Preußisch Blau und Lutherisch Schwarz – oder: Leutnant von Kleist und Generalsuperintendent Löffler Folge 15

Die trockene Bücherweisheit der Kleistologen behauptet – gegründet auf zehn Prozent sicheres Wissen, 90 Prozent Halbwahrheiten, Spekulationen, Hypothesen und tiefe Blicke in die Glaskugel – daß es in Frankfurt an der Oder einen gewissen C. E. Martini gegeben habe, dessen nachweisbare Existenz sich auf einige wenige Druckzeilen zusammenfassen ließe: Martini, Christian Ernst (1762 bis 1833), Theologe, später Rektor der Frankfurter Bürgerschule, Kleists Hauslehrer, mit der Familie bis zu seinem Tode befreundet. 47ı, 804. – Brief Nr. 3.
ERGO: Nach Immanuel Kant war dessen Daseinszweck nur Empfänger eines Briefes zu sein, mit dessen Inhalt sich nun Dutzende Lehrstuhlinhaber und Tausende Studenten in aller Welt online und offline zu beschäftigen haben !

Ich aber, Stadtarchivar von Saalfeld im Thüringischen, Arbeitsplatz unterm Schloßdach, plage mich gemeinsam mit temporär ausgeliehener Kollegin Edda an der Durchsicht eines vor Monaten freigelegten Konvoluts historischer Papiere aus dem – wie wir vermuten – privat-geheimen – Nachlaß des Theologen und Kirchenpolitikers Josias Löffler, des „großen Sohnes unserer Stadt“ (Originalzitat Landrat).

Ehrung für Josias Löffler in Gotha (Thüringen)

Als Nicht-Kantianer bemühen wir uns um „WISSENSCHAFTLICHE SUBJEKTIVITÄT“ (Originalzitat. ICH) bei der Einordnung der jeweiligen historischen Person, ergo ihn oder sie zu nehmen als handelnden Menschen mit sehr individuellen Charakterzügen, Wertvorstellungen, Lebenszielen, Liebschaften, nicht jedoch nur als Fußnote im Lebens-Ablauf einer germanistischen Größe wie Kleist, Schiller, Goethe etc. pp.
Edda und ich nehmen es gelassen, wenn uns die Kleistologen an ihren Stammtischen oder online-Zirkeln für „nicht-standes-gemäß“, für „nichtsatisfaktionsfähig“ erklären (meine Herren: IHRE EHRE ist nicht MEINE EHRE !). Erst recht lachen wir angesichts Ihrer Einteilung der Menschen in die Gruppe der Rechtschaffenen (d.h. denen das Recht zugesteht, eine druckbare Biographie – Leben und Werk- des Heinrich von Kleist auf grund ihrer akademischen Würden der Welt zu Füßen zu legen) und – von ihnen abgehoben – die Gruppe der Rechtlosen, (denen man zwar die Chance einräumt, jene Publikationen lesen zu dürfen, denen aber das Recht der Mitsprache versagt bleiben muß).

NACHDEM DAS NUN MAL GESAGT WERDEN MUSSTE; GEHT ES ZUR SACHE:
Funde erster Ordnung im Konvolut: Brief jenes historischen Subjektes Christian Ernst Martini an Löffler vom November 1815 sowie drei Papiere politischen Inhalts, ohne Adressat, aber datiert zwischen 1814 und 1816. Edda könne sich ja mal dran setzen, den Brief einordnen, die Papiere analysieren auch den Martini als Person bei der Gelegenheit einordnen.

Nach drei Tagen sehe ich – Es ist soweit, sie kann ihren Bericht abliefern! Eddas Original- „Narrativ“: – Ich beginne mit dem persönlichen Brief Martinis an Josias Löffler. Der Brief ist die Anwort Martinis auf ein – vermutlich sehr ausführliches – Schreiben Löfflers an Martini in Frankfurt vom Oktober 1815. Zum Verständnis meiner „Expertise“ der Original-Brieftext jenes Martini, wobei ich darauf hinweise, daß Martini, der nur wenig jünger ist als Löffler, das vertrauliche DU in der Anrede verwendet, ein Zeichen der engen Verbundenheit! und hier auch die Kopie einer Seite der Handschrift Martinis :

„Lieber verehrter Freund, hochgeschätzter Professor und excellenter herzoglicher Superintendent !

