Natali Legance‘ Fotokunst zwischen klassizistischen Grabmalen

Der Zufall führte mich vor vier Jahren mit der Berliner Fotokünstlerin Natali Legance zusammen, wir vereinbarten die Präsentation einiger ihrer Fotos in den Ausstellungsräumen auf dem Alten Berliner Garnisonfriedhof und … waren ein Jahr später beiee vollommen überrascht von der ästhetischen Wirkung dieser Zusammenarbeit. Der Nachhall ist noch heute zu vernehmen, deshalb wage ich die Veröffentlichung meiner Eröffnungsrede zur Vernissage im Mai 2015

Wir haben Sie , verehrte Gäste

vernissage_NATALI

zu einer Vernissage und zwei Premieren eingeladen, danke dass Sie so zahlreich erschienen sind. Es ist die Premiere einer jungen Künstlerin – sie tritt mit ihren photographischen Arbeiten erstmalig an die Öffentlichkeit. Natali Legance ist in Georgien geboren, erhielt ihre allgemeine und musischen Ausbildungen in Israel und arbeitet seit Jahren als Ärztin in Berlin.

Für den Förderverein ist die Präsentation von Fotokunst im Lapidarium ebenfalls eine Premiere:  zwischen die ehrwürdigen Sandsteine, Marmorstücke aus Carrara und Schlesien, zwischen die gusseisernen Kreuze und Gipsabformungen haben wir für einige Monate moderne Fotographie gehängt. Das ist spannend, erregend, unkonventionell.

Gefragt sind unsere Impressionen – ich werde Ihnen meine mitteilen und hoffe auf einen fruchtbaren Dialog.

Was Natali präsentiert, gruppiert sich vornehmlich um Arbeiten der digitalen Photographie. Modern, revolutionär an dieser Art von Photographie und Bildbearbeitung ist das In-die-Tiefe-Gehen, die Unzufriedenheit mit der klassischen Einheit und Geschlossenheit des Bildes, das Infragestellen der traditionellen Linearität.

Werden wir konkret – sehen wir uns die Gruppe von Fotos an jener Wand an, deren Motive auf den ersten Blick Wasserspiegelungen sind. Der Amateurfotograf ist entsetzt, wenn eine Ente oder ein von einem Kind geworfener Stein die glatte Wasseroberfläche  zerstört, in der sich ein farbenprächtiges Schloss spiegelt. Natali aber ergreift die Chance der gebrochenen Spiegelung und vermittelt uns die moderne philosophische Bot­schaft: die digitalen Pixel als die letzten Bausteine des photographischen Bildes  lösen die strengen Linien des Mauer­werks auf, Pixel zerlegen die Kontinuität, eine neue, nun virtuelle Gesamtheit wird uns vor Augen geführt. Neue Sichtweisen entstehen, darauf folgen neue Denkweisen – in einer Zeit, wo scheinbar logische Abfolgen wie Krieg, Leiden, Zerstörung außer Kraft gesetzt werden müssen.

Folgen wir der Natalis Logik, so kann am Ende nur die Abstraktion, die Un-Gegenständlichkeit stehen – da hängt sie, jene drei Bilder an der gegenüber­stehenden Wand.  Die Linien sind absolut zerbrochen, von der Ursache der Zerstörung der Einheit, dort noch die Wellen­be­wegung des Wassers, ist hier abstrahiert. Der Philosoph in mir sagt: Die Pixel haben die Photographie revolutioniert – eine virtuelle Realität entsteht – Es ist die Visualisierung des normalerweise Verborgenen. Nur dadurch aber kann moderne Kunst ungewöhnliche Sichtweisen erschaffen oder unsere Sehtraditionen und Denk­traditionen verändern helfen. Wir nötig die Welt solche Veränderung hat, macht uns der Blick auf jene Steinbrocken zwischen beiden Wänden unseres Lapidariums: es sind in den letzten Jahren gefundene Bauteile der 1943 durch Bomben zerstörten Berliner Garnisonkirche am Hackeschen Markt, Steine aus den Werkstätten der königlichen Baumeister Gerlach und Stüler.

Die dritte Richtung dieser neuen Ästhetik wird repräsentiert durch ein einziges Foto: Ein toter Hauseingang, eine Ruine aus der georgischen Hauptstadt Tbilissi des Jahres 1992. Georgien – damals wie heute noch Krise und Bürgerkrieg, versteckt und offen.  Ein georgisches Wohnhaus – aber mit der Wirkung eines menschenleeren Bühnenturms im Theater ohne Kulissen, das Kulissenartige scheint die harten Realitäten des Krieges, des Brudermordes – nichts anderes ist ja Bürgerkrieg – zu übertünchen. Natali schiebt in diesen Photographien die Kulissen beiseite, öffnet uns den Blick – oder wie Stanley Kubrick in einem seiner Filme titelt: EYES WIDE SHUT! Vor der Realität der weltweiten politischen Krisen und Bürgerkriege kann man und muss man die Augen nicht verschließen.

