Berliner Spaziergänge – das Scheunenviertel (Teil I)

 

Vorbemerkung: Vor etwa 25 Jahren entstand ein damals dringend gebrauchter „Stadtteilführer Scheunenviertel Berlin“, passend in die Sakko-Innentasche, locker geschrieben, aber gründlich recherchiert. Der Verlag Neues Leben ist lange verschwunden, damit gewünschte Nachauflagen unmöglich. Also dieser Weg, heute einen Vergleich mit der Lage vor einer Generation anzustellen. Vielleicht sollten wir gemeinsam die Spaziergänge von damals wiederholen.

Hier schon ein visueller Vorgeschmack, was uns erwartet – ein Blick in die Gipsstraße damals und heute:

1992:

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2018:

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,,Scheunenviertel“ – ,,Scheunenfeld” – ,,Spandauer Vorstadt“. Hier befindet sich die historische Mitte Berlins, unmittelbar hinter den ehemaligen Befestigungen des Holländers Johann Gregor Memhard. Der Platz ist geschichtsträchtig, obwohl von hier kaum große historische Entscheidungen ausgingen.

Das Scheunenviertel entstand in der Vorstadt, auf der Glacis, dem äußeren Vorgelände der Festungsanlagen der Stadt Berlin. Es war jenes Vorgelände, das in Richtung Nordwesten, also in Richtung Spandau gelegen war, daher der noch heute gültige Begriff der Stadtplaner: Spandauer Vorstadt. Spandau selbst liegt allerdings etwa zwanzig Kilometer westlich.

Die Doppelstadt Berlin-Cölln war im 17. und 18. Jahrhundert eine befestigte Stadt. Es war daher natürlich, dass sich Bauwesen, Straßenanlage und Stadtentwicklung an den räumlichen Gegebenheiten, d.h. an den Befestigungsanlagen orientieren mussten. In der Spandauer Vorstadt regierte das Militär – Straßennamen zeugen u.a. davon wie Grenadier-, Artillerie-, Füsilier- und Dragonerstraße, Hackescher Markt.  Der Verlauf mancher Straßen wie der der Neuen Schönhauser musste sich den Festungsmauern anpassen und schließlich hatte die Stadt ein ziemlich grobes Terrain der Vorstadt an das Militär zur Anlage von zwei Garnisonfriedhöfen abzutreten.

In diesem Gebiet aber beginnt auch ab 1671 eine neue historische Phase der jüdischen Besiedlung. Fast genau ein Jahrhundert zuvor (1573) waren die Juden per Dekret des Kurfürsten Joachim und mittels Feuer und Schwert seiner Söldner aus der Mark Brandenburg vertrieben worden. Nun ruft sie Kurfürst Friedrich Wilhelm I. nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder ins Land, um aus ihren Kenntnissen und praktischen Erfahrungen sowie aus ihren europäischen finanziellen Verbindungen Nutzen zu ziehen. Der erste Friedhof der neugegründeten jüdischen Gemeinde wird an der Großen Hamburger Straße angelegt – außerhalb der Stadtmauern. Und es ist einer der historischen Zufälle, dass fast gleichzeitig der Stadtkommandant einen Erlass verfügt, nach dem brennbare landwirtschaftliche Produkte wie Heu, Stroh, Getreide nicht mehr innerhalb der Stadtmauern zu lagern seien. Infolge dieses Befehls steckte die Polizei im Vorgelände der Festung, außerhalb der ,,Contreescarpe“ Bauplätze für siebenundzwanzig Scheunen ab und wies die Anlage der dazu gehörenden Verbindungswege an, der Scheunengassen. So entstand in den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts das sogenannte Scheunenfeld, das Ausgangsgebiet des späteren Scheunenviertels. Die Scheunen standen dort, wo sich heute das Gebäude der Volksbühne erhebt, auf dem Rosa-Luxemburg-Platz.

Scheunenviertel – das war in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts ein Teil der Berliner ,,Szene“. Das war ,,verruchte Boheme“, Straßenhandel, Kabarett und Prostitu tion und auch Kriminalität. Das war auch die Wirkungsstätte Doblins, Zilles, Hauptmanns, Fontanes, das waren die Volksbühne und die freien Theatergruppen.

Scheunenviertel – das ist eine unendliche Geschichte von Stadtsanierung und Grundstücksspekulation, von Verfall, Zerstörung und Aufbauwillen der Bewohner. In diese Geschichte gehört aber auch das Wirken solcher Architekten und Stadtplaner wie Hans Poelzig, Oskar Kaufmann, Ludwig Hoffmann und ihres Vorgängers Georg Christian Unger.