Vom Strand des Oderflußes die herzlichsten Grüße von einem Deiner treuesten Schüler! Tiefste Dankbarkeit für das Schreiben vom letzten Monat, das mich aus der Apathie herausriß, einer tiefen Bedrückung hervorgerufen durch die bösen militairischen und politischen Ereignisse dieses Jahres in Europa. Ich danke Dir für das schöne Mahnmahl daß Du meinem Sohne gesetzt hast. – So wurde der große Tyrann gestürzt. Aber die kleinen Tyrannen die in Deutschland herrschen, werden nicht gestürzt werden. Ein bloßer Nahme ist Teutschlands Einheit. Umsonst ist mein Wilhelm gefallen. –
Die sämtlichen Könige Teutschlands müßten … was sie damit Napoleons Generalen
Ueberall müßten republikanische Verfassungen eingesetzt werden. Entgegen aller Schreibereyen der bezahlten Lakaien in den Residenzen der alten Welt von Rußland bis England sahen wir doch in Bonaparte und seinem frischen System einen Aufbruch, eine Beybehaltung der meisten Innovationen der Jacobiner, wenn auch verschleiert durch den Dunst einer Kaiserkrone. Das soll nun alles vorbey sein ? Die tanzenden Herren von Wien trampeln auf unseren Körpern. Es ist zum Verzagen! Ich gehe viel in die Natur – hier die Skizze eines Freundes !

Auch die Unterrichtung der Schüler läßt keinen Ausweg erkennen – Preußen will Soldaten, keine hellen Köpfe ! Wofür haben die Studenten ihr junges Leben in die Schlachten geworfen ? Wofür ist mein Wilhelm in Hessen gefallen? Auch Schüler von mir sind unter den Todten von Leipzig und Torgau ! Entsetzlich !!! Es bleibt nur das Private – und die Erinnerung an Dich, den immer lächelnden Professor der Heilslehren des Neuen Testaments. Weißt Du noch, wie Du mich einmal „Martin Römisch Zwei“ genannt hast? Römisch Eins war natürlich der Bruder Martin von Wittenberg. Ich fühlte mich geehrt und tath mein bestes deinen Anforderungen gerecht zu werden. Heute kann ich dein Wissen meinen Schülern weitergeben, dinen geschichtlichen Blick auch auf die Helige Schrift, vor allem auf das NT, auf jene große Frau des Altertums, die wir Maria Magdalena, unsere französischen Schwestern und Brüder Madeleine nennen. Ist es Dir schon einmal wie mir in Berlin beim Besuche eines guten Freundes begegnet, daß ein französischer Offizier, den mein Freund eingeladen hatte, aus seiner Kartentasche das Bild jener Madeleine zauberte? Er trug (oder vielleicht lebt er noch und trägt es heute noch mit sich herum) nicht das Bild der Muttergottes, sondern das Konterfey der Heiligen Madeleine am Herzen. So sind die Franzosen !

Ich muß gestehen Chef, mir kamen die Tränen. Ich glaube, wir können an dieser Stelle unsere nüchterne, aber von Sympathie und Hochachtung getragene Einschätzung dieses Briefes unterbrechen. Vielleicht morgen mehr davon.

Die drei beiliegenden nicht-privaten Papiere sind in einer sachlichen, nüchternen Sprache verfaßt, standardisiert, unterschrieben von einem „CASIMIR“ und datiert – zwischen 1807 und 1810. Auffällig ist die vielfache Verwendung französischer Worte für wirtschaftliche und militärische Begriffe. Ich bin vielleicht keine Expertin für Geheimdiens-Berichte, aber mein gesunder Menschenverstand sagt mir, daß unser Bruder Martini Analysen auf der Grundlage von Gesprächen und Beobachtungen in der Garnisonstadt Frankfurt angefertigt hat. Der Dienst, der ihm dafür ein gutes Honorar gezahlt haben könnte, wäre eventuelle der des französischen Kaisers gewesen.
Hier eine Seite aus einem der drei Berichte:

Dieser Bericht vom 27. März 1810 umfaßt 6 Blätter, beidseitig beschrieben, also wäre viel zu entnehmen durch den Empfänger. Heiße Ware sozusagen, ich vergeude unsere kostbare Zeit nicht mit Transkription, die Schrift ist super lesbar. Aber, bester Chef – wie kommt die Abschrift des Berichtes – und darum kann es sich ja nur handeln – in den Besitz unseres Josias ? Wenn Casimir-Martini für die Franzosen gearbeitet hat, bei seiner Sympathe für die Revolution und ihren Vollender Napoleon (aus seiner Sicht) durchaus vorstellbar, wieweit ging dann die Vertraulichkeit mit seinem Freund, den königlichen Professor und Generalsuperintendenten ? Das ist für mich eine offene Frage. Sympathien ja, aber aktives politisches Handeln? Ganz absurd wäre die Vorstellung, auch Josias hätte für die Franzosen gearbeitet – dann hätte er aber solche Berichte nicht in seinem Privatbesitz! Belassen wir es für heute dabei, vielleicht findet sich das eine oder andere Papierchen, was uns weiter helfen könnte.

Für manche war der Name Martini nur die Bezeichnung eines Punktes im Netz der Beziehungen des Dramatikers und Erzählers Kleist – ein Orientierungspunkt des Briefeschreibers, des Mannes, der erklärt weshalb er aus der Armee ausscheidet – dieser Martini in Frankfurt an der Oder führt kein Eigenleben, dieser Martini ist in den Augen der „Kleistologen“ nur Briefempfänger, er ist nicht aktiv, er hat keinen Einfluß auf das Werk des Dichters ! Wunderliche „Wissenschaftler “ !!!

