Preußisch Blau und Lutherisch Schwarz – oder: Leutnant von Kleist und Generalsuperintendent Löffler Folge 17: Oranienbaum

Der Winter ist überraschend zurück – die Pfützen im Park haben sich über Nacht noch einmal eine dünne Eismütze zugelegt, das Klappfenster schmückt sich mit Eisblumen, sogar einige Schneeflocken verirren sich die Baumkronen.

Edda erwartet mich mit einem Jubelgesicht. Sie hatte sich in den letzten Tagen auf meinen Wunsch hin mit einem unscheinbaren, aber versiegelten Papier  beschäftigt und präsentiert nun das Resultat ihrer Mühen: vermutlich unveröffentlichte Tagebuchnotizen Josias Löfflers, undatiert, ohne Unterschrift, ohne Hinweis auf einen Adressaten. Das Papier stammt eindeutig aus seiner Feder, es ist seine Handschrift. Daneben legt sie einen Renaissance-Holzschnitt, vermutlich 16. Jahrhundert: die Oder und die Ufer der Stadt Frankfurt:

Edda schweigt, sie ist sich der Sensation bewusst, die der Inhalt der drei Blätter, beiderseitig beschrieben, eng und zierlich, für unsere Arbeit bedeutet. Ich verstehe schon mit dem den ersten Satz, was da vor uns liegt – eine Art philosophische Konfession des protestantischen, lutherischen Theologen aus dem Dezember 1786, geschrieben wahrscheinlich in Frankfurt beim Träumen von der Residenz auf dem Friedenstein von Gotha in einer dieser ruhigen Nächte am Ufer der Oder.

Ich bitte Edda, der nunmehrigen Meisterin des Entschleierns, den Text laut zu lesen – so kann ich den philosophischen Gehalt genießen, in mich hineinsaugen, mich in die Welt des späten 18. Jahrhunderts versetzen. Edda müht sich um eine klare und pathetische Stimme – und um das Lesen der notwendigen Pausen im Text:

„Mein großer König, mein Herr und philosophischer Lehrer ist gestorben – friedlich im Lehnstuhl. Er hat mich bestärkt in der universellen Neugier, der Suche nach den großen Geheimnissen der menschlichen Seele, aber auch in der Flucht ins Abenteuerliche, ins Riskante des menschlichen Lebens. Ich bin dem König nur drei Mal persönlich begegnet – von Ferne, in Potsdam und in den Räumen der Charité. Aber das Gefühl, für ihn zu arbeiten, ihm und seinen Zielen zu dienen, versetzte mich in einen Zustand der andauernden Spannung, einer Anspannung des Geistes. Friedrich selbst war ein Mensch, dem das Abenteuer, das Risiko nicht fremd war – seine versuchte Flucht damals aus den väterlichen Zwängen und Lebensplanungen hatte mich in meiner Jugendzeit beeindruckt. Wir jungen angehenden Pastoren liebten diese Ausbrüche, wir waren neugierig auf die Wunder des Lebens, wir nahmen uns jenen Kronprinzen von Potsdam zum Vorbild. Was mir persönlich vor allem Kraft gab, war seine Liebe zu Frankreich, zur französischen Sprache, zur französischen Geisteshaltung – auch zu den Leistungen der modernen französischen Theologen der Aufklärung. Er war nicht fromm im landläufigen Sinn – er war moralisch ! Wie ich weiß, hat er als Moralist sehr gelitten unter der Verantwortung, Kriege vorzubereiten und führen zu müssen.

Wie mir Menschen aus seiner näheren Umgebung berichteten, haben ihn nächtelang schreckliche Qualen die Seele beschwert, er konnte diese Lasten nicht anderen aufbürden – er war der König, der Alleinregent, der Allein-Entscheider über Krieg und Frieden. Seine Entscheidung für die Kriege um Schlesien, um die Behauptung Preußens als mitteleuropäische Großmacht entsprang nächtelangen Erwägungen, welche Mittel ihm als Herrscher zur Verfügung stehen, ohne zum schrecklichsten aller Instrumente, dem Krieg, greifen zu müssen. Letztlich blieb zur Erhaltung und zum Ausbau des Status Preußens, zum Schutz des Erbes seines Urgroßvaters, des Großen Kurfürsten, und seines Vaters, des Soldatenkönigs, nur das Militär. Und der Einsatz des Militärs konnte nicht halbherzig erfolgen, Krieg bedeutet unerbittliche Konsequenz – um eine europäische Macht von Rang zu werden und zu bleiben, brauchte es eine territoriale Größe von beachtlichem Ausmaß, von wirtschaftlicher Kraft und einem Menschenpotential, mit dem jeder Gegner rechnen mußte. Eine neue Welt mit neuen Zielen, neuen Maßstäben braucht neue Ideen, neue Strategien, neue Persönlichkeiten!“

