Mittwochabend zur „Berliner Sorbonne“ – die Militärische Gesellschaft in der Mohrenstraße

 

Vorbemerkung des Autors: Leider ist mir die Quelle jener Bezeichnung „Berliner Sorbonne“ verloren gegangen – mit großer Dankbarkeit nehme ich Hinweise und Kommentare entgegen, wo ich zu suchen habe. Dieter Weigert, Berlin

kolonaden-2

Die Mohrenstraße im Zentrum Berlin, durchschneidend den Gendarmenmarkt, war vor zweihundert Jahren eine der Flaniermeilen der guten Gesellschaft, in ihrem dem Schloss zugewandten Teil befand sich das renommierte Hotel „Zum Englischen Hof“ – eine gute Adresse zum Speisen, Geschäfteanbahnen, Feiern. In der ersten Etage traf man sich zu größeren Geselligkeiten in den Sälen, manche der offenen und geschlossenen Gesellschaften hielten dort ihre regelmäßigen Tagungen ab. Eine der heute vergessenen Vereinigungen war die von 1802 bis 1805 bestehende Militärische Gesellschaft zu Berlin, von Kennern liebevoll die Sorbonne von Berlin genannt. Die Kolonaden zu beiden Seiten der Straße, die damals die Brücke über einen Kanal begrenzten, lassen auf den Standort des Hotels schließen. Was hatte es mit jener „Sorbonne von Berlin“ auf sich? Gehen wir zurück in jenes Preußen der Jahre vor 1806, bevor die Truppen Napoleons die Armee und den Staat zerschlugen.

Das Bildungsdefizit der preußischen Offiziere um 1800 

Der große Scharnhorst hatte formuliert: „Der Geist einer Armee sitzt in ihren Offiziers“. Als er nach Preußen kam – was fand er vor? Der preußische Offizier des Jahres 1802 hatte neben all seinen Alltagsprobleme wie Geldmangel, Uniformzwang, Hektik der Dienstordnung und Überalterung der Vorgesetzten ein wesentliches Defizit — das der fehlenden umfassenden wissenschaftlichen Bildung.  Die meisten Offiziere kamen als 13- bis 15-jährige Adlige ohne ausreichendes Wissen in die Regimenter, manche als Absolventen von Kadettenanstalten, kirchlicher Garnisonschulen oder militärischer Waisenhäuser. Als Junker und Fähnriche lernten sie durch Trial and Error, Wissensaneignung war zufällig, das Selbststudium zum großen Teil verpönt, die Weiterbildungsveranstaltungen für Offiziere in den Inspektionsorten planlos, unkontrolliert — mehr dem Theater- und Bordellvergnügen dienend als der systematischen Qualifizierung.  Gewaltige Vorbehalte gegenüber gediegener Bildung bis in die höchsten Kreise:  nach dem Motto des Hofes Theoderichs von Ravenna — Tapferkeit, nicht Bildung ziere den Jüngling; wer einmal den Stock des Schulmeisters gefürchtet hatte, werde kein Krieger! Erfahrung vervollkommne den Mann!  Schon Friedrich der Große hatte dagegen gehalten: Wenn die Erfahrung allein hinreichend wäre, große Feldherren zu bilden, so müssten es die Maultiere des Prinzen Eugen geworden sein“. Die wenigen erhaltenen Lebenserinnerungen sprechen Bände.  Ein bedrückendes Beispiel sei zitiert: Julius von Voß aus Brandenburg/Havel, Jahrgang 1768, Sohn eines Hauptmanns, glücklicherweise durch den Vater und durch  Hauslehrer im Privatunterricht mit klassischem Bildungsgut, Sprachen, Musik  ausgerüstet, aber wie er selbst sagte – nicht erzogen! ,,Ich entwarf mir das roheste  Ideal eines Offiziers. Fluchen, Saufen, Spielen, Menschern nachjagen, immer nur Krieg wünschen, und dann wie der Teufel darauf los – dies waren die Züge.“ Voß wurde mit 14 Jahren Fahnenjunker im Infanterieregiment Nr. 12 von Wunsch in Prenzlau, wie die älteren Offiziere dem Spiel und den Frauen verfallen. Da geschieht ein Wunder — er wird mit einer rühmlichen Ausnahme bekannt – einem Sonderling: Carl Andreas von Boguslawski. Über ihn werde ich bei gegebener Zeit in einem Blog berichten. Diesem Offizier in Prenzlau, der Jahrzehnte später Gründungsdirektor der Berliner Militärakademien wird, gelingt es durch sein Vorbild den jungen Voß zu Bildung und Reife zu führen.