Zu deren Erinnerung: Am 5. Febraur 1788 überreicht eine Gruppe von Sudenten, darunter Alexander und Wilhelm von Humboldt, Martini und Wegener ihrem geliebten Professor Löffler, „Gewidmet von Seinen Zuhoerern und Verehrern“, eine gebundene Mappe mit künstlerisch gestalteten Vignetten und den Unterschriften zum Abschied von der Universität Frankfurt an der Oder. Eine nochmalige Zeremonie in derselben Form findet am „18. des Herbstmonats 1788“ vor der Abreise Proifessor Löfflers nach Gotha statt, diemal auch u.a. mit den Unterschriften von Martini und Wegener, aber ohne die der Gebrüder Humboldt, die in der Sommerpause 1788 die Universität verlassen hatten.

Dr. Dieter Weigert 22. August 2023 Berlin Prenzlauer Berg

Die nächsten Folgen der Erinnerungen des Saalfelder Stadtarchivarr erscheinen in unregelmäßigen Abständen.

Für Interessenten bisher:

LINK zu Folge 1: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/33663

LINK zu Folge 2: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/33899

LINK zu Folge 3: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34059

LINK zu Folge 4: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34245

LINK zu Folge 5: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34672

LINK zu Folge 6: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34720

LINK zu Folge 7: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34571

LINK zu Folge 8: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/35034

LINK zu Folge 9: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/35090

LINK zu Folge 10: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/35828

LINK zu Folge 11: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/37611

LINK zu Folge 12: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/38055

LINK zu Folge 13: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/38057

LINK zu Folge 14: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/38051

Preußisch Blau und Lutherisch Schwarz – oder: Leutnant von Kleist und Generalsuperintendent Löffler Folge 11

Ein Traum wird wahr – der große König beordert Josias Löffler nach Frankfurt an der Oder, setzt ihn als Pfarrer an die lutherische Oberkirche St. Marien ein und besetzt mit ihm die durch den Tod des Professors Simonetti entstandene Vakanz an der Theologischen Fakultät der Viadrina.

-Wir schreiben das Jahr 1782. Suchen wir also in dem Konvolut nach Papieren und Dokumenten, die mit diesem Ereignis in Beziehung stehen, liebe Edda!
-Bester Chef, da wäre jener bedeutsame Satz, der uns in den Erinnerungen des Josias an das Ende seines militärischen Einsatzes in Schlesien und Böhmen 1779 schon einmal begegnet war: „Und nun kehrte bey ihm der Wunsch zurück, Lehrer der Wissenschaften, wenn möglich auch einer Universität zu seyn.“ Ich bemühe mich, weitere Belege zur Untermauerung dieses Wunsches oder Traumes zu finden und vielleicht auch manches zu finden, was zur Erleuchtung des Weges dienen kann, der ihn schließlich nach dreijähriger Wartezeit nach an die Oder-Universität führte. – Edda zog sich in eine stille Ecke zurück und wühlte sich schweigsam durch die sorgsam geordneten Stöße von Papier.

Der Blick aus dem Fenster zeigt – der Winter will nicht weichen. Trostlosigkeit und Trauer erfassen mich beim Blick aus dem Fenster, der graue See liegt erstarrt, die größeren Jungs spielen Eishockey, einige Anfänger üben sich im Langlauf. Es wird Zeit für mich in die Berge abzuhauen.

Aber: Ich mache mich an die Papiere, die Josias Löfflers Aufenthalt in Frankfurt an der Oder betreffen und die mir Edda vorgelegt hatte. Da ist ein historischer Stich: Wuchtig tritt sie uns entgegen, die Oberkirche, die Hauptkirche der Gemeinde der Lutheraner in der Odermetropole. Sie scheint uns den Weg zu versperren zu den Gebäuden der Universität, der VIADRINA.

St. Marien und der Nonnenwinkel in Frankfurt an der Oder

Nicht nur visuell, sondern materiell-praktisch symbolisierte dieses gewaltige gotische Bauwerk in den Jahrhunderten seit der Gründung der Oder-Universität die Einheit von Religion und Wissenschaft – auch in den Biographien der Universitätslehrer!

St. Marien ist nicht nur administrativ und theologisch die „obere Kirche“, sie steht auch auf einem Hügel und beeindruckt daher auch topographisch die LOandvhaft, die Stadt. Unter ihr liegt der Markt, daran anschließend das Rathaus, auf der anderen Seite die Gebäude der Universität und in einiger Entfernung die Kasernen des Militärs. Auf diesen Hügel stellt der preußische König Friedrich II. den Thüringer Theologen, in Halle an der Saale und Berlin ausgebildet und gerüstet für die politischen Auseinandersetzungen mit den Konservativen, gestählt im Krieg gegen die Habsburger, durch die verbündeten Verleger mit den wissenschaftlichen Lorbeerkränzen gekrönt – den Vorbedingungen für Professur und klerikaler Machtposition, mit dem Begriff Generalsuperintendent umschrieben.

