Eine Sternschnuppe am Niederrhein

Rhein-2

Es war einmal – vor über drei Jahrhunderten – ein Lustschlösschen in Berlin am rechten Ufer der Spree; die Bomben des letzten Krieges ließen davon nichts als eine ausgebrannte Ruine. An seiner Stelle errichteten die Überlebenden einen Park mit Spielplätzen und einem Schwimmbad für Kinder – eben in Erinnerung an das verschwundene Gebäude Monbijoupark genannt, gegenüber dem monumentalen Bode-Museum. Heute kann man dort Tango tanzen, sich in einem Shakespeare’schen Sommertheater an Schillers Räubern ergötzen oder einfach nur am Wasser flanieren.

Das Schicksal einer der hochherrschaftlichen Schlossbewohnerinnen fiel mir wieder ein als ich an einem warmen Sommerabend auf der Bank der Uferpromenade von Emmerich an der Grenze zu Holland saß und auf den Einbruch der Dunkelheit wartete. Endlich war sie da, mit ihr der Halbmond über dem Rhein; manche helle, sich bewegende Punkte am Himmel und auch eine lange leuchtende, endlich verglühende Sternschnuppe, die ich Catharina nannte in Gedanken an jenes Mädchen vom Niederrhein, wahrscheinlich aus Emmerich oder Kleve.

Die siebzehnjährige, kluge, gewandte, zielstrebige Schönheit träumte vom Glanz der Residenzen in Versailles, Wien, London. Als Frau waren ihre Chancen gering, aus eigener Kraft gesellschaftlich aufzusteigen – die Universitäten waren ihr verschlossen, verwehrt die Laufbahnen der Kirche, der Verwaltung oder gar des Militärs. Es blieben die Waffen der Frau. Jedoch der Vater, Christoffel Rykers, Bierbauer, Gastwirt, kleiner Zollbeamter (einträgliche Kombination in der Grenzregion) hatte andere Pläne mit Catharina. Er gab das Mädchen dem Peter Bidecap zur Ehefrau, einem anderen ebenfalls niedrigen Beamten im Dienst des Berliner Kurfürsten. Warum der Bidecap nach nur drei Ehejahren schon starb, ist nicht überliefert. Aber so war der Weg frei für die junge Witwe, sich mit ihrem Geliebten, dem ranghöheren Berliner kurfürstlichen Rat Johann Casimir Kolbe von Wartenberg, auf die Fahrt in die entfernte Residenz zu machen und dort im Bunde mit anderen aufstrebenden Höflingen als Gräfin von Wartenberg die Nähe der frisch gekrönten königlichen Majestät zu suchen. Schillers Lady Milford im Stück „Kabale und Liebe“ war als fürstliche Mätresse angesichts der Intrigen Catharinas nur ein schwacher Aufguss. Graf Casimir schob seine Geliebte und nunmehrige Ehefrau dem König ins Bett, die Favoritin logierte jetzt im Monbijou, ein rauchendes Festjagte das nächste – Wartenberg wurde für seine Verdienste kaiserliche Reichsgraf, Erster Minister des Königs, der Komplice von Wittgenstein wurde Finanzminister, der immer neue Schulden aufhäufte, immer neue Steuern und Abgaben erfand, um die Festlichkeiten des Hofes und die kostspieligen Launen und Intrigen der Mätresse im Monbijou bezahlen zu können.

Das Märchen fand ein böses Ende, der Traum platzte: die durch die Wartenbergs gestürzten und davongejagten Konkurrenten fanden für ihre Rachepläne einen willigen und charakterstarken Höfling, der sich an die Spitze der Jagd stellte – den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der um sein finanzielles und materielles Erbe fürchtete. Der Kronprinz rang dem Vater die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses ab, damit war das schmähliche Ende der Kabalen, der jähe Sturz der Mätresse und ihrer Clique eingeläutet – zum Weihnachtsfest 1710. Wie sie aufgetaucht war am königlichen Himmel, verlosch die Sternschnuppe vom Niederrhein.  Verarmt, aus dem Monbijou vertrieben, Spielerin und Spielball in einem, aus dem Bett des derzeitigen Liebhabers Lord Raby, des englischen Botschafters, in die Winterkälte, ins Fast-Nichts zurückgestoßen. Über Frankfurt am Main setzte sie sich nach Paris ab, ließ sich von französischen Diplomaten aushalten und starb 1734 im Alter von sechzig Jahren.

Epilog: Als ich auf der Rheinpromenade in Emmerich über das Schicksal Catharinas nachsann, regte sich das Gewissen des Historikers und Publizisten. Gutgläubig hatte ich 1997 im Vertrauen auf preußische Hofberichterstatter und Legendenschreiber den Stab über die Frau vom Niederrhein gebrochen und sie in meinem Buch „Der Hackesche Markt. Kulturgeschichte eines Berliner Platzes“ in eine Reihe mit den damaligen Prostituierten gestellt, ohne mich der Mühe eigener Recherchen zu unterziehen. Heute wollte ich Gerechtigkeit walten lassen – ich kann nur hoffen, dass meine verehrten Leser mich verstehen und mir verzeihen! Dieter Weigert, Berlin

 

 

 

 

Autor: lliensternberlin

Dr. phil. (echt Philosophie und auch noch habil. in Politologie), inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

10 Kommentare zu „Eine Sternschnuppe am Niederrhein“

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