Preußisch Blau und Lutherisch Schwarz – oder: Leutnant Heinrich und Superintendent Josias Folge 7

Folge 7 Esther

Edda ist nicht zu bremsen, sie ist aufgeregt und glüht im Gesicht: – Großer Chef, ich habe mir heimlich noch einige Nachbarblätter angesehen und fühle die Fäden! Ich brauche mindestens eine Stunde, alles auszubreiten! Darf ich?

Ich nicke freundlich. Sie doziert genüßlich in Erwartung der schönen Dinge, von denen ich nichts ahne.

– Beim Durchforsten verschiedener Texte, die nach längeren Prüfungen einen Bezug zum Brief der Dame Esther erlauben, stoße ich auf das mehrfache Auftauchen des Wortes „Heilige-Geist-Straße“. Dort wird sie gewohnt haben, in der Mitte Berlins.

Ich studiere die alten Pläne von Berlin und finde die heute verschwundene Parallelstraße zwischen Spandauer Straße und Spree, in einem auf Weisung des Großen Kurfürsten trockengelegten Sumpfgebiet – dann Mitte des 18. Jahrhundert ein Wohngebiet für die betuchten Berliner Bürger, für die Professoren der benachbarten Ritterakademie und des Joachimsthalschen Gymnasiums, ein Wohngebiet mit Buchhandlungen, Geschäften für den gehobenen Bedarf – französischer und englischer Mode, Cafés, Manufakturen, die den Bedarf der Berliner und Cöllner nach Tabak, Strümpfen, Seide, Möbeln, Juwelen, Hüten befriedigten. Die noch existierende Heilig-Geist-Kapelle aus dem Mittelalter und das verschwundene Hospital zum Heiligen Geist gaben der Straße den Namen.

Der Berlinische Wursthof war ein kurzer Straßenzug zwischen der Burgstraße und der Heiligegeiststraße. Nach Neander von Petersheiden Neuen Anschaulichen Tabellen von der gesammten Residenzstadt Berlin (1801) hatte die Straße eine Länge von 35 Ruthen (ca. 132 m) bzw. 175 Schritten.

An der Südseite lagen 6 Grundstücke, an der gegenüberliegenden Seite lagen hinter dem Palais Itzig an der Burgstraße Seitengebäude, Stallungen und ein Spritzenhaus, wohl der Ort des früheren Schlachthauses. Die heutige neu angelegte St. Wolfgang – Str. nur für Fußgänger zwischen Spandauer Straße und der Spree zeigt in etwa den Verlauf der früheren Straße Berlinischer Wursthof, die dem Erweiterungsbau der Börse (nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Ruine abgerissen) weichen musste.

Edda legt Karte Nr. I in die Tischmitte

Auf diesem Ausschnitt vom Stadtplan Schleuen, 1773, erkennen wir die Heilig-Geist-Kapelle, die Spandauer Straße, die Synagoge, Heilig-Geist-Straße und -Gasse, links die Marienkirche und rechts das Königliche Schloß.

Eingefärbt ergibt sich folgendes Bild -Edda legt Karte Nr. II über Karte Nr. I:

Grün ist Heilig-Geist-Straße und -Gasse sowie die Heilig-Geist-Kapelle, Türkis zeigt die Lage der Synagoge und Orange das Königliche Schloss. Alles nah beieinander !

Nun zu der Dreiecks-Verbindung Heiliggeiststraße – Charité – Jägerstraße: Karte III erscheint in der Tischmitte:

Dem Brief entnehme ich folgende Handlungsfäden: Josias’ Freund Johann Stuve, mit dem sich Josias an manchen Abenden im Café traf, schlägt ihm vor, ihn und den gemeinsamen Freund Philipp Lieberkühn an einem Mittwoch zum Salon der Ehefrau des jüdischen Arztes Cohn in die Jägerstraße zu begleiten (gelb auf unserer dritten Karte eingefärbt, rot soll den Standort der Charité zeigen, die Wohnung von Josias, Grün und Türkis wie gehabt das Jüdische und Kommerzielle). Die Einladung war sehr persönlich gehalten, aber Johann meinte, dass man enge Freunde des Eingeladenen nicht an der Tür abweisen könne. Und so geschieht es auch. Es ist das erste Mal seit den Studentenjahren in Halle, dass Josias auf „Tuchfühlung“ mit jungen Frauen kommt – Ehefrauen und fast erwachsenen Töchtern reicher Berliner Juden, nichtjüdischen Schauspielerinnen und Tänzerinnen, bekannten und noch nicht bekannten Schriftstellerinnen, die Freudinnen mancher Herren des Hofes, von Bankiers, Diplomaten, ausländischer Kaufleute, Verlegern aus Berlin und Potsdam. Eine fremde Welt, deren Türen sich ihm nun auftun.

Eingefärbt auch diese Karte – die für unsere Recherchen wichtigsten Kommunikationszentren.

Karte IV auf dem Tisch:

Wie passt aber Esther in dieses Bild? Leider habe ich nur den einen persönlichen, intimen Brief aus jenen Jahren, nur vier Seiten, wenn auch eng und zierlich beschrieben.

Ich vertiefe mich tagelang in Esthers Brief und beginne erste Fäden zu entdecken – nächtliche Spaziergänge, verstohlene Liebesschwüre in der Wohnung einer Freundin von Esther – auch einen Hinweis auf die benachbarte Garnisonkirche, auf den Kanal mit seinen Maulbeerbäumen an beiden Ufern, – die Garnisonschule – und schließlich Mendel Oppenheims Bank in der Burgstraße an der Ecke zur Neuen Friedrichstraße (auf dem Schleuen-Plan an diesem Abschnitt Garnison-Kirchen-Straße benannt, von mir lila eingefärbt):

Da passt gut der liebe Rosenberg zur Illustration ! Seine Stiche, insbesondere die zur Umgebung des Hackeschen Marktes, lassen den Mix der Bauten, der Gassen und Straßen, der Männer und Frauen lebendig werden. Leider konnte ich keinen Stich zum Thema Burgstraße /Nähe Pomerantzenbrücke finden.

Die akribische Suche in den jüdischen Familiengeschichten um 1775 – der Name Esther ist ein eindeutiger Wink in diese Richtung – lässt mich jubeln: ist Esther eine noch unverheiratete Schwägerin des Mendel Oppenheim, eine Schwester seiner Frau Henriette geborene Itzig? Geboren also im Gebäude Burgstraße 25 an der Ecke einer Gasse zum Fluss? – Ich kann also annehmen, dass Esther Itzig ihre verheiratete Schwester Henriette Oppenheim zu den Salons der befreundeten jüdischen Familien begleitet. Ein Mosaiksteinchen nach dem anderen erhält Farbe, Konturen, ich kann einige schon zusammenfügen. Aber noch kenne ich nicht den Mittelpunkt, den Schlußstein des Gewölbes, der alles zusammenhält, dessen Entfernung aber auch alles zum Einsturz bringen kann.

Ich zermartre meine grauen Zellen, um den Knoten zu finden, von dem aus der Strang in meinem Gedächtnis-Geflecht zur Heilige-Geist-Straße abgeht, wo ist mir diese Alt-Berliner Lokalität in den Recherchen der letzten Jahre begegnet? Welche Brief-Adresse? Welcher Aktenbezug? Ich gehe die Namen möglicher Berliner Bezugspersonen durch – Spalding, Teller, Mendelssohn, Büsching, Friedrich Nicolai – halt, der Name könnte der Schlüssel sein !!!

Gezieltes Suchen bringt es nach Stunden an den Tag: bevor der betuchte Schriftsteller, Verleger, Verlagsbuchhändler 1787 das bekannte Haus in der Brüderstraße in der Nähe des Schlosses, also auf der Cöllner Seite, erwarb, hatte die Familie ihren Sitz in der Heiligen-Geist-Straße. Der Vater hatte nach seinem Umzug aus Königsberg nach Berlin sich dort niedergelassen, die Söhne hatten die provinzielle Verlagsbuchhandlung zu einem gutgehenden großstädtischen Geschäft entwickelt. Friedrich Nicolai hatte nach dem Tode des Vaters und des älteren Bruders Verlag und Buchhandlung übernommen.

Mitte der siebziger Jahre, in denen Josias seine ersten Schritte auf dem Berliner Parkett wagt, strickt Friedrich Nicolai an seinen Bindungsgefügen, sucht und findet Mitstreiter im Ringen um die öffentliche Verbreitung der Ideale der Aufklärung – Schriftsteller, Theologen, Pädagogen, bildende Künstler, Beamte. So laufen sie sich gewiss manchmal über den Weg, Nicolai und Löffler, zum Beispiel bei Gesprächen Nicolais mit Büsching, dem Rektor des Gymnasiums zum Grauen Kloster, wenn es um die Herausgabe von Lehrbüchern, theoretischen Werken zu neuen Fragen einer liberalen Pädagogik geht, zu denen Büsching auch gern den jungen Wissenschaftler aus dem Umkreis der Hallischen Professoren Semler und Nösselt hinzuzieht. Büsching hätte den jungen Halle-Absolventen gern an seinem Gymnasium, Josias lehnt 1775 ein gut dotiertes Angebot ab, so früh möchte er sich noch nicht binden.

So ist mir aus der Biographie Nicolais das kaum veröffentlichte Detail bekannt, dass er um das Jahr 1774 mit Moses Mendelssohn den Plan des Langen und breiten diskutierte, die fünf Bände Moses in der Mendelssohnschen neuen Übersetzung für einen späteren Druck vorzubereiten und auf der Suche nach einem erfahrenen Wissenschaftler war, der diese Herausgabe betreuen konnte. Mendelssohn und Nicolai kamen überein, später auch das gesamte Alte Testament aus dem Hebräischen in neuer Übersetzung herauszugeben. Sie waren sich der Tragweite dieses Vorhabens voll bewusst – die Orthodoxie würde Sturm laufen gegen den unverhohlenen Angriff auf Luther – der habe doch für alle Ewigkeit auf der Wartburg eine deutsche Übersetzung der Bibel geliefert, auch unter Verwendung des hebräischen Urtextes.

Da Mendelssohn meinte, für diese neue Version der Moses-Geschichte in deutscher Sprache besonders die Angehörigen der gesamten „jüdisch Teutschen Nation“ interessieren zu können, sei Nicolai sich des buchhändlerischen Gewinnes bei entsprechend hoher Auflage sicher. Den verkaufsfördernden Titel hatte Mendelssohn schon vor der ersten Zeile geliefert: „Die fünf Bücher Mose, zum Gebrauch der jüdischdeutschen Nation nach der Übersetzung des Herrn Moses Mendelssohn“.

Nun aber waren Verleger und Autor am Verzweifeln – die ihnen bekannten Herren Kapazitäten waren mit anderen Projekten für Jahre gebunden, mit ihren akademischen Laufbahn-Zimmerer-Arbeiten vollauf beschäftigt oder sahen wenig Möglichkeiten, mit einer solch schweißtreibenden Beschäftigung Ruhm und Reichtum zu ernten. Nicoli kam nach intensiven Gesprächen mit den Autoritäten Teller, Spalding, Sack mit dem überraschenden Vorschlag zu Mendelssohn, den jungen, von den Prominenten einhellig gelobten Josias Löffler die Druckvorbereitung zu übertragen einschließlich der Erarbeitung eines Kommentars, sozusagen als Gesellenstück für den Einstieg in die normalerweise abgeschlossene Berliner Theologenzunft. Nicolai führte die Verhandlungen – da es sich um ein Projekt für mindestens fünf Jahre handelte, sah Josias keinen Grund, sich der lukrativen Aufgabe zu entziehen – und auf der anderen Seite erspähte er die einmalige Chance, in seinen jungen Jahren mit dem bekannten Verleger und Schriftsteller Friedrich Nicolai ins Geschäft zu kommen. Nicalai seinerseits erkannte hier eine Chance, dem wohlbekannten und gefüchteten Konkurrenten Frommann in Züllichau ein junges erfolgversprevhendes Talent abzujagen.

Was Mendelssohn, Nicolai und Löffler nicht voraussahen, war das Ausmaß des Proteststurmes gegen die endlich 1779 erscheinende Publikation sowohl aus Kreisen der lutherischen Orthodoxie als auch von Seiten jüdischer Rabbiner vor allem aus dem einflussreichen norddeutschen Raum. Die vereinten autoritären Bannstrahlen ließen das Projekt finanziell in den Abgrund stürzen, auch wenn die Herausgeber von Anbeginn ohne Gewinn kalkuliert hatten, weil die den aufklärerischen, pädagogischen Nutzen höher veranschlagten als den Profit. Aber die ins Astronomische gestiegenen Druckkosten von 3 500 Reichstalern veranlassten Nicolai, die Unternehmung nach dem Erscheinen des ersten Bandes abzubrechen. Moses Mendelssohn kommentierte später den Ausgang dieses verlegerisch riskanten Programms lapidar: „Meine Ansicht ist bisher gewesen: wenn meine Übersetzung von allen Israeliten ohne Widerrede angenommen werden sollte, so wäre sie überflüssig. Je mehr sich die sogenannten Weisen der Zeit widersetzen, bist du nötiger ist sie. Ich habe sie anfangs nur für den gemeinen Mann gemacht, finde aber, dass sie für Rabbiner viel notwendiger ist.“

Nun erklärt sich manches im Brief von „Esther“: die Erwähnung von Friedrich Nicolai und der Heilige-Geist-Straße, die weltanschaulichen Passagen über das Verhältnis von Judentum, dem Alten Testament und dem Christentum, die Klagen über die scharf gezogenen und unveränderlich starren Grenzen in der „guten Gesellschaft“ Berlins für eine dauerhafte familiäre Bindung zwischen Juden und Christen.

Was Esther in ihrem Brief nicht erwähnt, vermutlich als bekannt voraussetzen konnte – auch dem Nichtjuden Josias: der Philosoph Moses Mendelssohn arbeitete tagsüber als Buchhalter sozusagen „um die Ecke“ im Kontor der Seidenfabrik Isaak Bernhards und vier Jahre lang als Hauslehrer der Kinder des reichen Fabrikanten; später hatte Bernhard den Buchhalter Mendelssohn sogar zum Teilhaber der Firma gemacht, da war Moses schon im ständigen Kontakt mit Lessing und Nicolai.
Nun entschlüsselt sich auch das Geheimnis der Liebesbeziehung und ihres tragischen Endes zwischen Esther und Josias: Josias hat sich zu entscheiden – Liebe oder Laufbahn, Weggehen aus Berlin in ein Land, wo eine solche Liebe möglich ist oder Verzicht und Anpassung. Es beginnt schon mit der einfachen Frage: Warum werde ich, Esther, Jüdin aus gutem Hause, nicht zu den Empfängen in den Salons der christlichen Herrschaften eingeladen? Warum kann ich den neunmalklugen Friedrich Nicolai nur im Salon meiner Schwester, aber nicht bei einer Gesellschaft in den Privaträumen seines Hauses in der Heilige-Geist-Straße treffen?

Wie leider befürchtet, kann ich keinen Antwortbrief von Josias finden, was ich umso mehr bedauere, da das Thema Sündenfall und Erlösung wie auch Liebe und Sünde für den jungen Prediger und Hauslehrer aus der theologischen Schule von Semler und Nösselt damals eine interessante Herausforderung in der Debatte mit der klugen jüdischen Intellektuellen darstellen sollte

Edda unterbricht aus gutem Grund ihren Vortrag: es ist Zeit für eine längere Pause, der Körper fordert sein Recht. Aber auch das Aufnahmevolumen des Kopfes scheint erreicht – eine natürliche Blockade sendet Signale!

Ich entscheide mich für eine weniger anstrengende Form, in der Edda ihre Ergebnisse vorstellen kann – den Dialog. Ich frage, sie anwortet! „Zuvörderst“ – um mit Josias zu sprechen – solle sie doch darstellen, was sie an Neuem über jene Übersetzung aus dem Französischen gefunden habe, die wir vor Tagen ungeduldig mit wenigen Worten abgetan hatten.
Eddas Gesicht strahlte: Die Zeilen, in denen „Esther“ von den „sinnlichen, unvergesslichen Wochen in Züllichau“ spricht, offenbaren sich nun nach dem geduldigen Studium der Texte als Botschaft einer sehr frühen Zusammenarbeit Löfflers mit Nicolai und dem Verleger Fromman in Züllichau, später Jena:  Der junge Wissenschaftler Josias sitzt in seinen freien Stunden an einer Aufgabe, zu der ihm Semler geraten hatte – die Übersetzung  ins Deutsche der provokativen anti-orthodoxen Publikation des französischen Theologen Matthieu Souverain „Platonisme devoilé“.
Nicolai zeigte kein Interesse an der Herausgabe, er verweist den jungen, bis dato unbekanten Autoren an den Kollegen und Konkurrenten Frommann im neumärkischen Züllichau, der dann 1782 die Übersetzung (wegen der Zensur ohne Namensnennung des Verfassers) unter dem mit Löffler gemeinsam creierten Titel „Versuch über den Platonismus der Kirchenväter Oder Untersuchung über den Einfluß der platonischen Philosophie auf die Dreyeinigkeitslehre in den ersten Jahrhunderten“ veröffentlichte.

Carl Friedrich Ernst Frommann (1765-1837)

Auf der Titelseite ist der Bezug zu Souverains Buch nicht zu erkennen, erst auf S. XXXI der Einleitung nimmt der Verfasser Bezug auf die aktuelle wissenschaftliche Debatte zu diesem Thema, erwähnt auf S. XXXII die Arbeit des Engländers Samuel Clark „The scripture doctrine of the trinity“, London 1712,  herausgegeben 1774 in Frankfurt/Main und Leipzig mit einer Vorrede des Hallenser Theologen Semler (deutsch; „Die Schriftlehre von der Dreyeinigkeit“  und die Publikation Souverains, die unter dem vollständigen französischen Titel „Le Platonisme devoilé, ou Essai touchant le Verbe Platonicien“ im Jahre 1700 in Köln erschienen war.
Edda kann ihre Freude über die aus ihrer Sicht herausragenden Ergebnisse ihrer mehrtätigen Recherchen nicht verbergen: die eigentliche Anregung zu jenem Engagement des Studenten und späteren Absolventen der Universität Halle an der Saale Josias Löffler in Richtung „Platonismus“ kommt von seinem väterlichen Freund und Lehrer Semler !