Ein Renaissance-Gemälde aus Frankfurt an der Oder präsentiert uns die Einheit von Klerus, Wissenschaft, Bürgermacht – im 16. Jahrhundert, in den Strukturen aber auch für das Verständnis der Jahre brauchbar, in denen Josias Löffler in der Oderstadt wirkte:

Michel Ribestein, Epitaph für Hans Schreck und seine Gattin, 1555

Dass des Königs Minister von Zedlitz im Frühjahr 1782 den Theologen Löffler aus Berlin auf den Theologie-Lehrstuhl der VIADRINA, der Oder-Universität, als Nachfolger des im Januar 1782 verstorbenen Christian Ernst Simonetti beruft, bedeutet für den nunmehr 30jährigen Josias Friedrich Christian Löffler einen bedeutenden akademischen und sozialen Aufstieg.

Einer der Vorgänger Josias Löfflers als Lehrstuhlinhaber an der Oder-Universität, Friedrich Ebert, Professor für Hebräisch, um 1670/1680

Die chronologisch erste Urkunde, die Auskunft gibt über die Gunst des Königs:

Seite 1

Seite 2

Seite 3 – mit amtlichem Siegel

Meine (nicht-amtliche) Transkription:

Wir Friderich von Gottes Gnaden, König von Preußen u.s.f. Thun Kund und fügen hiermit zu wißen, daß Wir an des verstorbenen Simonetti Stelle, den bisherigen Feld-Prediger Unseres Regiments Gensd’armes Johann Christ Löffler, in Betracht seiner Uns angerühmten Geschicklichkeit, zum Professore Theologiae extraordinario bey Unsrer Universitaet zu Frankfurth an der Oder, allergnädigst bestallet und angenommen haben.

Wir thun solches auch hiermit und in Kundt dieses dergestalt und also daß Uns und Unserem Königlichen Hause denselben threu, gehorsam und gewärtig seyn, Unseren Nutzen und Bestes nach äußerstem Vermögen suchen und befördern, Schaden und Nachtheil aber, so viel an ihm ist, verhüten, … und abwenden helfen; das Amt eines Professoris Theologiae extraordinarü bey gedachter Unserer Universitaet im Lesen, Lehren, Disputiren und Praesidieren mit äußerster Application zu verwalten, der studierenden Jugend jederzeit mit gutem Exempel vorgehen, und die Stipendiaten treulich unterweisen, über Unsere bereits gemachten oder noch zu machende Reglements und Verordnungen gebührend halten und an sich nichts … lassen solle, damit die Universitaet immer mehr in … und Aufnahme gebracht und berühmt werden möge; Was Wir ihm sonst commitiren und befehlen, das soll er willig und getreu ausrichten, in Summa alles dasjenige thun und leisten, was einen getreuen Königlichen Diener und rechtschaffenen Professori, seinen abzulegenden Eidespflichten nach, zu thun oblieget und gebühret.

Dahingegen und für seine Dienste soll er, der Professor Löffler, sich nicht allein allen, denen übrigen Professoribus zukommenden Privilegien, Rechte und Prerogativen ebenmäßig zu erfreuen und, nach Verlauf des denen Simonetti ihre Erben zustehenden Neben-Jahres, der damit verknüpften Besoldung von Zweyhundert Reichsthalern zu erheben haben, sondern Wir wollen ihn auch bey sich … Gelegenheit … Merkmale Unserer Königlichen Huld verspüren laßen…

Berlin Zedlitz, Chef Unseres Christlichen Departements, 27ten April 1782

Das Studium des förmlichen Schreibens führt uns nicht sehr weit, es sagt nicht viel aus über die Qualifikation des jungen Josia Löffler für beide Positionen – die an der Kirche und die an de Viadrina. Aber gleich darunter findet sich ein Druck, starkes Papier, fast schon braun verfärbt vermutlich durch das ständige Sonnenlicht, dem es vermutlich ausgesetzt war. Auf der Rückseite eine Notiz in blauer Tinte „Rauch, 1533“, vermutlich von Josias Löffler:

Professor Josias Löffler bekennt sich zu den Renaissance-Tugenden, ohne jedoch in die Luthersche Orthodoxie zu verfallen. Damit erfüllt er die Ewartungen seines Königs, des Ministers von Zedlitz, der Frankfurter Studenten und der Gemeinde von St. Marien. In seinen Erinnerungen beschreibt Josias aber auch, mit welchen Widerständen und Intrigen er an der Viadrina zu kämpfen hatte (Zum Verständnis der politischen und wissenschafts-geschichtlichen Situation im damaligen Frankrut sollten wir einen längeren Abschnitt zu unsererm Bericht zitieren – meint mit meiner Billigung die kluge Edda) :

Kleine Schriften, Bd. 1, XII
XIII
XIV

In Ergänzung zu den umfangreichen Tätigkeiten, die Josias Löffler als Prediger an St. Marien, als Theologie-Professor an der Viadrina, als Oberaufseher des Frankfurter Bildungswesens zu erledigen hatte, wären seine Kontakte zu den Offizieren des königl.preuß. Infanterie-Regiments Nr. 24 eine Beschreibung wert – rät Edda.

