Die Grenzüberschreitungen des Christian von M.

Massenbach

Als er das Licht der Welt erblickt hatte, stand seine Wiege in der Stadt Schmalkalden, heute in den Grenzen des Landes Thüringen, damals dem Herrscher von Hessen-Kassel gehörig. Das Schloss seiner Familie jedoch lag im Württembergischen, in der Nähe von Heilbronn – der Vater unseres Helden war als beschäftigungsloser Offizier in hessische Dienste getreten und nach Schmalkalden abkommandiert worden. So also wurde Grenzüberschreitung im Jahre 1758 dem Knaben Christian als familiäre Mitgift in die Wiege gelegt.

Dem württembergischen Herzog lag viel an der Bildung und Erziehung seiner Landeskinder, deshalb holte er Christian und zwei seiner Brüder auf die Lateinschule nach Ludwigsburg und auf die neugegründete Universität, die „Hohe Karlsschule“ nach Stuttgart. Wir meinen heute den üblen Ruf jener „Pflanzschule“ zu kennen, hatte doch der Herzog den Zögling Friedrich Schiller daran gehindert, seinen poetischen Neigungen nachzugehen und ihn zum Studium der Rechtswissenschaft und danach der Medizin zu zwingen. Möglicherweise hatte unser Christian an jenen verbotenen nächtlichen Lesungen des künftigen Dramatikers Schillers teilgenommen, blieb aber davon unbeeindruckt und absolvierte mit Erfolg seine Studien im Felde der Mathematik, der Naturwissenschaften und der Ballistik, was ihm den Rang eines Artillerie-Leutnants in der kleinen Armee des Herzogs einbrachte.

Die Ferne jedoch lockte, der Drang zum Ausbruch aus der Enge, zum Überwinden der Grenzen des Herzogtums wurde übermächtig, der Offizier verließ ohne Genehmigung seinen Standort und meldete sich in Potsdam beim Idealtyp des Herrschers, dem preußischen König Friedrich. Solche wagemutigen Kerle gefielen der Majestät, nach zwei Tagen harter theoretischer und praktischer Prüfung versprach er Christian ein Offizierspatent in seinem Heer – wenn er persönlich beim wutentbrannten Herzog die Genehmigung zum legalen Übertritt nach Potsdam erreichen sollte. Die goldene Zukunft vor Augen,schaffte auch das unser Held und durfte nun anstatt eng begrenzter taktischer Aufgaben in Stuttgart grenzüberschreitende strategische Probleme von europäischem Format im preußischen Generalstab bearbeiten.

Mit königlicher Erlaubnis nahm nun Christian eine Grenze besonderer Art in Angriff, die Überwindung der konfessionellen Schranken zwischen den Lagern der Lutheraner und der Französisch-Reformierten, der Hugenotten. Natürlich auf rein familiärer Ebene, nicht politisch! Er hatte sich zur Gemahlin die Tochter eines reformierten Geistlichen erwählt, Amélie Gualtieri aus Rheinsberg. Wie eng es in der preußischen Hofgesellschaft zuging, zeigt sich daran, dass Amélies Schwester Marie einen von Kleist heiratete und in die Literaturgeschichte als jene Hofdame der Königin Luise einging, die durch moralische und regelmäßige finanzielle Unterstützung den ständig in Geldsorgen sich befindlichen Dichter Heinrich von Kleist unterstützte.

Nach dem Tode des großen Friedrich traten die politischen Grenzen als Herausforderung in der militärischen Laufbahn Christians in den Vordergrund. Auf halbem Wege zwischen Küstrin und Posen hatte der neue preußische König Friedrich Wilhelm II. dem nunmehrigen Obristen im Generalstab mehrere Rittergüter aus der Kriegsbeute nach der Niederschlagung des polnischen Aufstandes von 1794/95 übereignet – ohne Grenzzäune konnte Christian nun aus der Mark Brandenburg ins königliche Südpreußen reisen, was nicht von Dauer war, aber zu Lebzeiten Christians galt. Idyllisch gelegen am Ufer eines Sees das schlossartige Gutshaus von Bialokosz – heute noch zu besichtigen, als Hotel genutzt! Die Niederlagen der preußischen Armee gegen die Heere der französischen Republik (bei Goethe ist das Debakel bei Valmy nachzulesen) und Napoleons bei Jena und Auerstedt veränderten grundlegend das Schicksal des ehemals so erfolgreichen Offiziers Christian von M. Er bäumte sich auf, überschritt bewusst die Grenze vom gehorsamen Untertanen zum disziplinlosen Widerständler – vor allem nach 1815, als die politische Reaktion in ganz Deutschland durch den Einsatz aller Mittel der Gewalt, der Justiz, der Manipulation liberale und demokratische Persönlichkeiten wie Christian zum Schweigen brachte.

Als Fußnote nur ging in die Geschichtsschreibung ein, dass Christian von Massenbach (hier nun sollte der authentische Name doch einmal genannt werden) im Jahre 1817 trotz seiner politischen Erfahrungen der Illusion erlag, dass sich konservative Herrschaftssysteme an vereinbarte Grenzen halten. Er vertraute dem rechtsstaatlichen Grundsatz, dass preußische Soldaten in der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main keine Exekutivfunktion ausüben dürften – und wurde über mehrere Grenzen innerhalb des Deutschen Bundes nach der Festung Küstrin an der Oder verschleppt, wo über ihn ein preußisches Kriegsgericht das von ganz oben gewünschte Urteil sprach – den sicheren Tod vor Augen wurde er nach zehn Jahren aus der mörderischen schlesischen Festung Glatz in sein Gutshaus Bialokosz entlassen.

Dieter Weigert, Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Autor: lliensternberlin

Dr. phil. (echt Philosophie und auch noch habil. in Politologie), inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

Ein Gedanke zu „Die Grenzüberschreitungen des Christian von M.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s