Zurück zu den Jahren um 1800. Hatte sich etwas geändert seit 1788? Ja!  Erstens — die Erlebnisse der Niederlagen der preußischen Armee in Frankreich und Polen zwischen 1792 und 1794. Zweitens – erste Versuche der Reform der militärischen Bildung und Weiterbildung, jedoch unvollkommen und abgebrochen. Das Defizit bleibt und ist eine der Hauptursachen für die Niederlagen von 1806.  Drittens — die politischen Vorbehalte bei Hofe und im Offizierskorps gegen notwendige Reformen waren verstärkt durch die Furcht vor der Beispielwirkung der französischen Revolution und des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges – mündend im Vorwurf des Jacobinertums gegenüber den Streitern für Reformen.

Die ersten Versuche einer Reform der militärischen Bildung und Weiterbildung 

Der Alte Garnisonfriedhof in Berlin-Mitte ist eines der kulturgeschichtlichen Zeugnisse  für die historische Rolle der Berliner Militärs im 19.Jahrhundert. Bedeutende Militärs sind dort beigesetzt, darunter viele, die sich in der Periode  zwischen 1786 und 1815 um die Reorganisation der preußischen Armee und der  preußischen Gesellschaft verdient gemacht haben.  lhr Kristallisationskern waren Hardenberg, Scharnhorst. Zwischen 1800 und 1805 nehmen beide ihren endgültigen Wohnsitz in Berlin und Umgebung — Scharnhorst in der Nähe vom Alexanderplatz, Hardenberg kauft das Dorf Tempelberg.   Warum Scharnhorst? Er war in Hannover selbst ab 1772 bis 1777 Schüler der Militärakademie  des Grafen Friedrich Wilhelm Ernst zu Schaumburg-Lippe-Bückeburg (Festung  Wilhelmstein) gewesen, der seinerzeit besten militärischen Bildungseinrichtung Deutschlands.  1782 war er Herausgeber der Zeitschrift ,,Militair-Bibliothek“, fortgesetzt ab 1785 unter dem Namen ,,Bibliothek für Officiere“. An deren Stelle tritt ab 1788 das ,,Neue militarische Journal“. Das Journal war während des Krieges ab 1793 eingestellt, wurde 1798 wiederbelebt — nunmehr mit dem Untertitel ,,Militärische Denkwürdigkeiten unserer Zeiten, insbesondere des französischen Revolutionskrieges im Jahre 1792 u.s.f.“

Ab 12. Mai 1801 ist Scharnhorst in Berlin, Lehrer an der ,,Akademie für junge Offiziere“ in Berlin, der école militaire, deren Name durch Kabinettsordre vom 5. September  1801 (Vorlaufer: Kadettenakademie, Ritterakademie)  offiziell lautet  Lehranstalt für Junge  lnfanterie- und Kavallerie-Offiziere  in den militärischen Wissenschaften zu Berlin,  von Scharnhorst selbst aber kritisch betrachtet. Warum sind Offiziere der Artillerie und des Pionierwesens nicht als Schüler genannt? Die Artilleristen und Pioniere hatten eigene technische Schulen.  Nur zwei Lehrer sind fest angestellt: der Major der Pioniertruppe Ludwig Müller für Militärgeographie und Festungskunde und der Philosophie-Professor Johann Gottfried Kiesewetter für Logik und  Mathematik (Der Kantianer Kiesewetter stand im Briefwechsel mit Kant, positiv  mehrfach gewürdigt bei Varnhagen von Ense, hatte großen Einfluss auf  Clausewitz; berichtet in einem Brief an Kant, dass seine Vorlesungen in Berlin  überwacht werden); kontrolliert durch Generalleutnant von Geusau.
Die Berliner Militär-Lehranstalt war eine von 6 Inspektionsschulen, geschaffen durch Friedrich ll. im Jahre 1779 (neben Berlin gab es solche Schulen in Breslau, Königsberg, Magdeburg, Stettin, Wesel).  Die Berliner Schule wird ergänzt durch die 1765 geschaffene sogenannte Adelsakademie (15 der besten Zöglinge der Kadettenanstalt, die ,,königlichen  Eleven“ mit eigener Uniform). Daher ist der Chef des Kadettenkorps von nun an Chef der Militär-Bildungseinrichtungen.  Diese Offiziersschule — mehr war sie nicht — wurde besucht von ausgewählten  jungen Offizieren im Anschluss oder als Ergänzung zur Ausbildung an der  Kadettenanstalt und anderen Bildungseinrichtungen der Armee — auch die Lehrer  konnten ausgetauscht werden – so lehrte z.B. Kiesewetter auch an der 1795 auf  Anregung des Generalstabschirurgen Görcke gegründeten Berliner  Bildungseinrichtung für junge Militärärzte, der sog. Pepiniére  Erst nach der bitteren Niederlage von 1806 gab es die gesetzliche Forderung nach  einer schulmäßigen Prüfung als Bedingung für den Eintritt in den Offiziersstand – mit  dem königlichen Reglement über die Besetzung der Stellen der Portepeefähnriche  vom 6. August 1808.

