Herrn MdB Gauland ins Stammbuch

  1. August 2011: Gedenken an Dr. Wilhelm von Braun

  2. kardinal

Wir gedenken heute eines Mannes, dessen Lebens- und Leidensweg mehrfach die überkommenen Leitlinien des königlich-preußischen Offiziers des 19. /20. Jahrhunderts durchbricht. Das Leitbild, wie es die Knesebecks, Brauchitschs, Holzendorffs, Lützows hier auf diesem Berliner Offizierskirchhof an der Linienstraße verkörpern, wird durch die vier Eckpunkte bestimmt:

erstens – Offizier von der Wiege bis zur Bahre,

zweitens – protestantisch,

drittens – normgerechtes Familien- und Sexualverhalten und schließlich

viertens – politisch neutral, passiv  und loyal gegenüber der staatlichen Obrigkeit.

Hineingeboren 1883 in eine typische ostelbische Offiziersfamilie – Vater Regimentskommandeur, einer der Ahnen sogar Stadtkommandant Berlins am Ende des 18. Jahrhunderts – nimmt Wilhelm von Braun schon in jungen Jahren, kurz nach der Beförderung zum Artillerie-Leutnant im Jahre 1904,  den Abschied, um sich der Wissenschaft und der Rechtsprechung zu verschreiben. Er promoviert 1910 an der Universität Heidelberg zum Dr. jur. und promoviert nach Aussagen seines Neffen Ralph von Gersdorff (Brief an mich vom 2.Oktober 1995 und mündliche Aussage bei einem Besuch im Jahre 1996) zum Dr. theol. wie auch zum Dr. rer. pol. , was wir bisher nicht nachweisen können.  Der erste Ausbruch muss inkonsequent bleiben, da ihn der erste Weltkrieg holt – an die Ostfront, die er zwar überlebt, und in türkischen Diensten.  Er beendet den Krieg in russischer Gefangenschaft.

Der zweite Ausbruch, das Verlassen der protestantischen Gemeinschaft, der Übertritt zur römisch-katholischen Kirche, erfolgte vermutlich schon im Jahre 1912, wie der Journalist Hansjakob Stehle nach Recherchen in den Archiven des Vatikan schreibt. Es war die Freundschaft mit dem katholischen Priester Giuseppe Pizzardo, dem späteren Unterstaatssekretär im Vatikan und Kardinal, die ihn zu diesem Schritt führte.  Pizzardo war ab 1909, also während der Studienzeit Brauns, in München Mitarbeiter der dortigen päpstlichen Nuntiatur. Über geistige, weltanschaulich-philosophische Beweggründe für diese Entscheidung ist nichts bekannt.

Den dritten Bruch mit der Tradition, das offene Bekennen zur Homosexualität, vollzieht Braun auch schon in der Zeit vor dem Weltkrieg. Um den Verfolgungen auf der Grundlage des § 175 im Kaiserreich zu entgehen, geht Braun in das in dieser Hinsicht liberale  und tolerante Italien.

Und schließlich der endgültige Bruch – unmittelbar nach den Erlebnissen des Krieges der Eintritt in die praktische Politik, der Einsatz für die Ziele des Humanismus, des Friedens, der internationalen Zusammenarbeit. Es ist wiederum der befreundete Giuseppe Pizzardo, der die Fäden zum Vatikan knüpft. Der Vatikan versucht, die mit der Neuen Ökonomischen Politik Lenins verbundene Öffnung zum Westen zu nutzen und  bemüht sich um Kontakte zur Sowjetregierung, deren offizieller Vertreter als Chef einer Handelsmission in Rom der aus einer polnischen Familie stammende Ingenieur, Ökonom und Publizist, der Katholik Worowski ist, den Terroristen zwei Jahre später in der Schweiz erschießen. Worowski und Wilhelm von Braun kennen sich aus der gemeinsamen Zeit in München in den Jahren vor 1910 – Worowski, einer der wichtigsten Vertreter der Auslandsorganisation der Bolschewiki  in Deutschland und der Schweiz und Braun, der Jura-Student. Die erste Aufgabe Brauns in der Zusammenarbeit mit Pizzardo und Worowski im Jahre 1921 ist die Vermittlung von Hilfslieferungen der westlichen Staaten über den Vatikan für die hungernde russische Bevölkerung. Es ist sicherlich kein Zufall, dass diese intensiven, aber informellen Kontakte Berlin – Moskau – Vatikan sich in jener Periode festigen, in der der Katholik Joseph Wirth Reichskanzler ist.

Aus diesen ersten Kontakten entwickelt sich eine Kette diplomatischer Aktivitäten, die schließlich in die Konferenz von Rapallo und die enge Zusammenarbeit des Deutschen Reiches mit Sowjetrussland ab 1921 führt. Dr. Wilhelm von Braun hat aktiven Anteil an dieser Entwicklung durch die Herstellung von Kontakten von deutschen Großunternehmen wie z.B. Siemens & Halske und Banken mit Sowjetrussland und daraus folgenden Angeboten von joint ventures zwischen dem Vatikan, Deutschland und Sowjetrussland.