Das Scheunenviertel war schließlich auch Arena politischer und zuweilen militärischer Auseinandersetzungen. Spartakisten, Kommunisten, rechte und linke Sozialdemokraten, Anarchisten, die Polizisten des Kaisers und der Weimarer Republik und endlich die SA-Trupps Hitlers – sie alle hatten ihre Quartiere, Kneipen, Hinterzimmer oder auch Verstecke im Scheunenviertel. Das besondere soziale Klima des Viertels bot einen günstigen Nährboden für Gewalt und Terror.

lst die Beschreibung von ,,Taten der Toleranz“, vom überwiegend friedlichen Zusammenleben der Bewohner nur eine Legende? Wohl kaum. Es gab sie von Anfang an im Scheunenviertel, diese aus der Notwendigkeit des Zusammenlebens auf kleinstem Raum geborene Haltung der Akzeptanz des Andersseins des Mitmenschen, der anderen Religion, der fremden Kleidung und Haartracht und auch eines anderen Geschäftsgebarens. Juden und Christen, Protestanten und Katholiken, Lutheraner und Reformierte mussten miteinander auskommen. Der Große Kurfürst und seine Nachfolger hatten zur ,,Hebung des Wohlstandes Brandenburgs“ die Andersdenkenden ins Land geholt. Brandenburger hatten sich mit Pommern, Preußen, Böhmen, Hessen und Holländern zu arrangieren. Deutsche, Franzosen, Italiener, Polen arbeiteten auf den Baustellen Berlins, dienten in den Regimentern der Kurfürsten Brandenburgs und der preußischen Könige.

Wo ist das Scheunenviertel heute? Wer sich auf die Suche macht, zu Fuß, auf dem Fahrrad oder gar hinter den Autoscheiben, muss auf Überraschungen gefasst sein. Die erste herbe Enttäuschung: Es gibt keine Scheunen im Scheunenviertel. Es gibt auch keine Bauernhöfe, keine Felder, nur sehr wenig Rasen, einige Bäume und ganz selten gemütliche und saubere Höfe. Die letzten Scheunen verschwanden vor über 100 Jahren, als auf dem Gelände des heutigen Rosa-Luxemburg-Platzes Baufreiheit für das Gebäude der Volksbühne und die umliegenden Blöcke geschaffen wurde. Da war aber aus dem ,,Scheunenfeld“ schon lange das ,,Scheunenvierte|” geworden, eine Mixtur aus Slum, Straßenmärkten, Boheme und Kasernen.

Die zweite Enttäuschung für den Suchenden im Scheunenviertel: Man findet keine eindeutigen und ablaufbaren Grenzlinien des Scheunenviertels. Es ist müßig, sich über die exakte Topografie des Scheunenviertels der letzten hundert Jahre zu streiten. Seinen historischen Kern bildet das Gebiet um den Rosa-Luxemburg-Platz zwischen Prenzlauer Tor, Tor-, Rosenthaler, Weinmeister-,Münzstraße und Alexanderplatz. Es hat sich aber eingebürgert, den Namen Scheunenviertel auch auf das kulturelle, gewerbliche und soziale Ausstrahlungsgebiet dieses historischen Kerns auszudehnen – in westlicher Richtung entlang der August-, Linien- und Sophienstrafie sowie der Oranienburger Stral3e zwischen Hackeschem Markt und ehemaligem Schloß Monbijou bis hin zum Oranienburger Tor.

In dieser Gewohnheit der Verwischung von Grenzen steckt nichts Verwerfliches, führte doch diese ,,Spandauer Vorstadt“ schon seit dem 17. Jahrhundert ein Eigenleben, dessen Charakter auch in einem sehr weit gefassten Verständnis vom ,,Scheunenviertel“ zum Ausdruck kommt. Wenn Döblin oder Zille vom Scheunenviertel sprechen, sind Münz-, Ackerstraße und Rosenthaler Platz und auch die inzwischen verschwundene Amalienstraße eingeschlossen.

In den ,,goldenen Zwanzigern“ ist die ,,Mulackritze“ ebenso Scheunenviertel wie die Kinos in der Neuen Schönhauser oder in den Hackeschen Höfen.

Die Verwischung der Grenzlinien in der Spandauer Vorstadt hatte auch etwas mit der gewerblichen Entwicklung dieses Gebietes zu tun. Die Ausdehnung des städtischen Siedlungsgebietes Berlins über die Spree hinweg in Richtung Norden und Westen schuf neue Bedürfnisse nach Transportmitteln wie Schiffe und Karren. Es wurde Baumaterial in bisher unbekannten Mengen gebraucht. Der Soldatenstand verlangte Uniformtuche und Leder; die Herrschaften des Hofes brauchten Samt und Seide. lm 17. und 18. Jahrhundert wurde insbesondere die Uferlage der Spandauer Vorstadt zu einer günstigen Bedingung für die Anlage von Schiffswerften, Maulbeerplantagen (für die Seidenraupenzucht), Textilmanufakturen, Ziegel-, Gips- und Kalkbrennereien, aber auch Herbergen und Bierbrauereien.