Die Gründung der Militärischen Gesellschaft in Berlin

Scharnhorst ist schon vor 1806 geistiges und organisatorisches Haupt der militärischen Reformbewegung in Preußen, ist gerade aus diesem Grunde aus Hannover geholt worden. Massenbach hat Erfahrungen in der Offiziersausbildung, er ist Lehrer an der technischen Offiziersschule in Potsdam.  Als Organisationsform der neuen Aus- und Weiterbildungsinstitution bietet sich eine Art literarische Gesellschaft an — Studium und ernsthafte Beschäftigung mit militärischer Literatur einschließlich der „Produktion“. Nur der konnte Mitglied werden, der einen eigenständigen Beitrag leistete, ihn vortrug, zur Diskussion stellte. Die Obristen Scharnhorst und Massenbach sind inhaltliche Leiter, Initiatoren und Organisatoren der Gründung. Ihre Idee ist die wissenschaftliche Weiterbildung der aktiven Offiziere! Clausewitz wird durch Scharnhorst zur Mitgliedschaft angeregt — ist Nr. 50 von den etwa 200 Mitgliedern. In der Sitzung vom 11. April 1804 wird Leutnant von Clausewitz zu einem der drei Redakteure der Gesellschaft gewählt (neben Leutnant von Leithold und Leutnant von Textor). Es ist auffallend, dass von den 10 Gründungsmitgliedern sieben als Lehrer an den Militärschulen tätig waren. Die enge Verknüpfung der aktivsten Mitglieder der Gesellschaft mit dem Erziehungs- und Bildungswesen der Armee ist bezeichnend für den hohen Stellenwert, den ihre Mitglieder, allen voran Scharnhorst und Massenbach, dem pädagogischen Bemühen zur Erneuerung der Armee beimaßen. So unterrichteten zwischen 1810 und 1813 an der Allgemeinen Kriegsschule die ehemaligen Mitglieder Clausewitz (Kleiner Krieg, Generalstabsdienst), Tiedemann (Taktik, Strategie), Textor (Mathematik), Streit (Artillerie) und Stutzer (Militärgeographie, Kriegsgeschichte). Von den 31 namentlich bekannten Schülern Scharnhorsts der Jahre 1801-1805 sind 16 der Militärischen Gesellschaft beigetreten, unter ihnen die bedeutendsten Mitarbeiter der Reformpartei nach 1807 wie Boyen, Braun, Clausewitz, Grolman, Steinwehr und Tiedemann.

Von der Idee zur Organisation

Wo soll die Gesellschaft Mittwochs tagen? Ausgewählt wird das Hotel „Zum Englischen Hof“, Mohrenstraße 49, beste Lage. Nachzulesen im Protokoll der Sitzung vom 28.September 1803, Man trifft sich Mittwochs von 6 bis 8 Uhr, im Prinzip jeden Mittwoch 5 Uhr,  Abends ist dann längere Sitzung.