Nach 1924 lebt Braun in verschiedenen Ländern, vermutlich in China, Italien, Deutschland – meist bei den Benediktinern.  Die politischen Hintergründe liegen im Dunkel, auch die weiteren Kontakte zu Moskau, geben aber Anlass zu Spekulationen – ebenso wie der überraschende Eintritt in die Nazipartei 1933.

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Die vier Ausbrüche enden 1935 mit der Verhaftung durch die Gestapo und die Einlieferung in das Konzentrationslager Dachau. Damit beginnt der Leidensweg durch die Gefängnisse und Konzentrationslager des NS-Regimes – Dachau, Mauthausen, Buchenwald. Nichts bleibt ihm erspart, der Status als politisch Prominenter wird sein Leiden noch verschärft haben, wie der Vermerk „Steinbruch“ auf einer Karteikarte der SS vom Jahre 1940 belegt.

In den KZ-Unterlagen wurde er als „prominenter Häftling“ geführt.

Was hatte es mit dem sogenannten Prominentenblock im KZ Buchenwald auf sich? Im Archiv Arolsen gibt es zwei undatierte Listen, jeweils überschrieben: „Prominente Häftlinge im K.L. Buchenwald“. Eine ist mit Sicherheit nach dem Februar 1940 angelegt worden, sie enthält Namen, darunter auch den des Dr. Wilhelm von Braun mit folgender Personenbschreibung: „Theologe, § 175, Hauptmann a.D., Polizei-Agent, Verbindungsmann zum Vatikan, Sowjetbotschafter in Rom“.  Die zweite Liste ist zwar auch überschrieben mit „Prominente Häftlinge im K.L. Buchenwald“, wurde aber in den Unterlagen des KZ Dachau gefunden. Die Eintragungen zu einzelnen Namen zeigen, dass die Liste von Mitte April 1940 stammt. Die Eintragung zu Braun ist gestrichen mit dem Vermerk 14.4.40.

Zur „Prominenz“ dieser Listen zählen u.a. Funktionäre der KPD auf Landesebene der Weimarer Republik, Hohe Staatsbeamte, katholische Priester, Militär und Gendarmerieoffiziere der ehemaligen Republiken Österreich und Tschechoslowakei.

Am 29. August 1941 wird Wilhelm von Braun durch eine Gift-Injektion ermordet. Die Schwester Bertha erhält im Winter 1941 die Habseligkeiten ihres ermordeten Bruders. Offiziell schreibt der zuständige SS-Offizier auf die Rückseite der Karteikarte mit der Auflistung des Eigentums.  „Der Nachlaß wurde am 19. Dezember 1941 der Kripo-Leitstelle Berlin zur Aushändigung an die Schwester des Verstorbenen übersandt.“

Seine Schwester, selbst dem Widerstand gegen das NS-Regime verbunden und später  vor dem „Volksgerichtshof“ angeklagt, setzte mutig durch, dass die Urne mit der Asche des Ermordeten im Familienbegräbnis auf dem Alten Berliner Garnisonfriedhof im Oktober 1941 ihren Platz fand.

Die Mutter Geros von Gersdorff, Bertha Friederike von Gersdorff-Büttikofer, geb. von Braun, wurde durch das NS-Regime nach dem 20. Juli 1944 festgenommen, da sie in Verbindung zu einer Widerstandsgruppe stand. Sie wurde vom „Volksgerichtshof“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und am 23. April 1945 durch die angesichts der sich nähernden Roten Armee verunsicherten Wärterinnen des Gerichtsgefängnisses in Berlin-Charlottenburg freigelassen.

Das Familienarchiv (Texte, Dokumente und Fotos) wurde uns freundlicherweise in den 90er Jahren durch den in Washington, D.C. (USA) lebenden Bruder des Rittmeisters Gero von Gersdorff und Neffen Wilhelm von Brauns, Dr. Ralph von Gersdorff, zur Verfügung gestellt. Er ist im Jahre 2006 verstorben, wie aus einem Nachruf der Washington Post hervorgeht.

Leider ist die Grabanlage der Familie von Braun mit den Grabdenkmalen des Vaters und der Mutter Wilhelm von Brauns, die noch 1978 in der von Peter Rohrlach angelegten Liste der auf dem Garnisonfriedhof vorhandenen Grabstätten aufgeführt sind (Platz 4, 3. Reihe, Nr. 299), abgeräumt worden.

Gedenken gilt ebenfalls der polnischen Widerstandskämpferin Sonia Horn, die während der Straßenkämpfe in Berlin ums Leben kam sowie zwei deutschen Soldaten, die noch in der letzten Kriegswoche bei den Kämpfen im Stadtzentrum dem Wahn der NS-Führer zum Opfer fielen – dem 18-jährigen Toni Feller (getötet am 2. Mai 1945) und dem 50-jährigen Johannes Volkmann (getötet am 27. April 1945), beide in Einzelgräbern auf dem Friedhof beigesetzt.

Dr. Dieter Weigert, Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof e.V.

 

Autor: lliensternberlin

Dr. phil. (echt Philosophie und auch noch habil. in Politologie), inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

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