Jahrzehnte später hat sich Josias Löffler zur Autorenschaft bekannt – auch zu den radikalen theologischen Positionen, die er als Übersetzer in Fußnoten, Anmerkungen, in der Zusammenfassung (Anhang) vermutlich auch in der Vorrede vertreten hatte.

Edda übergibt mir mit Genugtuung kurzgefasste Thesen zu den Ergebnissen ihrer Recherchen, lässt sich zurückfallen und scheint meine weiteren Ausführungen zu genießen:

Ich möchte an dieser Stelle vorausschicken, dass ich mich nach dem Abschluss der Recherchen zum Löfflerschen Konvolut trotz meines sehr begrenzten theologischen und kirchengeschichtlichen Horizonts an die Lektüre dieser Arbeit Löfflers aus seiner Berliner Periode gemacht habe und mich nun heute frage, was ich am 23jährigen Josias Löffler mehr bewundern soll – die exzellente Beherrschung des Französischen oder die fundamentalen Kenntnisse der kirchengeschichtlichen Details  und der philosophischen Theorien in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten.

Doch zurück zu „Esther“, Nicolai und Züllichau. Im Brief klingt verstohlen an, dass „Esther“ sich von den Eltern eine mehrwöchige sommerliche Besuchsreise zur Familie Eiger nach Züllichau auserbeten hatte, vermutlich abgesprochen mit Josias für die Periode, in der er vertrauliche Gespräche mit seinem Verleger über den Souverain führte. Die liberalen Eltern vertrauten ihrer Tochter, sie kannten die Familie der Freundin und erbaten sich nur ab und zu einen Brief.

Der aufgeklärten Esther war seit ihrer Kindheit diese offene, liberale Haltung in ihrer Familie eine Selbstverständlichkeit, sie empfand auch das Bemühen der Eltern, den Söhnen und Töchtern gleichermaßen eine gute Bildung zukommen zu lassen, als natürlich. Aber je älter sie wurde und sich stärker der Geschichte, den geistigen Quellen des Judentums, des Christentums und auch des Islam widmete, desto nachdenklicher wurde sie, desto mehr bewunderte sie den Mut der Großeltern und Eltern, sich der wechselvollen und von Gewalt gezeichneten Geschichte des Verhältnisses von Herrschenden und Juden im Kurfürstentum Bandenburg zu stellen, einen neuen Anfang zu wagen und dem Wort des Landesherrn zu vertrauen. Esther entwickelte eine intellektuelle Neugier auf antike Sprachen, genährt auch durch private Hauslehrer, meist gelehrte polnische Juden, las schon als Kind unter deren geduldiger Anleitung die Werke antiker Autoren, ihres Lieblingslateiners Cicero, durfte an Tischgesprächen mit gelehrten Gästen, Juden und Christen, teilnehmen.

Eltern und Lehrer ermutigten das Mädchen, von Orthodoxen aller Schattierungen gezogene Grenzlinien zu überschreiten, künstlich aufgebaute Tabus zu erkennen und infrage zu stellen. Einer ihrer jüdischen Lehrer aus Bernau hatte den Mut, ihr trotz gegenteiliger Empfehlung der Eltern die tragische Geschichte der Verleumdung und grauenvollen Hinrichtung des damaligen Münzmeisters und fürstlichen Vertrauten Lippold im Jahre 1571 in Berlin in allen Einzelheiten zu erzählen. Esther konnte wochenlang nicht schlafen – hier in ihrer Stadt war das geschehen! Nur wenige Generationen waren vergangen, seit die Nachbarn, Kollegen, auch Freunde, sich über Nacht in Feinde, Mörder, Gewalttäter oder auch nur beifallspendende, die Quäler anfeuernde Zuschauer der Blutorgien verwandelt hatten. Esther war sich sicher, dass im Unterbewusstsein der Eltern und Großeltern jene furchtbaren Tage und die folgenden Wochen der Vertreibung aus dem Kurfürstentum Brandenburg immer präsent sind, obwohl ihre Vorfahren selbst nicht Opfer dieser Unmenschlichkeit waren. Erschreckend musste sie erkennen, dass die damaligen Landesherrn Brandenburgs, gepriesen als Kunstmäzene, als Förderer der aus Italien kommenden humanistischen Strömung der Renaissance-Maler und Bildhauer sich gleichermaßen in einer derartigen Weise menschenverachtend gegenüber den Juden und den sogenannten Hexen und Ketzern verhielten, wie man es seit Jahrhunderten in der Mark Brandenburg nicht erlebt hatte.

Esther fragte sich und ihren Freund Josias, was ein solch aufgeklärter Mensch wie Lessing, den sie aus Diskussionen am Mittagstisch ihrer Familie und Freunde kannte, privat empfand, wenn er bei seinen Vorstudien für die Theaterstücke mit brennend aktuellen Themen seine ästhetischen Erfahrungen von der Italienreise mit dem braunschweigischen Prinzen Leopold der Realität Brandenburg-Preußens gegenüberstellte. Sie hatte bei einer dieser Begegnungen ihren großen Bruder Benjamin gebeten, da sie trotz der aufgeklärten Atmosphäre an der elterlichen Kaffeetafel als Mädchen an den großen Lessing, den Verfasser der berühmten Studie über die antike Laokoon-Skulptur nicht direkt das Wort richten konnte, an ihrer Stelle zu fragen, was er vom künstlerischen Wert, vom bildhauerischen  Gewicht des Renaissance-Grabmal des kurfürstlichen Rates Gregor Bagius in der Nikolaikirche halte, vor allem angesichts des sehr befremdlichen Spruchs auf dem Band am Rande: »LUST GEBIERT DIE SUNDE – SUND GEBIERT DEN TOD«. Sie war brennend an der Antwort Lessings interessiert – wie groß aber war ihre Enttäuschung, als sich herausstellte, dass Lessing dieses Grabmal nicht kannte oder selbst in diesem vertrauten Kreis es nicht wagte, seine ehrliche philosophische Meinung zu äußern und die Unkenntnis vorschob.

In den Gesprächen mit ihrem Bruder konnte Esther ihr Bild von der Rolle der jüdischen Bankiers und Unternehmer und ihrer Familien in Berlin durch viele bisher unbekannte Details bereichern: Großen Anteil unter den jüdischen Unternehmungen hatten  die Bankiers, Goldschmiede und Diamantenschleifer, die  Händler mit den gefragten Genußmitteln Kaffee, Tee und  Tabak sowie die Buchdrucker. Mit der Wirtschaftsförderung  der preußischen Könige errangen die  jüdischen Unternehmer größere Befugnisse und weitreichendere Betätigungsfelder. Bekannte Namen sind die der  Bankiers Isaak Daniel ltzig und Veitel Heine Ephraim, der Seidenfabrikanten David Friedländer, Isaak Bernhard und Meyer Benjamin Levi und des Leinenfabrikanten Benjamin Veitel Ephraim. Esther spürte, wie sich bei den Spaziergängen, die Esther ihrem Bruder vorschlug, ihr Horizont erweiterte, wie sich auch Stolz auf die Leistungen ihre „Brüder und Schwestern“ aufbaute:

Das Kontor der Seidenfabrik Isaak Bernhards war übrigens der Arbeitsplatz des Philosophen Moses Mendelssohn; später hatte Bernhard den Buchhalter Mendelssohn sogar zum Teilhaber der Firma gemacht.

Das jüdische Zentrum hinter dem Spandauer Tor, um die alte Synagoge in der Heidereutergasse und in der Spandauer Straße, begrüßte sicherlich die Erweiterung der Geschäftkkontakte und der kulturellen Ausstrahlung über die Grenzen des alten Berlin hinaus nach dem Abtragen der Festungsanlagen um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Manche der reichen Juden erwarben Grundstücke, ließen sich Häuser an den neuen Straßen bauen und nutzten die Gelegenheit zu neuen Niederlassungen am Hackeschen Markt und in der weiteren Spandauer Vorstadt.

Aus der Entstehungsgeschichte der selbständigen jüdischen Hochschulbildung und der modernen Forschungstätigkeiten geht hervor, daß die Wohnungen gebildeter und reicher Juden in der Nähe des Hackeschen Marktes zu Keimzellen von Schuleinrichtungen, Forschungsinstituten und vor allem der späteren „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ wurden.

Die territoriale Ausdehnung der jüdischen Schuleinrichtungen und anderer Institutionen der Gemeinde vom Ursprungsgebiet der Spandauer Straße und der Heidereutergasse durch die Rosenstraße und die Straße An der Spandauer Brücke hin zur Oranienburger Straße und zur Großen Hamburger Straße, wo sich schon seit Anbeginn der Friedhof der jüdischen Gemeinde befand, vollzog sich logisch am stärksten und sichtbarsten, als nach dem Abtragen der Festung freier Raum in Richtung Norden und Nordwesten vorhanden war.

(Ein Hinweis am Rande, den ich Edda einige Tage später zukommen ließ: Die Vorstellung, Berlins Salonieren aus der jüdischen Oberschicht wären in den Häusern ihrer christlichen Besucher ebenso willkommen gewesen wie umgekehrt stimmt mit der Realität nicht überein. Beispielsweise wurden Henriette Herz und Rahel Levin nicht ein einziges Mal ins Tegeler Schloss der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt eingeladen, obgleich diese ungezählte Male in den Genuss der inspirierenden Gastfreundschaft beider Frauen kamen. Außerdem gab es Zeitgenossen, welche lautstark ihre Stimmen im antisemitischen Kampf gegen die gesellschaftlichen Aktivitäten der aufstrebenden jüdischen Minderheit und auch gegen die »alles zerstörende, von Juden entfachte Vernunft« erhoben. In seiner Eröffnungsrede vor Mitgliedern der 1811 gegründeten ›Christlich deutschen [Gegen]Tischgesellschaft< sagte Clemens Brentano mit Blick auf die ausdrückliche Verbannung von Juden aus ihren Reihen, jeder könne ››diese von den ägyptischen Plagen übriggebliebenen Fliegen in seiner Kammer mit alten Kleidern« oder ››auf der Börse mit Pfandbriefen und überall mit Ekel und Humanität und Aufklärung, Hasenpelzen und Weißfischen genugsam einfangen«. )


Edda lehnt sich zurück: – mich packt die Müdigkeit, morgen ist auch noch ein Tag, deshalb nur noch dieser kurze Brief von Josias an Semler vom Sommer 1778, zu meiner Erleichterung weder in Griechisch noch in Latein, sondern im zeitgenössischen Saalfelder Deutsch:

Geliebter und gelahrter Meister und Freund, die jüngsten Kenntnisse aus der Residenz werden Eure Ehren im saalischen Halle nicht überraschen – es stinkt hier nicht nur nach Pferdeäppeln auf dem Friedrichsstädtischen Markt, sondern nach dem von Tag zu Tag stärker werdenden Geruch des Pulvers eingepackt in die Cartuschen zum Abschießen der Canons – man kann man dem nicht entfleuchen. Ob es Krieg giebt ? Das Gemunkel nimmt zu, aus dem Schloß kommt keine Negation – so daß meine Pudelnase auch noch den künftigen abgestandenen Geruch der Leichen und der todten Viecher von den Feldern herüber wahrnimmt. Muß ich mich in der Charité insonderheit auf viel Blut vorbereiten, auch als Prediger ?

Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg 29. Juli 2023

(Eine weitere Folge der Erinnerungen des Saalfelder Stadarchivars zu Heinrich von Kleist und Josias Löffler erscheint demnächst an dieser Stelle)

Für Interessenten:

LINK zu Folge 1: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/33 663

LINK zu Folge 2: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/33 899

LINK zu Folge 3: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34 059

LINK zu Folge 4: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34 245

LINK zu Folge 5: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34 672

LINK zu Folge 6: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34 720

Preußisch Blau und Lutherisch Schwarz – oder Leutnant Heinrich und Generalsuperintendent Josias Folge 6

Was ist eine königl.-preuß. Hausvoigtey?

Einige Tage lasse ich Edda zur Entspannung, dann nehme ich den Textentwurf zur Hand, den ich zur Interpretation der „Berlin-Dokumente“ – vor mir so bezeichnete Gruppe der Briefe, der losen Blätter, der kolorierten Kupferstiche, der amtlichen Schreiben, Notizen ohne Datierung, Verfasser – und beginne zum Entsetzen der lieben Edda zu dozieren:
Über zwei Stunden argumentiert Spalding, dann ist der Widerstand gebrochen. Da fragt Löffler nach den Einzelheiten, um welche Stelle ginge es denn?  Oberkonsistorialrat Spalding zögert, aber muss Farbe bekennen: ja mein lieber Freund, es ist keine der großen Kirchen in Berlin, es ist etwas Unscheinbares, das aber die Tore für Sie öffnet!  Es ist eine Gefängniskirche, die Kirche der Hausvoigtey. Löffler zuckt zusammen – eine Gefängniskirche? Haben wir denn so etwas in Berlin?

Aber natürlich!  Ich glaube, sie kennen die Strukturen des lutherischen Oberkonsistoriums noch nicht so genau, dass Sie auf der Stelle zusagen können. Wir haben zwei getrennte Gefängnissysteme in der Residenz Berlin – eines für den königlichen Hof, seine Angehörigen und obersten Chargen im engen Sinne – nur die oberen paar Dutzend sowie die dazugehörigen Domestiquen und dann haben wir ein Gefängnis fürs gemeine Volk. Das erste heißt Hausvoigtey, das zweite heißt Stadtvoigtey.

Er geht zum Regal neben der Tür, öffnet einer der großen Schachtel und legt einige colorirte Stiche auf den Tisch.

-Hier mein junger Freund, das hat mir Nicolai geschenkt, frisch aus der Presse !

Die Hausvoigtey hat im Unterschied zur Stadtvoigtey einen eigenen Prediger. Es handelt sich ja doch immerhin um den königlich-preußischen Hof.  Wenn da so ein Prinz oder sein Stallmeister mal über die Stränge schlägt und eingelocht werden muss, dann braucht er Seelsorge auf allerhöchster Ebene. Daran sehen sie schon, dass das kaum eine große Arbeit macht, denn wann schlägt ein Prinz mal über die Stränge und wann erfrecht sich die Wache, ihn ins Gefängnis zu stecken? Ich habe in den letzten Jahren noch keinen solchen Fall vernommen, aber es muss auf dem Papier einen Prediger geben und der muss gut lutherisch sein. Das unansehnliche Gebäude der Hausvoigtey – also des Hausvoigts, des Gerichts und des Gefängnisses – stand bis vor kurzem zwischen dem Schloss und der Domkirche, nach dem Abriß des Doms wurde ein neues Gebäude auf dem Friedrichswerder zwischen der Nieder- und Oberwallstraße errichtet.

In den ältesten Zeiten wohnt der Hofrichter sogar auf dem königlichen Schlosse. Bei dem Bau des neuen Schlosses Anfang dieses Jahrhunderts wurde die Hausvoigtei auf den Werder in die Unterwasserstraße neben der Münze verlegt. Bei Erweiterung der Münze ward sie hierher versetzt, wo bis dahin die Stallungen des Jägerhofes standen – über denselben wohnten sogar einige Jagdbediente. Vorn ist in einem zweigeschossigen Gebäude, die Gerichtsstube, die Wohnung des Hofrichters und ein Saal zur Kirche. Hinten sind auf zwei Höfen Gefängnisse und deshalb steht auf dem ersten Hofe eine ständige militärische Wache.

Ich empfehle beim nächsten Rundgang durch die Stadt eine Besichtigung zumindest von außen. Und was ich noch dazu sagen möchte – zu dieser Prediger-Stelle gehört auch die Seelsorge an der Charité – Sehen Sie die anderen Blätter:

Jetzt hellt sich das Gesicht von Josias Löffler wieder auf: „das klingt ja interessant, aber soweit ich weiß, gibt es dort schon einen reformierten Prediger“ – „Ja, das stimmt, Sie werden dort eine eigene Wohnung haben im Charité-Gebäude. Die Nachbarwohnung hat vor kurzem erst ein reformierter Prediger bezogen, auch ein junger Mann, vielleicht haben sie die Gelegenheit mal mit ihm zu sprechen, aber ihre Hauptarbeit ist das Gefängnis zu betreuen, auch wenn da niemand drin sitzt.

Ihre Kammer liegt auf dem gleichen Flügel wie die des reformierten Kollegen – ich hoffe, Sie vertragen sich!

An Uniformen wird kein Mangel sein:

Also ich sehe ich habe Ihnen nicht zu viel versprochen, es ist massenhaft Gelegenheit und Zeit für ernsthafte Studien, für Publikationen, für wissenschaftliche Gespräche und für dergleichen Wanderungen wie heute durch den Tiergarten mit mir“.

„Wann soll es denn losgehen mit der Gefängnis-Seelsorge?“ Löfflers Stimme hat ihre normale Tonart wiedergefunden – „Zu Weihnachten, wenn die Formalitäten erledigt sind. Sie können sich ja schon mal die beiden Kammern in der Charité ansehen, ich gebe Ihnen morgen ein Schreiben mit. Die Besichtigung des Zellengefängnisses eilt nicht, da wird zurzeit nicht gestorben und nicht gerichtet – soweit ich weiß auch nicht gefoltert!“ Spalding sah man die Erleichterung an, die ihm die Zusage Löfflers verursacht hatte.

Von nun an lud Spalding den künftigen Kollegen zu den weiteren Gesprächen in seine Propstei-Dienstwohnung in der Nikolai-Kirchgasse ein, die vor dem Umzug Spaldings von Barth nach Berlin auf Kosten des lutherischen Oberkonsistoriums aufs Beste hergerichtet und möbliert worden war. Josias Löffler bewundert im Stillen die reichhaltige Ausstattung der zwei Etagen im altehrwürdigen Gebäude am geräumigen Rasenplatz neben der Kirche, versteht die persönliche Einladung als Attribut des bevorstehenden Karrieresprungs und als Vertrauensbeweis des Oberkonsistorialrats und seiner königlichen Vorgesetzten. Er weiß, dass es nun kein Zurück gibt.  

