatte um eine würdevolle, der Persönlichkeit des Verstorbenen angemessene letzte Ruhestätte nicht allzuviel Bedeutung beimessen sollte.
Wer sich mit dem oberflächlichen Geschwätz einiger Reiseführer und „Stadtbilderklärer“ in Berlin und Potsdam nicht zufrieden geben möchte, dem seien zum Thema Hacke und Gundling die gründlichen und liebenswert geschriebenen Darstellungen Theodor Fontanes, Eduard Vehses und Adolf Streckfuß‘ empfohlen – auch wenn sie nun über ein Jahrhundert auf dem Buckel haben. Aber gute Literatur wird mit den Jahren – wie guter Wein – nicht sauer, sondern besser.

Dieter Weigert, Berlin im Oktober 2018

Autor: lliensternberlin

Dr. phil. (echt Philosophie und auch noch habil. in Politologie), inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

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