Inhalte der Debatten:

Grundlage der Diskussionen sind schriftliche Arbeiten der Mitglieder der Gesellschaft bzw.Rezensionen von Büchern. Hauptproblem der Militärstrategie: leichte Infanterie, Notwendigkeit des Studiums der Naturwissenschaften – dargestellt durch Scharnhorst selbst, schon in Hannover. Die neuesten Entwicklungen der Militärtechnik, der Taktik der Infanterie und Kavallerie, die Lehren aus den Feldzügen des Generals Bonaparte in Italien, in der Schweiz, anderer französischer Generale in Holland sind Gegenstand ausführlichen Analysen und Debatten.
Als merkwürdig zu verzeichnen ist — der Feldzug 1792 a) nur in Rezensionen behandelt wie aa) Bd4, S. 424 durch die Rezension der Scharnhorstschen Zeitschrift „militärische Denkwürdigkeiten“ .Hannover 1804 durch v. Borck, wie durch die Rezension einer Schrift des in Sachsen-Weimarschen Diensten stehenden ehemaligen Oberstleutnant in holländischen und englischen Diensten stehenden von Groß, geschrieben fur die Akademie zu Belvedere „Von dem Dienste des Officiers im Felde  1803: „Das neue Militärsystem der Franzosen,  welches sie mit so glücklichem Erfolg angenommen haben, mache es unmöglich, ihnen Widerstand zu thun, ohne die Annahme eines auf ähnlichen Grundsätzen ruhenden Systems.“oder nur am Rand erwähnt Bd. 4, S. 268: „Auszug aus den Protokollen der militärischen Gesellschaft 28. Dezember 1804: „Der General v. Lecoq verlas eine Relation der Kanonade bei Valmy. Obgleich diese Begebenheit an sich eben so wichtig nicht ist, so verdient sie doch als Glied in einer großen Kette der Dinge bemerkt zu werden. Es wurde die Lage der französischen und alliierten Armee, und hierauf die Unternehmungen nach der Einnahme von Verdun bis zum Rückzug aus Champagne geschildert.“ Periode zwischen 1789 und 1806 geprägt vom grundlegenden Defizit an gesellschaftlichen und militärischen Reformen.

Für die anhaltende Wirkung der Weiterbildungsgesellschaft spechen folgende Zahlen: 5 von den 8 Generalstabschefs zwischen 1813 und 1870 waren Mitglied der Gesellschaft, (Scharnhorst, Gneisenau, Grolmann, Ruhle, Muffling); 7 (Yorck, Kleist, Gneisenau, Müffling, Boyen, Knesebek, Dohna-Schiobitten) von den 9 Generalfeldmarschällen; 2 Generalinspekteure der Militärischen Bildung (Holtzendorff, Rühle von Lilienstern);3 Kriegsminister (Boyen, Hake, Rauch), Generalinspekteur der Artillerie (Prinz August), Generalinspekteur des Ingenieurkorps (Reiche), Präsident der Militärischen Prüfungskommission (Steinwehr), Finanzminister (Louis Gustav von Thile) gehörten der Gesellschaft als junge Offiziere an.

Die bedeutendsten Persönlichkeiten der Gesellschaft, beigesetzt auf dem Alten Garnisonfriedhof

Karl Friedrich von dem Knesebeck,  Carl Andreas von Boguslawski, Wilhelm von Clausewitz, Karl Friedrich v. Holtzendorf, Karl Leopold Heinrich Ludwig v. Borstell, Friedrich Karl Heinrich Graf v. Wylich und Lottum, Georg Wilhelm v. Valentini, Johann Eberhard Ernst Herwarth von Bittenfeldt, Friedrich Albrecht Gotthilf Freiherr von Ende

Literatur zum Nachlesen

Karl Demeter, Das deutsche Offizierskorps in Gesellschaft und Staat 1650-1945, Frankfurt/Main 1965

G. Ch. Kiesewetter, Directeur et Professeur en Philosophie et Directeur de l’éducation scientifique de l‘institute: Discours prononcé a l’anniversaire de la fondation de la Pépiniére Royale de médecine et de chirurgie le 2. Ao0t 1808 par , Berlin 1808,

Joachim Niemeyer, Einleitung zu Denkwlirdigkeiten der Militarischen Gesellschaft zu Berlin, Neudruck der Ausgabe von 1802-1805, Osnabriick 1985

Dietrich Pellnitz, Beitrage zur Geschichte der Pépiniere, Berlin 1993,

Schickert, Die Militärärztlichen Bildungsanstalten von ihrer Griindung bis zur Gegenwart, Berlin 1895, Reprint Ziirich 1985

Schössler, Dietmar, Carl von Clausewitz, rororo Hamburg 1991

Charles Edward White, The Enlightened Soldier. Scharnhorst and the Militaerische Gesellschaft in Berlin, 1801-1805, New York/London 1989

Autor: lliensternberlin

Dr. phil. (echt Philosophie und auch noch habil. in Politologie), inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s