Welch‘ freudige Überraschung, wird der aus dem aktiven Dienst entlassene Feldprediger Josias Löffler bei seinem Arbeisbeginn Frankfurt empfunden haben, als er den Antrittsbesuch beim Chef des in der Garnisonstadt an der Oder stationirten kgl-pr. Infanterie-Regiments Nr. 24 absolviert und dem „alten Bekannten“ aus dem „Kartoffelkrieg“ gegenübersteht: Prinz Leopold von Braunschweig, seit Januar 1776 in dieser Position als Oberst und später Generalmajor. Das Regiment ist der ruhmreichen Friderizianischen Tradition aus den Schlesische Feldzügen und dem Siebenjährigen Krieg verpflichtet, sein Kommandant war der vor Prag 1757 gefallene Feldmarschall Graf von Schwerin, dessen Porträt (Maler: Christian Bernard Rode) in der Berliner Garnisonkirche 1761 in Öl als Teil einer Gruppe von vier „Gedächtnisbildern“ präsentiert wurde, mit der Zerstörung der Kirche durch Bomben im Zweiten Weltkrieg verbrannte.

Christian Bernard Rode, Feldmarschall Schwerin wird sterbend von der Siegesgöttin bekränzt, Radierung um 1765

Den gesellschaftlichen Umgang mit hohen und höchsten Offizieren der königlich-preußischen Armee ist Josias Löffler nicht erst seit dem Feldzug von 1778/79 gewohnt, in Berlin war er im privaten Kontakt zum Kavallerie-Generaol von Prittwitz und anderen Militärs; hier aber ist sein Gegenüber ein Erbprinz, ein möglicher künftiger Herzog aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg, Ritter des Johanniter-Ordens, schon mit 20 Jahren Oberstleutnant in der Armee seines herzoglichen Vaters, und – wie schon erwähnt – ab 1776 in Diensten seiner preußischen Majestät – während seine Schwester Amalia dem herzoglichen Hof von Weimar standesgemäß anvermählt wurde, jene Amalia, die zur Förderung des Schriftstellers Goethe maßgeblich beitrug.

Sie sind gleichaltrig, der Theologe aus Thüringen und der Welfen-Prinz aus Braunschweig-Lüneburg, Neffe des preußischen Königs Friedrich II.
Sie verkörpern nicht nur die gleiche Generation, sie vertreten auch – trotz ihres Standesunterschieds – die gleichen Ideale und Werte der Aufklärung: der Zögling des großen Lessing, der ihn auf seinen Wunsch auf einer mehrmonatigen Italienreise begleitete, und Professor Josias Löffler, der Schüler Semlers und Nösselts. Sie sind auch im wirklichen Leben Nachbarn – Prinz Leopold residiert im sogenannten Kommandantenhaus hinter der Marienkirche, Löfflers Wohnung befindet sich, da er gleichzeitig Pfarrer an jener Marienkirche ist, im angeschlossenen Gemeindehaus.

Johann Friedrich Nagel, Blick auf Frankfurt vom Ostufer der Oder, um 1788. Links im Hintergrund St. Marien, davor am Ufer die Kasernen des IR 24


In jenem Kommandantenhaus oder auch im Salon des Generalsuperintendenten im Gemeinde-Gebäude neben der Kirche finden auf Einladung des jeweiligen Hausherrn abendliche Lesungen, Konzerte, Vorträge von Universitätsprofessoren statt. Für die Offiziere des Leopoldschen Regiments hat dieser Winkel noch eine dritte nachbarliche Bedeutung – hier wohnt ihr Kamerad, der Major von Kleist, Bataillonskommandeur, dessen 1777 geborener Sohn Heinrich seine familiär ebenfalls vorbestimmte militärische Laufbahn in einigen Jahren einschlagen wird.

Noch liegt der bunte Rock des Königs für Heinrich von Kleist in einiger Ferne, noch sind der Welfen-Prinz und der Theologie-Professor und Oberpfarrer der Marienkirche seine nachahmenswerte Idole in den Nachbarhäusern.

An diesem Punkt meiner Beschäftigung mit dem Papierbündel hatte ich einige Tage aus dienstlichen Gründen eine Pause. Edda war beauftragt, niemanden einsicht in unsere Papiere zu gewähren.
Auf mich wartete außerhalb monotoner Bürokram, die Übernahme des Privatarchivs eines Wissenschaftlers aus Jena, Einstellungsgespräche mit Kandidaten für unsere Einrichtung. Mit jedem Tag der Abwesenheit von meinem Schreibtisch wuchs meine Sehnsucht nach jenen alten Schriften. Am Vorabend meiner Rückkehr zu Löffler und Kleist hatte ich einen absonderlichen Traum – bei einem Gang durch die Zimmer des Archivs spürte ich ungewohnte Bewegung und Geräusche, aus einer entlegenen Ecke des Archivs wanderten Bücher auf angeklebten Füßen in meine Richtung, versammelten sich zu meinen Füßen und bewegten sich mit mir zu meinem Schreibtisch.