Josias sieht die Vertrauensgeste auch als Aufforderung zu einem engeren Verhältnis; er versteht sich nun als Meisterschüler, als „Zögling ersten Grades“ des großen Spalding – und wagt sofort, eine diskrete Frage zu stellen, die sich ihm schon beim Eintreten in das Zimmer aufgedrängt hatte  – wie er sich die Vorliebe für Maria Magdalena erklären soll, die gleich dreimal hier im Dienstzimmer des evangelischen Probstes und Oberkonsistorialrats künstlerisch präsent ist.

Der brave Lutheraner Spalding findet nichts besonders Aufregendes an der Frage, hat auf der Stelle – ohne nachschlagen zu müssen – jene Oster-Predigt aus dem Jahre 1538 parat, in der „der große Wittenberger“ die „Sünderin“ und „Büßende“ des katholischen Heiligenkalenders kommentarlos beim Namen nannte. „Der dreiteilige Altar und der einsame Altarflügel stammen übrigens aus Ihrer Heimat, aus dem Thüringischen, Arnstadt und Erfurt, lieber Josias, wie vermutlich auch die Tafel in der Ecke neben dem Fenster.“ Josias konnte seine Überraschung kaum verbergen. Er kannte zwar das Neue Testament in der Fassung Martin Luthers, hatte sich dank der Bemühungen der Hallenser „Väter“ wie Semler und Nösselt auch mit den Differenzen zwischen den Übersetzungen Luthers und den aktualisierten Predigttexten der evangelischen Kirchen im mitteldeutschen Raum und in Brandenburg-Preußen beschäftigt, ist aber nun auf eine solche unverhoffte Begegnung mit der engen Vertrauten des Erlösers nicht vorbereitet. „Sehen Sie sich die Gemälde näher an, lieber Josias, ich freue mich schon auf die textkritische Debatte mit Ihnen – es muß ja nicht gleich heute sein“ – schmunzelte Spalding. Josias näherte sich vorsichtig dem dreiflügeligen Altarbild aus Arnstadt – links vor ihm die Szene mit zehn herbeieilenden Jüngern, in der Mitte die eigentliche Auferstehung: das steinerne leere Grab, flankiert von Petrus und Paulus, dominierend mit Banner der Erlöser, niedergeschmettert am Boden zwei Wächter und rechts die vier Frauen des Neuen Testaments mit ihren Attributen –  in der ersten Reihe, gleichrangig mit der Jungfrau Maria, Maria Magdalena mit dem Salbengefäß.

„Mein Lieblingsstück ist jene einsame, leidende Frau am Fuß des Kreuzes“ – Spalding nahm den jungen Kollegen am Arm und führte ihn nach hinten, in eine halbdunkle Ecke des Zimmers, vor eine Holztafel „sie ist dem Erlöser am nächsten, näher noch als Mutter Maria!“ – „Eigentlich ein ketzerischer Gedanke ?“ wagt Josias zu flüstern.

„Sie kommen der Sache näher, junger Freund; man munkelt, daß jene drei Kunstwerke – das letztere sogar aus der Cranachwerkstatt, den fanatischen Bilderstürmern der Reformationszeit von mutigen Männern (oder Frauen) aus den Händen gerissen wurden, ansonsten hätten sie das traurige Schicksal so vieler Gemälde, Statuen, die in Kirchen und  Klöstern geteilt, die zerschlagen oder verbrannt worden waren. Über die wundersamen Wege der Rettung dieser drei Stücke und des Erwerbs durch einen meiner Vorgänger hier in der Propstei gibt es nur mündliche Berichte, nichts Schriftliches.“ – Josias konnte sich nicht von der Figur der Maria Magdalena in der dunkler Zimmerecke lösen – „Bin ich einem Irrtum verfallen, Herr Oberconsistorialrath, oder unterscheidet sich nicht doch sehr wesentlich die Gestaltung der Gesichtszüge der beiden Figuren der Maria Magdalena – jener im Auferstehungsaltar und jener der Kreuzigungsszene – kunstgeschichtlich gesprochen?“ „Josias, man erkennt die Sprache des Absolventen der Hallischen Universität, des weiten Blicks des Theologiestudiums, das nicht an den Texten klebt, sondern alle kulturellen Entwicklungen einschließt! Natürlich sind zwischen dem dreiflügeligen Altar und der Holztafel aus der Wittenberger Werkstatt der Cranachs etwa einhundert Jahre Unterschied in der künstlerischen Wahrnehmung und der Gestaltung. Aber sehen Sie sich auch das Haupthaar der Maria Magdalena an, lang wallend über die Schultern, über den Rücken bis zu den Lenden jene Frau schmückend, die zu Füßen des Gekreuzigten kniet und den Holzbalken des Kreuzes im Schmerz umfaßt, lebendig, natürlich, den Betrachter ergreifend ! Währenddessen das Haupthaar der Frau auf der rechten Altartafel aus Arnstadt, vermutlich Mitte des 15. Jahrhunderts, züchtig unter einer Haube fast verschwindet und die weiße Haube durch den goldenen Heiligenschein erdrückt wird! Die Gesichtszüge sind steif, unnatürlich, starr wie auch die Hände.“

Spalding nimmt eine Bemerkung Löfflers, aus der er eine gewisse Verunsicherung über den möglichen Verlust der wissenschaftlichen Zukunft herausliest, zum Anlass, auf seinen eigenen Lebenslauf hinzuweisen: „Sehen sie mein lieber Freund, mein junger Kollege im spe, mir wurde an der Wiege nicht gesungen, dass ich Probst einer großen Kirche in Berlin sein werde, Mitglied im Oberkonsistorium, angesehener Buchautor, theologischer Berater des Königs, Bewohner einer hochherrschaftlichen Residenz  und zu entscheiden habe über die Zukunft meiner jungen Kollegen, Kandidaten wie Sie es sind für künftige Positionen in unserer gemeinsamen Kirche. Wie sie wissen, komme ich aus Pommern, damals noch Schwedisch. Mein Vater war ein sehr engagierter Pastor in der schwedischen lutherischen Kirche, er schickte mich auf das Gymnasium in Stralsund mit der Vorstellung, ebenfalls ein guter Pfarrer zu werden. Ich erfüllte seine Anforderungen – ich hatte im Unterschied zu Ihnen das Glück, dass mein Vater mich beraten konnte und dass ich mich an meinem Vater festhalten konnte in Situationen wo die Schule, das Studium an der Universität nicht so lief wie ich mir das vorstellte. Sie sind jedoch als Waise an eine gute Schule in Halle gekommen, hatten das Glück mit den Professoren Semler und Nösselt zusammen zu sein, deren Bibliotheken, deren Häuser nutzen zu können. Ich musste mir vieles selbst arbeiten, aber hatte immer den Traum, Pastor in einem in einer kleinen Stadt Pommerns nahe bei den Menschen zu sein, Gottes Wort im Miteinander zu lehren, zu vermitteln. Die Kanzel war für mich ein Tisch, an dem auf der anderen Seite der Gläubige sitzt, die Kanzel war nie etwas, was ich als Belehrungstisch von oben herab ansah.

Am liebsten saß ich unter den Menschen in einer Gruppe, versuchte ihre Fragen zu verstehen, ihre Zweifel, das hat mich befriedigt und auch das Studium in Rostock und Greifswald, das Studium der Philosophie der Theologie der alten Sprachen hat mich nicht von den Menschen weggebracht, sondern noch mehr an sie herangeführt.

Auch ich war privater Hauslehrer und habe als Hauslehrer die kostbare Freizeit genutzt, mich theoretisch weiterzubilden und den Traum der Doktor-Promotion zu realisieren. Ich habe es niemals versäumt oder abgelehnt, Tätigkeiten anzunehmen, die scheinbar einen Umweg bedeuteten zur Erreichung meines Traums, den Menschen das Wort Gottes direkt mündlich nahe zu bringen.

Ich habe selbst eine Situation wie die des Sekretärs eines schwedischen Gesandten in Berlin immer gesehen als Möglichkeit mein Wissen zu erweitern, meine praktischen Lebenskenntnisse zu vertiefen. Ich war glücklich über solche Tätigkeiten und habe nebenbei geschrieben,  auch schon publiziert. Mein erstes Buch, die „Betrachtung über die Bestimmung des Menschen“ konnte ich natürlich auch nur anonym veröffentlichen lassen – die preußische Zensur hätte es in der Luft zerrissen, weil es nicht von Gott Heil handelte, sondern von der Vervollkommnung Menschen. Das Individuum erreicht sein Glück über die Sinnlichkeit, über das Vergnügen des Geistes, über Tugend und auch Religion, aber nicht durch Offenbarung, sondern durch tugendhaftes Leben, so wie ich es bei Leibniz und Christian Wolff gelesen hatte.

Ich hatte das Glück, einen Menschen als Freund zu finden wie unser Väterchen Gleim in Halberstadt, der meine ersten Schritte als Pastor in der Kleinstadt Lassan In der Nähe von Stralsund begleitete.  Er hat mich motiviert, er hat mir Mut zugesprochen, hat mich ermuntert. Wir haben meine Fehler lange Nächte diskutiert, die ich gemacht habe in meinem jugendlichen Überschwang. Das kleinstädtische, das Dörflich-Gemeinschaftliche  dieser pommerschen Umwelt, nicht die Nähe des Hofes, sondern der Umgang mit ganz normalen Menschen hat mich zu dem Menschen gemacht der ich heute bin – Gott in den Menschen und in ihrer täglichen praktischen Umwelt suchend und nicht in theoretischen Debatten.“

Josias hatte mit 24 Jahren durch sein Ja zum Angebot von Spalding die Tür zu einer neuen Etappe in seinem Leben aufgestoßen – auf eigenen Füßen stehen, wichtige Entscheidungen treffen und in allen kommenden Situationen zu ihnen stehen, das heißt einen hohen Grad an Selbstdisziplin entwickeln, noch höher als an der Schule und beim Studium.

Ich nahm eine der Urkunden zur Hand, die ich zwar schon unter den abgeschlossenen abgelegt hatte, suchte darin nach Hinweisen auf sehr Persönliches, Individuelles des Menschen Josias in jenem ersten Jahr in Berlin. Es war ein amtliches Schreiben Spaldings vom 2. November 1776 über ein Gespräch mit Löffler in Berlin, unten links die zustimmenden Zeilen von drei Kollegen. Der Text war einigermaßen lesbar:

„Eben itzo hat sich der Candidatus Theologiae, Hr. Löffler, der schon verschiedene Jahre hier in Berlin eine Informationsstelle verwaltet hat, wegen der Predigerstelle an der Hausvogtey bey mir gemeldet und wird auch bey meinen Hochgelahrten Herren Collegen zu Ihnen an dem heutigen Tage nicht beschwerlich zu werden, morgen sein Gesuch persönlich anbringen.

Da er wegen seiner vorzüglichen Geschicklichkeit sowohl als Bescheidenheit unter unseren besten Candidaten gehöret, und wir überdem schon in Verlegenheit sind ein anderes taugliches Subject zu finden, so halte ich ihn an meinem Theile für sehr ansehungswürdig. Er wird aber vorher noch eine Probepredigt zu halten haben, welche allenfalls am bevorstehenden Freytage geschehen kann.“ Von den zustimmenden Zeilen der Kollegen, vermutlich Mitglieder des Oberkonsistoriums, sind die des dritten Herrn besonders beachtenswert, da er sich keinen besseren Candidaten als Löffler vorstellen kann – Herr Nummer zwei verspricht seinem Chef Spalding den Besuch der Probepredigt, um sich ein Bild des Candidaten machen zu können.

Beim heutigen nochmaligen Studium dieses Schreibens erkenne ich auch den Zusammenhang mit jenes Königlichen Schreibens vom 28. November 1776 an Spalding:

„Von Gottes Gnaden Friederichs König von Preußen … p.p.p.

Unseren gnädigen Gruß zuvor Würdiger Hochgelahrter Rath, Lieber Getreuer!

Demnach der zum Gefangen Prediger bey der Hauß Voigtey berufene Candidat Loeffler dato darauf confirmirt wurde, also befehlen wir Euch hiermit allergnädigst, denselben gewöhnlichen Maaßen zu introduciren und seine Zuhörer zur gebührenden Pflicht und Achtung gegen ihn anzuweisen.“

Keine formale Hürde, keine Prüfung  blieb Josias Löffler erspart – am Beginn der Laufbahn eines Pfarrers stand im protestantisch-lutherischen Preußen die Predigt-Erlaubnis, ausgestellt vom Ober-Konsistorium, nachdem der Kandidat eine Prüfung abgelegt und eine öffentliche Probepredigt unter den Augen der Mitglieder dieses Gremiums gehalten hatte. Spalding hatte in weiser Voraussicht und im Rahmen seiner Personal-Politik jene Prüfung und das erste öffentliche Auftreten Löfflers schon für den  Sommer 1776  eingeplant, so dass die Prüfungs-Urkunde das Datum vom 5. September trägt, also lange bevor Spalding die ersten Gespräche mit Löffler führen wird.

Man geht nicht fehl, wenn man dahinter nicht die leitende Hand des Ministers von Zedlitz in Absprache mit dem König vermutet. Sie überlassen die wichtigen Personalentscheidungen nicht dem Zufall, nicht tagespolitischen Erwägungen, sondern treffen solche Entscheidungen in strategischer Sicht. Kirchenpolitik ist für die Majestät eben auch Politik, nicht Geplänkel – Jeder mag nach seiner Facon seelig werden – aber ihm abgesteckten Rahmen der königlichen Strategie.

Eine Abschrift jener Prüfungs-Urkunde habe ich mir inzwischen besorgt – ein einmaliges Dokument: „Predigterlaubnis Licentia Concionandi, 5. September 1776, Ober-Consistorium Berlin …

Nachdem der Studiosus Theologiae Josias Friedrich Christian Löffler aus Saalfeld gebürtig, zu Erlangung der Erlaubnis zu predigen, von denen dazu bestallten Examinatoren wie gewöhnlich geprüft worden und dabei sich nichts hervorgetan, weshalb ihm die gesuchte Erlaubnis zu predigen versagt werden könte, so wird darüber und daß derselbe licentiam concionandi  erhalten, gegenwärtiges testimonium unter des Ober-Consistorii Insiegel hierdurch ertheilt, auch derselbe zugleich angewiesen, bey dem Inspektori zu dessen Diceces der Ort seines Aufenthalts gehört, sich zu melden und hiernächst, wann er diese Inspektion verändern sollte, sich mit dem Zeugnisse seines bisherigen Inspectoris, bey demjenigen wieder zu melden, unter dessen Inspektion er alsdann sich begibt.
Berlin, königlich preußisches evangelisch-Lutherisches Ober-Consistorium           Hagen

Es ist kurz vor Feierabend, ich mache Odnung auf meinem Tisch. Zwischen zwei Urkunden liegt ein Brief, von „Esther“ an „Josias“, ohne Datum, ohne Familiennamen, mit zerbrochenem, daher nicht mehr entzifferbarem Siegel, zwei engbeschriebene Blätter, Vorder- und Rückseite genutzt, der Inhalt für damalige Verhältnisse sehr intim und verblüffend wissenschaftlich und weltanschaulich!  Was soll ich damit anfangen? Wie soll ich ihn einordnen, darf ich ihn der Öffentlichkeit preisgeben? Ich versuche, den Brief mit einigen anderen Einzelpapieren in Verbindung zu bringen, vergleiche Namen, Daten, Bezug zu historischen Ereignissen. Erfolglos.

Edda sieht auf den ersten Blick, dass mit mir etwas nicht stimmt. Fraulicher Instinkt. Wortlos reiche ich ihr den Brief hinüber. Sie wendet und dreht und sucht nach Blatt zwei. Sie bittet um Vertagung, möchte aber an der Sache dranbleiben. Drei Tage später hat es „gefunkt“: das Bauchgefühl triumphiere wieder einmal über den nüchternen Verstand, sie sei einer Liebensgeschichte auf der Spur! Einer Liebesgeschichte unseres heiligen Josias! Ob sie vortragen dürfe.

(Eine weitere Folge der Erinnerungen des Saalfelder Stadarchivars zu Heinrich von Kleist und Josias Löffler erscheint demnächst an dieser Stelle)

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Dr. Dieter Weigert Berlin Prenzlauer Berg 26. Juli 2023

Preußisch Blau und Lutherisch Schwarz – oder Leutnant Heinrich und Generalsuperintendent Josias Folge 5

Folge 5: Willkommen in der Residenz

Es ist Anfang November – später Herbst – geworden, wir müssen schon in unserem Dachkämmerchen die Heizung voll aufdrehen. Edda war es gelungen, mir die Zusage abzuringen – trotz starker Brandschutzbedenken –, einige echte Kerzen aufzustellen, so dass eine freundlichere Arbeitsatmosphäre entstanden war.

Aus den unterschiedlichsten Belegstellen der Dokumente des Konvoluts, an den Rand mancher Papiere und Briefe mit fremder Hand gekritzelten Bemerkungen, offiziell angeforderter Anlagen zu Aktenstücken, im Nachhinein geschriebener Erinnerungen aus der Feder von Josias Löffler selbst konnte ich mir in den Wochen in Zusammenarbeit mit Edda ein Bild machen von jener Situation, in die der junge Absolvent der Universität Halle an der Saale hineingeworfen wurde bei seinen ersten Begegnungen mit der königlich-preußischen Residenz Berlin Mitte der 70er Jahre des 18. Jahrhunderts.

Friedrich II.

Die Hallischen Überväter Semler und Nösselt hatten es geschafft, den ungestümen Saalfelder Jungen für den Ernst des studentischen Lebens hinzubiegen, so dass Josias mit 22 Jahren, zu Johannis 1774, in unserem heutigen Kalenderverständnis im Juni, die Universität beenden konnte. Vorher, zu Ostern, war er auf Anraten Semlers mit einigen Adressen, die er ihm in die Manteltasche gesteckt hatte, nach Berlin gereist. Schon die erste Adresse war ein Erfolg: im Haus von Oberkonsistorialrat Teller gab es nicht nur eine Übernachtung und gutes Frühstück, sondern auch das nicht auszuschlagende Angebot einer Hauslehrerstelle bei einem reichen Kaufmann, beginnend im September. 