Die photographische Botschaft auch hier wieder: weg mit den bisherigen Seh- und Denk­gewohnheiten – wir dürfen uns nicht an den Anblick von Ruinen und von Menschen entleerten Gebäuden gewöhnen ! Natali ver­frem­det den Anblick der Ruine, damit keine neuen Ruinen entstehen!!! Sie fotografiert nicht die Toten des Bürgerkrieges oder die Verletzten, sie fotografiert den toten Stein, das vergewaltigte Haus, die zerstörte Glasscheibe im Haus – noch dominieren die grauen und schwarzen Töne, aber Sonne und Licht erobern sich zaghaft ihren Raum im zerstörten Haus zurück, damit gibt es Hoffnung, Zukunft, Leben. Kontrapunkt des photographierten georgischen Hauses – jenes Photo, zu dessen näher Betrachtung der Gang die Treppe hinauf einlädt.

Für mich sofort eine instinktive Assoziation zu meinem Photo-Idol, dem Franzosen Henri Cartier-Bresson und seinem bekannten Schnappschuss aus dem Paris des Jahres 1952 – es zeigt zwei ältere Damen auf dem Bürgersteig, zwischen ihnen der drängelnder Hund. Paris auch des Umfeld der Frau mit Kind – ein Schnappschuss ebenfalls mit aktuellem Hintergrund – die beiden streben auseinander, gehören aber zusammen

Krönender Abschluss  – das sind die Lichtreflexe Caravaccios auf dem dahinschwebenden Oberkörper in der Diagonale des Bildes eines leidenden, die nackte Brust mit den Händen beschützenden und verhüllenden jungen Mannes, das Gesicht schon fast in der Dunkelheit verschwindend – Leiden Zerstörung Kontinuität

Ein Knabe, ein heranwachsender junger Mann, aus dem Bildrahmen diagonal hinausstrebend – vielleicht flüchtend vor einer körperlichen Bedrohung, Hilfe suchend. Das Motiv des diagonal hinausstrebenden Mannes ist so alt wie die bildende Kunst selbst – die Speerwerfer und Diskuswerfer der Antike, die diagonal nach oben springenden Tänzer – sie sind aktiv, kämpfend, die Pose ist nicht die des Leidenden, des Schutzsuchenden. Hier aber sehen wir Caravaggios Johannes der Täufer, El Grecos Verkündigung, die Assoziationen aus der Malerei drängen sich auf. Und Brüche drängen sich dazwischen – Egon Schieles Akte, in denen sich der Zerrissene, Zerbrechliche selbst darstellt – schließlich die Ikone des Homoerotischen – der von Pfeilen durchbohrte, nach oben aus dem Bild strebende, stumm um Hilfe schreiende heilige Sebastian! So kommen wir von der Malerei der Gotik und Renaissance zur Fotografie. Diesen von Natalie fotografierten jungen Mann muss man retten, muss man schützen, vielleicht sogar vor sich selbst! Natali fotografierte ihn nicht schrill, nicht laut, sie zeichnete ihn behutsam, helfend, verstehend, solidarisch, seine Tragik begreifend, die sich aber erst  auf den zweiten, oder gar erst auf den dritten Blick erschließt.

Zwischen den Fotos des Knaben und der Ruine des Hauses hängt das Marmorkreuz vom Grabe des Garnisonpfarrers Emil Frommel – eine fast unerträgliche Spannung! Frommel war ein erzkonservativer Prediger des Krieges, ein enger Freund Kaiser Wilhelm I. Wer war der Bildhauer Trebst? Ein Schüler des großen Fritz Schaper, des Kaisers Monumentalbildhauers, nationalistisch wie Frommel selbst.

Natali neben Frommel, ihre Fotos neben dem Jesus am Kreuz aus Carrara-Marmor, ihre Bilder gegen den Kriegspropagandisten Emil Frommel, der Engel der Verkündigung gegen den protestantischen Pietisten, Caravaccios Knabe gegen den Freund des Kaisers. Hegels List der Vernunft zeigt sich beim näheren Hinsehen ebenfalls am Marmor – Christus hat nach einem Jahrhundert Berliner Lufteinwirkung seine Spitzen verloren – eine stumpfe Dornenkrone, Hände und Füße ohne feine Endungen.