Angeführt wurde der wüste Haufen von einem einigermaßen gut erhaltenen braun eingebundenen Buch im Quart-Format, unlesbar, verschmiert der Titel, herausgefallene Zettel vermerken Ideen -Anregungen für künftige Werke des Dichters Kleist aus der sinnlichen Wahrnehmung der Chorbilder von St. Marien: der Weltenrichter und der Dorfrichter Adam im Zerbrochenen Krug, der Antichrist, das Jüngste Gericht und vor Gott dem Richter steht nackt und bloß der Kleistsche sündige Dorfrichter Adam und signalisiert die Ankunft des Antichristen !

Erschreckt und verschwitzt versuche ich dem Traum zu entkommen. Wie ruhig und ausgeglichen waren doch die Tage mit Edda, vergleichbar mit jenen Jahren des Predigers Josias in Berlin im Vergleich zu jenen Tagen, Wochen, Monaten des kämpferischen Aufenthalts in Frankfurt.

Als wir – Edda und ich – wieder in trauter Gemeinsamkeit zusammen im Dachstübchen arbeiten, versuchen wir ein erstes Resumé der Anfangsjahre des Pedigers Löffler an der Oder:
Es ist bezeichnend für den Geist der Zeit, dass in den amtlichen Dokumenten und Bestallungsurkunden stets auf die bisherige Position Löfflers als Feldprediger im ruhmreichen Kavallerieregiment Gensd‘armes und weniger auf seine akademischen Verdienste verwiesen wird. Für den König, seinen Minister von Zedlitz und dessen zuständigen Staatssekretär Biester wird die wissenschaftliche Qualifikation vorausgesetzt, sie haben seine Aktivitäten auch nach der Rückkehr aus dem Feldzug 1779 nicht aus den Augen verloren.

Insbesondere Biester und sein Freundeskreis hatten sich – die harten Anforderungen der Oder-Universität und die Widerstände in den kirchlichen Kreisen des Bistums und der Stadt vor Augen – des jungen Wissenschaftlers in Uniform angenommen, hatten ihn in seinem Bestreben bestärkt, den literarischen Stoff, den er während des Feldzuges so sehr vermisste, nachzuarbeiten, hatten ihm wichtige Kontakte zu den führenden Köpfen der Berliner intellektuellen Elite an der Akademie der Wissenschaften, in kirchlichen Kreisen, der Verleger, Geschäftsleute und Schriftsteller vermittelt. Sie verstanden, wenn ihnen der junge Löffler in den Ohren lag mit den Träumen vom Lehrerberuf, von den Wünschen der Disputationen mit jungen Leuten, mit Schülern und Studenten. Schmerzlich wird ihnen bewusst, wie nötig die Residenz Berlin eine Universität braucht, wie anachronistisch die fürstliche Abneigung gegen die Unruhe ist, die Studenten und junge Wissenschaftler in die Mentalität des Beamtenstandes bringen könnten.
Nun also die VIADRINA, neben der Halleschen Fridericiana die zentrale Nachwuchsschmiede für Juristen und Theologen des preußischen Königreiches.  Nun also dem Traum von Bildung und Erziehung einen Riesenschritt näher. König, Minister und der unermüdliche Biester lassen Josias Löffler genügend Zeit für die Einarbeitung in die schwierigen Aufgaben. Die Professur an der Viadrina ist unmittelbar nach dem Tod von Simonetti auf Michaelis 1782 datiert, das Sommersemester wird vorwiegend dem Kennenlernen von Professor und Studenten gewidmet, Josias Löffler hält erste Vorlesungen zu ihm geläufigen Themen der Kirchengeschichte, der Beginn des Predigeramtes an St. Marien wird auf Januar 1783 gelegt.
Josias Löffler ist beeindruckt von Frankfurt. War die seelsorgerische Tätigkeit des jungen Pfarrers Löffler in Berlin auf einen kleinen Kreis und kleine Räume beschränkt – die Gefängnisinsassen und Beamten der königlichen Hausvoigtei, die Ärzte, Pfleger, Schwestern und Kranken der Charité – so muss er sich jetzt in der großen Halle der gotischen St-Marien-Kirche von Frankfurt bewähren, so hat er jetzt vor einer mehrere Hunderte Köpfe zählenden Zuhörerschaft zu predigen. Verbunden mit den kirchlichen Aufgaben an der Oberkirche ist für ihn auch neu die Pflicht der städtischen Schulaufsicht, beschrieben mit dem Begriff des „Generalsuperintendenten“. Hospitationen an den Schulen werden mindestens einmal jährlich durchgeführt, um den Wissensstand und die pädagogische Eignung der Lehrer zu überprüfen. Er hat Berichte an die Kirchenleitung und den Magistrat zu verfassen, disziplinarisch zu loben und zu strafen, Zwistigkeiten zu schlichten – also sehr viel Verwaltung und Personalia, diplomatisches Geschick ist gefragt, da kommen ihm die Erfahrungen aus der Militärzeit gelegen, die Fähigkeiten, die er sich im Feldzug 78/79 aneignen musste.
Josias Löffler „kommt gut an“ bei den Frankfurtern, in der Kirche und an der Universität. Der Chronist Christian Wilhelm Spieker kann noch Jahrzehnte später in seiner „Beschreibung und Geschichte der Marien- oder Oberkirche zu Frankfurt an der Oder“ den „ausgezeichneten Theologen“ Josias Löffler im Vergleich zu dessen Vorgängern ohne jeden Abstrich würdigen.