Die Bekanntschaft mit der preußischen Residenz war für den provinziellen Thüringer in den ersten Wochen ein kulturelles Erdbeben – das Betuliche, Behagliche des Saalfelder Lebens; das Abgehobene, in der Gottesgelahrtheit Schwebende der Universität Halle war über Nacht dem lauten Treiben der ausgedehnten Berliner Magistralen gewichen. Josias brauchte einige Tage, die Weitläufigkeit der Plätze und Märkte der Friedrichstadt zu verdauen, das Gigantische des königlichen Schlosses am Lustgarten nicht mehr als Bedrohung zu empfinden, die junge Lindenallee in Richtung Charlottenburg anzunehmen. Dennoch – es war die Stadt des großen Friedrich, die ihn vom ersten Tage, ja von der ersten Stunde an in den Bann zog! 

Zeichner: Daniel Chodowiecki

Schnell hatte Josias das Netzeknüpfen begriffen: Semler kannte Teller, Teller war eng befreundet mit Propst und Oberkonsistorialrat Spalding, Spalding hatte über Minister von Zedlitz und dessen Staatssekretär Biester Zugang zur Majestät, letztlich entschied der König persönlich – die besten Hallenser Absolventen waren begehrt in Berlin, als Privatlehrer, als Prediger, als Juristen, als Ärzte, auch als Feldprediger im Heer.

Josias erkannte, dass insbesondere der Oberkonsistorialrat Johann Joachim Spalding ihn beobachtete. Man traf sich bei den Predigten in den altehrwürdigen Hallen von St. Nikolai und St. Marien, in den Bibliotheken, bei den gutbetuchten Eltern der Privatschüler, die vor allem in den antiken Sprachen und der Kirchengeschichte durch die jungen Hallenser Absolventen eine Erweiterung des Schulstoffes erfuhren.

Noch in Halle hatten seine beiden Mentoren Semler und Nösselt dem Absolventen Löffler wärmstens den Ratschlag ins Reisegepäck gesteckt, sich in Berlin an den Oberkonsistorialräten Wilhelm Abraham Teller und Johann Joachim Spalding zu orientieren, wenn ihm an einem Fortkommen in der Residenz gelegen sei. Josias entnahm den ausführlichen Erzählungen, dass e seine sehr enge, freundschaftliche, ja fast intime Bekanntschaft der Hallischen Professoren mit den führenden Berliner Kirchenleuten bis in die höchsten ministeriellen Kreise gab – bis in die Vorzimmer des Königs.

So hatte ihm in einem vertraulichen Gespräch Nösselt lachend und in aller Ausführlichkeit und Breite erzählt, wie er als junger Student im Jahre 1754 gemeinsam mit dem jetzigen Minister von Zedlitz in einer auf Spezialorder des Königs in höchster Eile kompilierten Vorlesung des bedächtigen und trockenen Philosophieprofessors Meier gesessen habe und sich beim Anhören des offensichtlich nur angelesenen und nicht verarbeiteten Sammelsuriums der erkenntnistheoretischen Ansichten von John Locke verstohlen vertrauliche Blicke der Missbilligung mit Zedlitz ausgetauscht habe. Noch Tage später hätten Zedlitz und er ihr Unbehagen und ihre scharfe Kritik an einer solchen Prozedur privat ausgetauscht und darüber hinaus mannigfaltige Berührungspunkte in ihren weltanschaulichen Positionen gefunden.

Nösselt hatte bewusst darauf verzichtet, seinem Lieblingsstudenten und Privat-Assistenten Löffler moralisierend eine „Lehre fürs Leben“ mitzugeben – den Weg zum jetzigen Minister von Zedlitz in Berlin müsste Löffler schon selbst finden. Lächelnd hatte er aber noch ergänzt, dass insgesamt nur vier Studenten die auf königliche Order zustande gekommene Vorlesung von Meier besucht hatten und Professor Meier dieses Thema niemals wieder berührt habe.

Johann Erich Biester

In den Ostertagen des Jahres 1774 – wir wissen es aus einem nachgelassenen Brief Johann Erich Biesters an seine Lübecker Freundin Luise Haake  vom 27. Juli 1776 aus Berlin, der durch einen der nicht seltenen Zufälle in unserem Archiv gelandet war – war es auch zu einem Gespräch Löfflers mit dem frisch promovierten Dr. jur. Biester im Gasthaus Zum Schwarzen Adler in der Berliner Poststraße gekommen, vermittelt durch den Vater eines Löffler anvertrauten Privatschülers. Ich suche den Brief nochmals heraus und bitte Edda, ihn vorzulesen, um mich konzentriert mit nunmehr geschultem Blick für das Berliner „Geflecht“ der jungen Akademiker Löffler und Biester der historischen Situation widmen zu können:

„Luise, mein geliebtes Täubchen, die elende Warterey hat ein Ende!!! Noch ist es nicht offiziell, aber du bist die erste, die vom angehenden Geheimsekretär des Ministers die geheime Nachricht von seiner geheimen Bestallung im geheimen Büro erhält – bitte aber geheim zu betrachten bis auf Weiteres!!! Offiziell wird es Staats Secretair heißen, aber der alte Fuchs von Zedlitz, der mich mit dem geschulten Blick des Kenners persönlich aus der Gruppe der Männer mit großen Ohren, geschlossenen Mäulern und  unersättlicher Wissensbegierde erwählte,  machte mich zum  Anwärter für Höheres, läßt mich aber vorerst nur Probestückchen meines Talents abliefern, die hoffentlich der Majestät zusagen werden.

In Berlin weiß es bisher nur mein alter Freund Josias Löffler, mit dem ich am Ostersonntag 1774 auf einer Bank am Spreeufer gegenüber dem königlichen Schloß Zukunftspläne schmiedete. Er war aus Halle herübergekommen, um sich nach einer Stelle als Privatlehrer umzusehen, war auch glücklich gelandet, so daß wir gemeinsam den Tintenkleksern der Residenz an beiden Ufern der Spree tüchtig einheizen können. Das Schloß fand er übrigens gar nicht so beeindruckend – es sei Gigantomanie, aufgeblasen, wirke kalt und tot. Er, Josias Löffler, habe nach kurzer Wartezeit in den privaten Schulräumen bei Bankiers und Handelsleuten eine königliche Predigerstelle erhalten, ich aber, wie du weißt, hatte weniger Glück, reiste im Mecklenburgischen herum, unterrichtete um des Broterwerbs willen störrische Adelssprosse, antichambrierte wieder in Berlin. Zwei schlimme Jahre, aber doch gefüllt mit Erfahrungen und endlich der Bekanntschaft des lieben Nicolai, dessen Bibliothek und Befreundetsein mit einflußreichen Hofbeamten nun Gottseidank Früchte trägt …“

In der Geschichte versunken, bitte ich Edda um etwas Geduld, bevor wir uns an Biester und Zedlitz heranmachen. Ich würde sie, die inzwischen eng Vertraute meiner Recherchen, gern in jene Gedanken einführen, die mir nach dem Durchblättern anderer Briefe Löfflers an Bekannte in Halle gekommen waren und die doch ein authentisches Bild der „Anfängerjahre“ des jungen Theologen Josias in der königlichen Residenz vermitteln:

An einem noch warmen, trockenen Oktoberabend 1776 bittet der Probst der Berliner Marienkirche Spalding – weißhaarig, mir einem goldbelegten Stock in der Linken, den rechten Arm auf gute schottische Art hinter den Rücken gelegt – den jungen Löffler zu einem Spaziergang in den Tiergarten. Er lässt sich von Josias über die Fortschritte bei dessen Studium der Kirchenväter berichten, zu dem er ihm ernsthaft vor zwei Jahren für die freien Abendstunden nach dem doch nicht allzu anstrengenden Unterricht mit den Privat-Zöglingen geraten hatte, verfällt dabei wie in Gedanken versunken ins Latein, freut sich im Stillen über die glänzende Parade des Zöglings, schlägt sich an die Stirn: „Ach mein Lieber, nun bin ich gar ins Antikische abgerutscht, bitte verzeihen Sie die Altersschwachheit! – Aber da wir nun schon mal vom Pfade abgekommen sind, auf die Wege des Herrn gelangt sind – Was halten sie denn, junger Freund, von einer Predigerstelle in Berlin? Es wird Zeit dafür, ansonsten ersaufen Sie im Sumpf des alltäglichen Trotts in den Familien der Wohlhabenden und kleinkarierten Hofbeamten !

Da wird zu Weihnachten eine Stelle frei, für die ich Sie wärmstens beim Minister empfehlen möchte – vorausgesetzt sie machen mir keine Schande und eine Schande wäre schon nach reiflicher Überlegung eine Ablehnung. Im Übrigen – der Minister erwartet von mir derartige Gefälligkeiten. Vergeben sie mir die Offenheit.  Aber so ist das Leben, so ist das Leben im Oberkonsistorium; solche Sachen werden ja nicht lange hin und hergeschoben, solche Sachen werden in kürzester Zeit entschieden! Sie, Josias Löffler, gelahrter Absolvent bei Semler und Nösselt in Halle, stehen bei mir ganz oben auf der Liste.“ Er nimmt Löffler vertraulich am Arm: „ Lassen sie uns in einer Woche am selben Ort wieder darüber sprechen, da kann ich Ihnen mehr sagen. Vorher verlangt es die Geheimniskrämerei in diesem Konsistorium, dass ich Ihnen nichts genaues sagen möchte.  Aber es ist in Berlin, es ist eine schöne interessante Tätigkeit als Prediger, nicht an einer Schule und nicht privat, sondern öffentlich und sehr nah am Hofe – das kann ich hier und heute schon sagen. Mehr noch nicht – schlagen Sie in den nächsten Tagen mal bei Christian Wolff nach, Sie wissen schon – Vollkommenheit und ähnliche Sujets!“

Als sie sich getrennt hatten, ist Josias Löffler hin und her gerissen. Das war nicht sein Lebensplan, die trockene Theologie, das Predigen in den Kirchen, die Seelsorge. Lehrer wollte er werden, Kinder und Jugendliche erziehen, ihnen Bildung für das ganze Leben vermitteln. Aber er wusste, wenn er Spaldings Angebot ausschlug, war seines Bleibens in Berlin nicht mehr sicher. Ohne feste Stellung, ohne Zuspruch und Föderung durch Spalding und seinen Kreis landete er in der Mittelmäßigkeit – und er könnte vor allem – was er ihm für die Laufbahn noch fehlte  – nicht publizieren. Er hat gerade ein neues französisches Buch auf seinem Tisch über die Kritik an der Orthodoxie, über das Verhältnis der Kirchenväter zur griechischen Philosophie, zu Platon, das reizte ihn ungeheuer. Vielleicht findet er einen Verleger, Berlin hat unendliche Mengen an Verlagen. Über seine Freunde könnte er vielleicht an den bekannten Friedrich Nicolai herankommen.

Ihm sind die Worte Nösselts und der anderen der väterlichen Freunde in Halle im Ohr und leuchtend vor Augen: Spalding ist unsere Speerspitze in Berlin und unser Schirm!  Seine Stellung verdankt er seinem Fleiß, seiner Weltsicht und seinem literarischen Vermögen! Wenn du etwas erreichen willst, übe dich unter seiner Anleitung im Ausdruck, schriftlich wie mündlich, beeindrucke die gelehrte Welt schon in deiner Jugend durch Veröffentlichungen, über die man spricht so wie es Spalding durch seine „Bestimmung des Menschen“ schaffte.

Ihm wurde während der Studienjahre ebenfalls schon früh klar, wie dicht und fest die Verbindungen der führenden theologischen Vordenker der Aufklärung, der so genannten Neologen, in Berlin, Halle, Magdeburg geknüpft sind. Obwohl er nicht hinter alle Kulissen schauen konnte, erkannte er, dass sie nicht als einsame Gründerfiguren, Universitätsprofessoren oder Schulhäupter auftraten, sondern als Persönlichkeiten einer immer mehr um sich greifenden Bewegung, die die Stärkung individueller religiöser Mündigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte – unter dem Schutz mächtiger Fürsten, ab 1740 sogar unter dem Schutzschirm des preußischen Königs Friedrich II.
Alle Erwägungen überzeugen jetzt den jungen Josias Löffler, dass er sich durch Zögern oder gar Ablehnung des Angebots der führenden preußischen Kirchenoberen seine Zukunft verbauen würde. Er lässt sich die Einzelheiten des Angebots erklären und erklärt offiziell seine Bereitschaft, mit sofortiger Wirkung in den Dienst des Oberkonsistoriums in Berlin treten. Im Stillen glaubt er nur an eine zeitlich begrenzte Tätigkeit, die ihn in die Nähe des Hofes bringt.  Er könne weiterhin seine privaten Unterrichtsstunden bei den Reichen und Mächtigen ableisten, er könne privat historischen Studien betreiben und größere Veröffentlichungen vorbereiten.

Zu Hause angekommen in seiner kleinen Dachstube machte er sich sofort an die Übersetzungsarbeit dieses Franzosen und es ging ihm zügig von der Hand.

Morgen würde er versuchen an Nicolai heranzukommen, der hatte ihn schon mal angesprochen wegen einer Arbeit von Moses Mendelssohn, für die er einen Bearbeiter suchte. Vielleicht reizt den Nicolai diese Übersetzung. Und den Wolff und nebenbei den Leibniz hatte er nicht vernachlässigt – da war Einiges, das  er seit den ersten Hallischen Tagen mit sich unerledigt herumschleppte.

Publikation Löfflers bei Frommann in Züllichau (Neumark)

Die Woche verging im Fluge. Auch das Wetter spielte mit, die Linden verloren im Abendwind ihre Blätter, gelb und braun mit leichtem rötlichen Schimmer wirbelten sie um ihre Füße.

Ohne gefragt zu werden entwickelt Josias Löffler beim nächsten Spaziergang Spalding gegenüber seine Bedenken; er glaubt das sei die beste Taktik. Er weiß, dass Spalding keine Jasager und Duckmäuser liebt; Spalding liebt Leute mit Verstand und mit eigenem Kopf und wenn ein junger Mann ihm auf ein so glänzendes Angebot mit Bedenken kam, dann reizt ihn das auch zum Widerstand. Der Herr Oberkonsistorialrat sollte erkennen, dass der Widerstand Löfflers nicht gespielt ist und er müsse schon das gesamte Repertoire der erfolgversprechenden Überzeugungsinstrumente auspacken:  die Hoffnung auf eine glänzende Zukunft, eine interessante Tätigkeit und auf viele Kontakte und Bekanntschaften vielleicht auch Reisen, vielleicht auch eine Professur an der Universität – vielleicht Halle, vielleicht Frankfurt – denn was ist ein Universitätsprofessor anders als die höchste Form des Lehrens, des Bildens, des Unterrichts.

Mitten in meine kunstvoll gestrickten Darlegungen platzt ein fremdes Geräusch – Edda war zusammengezuckt und rot geworden, ihr Täschlein war vom Tisch gefallen, Zeichen der Langeweile oder Müdigkeit? Also Pause, keine Überforderung !

Dr. Dieter Weigert 25. Juli 2023

(Eine weitere Folge der Erinnerungen des Saalfelder Stadarchivars zu Heinrich von Kleist und Josias Löffler erscheint demnächst an dieser Stelle)

LINK zu Folge 1: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/33663

LINK zu Folge 2: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/33899

LINK zu Folge 3: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34059

LINK zu Folge 4: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34245

Preußisch Blau und Lutherisch Schwarz – oder Leutnant Heinrich und Generalsuperintendent Josias: Folge 2

An der Saale – Josias Löfflers Oma Margarete   

Saalfeld – Rathaus mit Wohnhaus der Familie Löffler

Fragende Blicke von Edda ! Sie kannte bis gestern den Josias Löffler nicht.

Kleist hatte sie 1-mal im Weimarer Theater getroffen – Titel, Akteure, Regisseur und Thema vergessen. Den Rest des Frankfurter Poeten mal in der Schule recht und schlecht hinter sich gebracht.

Also war da ein starkes Bedürfnis nach Aufklärung: Umstritten ist das Erbe des Josias Friedrich Christian Löffler bis heute, wie das aller Rebellen. Und ein Rebell war er, der Prediger und Superintendent, den Gotha, Frankfurt/Oder und Berlin für sich reklamieren, der Spuren hinterlassen hat in Saalfeld, Halle/Saale, Züllichau, heute auf Polnisch: Sulechow.  Eines der merkwürdigsten Steinchen im farbenfreudigen, strahlenden Mosaikbild, auf das alle Wege hinlaufen, auf das Motive und Interessen der meisten handelnden Figuren unserer Suche  gerichtet sind, findet sich in der gotischen Kirche St. Marien in Frankfurt an der Oder, eines der protestantischen Gotteshäuser, für das der Theologe, Kirchenpolitiker und Lehrer Löffler im Laufe seiner jahrzehntelangen Tätigkeit Verantwortung trug. Um präzise zu sein – nicht der Kirchenbau, nicht die theologischen Debatten, nicht die personellen Auseinandersetzungen Löfflers innerhalb der Stadt und an der Universität von Frankfurt an der Oder zwischen 1779 und 1787 stehen im Zentrum unserer Aufmerksamkeit, sondern jene biblischen Szenen der drei gewaltigen Chorfenster von St. Marien, der „Oberkirche“ am Markt von Frankfurt, gerichtet gen Osten, entworfen und gestaltet in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Bisher kenne ich nur sehr wenige wissenschaftliche Hinweise auf die Chorfenster und besonders jene Darstellungen zum Thema Antichrist, bezogen auf Josias Löffler und Heinrich von Kleist, obwohl es eigentlich auf der Hand liegt – oder besser gesagt: beim Eintreten in das Gotteshaus sofort in die Augen springt -, dass die Nachbarn aus dem „Nonnenwinkel“ sich im angrenzenden Kirchenschiff Anregungen für ihre literarischen und theologischen Auseinandersetzungen geholt haben könnten. Der Gegenstand wird uns in den weiteren Folgen begleiten – beim „Käthchen von Heilbronn“, bei der „Hermannsschlacht“, bei den kirchengeschichtlichen Studien des Josias Löffler. Und es wird sich uns auch immer wieder die bedrückende und erschreckende Frage aufdrängen, warum dieser Zusammenhang jenen „kleistologischen Weisen“ keine Zeile in ihren weitschweifigen Darstellungen untersuchenswert erscheint – weder als Frage, noch als Hypothese, nicht einmal als Fußnote.