Die schon bestehenden Meiereien, Vorwerke und Holzverarbeitungsplätze erlebten einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die ständige neue Niederlassung von Arbeitern, Unternehmern mit Kapital und Erfahrungen sowie auch Finanz- und Verwaltungsfachleuten aus anderen deutschen Ländern und dem Ausland im sich ausdehnenden Scheunenviertel und der gesamten Spandauer Vorstadt trug zu neuen gewerblichen Verflechtungen bei. Die Spree und die künstlich angelegten Wasserlaufe trennten eigentlich weniger die Spandauer Vorstadt von Berlin-Cölln als heute angenommen. Vorwiegend über die Spandauer-, Hercules-und Weidendammbrücke floss der Verkehr ursprünglich zwischen dem alten Stadtkern und der Vorstadt. Später kamen die Eberts-, Monbijou- und Rochbrücke hinzu.

Schließlich sind auch die Bedürfnisse des sich ausdehnenden Schlosses Monbijou, die Entstehung von Verlagen und Druckereien, die Anlage der königlichen Münze, das Entstehen von Theatern und Varietés und überhaupt die Herausbildung eines Netzes gewerblicher Dienstleistungen in der Spandauer Vorstadt bis ins 19./20. Jahrhundert wesentliche Faktoren für das Ineinanderfließen von Lebensräumen, religiösen und kirchlichen Einflüssen und kulturellen Traditionen.

Heute (1992) liegen Handwerk und Gewerbe wie auch die anderen Lebensbereiche im Scheunenviertel ziemlich am Boden. Dieses Gebiet leidet unter den Folgen einer Vernachlässigung, die sich über mehrere Generationen hinzog. Während Bau- und Verkehrswesen, die kulturelle und soziale lnfrastruktur in der unmittelbaren Nachbarschaft -zwischen Alexanderplatz und der Friedrichsstadt, entlang der Karl-Marx-Allee und im Nikolaiviertel – in den 70er und 80er Jahren einen unter DDR-bedingungen überdurchschnittlichen Aufschwung erlebten, wurde dem Scheunenviertel wie schon in den Jahrzehnten zuvor ein Dornröschenschlaf verordnet. Angesichts dieser aussichtslosen Lage trocknete das Gebiet aus, nur die wenigsten Bewohner und Gewerbetreibenden widerstanden dem Sog des Umzugs nach Marzahn, Hohenschönhausen oder Hellersdorf. 1989/90 waren es diese Wenigen, die unter den neuen politischen Bedingungen nach einem Ausweg für das Scheunenviertel von morgen suchten, die zusammen mit Denkmalpflegern, Stadtplanern und Soziologen Alternativen für die soziale und gewerbliche Renaissance des Scheunenviertels entwickelten. Vielleicht sind schon erste Resultate dieser Bemühungen in den nächsten Jahren bei Wanderungen durch das Scheunenviertel zu erkennen.

Zwischen diesen Stationen und den Zielpunkten wie Alexanderplatz oder Oranienburger Tor liegen traditionsreiche Kulturstatten (,,Babylon“, ,,Volksbühne“), alte Friedhofe, Bauwerke großer Architekten, Kirchen und Gedenkstatten, ruhige Hinterhöfe sowie neue Cafes und Galerien. ln den ruhigen Seitenstraßen kann man sich mit einiger Phantasie das verschwundene Leben und Treiben der Handler und Handwerker, der Passanten und der Kunden der jüdischen Buchhandlungen oder koscheren Geschäfte zurückrufen. Parks und Friedhöfe lassen den aufnahmebereiten Wanderer die historischen Gestalten des Freiherrn de la Motte Fouqué, der Gräfin Katharina von Wartenberg, des Stadtkommandanten von Hacke, vielleicht auch des Zeichners Heinrich Zille, des Verlegers Friedrich Nicolai oder der Dichterin Anna Louisa Karschin lebendig werden.

Die Spaziergänge versprechen also Spannung, neue Erkenntnisse und vielleicht auch Erstaunenswertes. Zum vorläufigen Abschluss noch ein visueller Vergleich – ein Blick in die Große Hamburger Straße – 1992 und 2018

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Dieter Weigert, im Oktober 2018

Autor: lliensternberlin

Dr. phil. (echt Philosophie und auch noch habil. in Politologie), inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

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