Besonders hebt er – gemessen an der streitsüchtigen und groben Manier des alten und kranken Simonetti – die jugendliche Frische, die lebendige Art des Predigens des neuen Diakons an St. Marien hervor. Ich erinnere mich an den Brief Amelangs an Josias Löffler aus dem Jahre 1777, der sehr anschaulich jenes das Publikum abweisende und abschreckende Moralisieren Simonettis beschrieb.
Der Chronist Spieker verweist aber auch auf die Gegner Löfflers an der Universität, sowohl in den Reihen der orthodoxen, aufklärungsfeindlichen  Lutheraner ebenso wie die Mehrheit der Reformierten. Was Spieker verschwieg oder nicht wusste, war der Zusammenhang der Berufung Löfflers an die Universität Frankfurt exakt vor diesem politischen Hintergrund – auf Empfehlung der der Aufklärung verpflichteten Zedlitz und Biester wurde Löffler einer der bedeutendsten „zivilen Offiziere“ des Königs im Feldzug der Aufklärung.

Doch genug für heute mit den relativ trockenen Angelegenheiten vor und hinter den Türen von St. Marien. Überlassen wir Löfflers Privatleben, den familiären Verflechtungen und den Intrigen der Aufklärungsgegner in Potsdam und Berlin den nächsten Folgen.

Dr. Dieter Weigert, 13. August 2023

(Eine weitere Folge der Erinnerungen des Saalfelder Stadarchivars zu Heinrich von Kleist und Josias Löffler erscheint demnächst an dieser Stelle)

Für Interessenten:

LINK zu Folge 1: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/33663

LINK zu Folge 2: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/33899

LINK zu Folge 3: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34059

LINK zu Folge 4: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34245

LINK zu Folge 5: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34672

LINK zu Folge 6: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34720

LINK zu Folge 7: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/34571

LINK zu Folge 8: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/35034

LINK zu Folge 9: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/35090

LINK zu Folge 10: http://wordpress.com/post/fobililienstern.blog/35828

Heinrich von Kleist, St. Marien in Frankfurt an der Oder und der Generalsuperintendent Josias F. C. Löffler

Vor fast drei Jahren, am 5. Oktober 2018, veröffentlichte ich an dieser Stelle einen Blog unter dem Titel „Der Antichrist auf Kleists Bühne – Glasfenster in St. Marien an der Oder“ (wird als Anlage zur Erinnerung angefügt).

Auf Anfrage von Leserinnen und Lesern suchte ich in den relevanten Archiven nach personellen Bezügen des jungen Heinrich von Kleist unter den damaligen Pfarrern an der Marienkirche – und wurde fündig.
Der aus dem thüringischen Saalfeld stammende Theologe Josias Friedrich Löffler (1752 – 1816 war von 1782 bis 1787 Oberpfarrer an der Gemeinde von St. Marien, Generalsuperintendent der evangelisch-lutherischen Kirchen in Frankfurt/Oder und Professor für Theologie an der Viadrina.

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Gemeindehaus St. Marien mit Arbeitsräumen und Wohnung des Superintendenten J.F.C. Löffler

Löffler hatte nach dem Schulbesuch an den Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale an der dortigen Friedrichsuniversität Theologie studiert, erhielt in Berlin eine Predigerstelle an der Charité und an der Hausvogteikirche, nahm als Feldprediger des berühmten königlichen Regiments Gensd’Armes am Krieg 1778/79 teil und wurde mit einem eindeutigen aufklärerischen Auftrag 1782 durch Minister von Zedlitz an die VIADRINA in Frankfurt/Oder berufen. Als Theologieprofessor hatte er bedeutenden Anteil an der studentischen Ausbildung der Gebrüder Humboldt, zu seinem Freundeskreis gehörte u.a. der Kommandeur des in Frankfurt stationierten Infanterieregiments, Prinz Leopold von Braunschweig, der Bruder der Weimarer Herzogin Anna Amalia.


Wie schon oben erwähnt, berief ihn der Magistrat der Stadt Frankfurt nach Fürsprache durch den preußischen König Friedrich II. und dessen Minister von Zedlitz zum Oberpfarrer an die Marienkirche.