Josias Löfflers gesamtes Leben und Wirken war geprägt von den Auseinandersetzungen zwischen liberalen, progressiven Kräften in der Theologie der Periode der Spätaufklärung und den konservativen Gruppierungen und Personen. Er hatte sich während seiner Zeit als junger Prediger und Theologe in Berlin aus der Anonymität des Rebellen hervorgewagt und war seitdem jahrzehntelang theoretischen und politischen Anfeindungen ausgesetzt, die auch nach seinem Tod anhielten, wie die scharfen Auseinandersetzungen um eine öffentliche Ehrung in Gestalt eines Denkmals in Gotha belegen.

Josias Löffler – wohin er kommt – wo er tätig ist findet er Gleichgesinnte – im schwarzen Rock des Predigers manchmal im bunten Rock des Königs so auch in Frankfurt an der Oder den herzoglichen Prinzen abgemahnt durch Den König wegen seiner Konzeption des militärischen Vorgehens Wegen seiner Vorstellung von der militärischen Disziplin vielleicht sogar war er Vorbild gleich für den homburgischen Prinzen?

Sie sind Nachbarn sie sind Nachbarn im Geistigen und auch im real Materiellen und vermutlich auch im Träumen – der Offizierssohn im gleichen Haus im Frankfurter Nonnenwinkel der Professor und Generalsuperintendent im Gemeindehaus hinter der Marienkirche 25 Jahre älter als der aufgeweckte junge aus dem Haus über der Straße. Im dritten Haus dazwischen residiert die andere Erwachsene Bezugsperson des Jungen, das fürstliche Idol Prinz Leopold von Braunschweig Chef des Infanterieregiments und Stadtkommandant, dem der Vater des Jungen als Major diente.   

Wie im weiteren Gang der Darstellung detailliert zu sehen sein wird, ist im 19. Jahrhundert im deutschen Protestantismus ein deutlicher Nachhall des theoretischen Erbes Löfflers zu hören – aber auch bis in die Gegenwart ist bei Historikern und vor allem Theologen das Bedauern herauszulesen, dass die Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Erbe Löfflers noch manche Lücken aufweist. Als aktuelles Beispiel sei die Studie von Malte van Spankeren genannt, der im Kontext seiner umfassenden Würdigung des Hallenser Universitätslehrers Johann August Nösselt (1734-1807) beklagt: „Aus der Vielzahl  der Schüler Nösselts erscheint insbesondere eine intensive Beschäftigung mit dem bislang kaum erforschten Josias Friedrich Christian Löffler instruktive Aufschlüsse zu versprechen. Dieser übte nicht nur fast drei Jahrzehnte in Kirchen leitender Position als Superintendent des Gothaer Herzogtums wichtigen Einfluss aus, sondern stimulierte darüber hinaus eine kritische Sichtung der traditionellen Trinitäts- und Genugtuungslehre.“

Der Blick der letzten Tage aus dem Fenster der Dachetage des Saalfelder Schlosse verrät: Ein heißer Sommer ist über uns in Thüringen hereingebrochen, der Fluss verschafft kaum Kühlung, der Wasserstand ist auf ein Minimum gesunken, so dass selbst das Paddeln im althergebrachten Holzboot mir Segeltuchhaut nur mit äußerster Mühe möglich ist. Es ist Sonntag, an der Saaltorbrücke habe ich mein Boot vom Fahrradanhänger gelöst und lasse mich nun treiben – vorbei am Schloss hinter der Uferstraße, unter der Carl-Zeiss-Brücke durch, die Weiden und Pappel am Ufer leiden unter der Hitze, die Blätter beginnen sich schon gelb zu färben und zum Schutz gegen die Sonne und als natürliche Barriere gegen zu schnelle Verdunstung zusammenzurollen, die Villa Weidig und der Festplatz sind hinter den Bäumen und der Uferbepflanzung zu erkennen, nach zwei Brücken unter den Bundesstraßen in Richtung Rudolstadt und Bad Blankenburg kehre ich um. Auf der Rückfahrt – flussaufwärts – muss ich mich etwas mehr  ins Zeug legen, die Strömung ist bei dem Niedrigwasser kaum zu spüren. Auf der rechten Seite sehe ich nun auch das Hinweisschild in Gestalt eines breiten Holzpfeiles in den schwarz-weißen preußischen Farben für historisch interessierte Wassersportler: „400 m: Wöhlsdorf – Gedenkstein Louis Ferdinand von Preußen 1806“ und hinter den Büschen die Häuser des Dorfes, inzwischen in die Stadt Saalfeld eingemeindet.

Da hat mich die Geschichte wieder und insbesondere jene Periode um 1790, illustriert durch die Biographien der Personen meines Konvoluts: Josias Löffler, Herzog Ernst von Gotha, Herder, Heinrich von Kleist, Bertuch, Zedlitz, Semler (ebenfalls aus Saalfeld stammend). Die tiefhängenden Äste der Weiden, deren Zweige oft das Wasser berühren, die Ruhe des träge mir entgegenkommenden klaren Wassers lassen eine Stimmung aufkommen, die mich in die Zeit vor 200 oder gar 250 Jahren zurückversetzt. Sehr viel anders wird sich der schmale Flusslauf im 18. Jahrhundert dem Wanderer, dem Flößer, dem Fährmann zwischen zwei größeren Orten an den bedeutenden Handelsstraßen auch nicht geboten haben als mir heute. Ich lenke mein Boot unter eine Weide und lasse das erfrischende Wasser an Füßen und Händen vorbeiziehen. Ich träume nicht, aber ich lasse das Heute für eine Stunde nicht an mich heran, versinke in die romantische Saalelandschaft des Jahres 1752.

*

Am nächsten Tag, gegen neun Uhr: „Chef, wann geht es denn richtig los?“ – „Guten Morgen, liebste Edda, es ist schon losgegangen, in meinem Kopf …“ – „Kann ich nicht – Gedanken lesen“

JOSIAS war der Name der Saalfelder Fürsten aus dem Geschlecht der Ernestiner. So lässt also im Januar jenes Jahres der Saalfelder Bürger Johann Christoph Löffler den Sohn, den ihm die eheliche Gemahlin Magdalene Susanna, geb. Mahn, geboren hatte, auf den ersten Namen Josias taufen, dazu noch Friedrich und Christian, die Namen der beiden Großväter.

Man hat standesgemäß eine Wohnung unmittelbar neben dem Rathaus, der Status erlaubt die Anmietung einer Stube nebenan für Oma Margarete, der Witwe des Großvaters väterlicherseits.

Der den sächsisch-thüringischen Wettinern zugetane Vater, dessen Stand als „Stadtsyndicus“ und „Hofadvocat“ angegeben wird, lässt dem Sprössling eine solide Schulbildung angedeihen – Syndicus bedeutete ja immerhin der oberste Jurist der Stadtverwaltung dieser reichen herzoglichen Residenz mit ihren etwa 15 000 Einwohnern und die ihren Wohlstand dem Bergbau und dem Fernhandel verdankte.

Ein Glücksfall, dass Vater Löffler mit einem „gelahrten“ Universitätsprofessor befreundet ist, Johann Salomo Semler, der aus Saalfeld stammt, aber saaleabwärts in Halle einen Lehrstuhl für protestantische Theologie innehat. Die Saale – wie der Main, der Neckar, die Oder – hat eine herausragende Bedeutung als Lebensader für die wirtschaftliche, politische und geistige Verbindung der Territorien des zersplitterten deutschen Reiches – neben den dominierenden Strömen Rhein, Donau und Elbe. Die Saale durchfließt im 18. Jahrhundert weltliche und geistliche Fürstentümer Frankens, Thüringens, Sachsens, Anhalts, fügt fürstliche Residenzen, städtische kirchliche, geistige und Universitätszentren zusammen wie Saalfeld, Rudolstadt, Jena, Naumburg, Weißenfels, Merseburg, Halle und Bernburg.
Das Saaleabwärts gelegene Halle ist die letzte größere brandenburgisch-preußische Siedlung  an der Grenze zu Sachsen, empfängt nicht nur den akademischen Nachwuchs, sondern vor allem das edle Bauholz aus den thüringischen Wäldern in großen Flößen, sendet es weiter ins Anhaltinische, auf der Elbe nach dem sächsischen Wittenberg und auch zu den Schiffswerften nach Hamburg und Dänemark. Das preußische Halle wird den jungen Josias prägen, wird ihm Freunde und strenge akademische Lehrer bieten und die moralischen Werte einer pädagogischen und theologischen Laufbahn vermitteln.

Noch aber lernt der aufgeweckte, neugierige Josias fleißig an der Saalfelder Schule. Jahre später schreibt Josias Löffler an den Freund Philipp Lieberkühn in Neuruppin:

„Mein gestrenger Herr Vater wollte aus mir einen ebenso strengen Beamten machen; es setzte zwar keine Prügel, aber in der Wirkung ebenso demütigende moralisierende Sprüche, tägliche Vorträge über die hohen Werte der Sittlichkeit des Soldaten, des Beamten, des von Gott auserwählten Fürsten. Oma Margarete war meine eigentliche Erzieherin, sie lehrte mich heimlich Lesen und Schreiben lange bevor ich in die gestrengen Hände der bestallten Lehrer fiel. Sie lies mir Papiere zukommen, weggeworfene Briefe, Rechnungen des Weinhändlers, Spielkarten mit den Köpfen und Palästen der einheimischen und fremdländischen Königen sowie den dazugehörigen Jahreszahlen. Sie fragte mich ab, ob ich auch alles richtig verstanden habe – im zarten Alter von 4 bis fünf Jahren. Ich wünsche jedem Kind eine solche Oma.

Saalfeld prägte meine Kindheit. Aber da ist schon die erste Korrektur fällig – nicht die Stadt, nicht die herzogliche Residenz habe ich in Erinnerung, sondern Garnsdorf, ein paar verschlafene Bauernhäuser an der Straße nach Schmiedefeld und Sonneberg.  Das Haus des Großvaters mütterlicherseits, gelegen am Hang, gab den Blick frei in Richtung Osten, auf Saalfeld, auf den gewundenen Lauf der Saale, auf die Hügel hinter der Stadt, die mittelalterlichen Burgen der fränkischen und thüringischen Raubritter. Die Großmutter Else schickte uns fünf Kinder auf Futtersuche für die beiden Ziegen im Stall, das Dutzend Hühner im Hof. Eines Tages, ich war als Ältester der Geschwister mit 10 Jahren von der Mutter schon eine Woche vorher eingeweiht, zog unsere Tante Lisbeth mit drei weiteren Kindern in unser Haus. Ihr Mann war als Soldat in Böhmen gefallen, so blieb nur die Zuflucht zur Großmutter. Nun waren wir zu acht im Kinderzimmer, neben mir hatte sich im großen Bett für die Älteren die dreizehnjährige Cousine Dorothea einquartiert, die mich nachts im Schlaf an die Wand drückte. Aber tagsüber konnte ich mit ihr über mein Seelenleid sprechen, über mein Fernweh, über meinen Wunsch als Flößer auf der Saale heimlich nachts bis aufs große Meer zu fliehen und als Schiffsjunge nach China zu segeln. Wir übten schon mal auf dem Holzstapel hinter dem Haus – ich oben auf der Brücke, sie unten auf Deck. Wir waren glückliche Kinder. So ertrug ich auch die nächtliche Enge zwischen der kalten Wand und dem warmen, erregenden Körper von Charlotte.

Meine Mutter verstand unter Glück etwas anderes, die Familie, das Wohnen bei den Großeltern, die Stadtschule für die Kinder. Dann traf uns das Schicksal hart – der Vater starb und wir mussten ein Stadt- Haus ziehen – neben der Kirche, ohne Aussicht, ohne Ziegen und Hühner, aber von morgens bis abends mit dem Geläut der Glocken. Wir wohnten neben der Poststation, wir Kinder lernten die Klänge aus dem Horn des Postillons lieben, wir bewunderten die bunten Röcke der Reisenden, ihre Koffer und Kisten auf dem Dach der schweren Kutsche. 

Dennoch traf ein anderes Glück mich, den Jungen nunmehr ohne Vater, aber immer unter Beobachtung eines väterlichen Freundes, des ebenfalls aus Saalfeld kommenden Professors Semler in Halle, der mir einen Platz an der Lateinschule der Franckeschen Stiftungen sicherte – einen letzten Freundesdienst für meinen verstorbenen Vater. Ich verstand selbst mit 11 Jahren diese Güte des Hochgelehrten Professors, ich war vorbereitet auf die höhere Bildung durch das Lyzeum in Saalfeld in den Grundlagenfächern Latein, Religion, Lesen und Schreiben und durch die liebe Betreuung durch Oma Margarete.

Das Weitere kennst du aus eigenem Erleben – ich erwies mich meinem Gönner außerordentlich dankbar, erwählte den Freund der Familie zu meinem akademischen Vorbild, strebt ihm nach in wissenschaftlicher Neugier, Ehrlichkeit, Akuratesse.“

Philipp Lieberkühn,  der Adressat des Briefes, gehörte zusammen mit Johann Stuve zum engsten Freundeskreis von Josias Löffler während der Studienzeit in Halle. Sie hatten protestantische Theologie gewählt – auf Empfehlung Professor Semlers. Löffler war 16 Jahre, als er von der Lateinschule der Franckeschen Stiftungen an die Universität wechselt. Sprachbegabt, historisch interessiert, humanistischem Engagement zugeneigt, so studiert er Theologie, Kirchengeschichte, Geschichte des Protestantismus, wissenschaftlich begründet auf dem Verständnis des Hebräischen, des Griechischen, des Lateinischen.

Da ist noch eine andere Sache, die Josias in dem Brief nicht nennt – die besonderen Umstände jenes Jahre 1763, in dem er in die Franckeschen Stiftungen aufgenommen wird: das Ende des schrecklichen mehrjährigen Krieges, in dem die Stadt Halle in regelmäßigen Abständen von den durchziehenden gegnerischen Sachsen, Franzosen, Österreichern und Russen zerbombt und geplündert, die öffentlichen und privaten Kassen bis auf den letzten Heller geleert wurden, wobei die Bürger oftmals für die „Eigenen“, die Preußen, bei deren gelegentlichen Durchmärschen und Biwaks auch bluten mussten.

Lieberkühn und Stuve, die beiden Freunde, kamen erst lange nach Josias nach Halle – noch waren alle Kriegswunden nicht verheilt, die Lethargie nicht überwunden, von Gewerbefleiß konnte lange Jahre nicht wieder die Rede sein, die Handelsbeziehungen in die benachbarten sächsischen und thüringischen Städte und Dörfer immer noch am Boden.

Davon liest man nichts in den Briefen. Das Leiden in Frieden und Krieg, das Intime vom Körperlichen und Seelischen, die Zweifel, die täglichen Ungerechtigkeiten … das vertraut man den Briefen nicht an, zu viele Unbefugte lesen mit.

(Eine weitere Folge der Erinnerungen des Saalfelder Stadarchivars zu Heinrich von Kleist und Josias Löffler erscheint demnächst an dieser Stelle)

LINK zu Folge 1: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/33663

Dieter Weigert, Berlin 19. Juli 2023

Preußisch Blau und Lutherisch Schwarz – oder: Leutnant Heinrich und Generalsuperintendent Josias

FOLGE 1: Das Konvolut

Es ist geschafft. Die Uhr zeigt 0:35, der Samsung-Drucker schiebt das letzte Blatt in die Ablage – unter dem einsam in der Mitte der Zeile prangenden Wort ENDE erscheinen mein Name und das Datum des neuen Tages. Der automatisierte Seitenzähler unten rechts präsentiert eine schockierende 525. Zeitlebens habe ich mich um Kürze meiner Texte bemüht, die ausufernden Zeilen gezähmt, aus Mitleid mit dem Leser das Unwesentliche dem Kern der Aussagen geopfert. Nun das – ein Archivar, ein dem Gehalt der historischen Dokumente verpflichteter Historiker verzettelt sich, kommt ins Schwatzen, verbreitet sich in unerheblichen Details, vermengt die notwendig verknappte, verdichtete Darstellung der Sache aus Eigenliebe des Langen und Breiten mit der Weitläufigkeit von Einzelheiten, die vielleicht seine eigene Neugierde und Darstellungssucht befriedigen, aber für die intellektuelle Welt um ihn herum keinerlei Gewicht haben. Weg mit dem ketzerischen Zweifel, mit Spinoza und Descartes: Ich habe der Welt etwas zu sagen und wenn ich dazu 525 Seiten brauche, dann muss man sich eben die Zeit nehmen für diese Menge an Druckseiten.

Edda kommt mit der Flasche Rotkäppchen trocken und den Gläsern, das Feiern im kleinen Kreis gehört zur Arbeit wie der Schäferhund Alf zum Hof meiner Kindheit. „Auf unseren Erfolg!“ – „Auf deine Beharrlichkeit und dein Verständnis für unseren Josias!“ erwidere ich und küsse die kluge, schöne und sehr weibliche Kollegin auf die Stirn. Die Freudentränen in ihren Augen übersehe ich wohlweislich.

Aber beginnen wir an jenem sonnigen, trockenen Juni-Morgen, als in meiner Heimatstadt etwas geschah, was mein bisher so geruhsames Leben aus der Bahn warf.  Zwischen der alten Stadtapotheke und der Johanniskirche im südthüringischen Saalfeld waren einige Arbeiter dabei, den Boden des historischen Stadtkerns aufzubaggern mit dem Ziel, zusätzliche Tresore sowie eine nötig gewordene geräumige Tiefgarage für den Erweiterungsbau der Stadtsparkasse zu schaffen, als sie auf eine schwere metallene mit Eisenbändern umschlossene Kiste stießen. Dieser Fund sei in der genannten Region nichts Besonderes, versicherte der leitende Ingenieur, wäre da nicht die verwunderliche Lage des Objektes – nicht waagerecht, nicht senkrecht, sondern irgendwie völlig windschief auf einer plattgedrückten Ecke stehend präsentierte sich das brandgeschwärzte Stück im Erdreich. Es muss wohl beim verheerenden Brand in der Apotheke damals aus den Wohnräumen in den Keller und von dort in eine Art Höhle abgestürzt sein, vergessen von den Bewohnern, überlagert durch den Straßenschutt, nun aber der Vergessenheit plötzlich entrissen.

