Neugier und Würde

Mit von weither angereisten Lehrer*Innen und Lehrern durch das alte und neue Berlin, durch Potsdam, Frankfurt an der Oder und Erkner zu wandern, historische Plätze zu erkunden und in lebendigen Debatten manchmal auch den Faden zu verlieren – das bringt Gewinn für alle Beteiligten. Mein Erlös: ein Zuwachs an Neugier! Erschöpft vom Reden, vom intensiven Suchen nach den richtigen Worten, den korrekten historischen und biographischen Daten finde ich so schnell keine Ruhe. Was mich noch Stunden und Tage danach bewegt ist die einfache und doch so umtreibende Frage – wie gelingt es einer Lehrer*In oder einem Lehrer, die ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen mit jener unersättlichen Neugier, jenem Drang nach Wissen auszustatten, die ihn sein Leben lang antreiben sollten.

Aus meiner Schul- und Berufsschulzeit sind mir diejenigen Pädagogen heute noch plastisch in Erinnerung, die mir auf meine ausgefallenen Fragen nicht sofort eine Antwort geben konnten, sondern um einige Tage Geduld baten. Offen verrieten sie mir ihre Unkenntnis, ihr Teilwissen, ihre Lücken in der historischen Chronologie, auch manchmal ihre tief begründete Abneigung gegen gewisse Themen oder Phrasen im Lesebuch, im verordneten Lehrstoff.

Diese Menschen strahlten Würde aus, bewusst oder unbewusst regten sie uns zum Bruch mit den althergebrachten Gewohnheiten an. Alles drehte sich um Neugier, um Interessen, um das Hinaustreten aus dem Bekannten, dem Gewöhnlichen, um das Verstehen fremder Sprachen beim Betrachten und Tauschen ausländischer Briefmarken.

Ich glaube nicht, dass die uns anvertrauten Schüler*Innen und Schüler heute noch so gierig auf Briefmarken aus der Südsee sind wie wir damals. Aber die nicht-englischen Begriffe in der online-Kommunikation könnten ähnlich neugierig machen – wenn wir sie danach fragen, respektvoll, würdevoll, ihre Persönlichkeit achtend.

Meine Erfahrungen der letzten Jahre sagen mir: Digitalisierung und Globalisierung sollten sich im Verhältnis zu den „Zöglingen“ nicht darauf beschränken, mit ihnen über die von den Eltern angebotenen touristischen Highlights zu sprechen, die Schnappschüsse oder Videoclips der mobilen Technik zu kommentieren. Wir sollten solche Fragen zu stellen, die zum Verlassen der eingezäunten Areale in Afrika, in der Karibik, in Ostasien anregen – somit der Neugier und der Würde den Platz einräumen, der uns eigentlich in der globalen Gemeinschaft zu Partnern und nicht zu Besuchern im großen Welt-Zoo macht. Wenn die Schüler*Innen und Schüler dann manchmal gegenüber ihren Eltern oder auch im Freundeskreis Widerstände überwinden müssen, kann das nur gut sein.

Dr. Dieter Weigert, Deutsch-Nordamerikanische Gesellschaft für Lehrerfortbildung Berlin (DENAG)

 

 

 

Autor: lliensternberlin

Dr. phil. (echt Philosophie und auch noch habil. in Politologie), inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

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