Josias Friedrich Christian Löffler

Nach dem Tode Friedrich II. verlor der der Aufklärung verpflichtete von Zedlitz sein Amt. Unter seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II., den Arnold Zweig „eine Null von frommem König“ nannte, gewannen konservative Kreise in der Religionspolitik, den Kirchenleitungen und den Schulverwaltungen die Oberhand, so dass Löffler sich entschied Frankfurt zu verlassen. Auf Einladung des Herzogs Ernst II. von Gotha übernahm er das Amt des Generalsuperintenden des Herzogtums, machte sich vor allem durch die Verteidigung aufklärerischer Positionen und eine progressive Schulpolitik verdient. In diese Gothaer Periode fällt auch die durch einen Brief Kleists aus dem Jahre 1793 bekannte Begegnung mit dem zu seinem Regiment reisenden Fähnich Heinrich von Kleist. Über weitere Begegnungen bei späteren Besuchen des Dichters in Gotha und über den Einfluss des Theologen und Pädagogen Löffler auf den jungen Kleist in Frankfurt/Oder können aufgrund fehlender schriftlicher Quellen Vermutungen angestellt werden. Sehr wahrscheinlich sind auch angesichts der engen Kontakte der Familie von Kleist mit dem im Nachbarhause wohnenden und arbeitenden Oberpfarrers und Professors Löffler Führungen in der Marienkirche und zum Bildprogramm der Fenster aus dem 14. Jahrhundert für den jungen neugierigen Offizierssohn Heinrich von Kleist. Leider geben die wenigen schriftlichen Quellen zur Kindheit und Jugend Kleists auch zu diesem Thema keine Auskunft.

Die Chorfenster von St. Marien aus dem 14. Jahrhundert

17. August 2021

Dr. Dieter Weigert, Berlin Prenzlauer Berg

Anlage – Kopie des Blogs von 2018
Der Antichrist auf Kleists Bühne – Glasfenster in St. Marien an der Oder
5. Oktober 2018

Wenige Meter entfernt von den Backsteinmauern der mittelalterlichen Kirche St. Marien von Frankfurt an der Oder reißen Bagger und Presslufthämmer einen Wohnblock aus DDR-Zeiten ab, schaffen Platz für einen Neubau. Es ist genau die Stelle, an der im 18. Jahrhundert das Wohnhaus des Stadtkommandanten von Kleist stand, in dem Heinrich von Kleist seine Kindheit verbrachte. Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, wie der verträumte Junge im benachbarten Kirchenraum ehrfürchtig die Steine aus dem 14. Jahrhundert berührte, die Säulen und das Gewölbe bewunderte und sich im Chor den hohen Glasfenstern neugierig näherte.

Besonders das rechte der drei reichlich geschmückten Fenster hatte es ihm angetan. Aufrechte Christenmenschen und der Antichrist, Engel und Wanderprediger, Sünder im Höllenrachen, viel Feuer, Martyrium und Wunder. Althergebrachtes biblisches Wissen wird in leuchtenden Farben erzählt – auch für Analphabeten oder Kinder im Vorschulalter verständlich, begreifbar, zu erfühlen. Dem Dramatiker Heinrich von Kleist sind diese Bilder voll gegenwärtig, der Erwachsene kleidet Jahrzehnte später die kindlichen Eindrücke in ein Gewebe aus bühnenwirksamen Handlungsfäden. Anschaulich, aber heute nicht mehr ohne Weiteres, nur über die Mühen der Kleistforschung zu verstehen, gleich im 1. Auftritt des I. Aktes des « Käthchens von Heilbronn » : Käthchens Vater, der Waffenmeister Theobald, deutet vor Gericht die Gründe für die bedingungslose Liebe seiner Tochter zum Grafen von Strahl als schwarze Kunst, Teufelszauber, Verbrüderung mit dem Satan. Seine Beschreibung der Werkzeuge des Satans « mit Hörnern, Schwänzen, und Klauen, wie sie zu Heilbronn, über dem Altar abgebildet sind » entspricht dem rechten Chorfenster der Marienkirche von Frankfurt an der Oder ! Kleist bringt seine Kindheitserinnerungen auf die Bühne. Kleists Theobald fordert die Verurteilung des Verführers, seine sofortige Festsetzung : « Nehmt ihn, ihr irdischen Schergen Gottes, und überliefert ihn allen geharnischten Scharen, die an den Pforten der Hölle stehen und ihre glutroten Spieße schwenken ». Da sind sie, jene Figuren der Henkersknechte, jene Tore des Höllenfeuers, der Scheiterhaufen, auf dem Menschen verbrannt werden, in den Bildern des Fensters von St. Marien !

Heinrich von Kleist war kein Kunstwissenschaftler, kein Fachhistoriker für Religionsgeschichte oder die Geschichte des ausgehenden Mittelalters, aber sein untrügliches Gefühl leitet ihn zu dramatischen Gestaltungen, die ebenso verschlüsselt komponiert sind wie die Abfolge der einzelnen Bilder  und die Detailprogramme jener Glasfenster. Es lohnt sich also für uns heute nicht nur wieder mal ein Theaterbesuch sondern auch eine Fahrt an die Oder und ein Gang zu St. Marien.