Die Mitarbeiter der zuständigen Abteilung der Bodendenkmalpflege des Landratsamtes in der dritten Etage des ehemaligen herzoglichen Schlosses, denen die Baufirma aus dem fränkischen Kronach den kostbaren Fund ins Chefzimmer bugsierten, erklärten sich nach einigem Zögern bereit, den Inhalt der Kiste inspizieren zu wollen – obwohl sie sich hinter vorgehaltener Hand nicht viel davon versprachen, man habe ja wichtigere Aufgaben auf den Tischen und in den Rechnern zu liegen.

Ein erster Blick ins Innere des schwarzen Ungetüms bestätigte ihre zögerliche Haltung – Papierkram, aber ohne amtliche Siegel, halbverbrannte Fetzen von Pappschachteln, … und dann doch zwischen dem Plunder ein zwei intakte schwere Pakete, verschnürt mit grünschwarzer gedrehter Kordel, die Aufschrift des ersten oben und auf den vier Seiten noch lesbar – Geheim! Eigentum der Generalsuperintendentur des Herzogtums Gotha (1787 – 1817), auf dem zweiten Packen ein Verlags-Stempel „Frommann-Erben – JENA.

Jetzt endlich kommt meine Person ins Spiel!  Ich – der nun aber doch eiligst herbeigeholte Stadtarchivar! Ich kann mein Glück bis heute noch nicht fassen – da war es also – das seit Jahrzehnten gesuchte Konvolut von Papieren des großen Sohnes Saalfelds, des gothaischen Oberkonsistorialrats und Generalsuperintendenten, des rechtschaffenen, über die Grenzen Thüringens hinaus bekannten kämpferischen Theologen und Pädagogen Löffler, dem einige – aber leider nur sehr wenige – Kenner der Literaturgeschichte nachsagen, eine der interessantesten, vom Schleier des fast Mystischen verhangenen Personen im Umkreis des Dichters Heinrich von Kleist gewesen zu sein !

Dem Chef des Amtes für Bodendenkmalpflege gelingt es nur mit großer Mühe, mich in meinem Glückstaumel von der Einberufung einer sofortigen Pressekonferenz abzubringen, man solle doch erstmal einen ernsthaften Blick ins Innere des Konvoluts werfen, sich von der Authentizität der Papiere überzeugen, bevor man sich selbst und die gesamte Behörde im Falle eines Fehlschlages dem Gespött der Zeitungen und lokalen Fernsehstationen aussetze! Im Zeitalter der FAKE-NEWS durchaus vergleichbar mit dem Prager Fenstersturz von 1618!

Er, der Amtsleiter, mache nun von seinen Befugnissen Gebrauch, versiegele eigenhändig sein Büro doppelt und dreifach und lade die relevanten Beamten des Landratsamtes und auch mich als Amtsperson für den nächsten Morgen, 10 Uhr, zu einer Sondersitzung ein. Einziger Tagesordnungspunkt: die Papiere des Josias Friedrich Christian Löffler! Bis dahin außerordentliches Stillschweigen – auch in den Familien der hier Anwesenden!

Zu Beginn der morgendlichen Sitzung im kleinsten Kreis der höchsten Würdenträger des Landratsamtes fühle ich mich doch gedrängt, einige einführende Worte zur Bedeutung dieser Besprechung zu sagen. Wenn alles so verlaufe, wie ich als Ergebnis meiner jahrzehntelangen wissenschaftlichen Studien vermute, würden die Anwesenden in den nächsten Minuten Zeugen des erstmaligen Anblicks von Dokumenten aus der Feder des Theologen und Politikers Löffler, eines bedeutenden Sohnes unserer geliebten Stadt Saalfeld, sein, die ein neues Licht auf die Geschichte nicht nur der thüringischen Herzogtümer Weimar und Gotha am Ausgang des 18. Jahrhunderts werfen, sondern die nunmehr Fragen beantworten könnten, die seit langem europäische Historiker von Rang bewegten – die Fragen nach dem endgültigen Schicksal des deutschen Fürstenbundes. Aber auch Kirchenhistoriker und thüringische Heimatforscher hatten immer wieder in Briefen angemahnt, auf den Spuren dieses Mannes nach Belegen für sein Wirken zu suchen. Neuerdings aber auch Germanisten, Regionalhistoriker aus Frankfurt an der Oder, aus Berlin und Halle an der Saale meldeten sich bei mir. Ich war inzwischen auf das meisterhafte Formulieren von Absagen, Vertröstungen, Hypothesen, sogar abenteuerlichen Spekulationen stolz. Die erwähnten Orte hatte ich besucht, mit den fleißigen Frauen und Männern in den Kirchen, Stadt- und Universitätsarchiven viele Stunden verbracht – erfolglos. Ich ersparte es mir und den vermutlich im Labyrinth der mannigfaltigen persönlichen Beziehungen Löfflers, vor allem dem „Irrweg“ Kleist, nicht heimischen Landratsbeamten, zu sehr ins Detail zu gehen.

Nun liegt es auf dem Tisch vor uns – enthält das versiegelte dicke Bündel die Antworten auf die vielen Fragen?

Ich werde gebeten, das Konvolut zu öffnen und einen Vorschlag zum weiteren Vorgehen auf den Tisch zu legen. Den habe ich schon im Kopf – Zeit gewinnen und unserem Archiv die Bearbeitung zu übergeben – unter strikter Wahrung des Dienstgeheimnisses, den Medien nur das Allernötigste mitzuteilen, um auswuchernden Spekulationen Einhalt zu gebieten. Ein entsprechendes lapidares Press Release steckt schon in meiner Tasche – zweisprachig selbstverständlich!

Die Knoten der Verschnürung und die Siegel lassen sich leicht lösen – die Papiere scheinen in gutem Zustand. Obenauf ein Blatt, das säuberlich nummeriert eine Liste von 217 Positionen enthielt: Briefe, Urkunden, Rechnungen, Quittungen, auch einige gebundene Bücher und Zeitschriften, Tagebuchnotizen, ein gesondert eingepacktes dünnes Päckchen in größerem Format und sehr viele bekannte und mir auf den ersten Blick fremde Namen. Ich schlage der Versammlung vor, diese Liste vorzulesen und mir das Paket aus konservatorischen Erwägungen für die weitere Bearbeitung in unserem Archiv zu übergeben. Bedingung des Vortrags der Liste aus meiner Sicht: es wird nichts mitgeschrieben und kein Wort vom Inhalt an Außenstehende weitergegeben. Ein mehr oder minder vernehmliches Murren wird durch den Landrat unterbunden, der meine Bedingungen protokollieren und zur Unterschrift herumgehen ließ, dann darf ich die Liste verlesen.

Zu meiner Verblüffung tauchen Namen auf, die ich im Zusammenhang mit Löffler nicht vermuten würde: die Brüder Humboldt, die Herzogin von Sachsen-Gotha, Friedrich Wilhelm Gotter, die Berliner Oberkonsistorialräte Silberschlag und Spalding, der preußische Minister von Zedlitz, Münter, General von Prittwitz, … Nach dem Verlesen lege ich das Blatt wieder auf den Papierstapel, klappe das Packpapier wieder zu, verschnüre es sachgemäß und bitte den Landrat um die Versiegelung – sicher ist sicher im Medienzeitalter! Die Presseerklärung lasse ich auf dem Tisch liegen.

Am Nachmittag sitze ich nun spannungsgeladen vor dem Stapel Papiere an meinem Schreibtisch. Noch darf keiner meiner Mitarbeiter einen Blick auf den Schatz werfen.

Meine Philosophie des Umgangs mit der Schatzkiste ist noch unvollkommen: Wir wissen nicht alles, wir können nicht alles wissen, aber da sind die Indizien, die Spuren der Begegnungen jenes geheimnis-umwitterten Theologen Josias Löffler, geboren hier in Saalfeld, gestorben in einem Nest bei Gotha, mit Zwischenstationen in Halle an der Saale, Berlin an der Spree und Frankfurt an der Oder – Briefstellen, die Topographie von benachbarten Wohnungen, einige wenige Reiseberichte.

Es klopft, zögerlich und verhalten. Edda, die graue Maus mit der zierlichen Gestalt einer Ballerina und dem passenden Pferdeschwanz, die Chefin der Tourismus-Abteilung, studierte Diplom-Journalistin, steht in der Tür: „Hallo – es war nicht mein Wunsch, es war die verrückte Idee des Chefs! Er meint, du brauchst jetzt kräftige Hilfe! Meine Abteilung könne mich einige Wochen entbehren, meint er!“ – Ich sinke zurück in die Tiefe meines antiken Schreibtischsessels – „Er meint wohl, er braucht eine vertrauenswürdige Spionin, damit er aus erster Hand erfährt, was hier oben unterm Dach ausgegraben wird?“

Noch lachen wir, nicht ahnend was vor uns liegt und uns nicht etwa einige Wochen, sondern ein volles Jahr an Gemeinsamkeiten bringen wird. Der nächste Morgen bringt „zuvörderst“ – das Lieblingswort meines verehrten Professors aus der Studienzeit in Leipzig – eine Blumenvase und dem dazu gehörigen farbenfreudigen Vorgarten-Gemisch für meinen Tisch, sowie einen Schreibtisch für Edda mit eigenem Rechner.

Die erste Beratung, die erste Festlegung: alles muss säuberlich protokolliert werden! „Muss das sein? Schade um die Zeit, das bleibt ja an mir hängen, aber so Gott will gibt es dafür schon eine passende Software“ murrt Edda, kuscht aber unter meinem zurechtweisenden Blick.

Was und wo suchen wir zuerst? Wollen wir mit Frankfurt an der Oder beginnen.? Finden sich in jenem Papierbündel eindeutige Belege, die unsere Annahme stützen und wasserdicht machen, dass der Prediger und Oberpfarrer der protestantischen Kirche St. Marien in Frankfurt an der Oder Josias Friedrich Christian Löffler in den Jahren zwischen 1783 und 1788 dem neugierigen Nachbarsjungen Heinrich von Kleist die Botschaft der Chorfenster seiner Kirche St. Marien aus dem 14. Jahrhundert vermittelt hat? Die Zeit ist so schnell-lebig, dass ich schon vergaß, wer mir gestern oder vorgestern diese Frage bei einem der Pausengespräche in der Kantine zugeflüstert hatte. War es die theaterbeflissene Ute? War es die Zugezogene aus Frankfurt – wie hieß sie doch gleich ? Oder war es der Kulturredakteur des Weimarschen Tageblättchens ? Ich bleibe vorsichtig, nüchtern, zugeknöpft. Zu Hause frage ich mich –  ist die Stadt, ist die Universität, ist die Marienkirche an der Oder wirklich der Beginn? Liegt der nicht an der Saale, in Halle oder doch schon saaleaufwärts hier in Saalfeld?

Vielleicht sollten wir den Beginn am Ende des Lebens unserer beiden Antipoden suchen – des Dichters und des Predigers? Was ich schon aus anderen Quellen wusste: So wie sie lebten sind sie gestorben – der eine auf der Kanzel einer lutherischen Kirche, der andere schon fünf Jahre vor ihm in dramatischer Geste mit der Pistole in der Hand – der thüringische Prediger, Theologieprofessor, Bildungspolitiker, Familienmensch Josias Friedrich Christian Löffler (1752-1816) und der märkische Dichter, Offizier, Journalist Heinrich von Kleist (1777-1811).

Dieter Weigert, Berlin, 17. Juli 2023

(In unregelmäßigen Abständen wird der Verfasser weitere Folgen der Erinnerungen des Saalfelder Stadarchivars an dieser Stelle erscheinen lassen – wie in den guten alten Zeiten die Zeitungsredakteure in täglichen Fortsetzungen im „Keller“ von Seite 3 die Spannung eines guten Romans dem Publikum zum Frühstück servierten)

Frankfurt am „frostigen Ufer der Oder“ – das Schicksal einer deutschen Universität

CREUTZ – HUMBOLDT – LÖFFLER – KLEIST

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Jochen Klepper (1903 – 1942), von heutigen Verfechtern des deutschen Konservatismus zu einem ihrer Stammväter auserkoren, ließ in seinem schriftstellerischem Hauptwerk „Der Vater. Roman eines Königs“ eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der ersten Jahrzehnte des preußischen Königreiches, Ehrenreich Bougslav von Creutz, vom ersten bis zum letzten Kapitel als ALTER EGO des Königs Friedrich Wilhelm für unsere Zeitgenossen auferstehen..

Dieser CREUTZ, erst später geadelt, führt uns nach Frankfurt an der Oder, an die alt-ehrwürdige VIADRINA. Von Creutz war der ranghöchste preußische Politiker, der an der Frankfurter Universität studiert hatte -heute nur einigen Preußen-Historikern bekannt, wie auch das Schicksal seiner Alma mater . Der 31. Juli des Jahres 1690 ist der Tag seiner Einschreibung als Student – stammend aus Stargard in Pommern – an der Oder-Universität – (Quelle: Ernst Friedlaender – Herausgeber, Aeltere Universitäts-Matrikeln. I. Universität Frankfurt a. O., Zweiter Band, Leipzig 1888, S. 214). Seinen Familiennamen schreibt er noch als CREITZ, den ersten Vornamen aber schon wie später auch EHRENREICH, den zweiten ursprünglich BOGISLAFF – daraus wird dann in den amtlichen Dokumenten Bogislav oder auch Boguslav. Vermutlich hatte er aus Gründen der späteren Laufbahn-Verheißung die juristische Fakultät gewählt, was auch die spätere Stellung als Militärjurist (Auditeur) im Regiment des Kronprinzen erklärt.
Diese Periode der Oder-Universität ab 1690 ist sowohl im juristischen wie auch im naturwissenschaftlich-technischen Bereich mit den Namen solcher Persönlichkeiten der Aufklärung verbunden wie Heinrich Cocceji, Leonhard Christoph Sturm, Johann Friedrich Retz. Etwa gleichzeitig mit Creutz studierten der Sohn seines Professors Cocceji, Samuel, an der Oder-Universität, der spätere preußische Justizminister und Großkanzler, wie auch andere Aspiranten auf höchste und höhere Positionen im kgl. preußischen Herrschaftssystem.
Die chronologisch erste überlieferte Personal-Urkunde des Ehrenreich Boguslav Creutz ist die seiner Bestallung als Rat und Kammer-Rat des Kronprinzen Friedrich Wilhelm im Jahre 1705 mit einem Jahresgehalt von 600 Talern. Diese Urkunde erwähnt seine bisherige Stellung als „Kriegs-Oberauditeur“, nicht aber seinen Universitäts-Abschluss.

Quelle: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz

Aus dieser ersten Tätigkeitsperiode des kronprinzlichen Rats ragt die Urkunde vom 18. November 1710 (fortgesetzt bis 13. Februar 1711) wegen ihrer politischen Bedeutung heraus: sie belegt die Teilnahme des (nun schon geadelten) Rats von Creutz an der Tätigkeit der vierköpfigen Untersuchungskommission zu den Verfehlungen der Minister von Wittgenstein, von Wartensleben und des Premierministers von Wartenberg.

Quelle: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (Auszug, Bl. 1)

Unterschrift des Rats von Creutz unter das letzte Blatt des Untersuchungsberichts, Quelle: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz

Aus der Reihe der unzähligen Autoren, die sich mit der Geschichte des preußischen Hofes und seiner Persönlichkeiten v0n Rang in den letzten dreihundert Jahren beschäftigt haben, sind nur eine Handvoll zu nennen, die ernsthaft und gründlich rechercherten und somit auch die Rolle des Geheimrats von Creutz, des Absolventen der Oder-Universität Frankfurt, angemessen darstellten. Zu ihnen gehört Eduard Vehse. Ich erlaube mir, ihn im Kontext seiner Beschreibung des Abbruchs einer Reise des Kronprinzen Friedrich Wilhelm im Jahre 1705 zu zitieren: „. . . Er ward König, ohne gereist zu haben: die Feldzüge, die er als Prinz mitmachte, waren nicht geeignet, ihm freiere Begriffe zu erwerben. Bei seiner Zurückkunft ward er zu den Sitzungen des Staatsrats zugezogen und erhielt auch von seinem Vater endlich zur höchsten Freude ein Infanterieregiment. Bei der ersten Musterung desselben fand er einen Mann, dessen Größe ihn überraschte, den Auditeur Ehrenreich Bogislaus Creutz, einen Amtmannssohn. Dieser ward ihm sehr lieb, er machte ihn zu seinem Sekretär, der König adelte ihn 1708 auf die Empfehlung seines Sohnes, und sobald dieser den Thron bestiegen hatte, erhob er ihn zum Minister . . .“ (Eduard Vehse, Illustrierte Geschichte des preußischen Hofes bis zum Ende Wilhelms I., Bd. I, Stuttgart 1901, S. 174 f)

Ich erlaube mir- unbescheiden, wie man als Bloggist sein muss – dem lesenden Publikum entsprechende Passagen zu Creutz aus meinem Sachbuch (keine Poesie !) aus dem Jahre 1997 zu präsentieren:

Wo aber, fragt der Leser, ist der Bezug des Mannes Creutz zum Hackeschen Markt in Berlin ?