Spannend auch die künstlerischen Widersprüche in der Fotografie Natalis zu den Bildwerken des Friedhofs, den Biographien der Offiziere, zu den Arbeiten der bildenden Künstler und Gestalter, zu Schinkel, Tieck und Soller. Noch spannender aber ist die Beziehung des Knaben zu jenem jungen Steinmetzen George Fromme, der bei einem Arbeitsunfall 1802 am Berliner Schloss ums Leben kam. Von diesem Knaben haben wir kein Porträt, nur eine Steinplatte. Sie ist in viele Teile zerschlagen, aber für den Betrachter wieder zusammengefügt, so dass wir den Text lesen können, der von der Folgsamkeit des Knaben Georg berichtet. Es schließt sich der Kreis – ich wünsche Besinnung beim Betrachten –

Philosophischer Epilog:

Diese Photokunst fällt aus dem Rahmen, sie greift zurück auf Fragenstellungen seit der Antike und lässt sie wortwörtlich in neuem Licht erscheinen. Erinnern wir uns an den Wettlauf von Achill mit der Schildkröte?,  an Zenon von Elea?  Die Photographie ist schon immer ästhetisierend und grafisch – aber heute ist nicht der Zeitpunkt des Draufdrückens so bedeutend wie etwa bei Henri Cartier-Bresson (im richtigen Moment am richtigen Ort sein), sondern der entscheidende Blick auf den Fluss der Dinge, das Herausholen des Diskreten aus der Kontinuität.  Zusammengefasst: Pixel ist diskret, ist Trennung, Heraushebung, endlich – Linie dagegen  ist kontinuierlich, ist Einheit, ist unendlich, ist Tradition. Unser bisheriges Sehen und Denken ist auf Kontinuum gerichtet, die Linie, die Gesamtwirkung eines Bildes. Das gilt es zu durchbrechen – die ausgewählten Fotoarbeiten von Natali zeigen uns die Richtung.

Beginnen wir die Betrachtung bei jenem uns so vertraut scheinenden Motiv der Auflösung von Linien durch Spiegelung im Wasser, mehrfach variiert. Wellenförmige verzerrte Spiegelungen machen aus kantigen Formen des Mauerwerks organische Gestaltungen, machen aus strengen Horizontalen und Vertikalen lebendige Ornamente. Das Mauerwerk löst sich auf. Das konkrete Foto wird zur Abstraktion. Was soll‘s? werden manche denken, Nichts Neues, nichts Spannendes.

Das erste spannende Moment ist jener tonnenschwere Stein, der da vor uns liegt. Er hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, bevor er hier auf dem Friedhof durch uns vor sechs Jahren zur letzten Ruhe gebettet wurde – er symbolisiert Krieg und Zerstörung – diese Säulentrommel war tragendes Element des Eckturmes der Berliner Garnisonkirche am Hackeschen Markt, zerstört durch Fliegerbomben im Jahre 1943. Mauerwerk ist endlich, ist zerstörbar durch Feuer und Wasser – das ist die spannende Botschaft in dieser Eckes des Lapidariums.

Das Neue, das Revolutionäre dieser Fotos – im Wasser ist kein ästhetisch schönes Spiegelbild zu sehen, sondern die Bewegung des Wassers zerstört die scheinbar festen Mauern, das für die Ewigkeit errichtete Mauerwerk. Die Pixel lösen die bisherigen Strukturen auf, der Hegelsche Ausgangspunkt der Philosophie der Neuzeit – alles was entsteht ist wert dass es zugrunde geht! Also – Krieg, Leiden, Zerstörung als Instrument des Weltgeistes? Genau das stellt Natali durch ihre Art des Fotografierens in Frage!

Denn: gehen wir zur zweiten Gruppe der Fotos – auch hier die aufgelösten Linien, aber das auflösende Moment ist nicht zu sehen. In der Abstraktion bleibt das Resultat: Zerschlagung fester Strukturen. Der Mensch steht ohnmächtig, nicht begreifend vor dem Chaos der zerbrochenen Linien, das Material ist noch vorhanden, nicht mehr die Strukturen.  Der Altartisch Stülers aus schlesischem Marmor und die wenigen geretteten Steine aus der zerstörten Garnisonkirche unter diesen Fotos bedeuten die Auflösung Preußens als Staat, als Ordnungsfaktor im Feuer des Krieges, so wie die Zurückführung des scheinbar einheitlichen Bildes der Weltordnung auf Pixel. Kirchen zu zerstören durch Bomben, durch Sprengung – dagegen muss man sich wehren, aus Ohnmacht wächst Widerstand – eine alte Losung der Demokraten.

 

Autor: lliensternberlin

Dr. phil. (echt Philosophie und auch noch habil. in Politologie), inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater.Bildende Kunst)

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