Er liegt in den familiären Beziehungen des von Ceutz zu dem Grafen von Hacke, dem Namensgeber des Platzes in Berlin-Mitte und ebenfalls einem Vertrauten des jungen Königs.
Ungebeten schlage ich das Buch auf (Seite 22): „Das Jahr 1732 bringt einen weiteren entscheidenden Einschnitt in das Leben des Offiziers von Hacke. Sein König verlangt von ihm ein Opfer – ein Frauenopfer. Auf allerhöchste Ordre soll er heiraten. Der König selbst tritt als Brautwerber auf. Nicht eine Dame eigener Wah|,sondern ein adliges Fräulein, um das Wohl des Staates willen. Der Vater hatte einen Schwiegersohn aus Sachsen ausgesucht- König Friedrich Wilhelm verweigert die Zustimmung: kein Stück preußischen Eigentums sollte nach Sachsen wechseln. Der zur Heirat vergatterte von Hacke ist überrascht, zögerlich, die vorgesehene Braut sträubt sich mit Händen und Füßen, die Mutter kniet vor dem König und bittet um Verständnis für die Wünsche der Familie, der Vaterder Braut trifft sich heimlich mit unserem Hacke und verspricht ihm die für damalige Verhältnisse beträchtliche Summe von 25.000 Talern für den Verzicht, der zugleich eine Befehlsverweigerung gegenüber dem König wäre. Hauptmann von Hacke bedenkt sich kurz- dann verabschiedet er den künftigen Schwiegervater mit den Worten: Herr Geheimer Rat, ich habe nun Geschmack an der Sache gefunden, ich nehme die Tochter und ich gedenke die 25.000 als Teil des Gesamtvermögens lhrer Familie, der Familie von Creutz, auch ohnehin zu bekommen.
Vater und Tochter Sophie Albertine mußten sich fügen, der Vater, Geheimrat des Soldatenkönigs und dessen oberster Kassenprüfer und allmächtiger Mitdirektor des Generaldirektoriums konnte es schwerlich wagen, die Pläne seines Herrschers zu durchkreuzen.
König Friedrich Wilhelm hatte sich aus prinzipiellen Gründen sehr entschieden in die Heiratspläne seiner Untertanen eingemischt. So ist eine allerhöchste Anweisung aus dem Jahre 1739 bekannt, das „Edict Wieder die allzuungleiche und zum Theil schändliche Heyrathen derer von Adel in den Königl. Landen“.
Herr Boguslav Ehrenreich von Creutz war einer der Klügsten, einer der Zielstrebigsten und einer der Zähesten im Preußen des 18. Jahrhunderts. Am Ende seiner Laufbahn gehörte er zu den wohlhabendsten Grundbesitzern am königlichen Hofe. Zweimal hat er sich das Wohlwollen seines Königs fast verscherzt – und beidemale ging es um eine Frau. Die erste Affäre hatte er als Mittvierziger, sehr zum Mißvergnügen eines adligen Konkurrenten und sehr zum Verdruß seiner Ehefrau. Gegenstand der Begierde war ein Fräulein am Hofe der Königin, ein Edelfräulein von Wackenitz (oder Wagnitz).
Creutz war über 20 Jahre älter als das Fräulein, neben den körperlichen Reizen waren es wohl die lnformationen über die politischen Vorgänge im Umkreis der Königin, die den obersten Rechnungsführer des Königreiches zum Fräulein hinzogen und ihn veranlaßten, über 1.000 Taler an Geschenken auszugeben. Die Frau von Creutz, seit etwa fünf Jahren mit dem Geheimrat verheiratet – die Mitgift bestand in Geld und Gütern aus der einflußreichen Familie derer von Haeseler -, wagte den Canossagang zum König Friedrich Wilhelm l. und bat ihn untertänigst um Intervention. Der König ließ das Edelfräulein von Wackenitz zu sich kommen, in den Zeitungsberichten jener Jahre ist vom Angebot des Verprügelns die Rede, und das Fräulein plauderte und rückte zwei kompromittierende Briefe des Herrn von Creutz heraus. Als der nach Wusterhausen beorderte Creutz im Gespräch unter vier Augen seinem König „die Hurerei“ unter Eid ableugnete, war das Donnerwetter so gewaltig, daß sich Herr von Creutz fürzehn Tage krank melden mußte. Danach konnte er wieder in sein Bureau, die schon die Messer wetzenden Rivalen gingen leer aus. Nie wieder sollte Seine Majestät Creutz bei Liebeshändeln erwischen.
Friedrich Wilhelm kannte Creutz schon aus der kronprinzlichen Zeit, hatte den damaligen Absolventen der Universität Frankfurt an der Oder im Jahre 1 705 auf Empfehlung des mächtigsten Mannes im Königreich, des Reichsgrafen von Wartenberg, als Militärankläger und Gehilfe des Militärrichters (Ober-Auditeur] in sein neu geschaffenes Leibregiment nach Wusterhausen geholt. Friedrich Wilhelm fand auch deshalb Gefallen an Creutz, da dessen Körpermaße überdurchschnittlich waren. Creutz wurde Privatsekretär des Kronprinzen und Leiter der Gutsverwaltung Wusterhausen. Von diesem Moment an rührt die enge Vertrautheit von Kronprinz Friedrich Wilhelm und dem Juristen Creutz. Ehrenreich Bogislav Creutz war ein unbemittelter, strebsamer Mann, Sohn eines brandenburgischen Amtmannes aus Stargard/Pommern, geboren etwa um 1670. Es gibt kein Bild von ihm und keine genauen Geburtsdaten. Aber die weiteren Daten seiner steilen Karriere sind dokumentiert: Am 3. Februar 1705 wurde er durch den Kronprinzen zum persönlichen Hof- und Kammerrat ernannt. Ohne Aufgabe der bisherigen Stellung wurde er im November 1706 pommerscher Regierungsrat, im April 1707 Geheimer Kammerrat und am 1. Dezember 1708 in den Adelsstand erhoben. Den Kronprinzen und den Juristen verbindet vor allem die Abneigung gegenüber der Mißwirtschaft, dem Mätressenunwesen, dem hemmungslosen Treiben der Günstlinge des ersten preußischen Königs, Friedrich l., der Herren von Wartenberg, von Wittgenstein und von Wartensleben. Der Kronprinz studiert, spioniert, prüft die Finanzen – ohne Auftrag und nur mit wenigen Getreuen. Nach Jahren der Observierung haben sie den ersten der drei großen Herren am Haken – Wittgenstein hat nachweisbar Hunderttausende Taler veruntreut. Während das Land hungert, die Opfer der Brandkatastrophe von Krossen auf die Auszahlung ihrer Gelder aus der Feuerversicherungs-Kasse warten, prassen die Herren Oberkämmerer und Obermarschälle im neuen Schlüterschen Schloß. Auf Druck des Kronprinzen und aus der Einsicht in die Notwendigkeit, der Öffentlichkeit ein Bauernopfer zu bringen, muß der königliche Vater am 12. November 1710 eine Kommission zur Untersuchung der Mißwirtschaft des Reichsgrafen Wittgenstein einsetzen. Der Kronprinz setzt durch, daß sein engster Vertrauter Creutz Mitglied dieser Kommission wird. Kriegskommissar Geheimrat von Blaspiel, der Geheime Justizrat von Plathen, Johann von Alvensleben und der Geheime Hofkammerrat von Creutz lassen Akten kommen, hören Zeugen und prüfen die Zahlen. Creutz schreibt den Bericht, kann damit wichtige Nuancen im interesse des Kronprinzen formulieren. Die entscheidende Passage: „Die Acten und Briefschaften, die wir aus der Hofkammer gefordert, sind theils garnicht, theils erst nach langem Suchen aufzufinden gewesen, viele sind unvollständig, viele verstümmelt; Berichte, die längst zu den Acten gegeben sein sollten, sind erst nachträglich angefertigt der Krone und dem Lande unermeßlichen Schaden gebracht“ etc. pp. Der Schlußbericht wird am 23. Dezember dem König vorgelegt. Er führt zur Verhaftung Wittgensteins am 29. Dezember, der Graf wird in die Festung Spandau verbracht. Die Überführung und Verurteilung Wittgensteins zieht auch den Sturz Wartenbergs nach sich, desjenigen, der Creutz erst bei Hofe eingeführt hatte, sicherlich zum eigenen Nutzen als lnformanten und Gehilfen bei künftigen lntrigen. Nun also schlägt der Zögling zurück. Komplice Reichsgraf von Wartenberg wird am 30. Dezember durch den König über Wittgensteins Verurteilung informiert und seines Amtes als Oberkammerherr enthoben und auf sein Gut Woltersdorf verbannt. Dort stirbt er am 4. Juli 1711.
Aber zurück zu Creutz. 1713 wird Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters König von Preußen – Creutz bleibt sein engster Vertrauter. Beim Regierungsantritt am 25. Februar übernimmt ihn der König sofort als Erster Kabinettssekretär in seinen Dienst, am 4. März wird er „Wirklicher Geheimer Rath“ und am 4. Mai Minister. Creutz erhielt die wichtigste Vertrauensstellung – die des obersten Finanzkontrolleurs des Königreiches. Eine Generalrechenkammer wird am 2. Oktober 1714 eingesetzt; an ihrer Spitze steht Creutz als „General-Controlleur aller Cassen“. Das sind Schritte einer grundsätzlichen Neugestaltung der zentralen Verwaltung, im Prinzip bedeuten sie die Abschaffung des aus der Zeit der Kurfürsten stammenden Kollegialitätssystems. 1719 wird Creutz Oberdirektor des Generalfinanzdirektoriums und Controleur général, mit der Schaffung des Generaldirektoriums im Jahre 1723 dessen Vizepräsident und dirigierender Minister im zweiten Departement. lm Auftrag des Königs hatte Creutz das Konzept der Verwaltungsreform von 1723 ausgearbeitet. Es war eine strategische Aufgabe, und Creutz war für den Soldatenkönig der wichtigste Stratege in Finanzfragen. Von allen zentralen Verwaltungsstrukturen wurde das Finanzwesen am gründlichsten umgestaltet: Die bisher getrennten Verwaltungen der Domänen, der Münze, der Post, der Hofkammer wurden zusammengefaßt im GeneraI-Finanz-Directorium unter der Leitung Ka- meckes; die Militärfinanzen standen unter Leitung von Blaspeil, dem General-Kriegs-Kommissar.
Später erhält Creutz weitere Staatsämter, jeweils verbunden mit Gehaltsaufbesserungen und der Möglichkeit, sich über Personalentscheidungen neue Einflußbereiche zu verschaffen: Er wurde Protector der Königlichen Societät der Wissenschaften, Director der kurmärkischen und magdeburgischen Landschaftssachen, Director des Ober-Collegium Medicum.
Soviel zur Person des Herrn von Creutz, der es gewagt hatte, eigene Wünsche bei der Wahl des Schwiegersohnes ins Spiel zu bringen. Doch alle Titel und Reiehtümer waren nichts vor der Order des Königs.
Am Ende wird doch noch glücklich geheiratet- im Februar 1732 im Palais Creutz in der Klosterstraße 36.
Das Grundstück Klosterstraße 36, schon seit dem 15. Jahrhundert als Burglehen der Hohenzollern im Besitz der kurfürstlichen Familie, ist nach jahrzehntelanger Mißwirtschaft und einem Brande nach der Übernahme der Regentschaft durch Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1713 nun wieder an den
König zurückgefallen. Ein Glücksfall, denn jetzt kann er es erneut vergeben und einen Günstling damit für treue Dienste entlohnen. Das Gebäude hat eben nur den Haken, daß es der Günstling auf eigene Kosten wieder aufbauen muß. Das ist der Kern der Baupolitik des Soldatenkönigs – seine Beamten und die Bürger seiner Residenz müssen auf eigene Kosten bauen und der König gibt ihnen die Grundstücke.
Wozu ist aber einer wie Creutz enger Vertrauter Seiner Majestät und gesuchter hoher Beamter, wenn es um die Finanzierung königlicher Projekte geht? Der letzte Hofbaumeister ist gerade mit Schimpf und Schande, ohne Zahlung ausstehender Gehälter und ohne die üblichen Geschenke entlassen worden. Der Schloßbau, halbfertig, ist dem Nachfolger im Bauamte, dem Herrn Böhme mit einem Appell an die königlich verordnete Sparsamkeit übergeben.
Böhme baut nun auch den Palast des Herrn von Creutz; inwieweit Materialien und Arbeitskräfte von anderen königlichen Bauvorhaben abgezweigt wurden, ist nicht bekannt. Da Creutz der oberste aller Kassenkontrolleure des Reiches
war, bleibt das eine offene Frage.


Sicher ist, daß Martin Böhme eine Meisterleistung in der Klosterstraße vollbracht hat. lm Stadtführer des Dr. Franz Lederer von 1930 lesen wir: „Die Klosterstraße war im alten Berlin die Straße der vornehmen Leute. Eine ganze Reihe von Palästen entstanden hier im 18. Jahrhundert um das alte Kloster herum. Dem Geheimen Staatsrat von Kreutz schenkte er (der König) das Grundstück Klosterstraße 36. Dieser ließ sich durch Martin Böhme ein palastartiges Gebäude mit Freitreppe und schmückenden Genien erbauen, das, wenn auch mit erneuerter Front, noch heute wohlerhalten ist. Das nischenartig vertiefte, mit Volutenbogen geschlossene Mittelfenster ist ein echt Schlütersches Motiv. Eine breite Treppe, deren reich geschnitztes Geländer Trophäen und Waffenschmuck aufweist, führt in den Festsaal des Hauses. Dieser zeigt eine Barockdekoration von solcher Feinheit der Ausführung, daß man dieses Werk Schlüter selbst zuschrieb und dem Saal den Namen „Schlütersaal“ gab. Martin Böhme hat sich hierals gelehriger Schüler des Meisters gezeigt. Die fein getäfelte Wand teilt er durch korinthische Pfeiler. Der Dreifenstergruppe der Außenwand setzt er eine große Bogentür und zwei Rundbogennischen gegenüber. ln diesen erblicken wir die überlebensgroßen, vergoldeten Gestalten des Großen Kurfürsten mit dem Feldherrnstab und des ersten preußischen Königs. Die Decke schmückt ein Gemälde mit einer der antiken Mythologie entnommenen Darstellung. Ringsherum gruppieren sich im reizenden Wechsel die mannigfachen Motive, die die Kunst des Barock liebte.“ Das Palais, das Hacke als einziger Schwiegersohn des reichen Creutz erbte, wurde später wegen familiären Geldmangels der Krone zurückgegeben. Es beherbergte im 19.Jahrhundert das königliche Gewerbeinstitut und im 20. Jahrhundert ein Museum. Der Palast wurde mehrfach gezeichnet, eine der schönsten Darstellungen stammt von Eduard Gärtner aus dem Jahre 1830. Gärtner nutzte die Chance und setzte in das Gemälde als Passanten in der Klosterstraße die beiden, die maßgeblich die Bedeutung des Königlichen Gewerbeinstituts ausmachten, Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) und Peter Christian Beuth (1781- 1853]. Die Bomben des Zweiten Weltkrieges ließen keine steinernen Zeugen der Pracht Schlüters und Böhmes und der Festlichkeiten der Familien von Creutz und von Hacke übrig . . . Der alte Creutz hat anscheinend das Scheitern seines Heiratplanes nie verwunden. Er wird schwer krank und stirbt ein Jahr später, am 13. Februar 1733. Begraben ist er neben seiner Frau in der Gruft von St. Marien zu Berlin.“

Soweit also zu CREUTZ, dem bedeutendsten der Absolventen der Oder-Universität in Frankfurt. Soweit also auch die Ergebnisse gründlichen Recherchierens zu Biographien bedeutender Persönlichkeiten der preußischen Geschichte.

Frankfurt an der Oder

Was aber, wenn Poeten sich an eine Sache wagen, die ihnen fremd ist – wie zum Beispiel Auffinden relevanter historischer Archive, wie zum Beispiel tagelanges Recherchieren in alten Handschriften, wie zum Beispiel mühevolles, nächtelanges Vergleichen alter Texte ? Man denkt sich kurzerhand eine Geschichte aus !

Man nimmt den irgendwo gehörten Anfang – der Mann stamme aus Pommern, man nimmt das bekannte Ende – der Mann ist irgendwann des Königs oberster Rechnungsprüfer und schon schreibt sich das Zwischenstück von ganz allein – wie bei den Poeten Martin Stade und Ulrich Plenzdorf, die damit auch noch die Vorlag für einen historischen Spielfilm fabrizieren, der ja als Genre von derlei Fabrikationen lebt:

So wird nun lustig drauflos fabuliert:

(Seite 27:) Gundling erinnert sich: Ich kannte einen Mann, von dem ich dachte, er könne mir helfen. Es war Creutz, der Sekretär des Königs, und so sehr hoffte ich auf ihn, daß ich versuchte, seine geheimsten Gedanken zu erraten, daß ich mich sogar, wo immer es ging, in diesen Mann versetzte, um zu ergründen, was er tun konnte oder was er tun würde.
Ehrenreich Boguslaw Creutz. Er war unentbehrlich geworden. Er, der Sohn eines pommerschen Beamten, eines armen Beamten, eines längst gestorbenen Beamten. Vier Jahre hockte er schon in der Residenz und in Wusterhausen. Im Elend zuerst, inmitten von Schulden und Dreck, in einer engen, schmutzigen Gasse an der Spree. Er hatte das träge Wasser mit dem sachte treibenden Unrat vor Augen, damals, vor dreieinhalb Jahren. Er hatte es immer vor Augen in der Stadt Berlin, und das Wasser verband sich bei ihm mit seinem Elend. Er erhielt keine Stellung, solange er auch lief und sooft er auch fragte. Mein Junge, hatte sein Vater vor vielen Jahren zu ihm gesagt, Schreiben und Lesen und Rechnen mußt du können, dann wirst du fortkommen in deinem Leben. ]a, Herr Vater, hatte der Sohn Ehrenreich Boguslaw geantwortet. Und folgsam begann er zu pauken, nach der Anweisung seines Herrn Vaters. Die Bibel, das Hausbuch der Creutzens, vermochte ihn allerdings nicht zu fesseln. Vielmehr waren es Zahlen, die er hin und her schob. Seine Welt waren die Zahlen, und es mochte vielleicht in seinem Gehirn eine Extrakammer eingerichtet sein für sie, eine größere vielleicht als bei anderen Leuten. Das ging sonderbar schnell vonstatten, und sein Herr Vater War stolz auf ihn.
Aber dann, in der großen Residenz Berlin, brauchte keiner seine Rechenkünste und seine zierliche, ausgewogene Schrift. Er lief sich die Sohlen von den geflickten Schuhen und wetzte sich mit der Zeit die Lumpen von dem langen Leib. Und als er sah, daß es gar nichts mehr gab, sah er nur noch das Wasser, das träge floß und manchmal gurgelte und in dem der Unrat sachte vorübertrieb.
Da war in dem langen Ehrenreich Boguslaw Creutz nur noch Verzweiflung, nichts anderes mehr, nicht einmal der Funke einer Hoffnung. Es wollte ihm gewissermaßen scheinen, daß hier einer zu viel auf der Welt war. So nahm er sich vor, aus dieser Welt in eine andere hinüberzuwechseln, in der es sorgloser zuging.
Doch setzte er sein Vorhaben behutsam ins Werk. Er stürzte oder glitt vielmehr mit einem dumpfen, verzweifelten Schrei vom Ufer in die Spree, und das just in dem Moment, als eine Wache des Königs im Begriff war vorüberzustampfen. Nun ia, man zog ihn heraus, den armen Mann Creutz, und wenn er gezwungen wurde darüber zu sprechen, dann verklärte sich ihm dieserAugenblick. Das Gleiten insWasser wurde unmerklich in seinem Gedächtnis ein verzweifelter, alles hinter sich lassender Sprung, und nicht mehr entsinnen konnte er sich an den dumpfen, hoffnungslosen Schrei. Nein, geschrien hatte er nicht. Wozu sollte er damals geschrien haben, nach wem sollte er gerufen haben, nein, die Wache hatte sich getäuscht. Das Rechnen hatte von ihm in einem Maße Besitz ergriffen, daß er vergaß, auch in diesem Augenblick Berechnungen angestellt zu haben, vielleicht über den Weg, den die Wache noch zurückzulegen hatte, vielleicht über die Höhe des Wassers, das an dieser Stelle nur bis zur Brust des langen Creutz ging. Nein, obwohl es nur wenige ]ahre her war, dieser Augen- blick zwischen Verzweiflung und Hoffnung, dieses sekundenlange, dieses sorgsame und genaue Rechnen in jenem Augenblick verklärte sich in Creutzens Kopf zur Tat eines Mannes, der Schluß machen wollte mit seinem Leben.

Ich wußte nicht, wie es kam, daß der Kronprinz davon hörte. Ein gewisser Kapitän von Einsiedel kam zu Creutz und fragte ihn aus. Ob es wahr sei, daß er schreiben und rechnen könne. Aber sicher sei es wahr, Euer Wohlgeboren. Ob er eine Probe davon geben könne. Da sprang er auf, der arme Mann Creutz, und zog aus dem Tischkasten säuberlich gefaltetes, graues Papier, zeigte dem Kapitän seine recht kunstvolle Schrift, warf Zahlenkolonnen mit dem einzigen Federkiel, den er besaß, aufs Papier und addierte sie geschwind. Ob er wüßte, wer vor ihm stehe, fragte der Uniformierte. Wohlgeboren ist ein Offizier von der Wache, antwortete der arme Mann Creutz. Er sei der Kapitän von Einsiedel, und er käme, um Soldaten für den Herrn Kronprinzen zu werben. ]etzt durchfuhr es den Mann Creutz, und schnell schob er das Papier zurück. Oh, er wußte, was vor sich ging in Wusterhausen. Der Kronprinz hatte dort seine Kompanie. Seltsame Gerüchte machten die Runde. Die Soldaten seien alle sechs Fuß groß und darüber und sie bekamen jeden Tag ihre Prügel wie andere ihre tägliche dünne Suppe. Das war nichts für den armen Mann Creutz. Zum Soldaten tauge er nicht, sagte er dem von Einsiedel. Er könne aber Schreiber werden in der Kompanie und hätte sodann sein Auskommen. Er hätte die Listen unter sich und müsse die Zu- und Abgänge fixieren und was derlei Sachen mehr wären. Und noch dazu sei er wohlproportioniert, wenn auch jetzt ein wenig mager und eingefallen. Aber das gebe sich mit der Zeit. Ja, da spürte es der arme Mann Creutz, seine Länge hatte es dem Herrn Offizier angetan, das kommt selten zusammen, lang wie ein Lulatsch und schreiben und rechnen können noch dazu. So fing es an mit ihm. Nun war er fleißig und saß hinter seinen Listen, und seinem Herrn Obersten, dem Kronprinzen, stachen Zahlen und Schrift ins Auge. Das War ein Haushalt nach seinem Herzen. Ein Rechenkünstler ist er, Creutz, er ist sehr geschickt, Creutz, er ist mir lieb so. Und dem Manne Creutz flossen die Augen über vor Dankbarkeit, er lernte das Strammstehen im Nu, und wie er rechnend über seinen Listen saß, fing er an, achtzugeben auf die Dinge um ihn her.

Nicht lange dauerte es, so war der Kronprinz eine Sache, die er einbezog in seine Berechnungen. Er war fleißig zur rechten Zeit, er war schweigsam zur rechten Zeit, und er sagte zur rechten Zeit ein kleines wohlabgewogenes Wort, das so recht hineinpaßte in seine Berechnungen. Er ist klug, Creutz, sagte der Herr Oberst, er wird mir den Regimentsauditeur machen, und wenn ich ihn brauche, Creutz, dann muß er zur Stelle sein. Und der arme Mann Creutz stand stramm und war voller Glück, wie es nur ein armer Mann sein konnte. Wer schrieb so gut wie er, wer rechnete so gut wie er, wer war so klug wie er. Der Einsiedel kannte sich nur aus in Patronentaschen und in Handgriffen, die Korporale konnten nur brüllen wie die Stiere und waren deshalb angesehen, aber er, Creutz, er war ein kluger Mann, der seinem Herrn ganz anders zur Hand ging.
Und dann, vor zwei Jahren, kam der große Tag für ihn. Ehrenreich Boguslaw Creutz, Auditeur beim Kronprinzenregiment, wird Protokollant in einer Untersuchungskommission. Was Wunder auch, die Provinzen zahlen keine Steuern mehr, Pest und Hungersnot grassieren, und alles scheint sich einem Abgrund zu nähern. Schon gibt es Zusammenrottungen und Rebellionen, schon gibt es Plünderung und Mord, Während das Triumvirat der drei Minister, an ihrer Spitze Wartenberg, dem König immer noch Sand in die Augen streut. Aber was wollen sie machen,wenn die Taler fehlen. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Wo sind die achtzigtausend Taler für die Stadt Krossen? Die Stadt ist ausgebrannt vor zwei Jahren, und die achtzigtausend Taler waren in der Brandkasse, die der Generaldomänendirektor Graf Wittgenstein verwaltet. ]etzt sind sie nicht mehr da, die Taler, und die Untersuchungskommission, auf Betreiben des Kronprinzen zusammengestellt, stellt hartnäckige Fragen. Und Abend für Abend zeigt der Protokollant Creutz dem Kronprinzen die vollgeschriebenen Seiten. Das war ein böses Weihnachtsfest siebzehnhundertzehn, für den Reichsgrafen Wittgenstein. Ihm bleibt nichts übrig, er muß sich schlotternd auf den Weg begeben und dem Kö- nig ein Geständnis machen. Er macht ein Geständnis und bittet um Gnade. Aber anderntags kommt die Wache zu dem großmächtigen, unfähigen und verbrecherischen Herrn. Man bindet ihn und führt ihn durch die Straßen von Berlin, und das Volk, die Weiber und Straßenjungen, die Dirnen und das herrenlose, hungernde Gesindel, von Creutz durch Zwischenträger unterrichtet und auf die Beine gebracht, läuft johlend und fluchend mit und gibt ihm Geleit bis zur Feste Spandau, und der General von Gersdorf reißt ihm den Schwarzen Adlerorden herunter. Es war, als sei ein Windstoß in einen schlecht brennen- den Scheiterhaufen gefahren. Creutz war wer, er drehte mit am Rad der Geschichte. Nicht, daß er ein kleines Rädchen im Getriebe war, nein, er drehte mit an der Kurbel, er machte sich unentbehrlich und war ein treuer Helfer seines Herrn. Und weil der von Wittgenstein schreit, daß er immer nur auf Befehl seines Herrn und Gönners, des Grafen Wartenberg, gehandelt und weil die Untersuchung dies bestätigt, wird der letzte Tag des Jahres für den Reichsgrafen Kasimir Kolbe von Wartenberg zugleich der letzte Tag im Amt. Auch er zittert schon voller Angst und denkt an Spandau. Er hätte es verdient, denkt Creutz. Er hätte es verdient, denkt der Kronprinz, aber der König, irre geworden an der Welt, die‘ ihn umgibt, entläßt ihn nur. Nun ja, da steckt vielleicht des Reichsgrafen Frau dahinter, die schöne Schankmamsell aus Emmerich, die es damals schon mit den Rheinschiffern getrieben hat, die es jetzt mit dem König und zur gleichen Zeit mit dem Englischen Gesandten und mit dem Kammerjunker Schenk treibt, da schreckt der König zurück und läßt Gnade vor Recht ergehen.
Ja, und jetzt, nach dem Tod des Königs, ist Creutz endlich eingerückt in die Residenz, sein Platz ist im Schloß, er hat ein spartanisch eingerichtetes Zimmer und ist der erste Geheimschreiber des neuen Königs von Preußen. Und eigentlich ist er noch mehr, denn zusammen mit seinem Herrn zählt er die Einnahmen des Staates, wägt Einnahmen und Ausgaben ab und läßt die Ko- lonnen der Zahlen marschieren. Und mit jedem Tag, der anbricht, spürt Creutz wie etwas zwischen ihm und dem König wächst. Jetzt, da die Tage länger werden, sitzen sie schon um fünf Uhr auf ihren Schemeln, Creutz vor dem hohen Rechenpult, angetan mit Leinenschürze und Leinenärmeln. Und Creutz sagt auf Befragen seines Herrn, daß er damals, als er noch Ladenschwengel im Pommerschen war, es immer so gehalten hat. Der König befühlt Schürze und Ärmel und meint, daß es praktisch wäre. Er sei sehr für praktische Dinge. Sehr nützlich wäre das. Und zwei Tage später sitzt auch er mit grüner Leinenschütze und grünen, übergestreiften Ärmeln am Schreibtisch und meint, daß man damit sehr gut seine Kleidung schonen kann. Diese kleinen Dinge und der Umstand, daß Creutz weiß, wie es mit dem Volk steht, was die Leute auf den Tellern haben und was ihre Sorgen sind, daß er antworten kann, wenn er gefragt wird und dabei noch gescheite Antworten gibt, diese kleinen Dinge sind es, die Creutz spüren lassen, wie etwas zwischen ihnen wächst. Creutz scheint es, als rücke der König täglich ihm näher oder als rücke er, der Mann Creutz, dem König immer näher.
Und so weiter, und so fort . . .

Adieu historische Wahrheit, adieu !!! Adieu Frankfurt an der Oder Wenn es nicht die anderen Große aus der Geschichte Preußens gäbe wie zum Beispiel die Humboldts.

Alexander von Humboldt

Die Oder-Universität in Frankfurt – ist Alma Mater der Brüder Humboldt – die Wendung „am frostigen Ufer der Oder“ fließt aus der Feder des jüngeren Humboldt, Alexander, und ist in einem Brief an dessen Berliner Freund Ephraim Beer der Nachwelt erhalten.

Und einer ihrer akademischen Lehrer wie auch väterlicher Ratgeber des Dichters Heinrich von Kleist an der VIADRINA ist der Theologe Josias Friedrich Christian Löffler – auch fast in Berliner und ehemals preußischen Landen unbekannt, dafür aber doch – ausgleichende Gerechtigkeit – mit Denkmalen und Namensgebungen in der ehemaligen herzoglichen Residenz GOTHA geehrt!

Und da wir nun schon bei den zu Unrecht fast vergessenen Wissenschaftlern der ost- und mitteldeutschen Geschichte angelangt sind, sei der bedeutendsten Persönlichkeit ehrenvoll und dankbar gedacht, die mit dem Namen und der Geschichte der Oder-Universität verbunden ist: Günter Mühlpfordt !

Prof. Günter Mühlpfordt (verstorben 2017)

Danke fürs Lesen und Verständnis

Dr. Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg im Mai 2023

Heinrich von Kleist, St. Marien in Frankfurt an der Oder und der Generalsuperintendent Josias F. C. Löffler

Vor fast drei Jahren, am 5. Oktober 2018, veröffentlichte ich an dieser Stelle einen Blog unter dem Titel „Der Antichrist auf Kleists Bühne – Glasfenster in St. Marien an der Oder“ (wird als Anlage zur Erinnerung angefügt).

Auf Anfrage von Leserinnen und Lesern suchte ich in den relevanten Archiven nach personellen Bezügen des jungen Heinrich von Kleist unter den damaligen Pfarrern an der Marienkirche – und wurde fündig.
Der aus dem thüringischen Saalfeld stammende Theologe Josias Friedrich Löffler (1752 – 1816 war von 1782 bis 1787 Oberpfarrer an der Gemeinde von St. Marien, Generalsuperintendent der evangelisch-lutherischen Kirchen in Frankfurt/Oder und Professor für Theologie an der Viadrina.

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Gemeindehaus St. Marien mit Arbeitsräumen und Wohnung des Superintendenten J.F.C. Löffler

Löffler hatte nach dem Schulbesuch an den Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale an der dortigen Friedrichsuniversität Theologie studiert, erhielt in Berlin eine Predigerstelle an der Charité und an der Hausvogteikirche, nahm als Feldprediger des berühmten königlichen Regiments Gensd’Armes am Krieg 1778/79 teil und wurde mit einem eindeutigen aufklärerischen Auftrag 1782 durch Minister von Zedlitz an die VIADRINA in Frankfurt/Oder berufen. Als Theologieprofessor hatte er bedeutenden Anteil an der studentischen Ausbildung der Gebrüder Humboldt, zu seinem Freundeskreis gehörte u.a. der Kommandeur des in Frankfurt stationierten Infanterieregiments, Prinz Leopold von Braunschweig, der Bruder der Weimarer Herzogin Anna Amalia.


Wie schon oben erwähnt, berief ihn der Magistrat der Stadt Frankfurt nach Fürsprache durch den preußischen König Friedrich II. und dessen Minister von Zedlitz zum Oberpfarrer an die Marienkirche.

Josias Friedrich Christian Löffler

Nach dem Tode Friedrich II. verlor der der Aufklärung verpflichtete von Zedlitz sein Amt. Unter seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II., den Arnold Zweig „eine Null von frommem König“ nannte, gewannen konservative Kreise in der Religionspolitik, den Kirchenleitungen und den Schulverwaltungen die Oberhand, so dass Löffler sich entschied Frankfurt zu verlassen. Auf Einladung des Herzogs Ernst II. von Gotha übernahm er das Amt des Generalsuperintenden des Herzogtums, machte sich vor allem durch die Verteidigung aufklärerischer Positionen und eine progressive Schulpolitik verdient. In diese Gothaer Periode fällt auch die durch einen Brief Kleists aus dem Jahre 1793 bekannte Begegnung mit dem zu seinem Regiment reisenden Fähnich Heinrich von Kleist. Über weitere Begegnungen bei späteren Besuchen des Dichters in Gotha und über den Einfluss des Theologen und Pädagogen Löffler auf den jungen Kleist in Frankfurt/Oder können aufgrund fehlender schriftlicher Quellen Vermutungen angestellt werden. Sehr wahrscheinlich sind auch angesichts der engen Kontakte der Familie von Kleist mit dem im Nachbarhause wohnenden und arbeitenden Oberpfarrers und Professors Löffler Führungen in der Marienkirche und zum Bildprogramm der Fenster aus dem 14. Jahrhundert für den jungen neugierigen Offizierssohn Heinrich von Kleist. Leider geben die wenigen schriftlichen Quellen zur Kindheit und Jugend Kleists auch zu diesem Thema keine Auskunft.

Die Chorfenster von St. Marien aus dem 14. Jahrhundert

17. August 2021

Dr. Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

Anlage – Kopie des Blogs von 2018
Der Antichrist auf Kleists Bühne – Glasfenster in St. Marien an der Oder
5. Oktober 2018

Wenige Meter entfernt von den Backsteinmauern der mittelalterlichen Kirche St. Marien von Frankfurt an der Oder reißen Bagger und Presslufthämmer einen Wohnblock aus DDR-Zeiten ab, schaffen Platz für einen Neubau. Es ist genau die Stelle, an der im 18. Jahrhundert das Wohnhaus des Stadtkommandanten von Kleist stand, in dem Heinrich von Kleist seine Kindheit verbrachte. Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, wie der verträumte Junge im benachbarten Kirchenraum ehrfürchtig die Steine aus dem 14. Jahrhundert berührte, die Säulen und das Gewölbe bewunderte und sich im Chor den hohen Glasfenstern neugierig näherte.

Besonders das rechte der drei reichlich geschmückten Fenster hatte es ihm angetan. Aufrechte Christenmenschen und der Antichrist, Engel und Wanderprediger, Sünder im Höllenrachen, viel Feuer, Martyrium und Wunder. Althergebrachtes biblisches Wissen wird in leuchtenden Farben erzählt – auch für Analphabeten oder Kinder im Vorschulalter verständlich, begreifbar, zu erfühlen. Dem Dramatiker Heinrich von Kleist sind diese Bilder voll gegenwärtig, der Erwachsene kleidet Jahrzehnte später die kindlichen Eindrücke in ein Gewebe aus bühnenwirksamen Handlungsfäden. Anschaulich, aber heute nicht mehr ohne Weiteres, nur über die Mühen der Kleistforschung zu verstehen, gleich im 1. Auftritt des I. Aktes des « Käthchens von Heilbronn » : Käthchens Vater, der Waffenmeister Theobald, deutet vor Gericht die Gründe für die bedingungslose Liebe seiner Tochter zum Grafen von Strahl als schwarze Kunst, Teufelszauber, Verbrüderung mit dem Satan. Seine Beschreibung der Werkzeuge des Satans « mit Hörnern, Schwänzen, und Klauen, wie sie zu Heilbronn, über dem Altar abgebildet sind » entspricht dem rechten Chorfenster der Marienkirche von Frankfurt an der Oder ! Kleist bringt seine Kindheitserinnerungen auf die Bühne. Kleists Theobald fordert die Verurteilung des Verführers, seine sofortige Festsetzung : « Nehmt ihn, ihr irdischen Schergen Gottes, und überliefert ihn allen geharnischten Scharen, die an den Pforten der Hölle stehen und ihre glutroten Spieße schwenken ». Da sind sie, jene Figuren der Henkersknechte, jene Tore des Höllenfeuers, der Scheiterhaufen, auf dem Menschen verbrannt werden, in den Bildern des Fensters von St. Marien !

Heinrich von Kleist war kein Kunstwissenschaftler, kein Fachhistoriker für Religionsgeschichte oder die Geschichte des ausgehenden Mittelalters, aber sein untrügliches Gefühl leitet ihn zu dramatischen Gestaltungen, die ebenso verschlüsselt komponiert sind wie die Abfolge der einzelnen Bilder  und die Detailprogramme jener Glasfenster. Es lohnt sich also für uns heute nicht nur wieder mal ein Theaterbesuch sondern auch eine Fahrt an die Oder und ein Gang zu St. Marien.