Edda blickt auf – fragend, sie schien überfordert angesichts dieser Philosophie zwischen Tod und Leben! Wir diskutierten bis spät in die Nacht: Freiheit und Autorität, der „Anti-Macchiavell“, Anarchie gegen staatliche Autorität. 
Ich bat Edda, in den nächsten Tagen ein Arbeitspapier in Thesenform zusammenzustellen, welche Materialien aus unserem Konvolut Aufschluß geben über die komplizierte Periode in Löfflers Leben zwischen dem Tod Friedrichs II. und seiner erzwungenen, endgültigen Abreise nach Gotha.
Zwei Tage später – Ein Blick über Eddas Schulter: „Im Sommer 1786 war der preußische König Friedrich II. gestorben, eine grundsätzliche Wende im „Regime des Geistlichen“, in der Bildungs-, Kultur- und Religionspolitik lag in der Luft, vorbereitet durch erzkonservative Kräfte, gruppiert um den Kronprinzen Friedrich Wilhelm und den „hinterlistigen und intriganten Pfaffen“ ( wörtlich: König Friedrich II.) Johann Christoph Wöllner, um mythologische Sekten und Organisationen mit eindeutig irrationaler, illuministischer Zielrichtung, aufklärungsfeindlicher Tendenz.

Sie hatten sich eingeschossen auf den zuständigen Minister von Zedlitz, den Staatssekretär Biester, die Professoren der Aufklärung an den preußischen Universitäten Halle an der Saale und Frankfurt an der Oder, u.a. auf Löffler, Semler, die Kirchenpolitiker wie Spaldung, Silberschlag, Schriftsteller und Verleger wie Nicolai, Frommann usw. usf. Spärlich sind die Quellen, die Auskunft geben über die politischen Gegner Löfflers an der Frankfurter Universität und der Marienkirche (offen oder versteckt), denen nach dem Tod des Königs alle Mittel zur Ausschaltung und Vertreibung Josias Löfflers recht waren. Christian Wilhelm Spieker deutet in verschlüsselter Sprache in seiner gedruckten ausführlichen Darstellung der Geschichte der Marienkirche die Widerstände an: „Auch zeigte sich damals schon die Aussicht in einiger Entfernung, daß die Freiheit in dem Vortrage der christlichen Lehre bald eine sehr lästige Beschränkung leiden werde.“ (Ausgabe 1835, Seite 380) Wenn er Namen nennt, dann hinter einem Schleier von „Objektivität“ : die Oberkonsistorialräte Hermes und Hilmer, der Archdiakon From, die mit offiziellen „Revisionen“ der Lage an den Kirchen und Schulen beauftragt wurden. Spieker umschreibt Professor Froms politische, anti-aufklärerische Ansichten mit den Worten „ein Mann von schönen Kenntnissen und lebhafter Gemüthsart, der kirchlichen Orthodoxie mit großer Strenge zugethan“ !

Nach dem Todes des Königs war es an Zedlitz, letzte Vorstellungen Friedrichs II. noch umzusetzen: ganz ober auf der Liste z.B. die Berufung Löfflers in Franfurt aus einen ordentlichen Lehrstuhl, so geschehen im Herbst 1787:

und die entscheidende Unterschrift des Ministers:“Auf Seiner Königl. Majestät allergnädigsten Special Befehl“ !

S.2

S. 3

Lage 1786-88

S.2

Im Frühjahr 1788 sind die Voraussetzungen geschaffen, daß Josias Löffler eine seiner Qualifikation entsprechende Stelle im Herzogtum Gotha antreten kann – Minister Zedlitz – noch im Amt in Berlin – verfaßt das notwendige Schreiben einer „Dismission“ des Inspektors und ersten Predigers an der „Oberkirche“ St. Marien aus dem preußischen Amtsverhältnis mit dem ausdrücklichen Hinweis auf das neue Amt im Herzogtum Gotha!

S.2 dismissio

Dann ist da eine Lücke in den Papieren. Die chronologisch folgenden Schreiben und Notizen Löfflers sind thematisch um die Reise von Frankfurt nach Gotha, die Ankunft in der herzoglichen Residenz und den Umzug der Familie gruppiert.

Oranienbaum

Auch unter diese, von Josias Löffler selbst verfaßten Notizen in Tagebuchform, meistens auch datiert, hatte Edda zwei gefunden,die vermutlich deshalb in dieses Paket von vertraulichen Dokumenten gelangt waren, weil sie sich mit der nicht für die Öffentlichkeit gedachten Charakteristik des Herzogs selbst beschäftigt hatten – eines verfaßt während der Reise von Frankfurt nach Gotha im Herbst 1788, das andere – eine Art Selbstverständigung- nach den ersten Monaten der Tätigkeit in Gotha, datiert vom 17. Mai 1789.

Herzog von Sachsen-Gotha, Ernst II.

Edda legt neben die Kopie des Gemäldes des Herzogs aus den Jugendjahren das eng beschriebene Blatt – von Josias betitelt: „der Fürst“. Sie liest die wichtigsten Passagen laut und langsam, damit ich Gelegenheit zum Vertiefen in den philosophischen Stoff habe: „Er ist nur wenige Jahre älter als ich, hatte eine vorzügliche Ausbildung bei den besten Lehrern des sächsischen Raumes, beherrscht excellent die höfischen Formen und respektiert die Persönlichkeit jedes Gesprächspartners auch bei unterschiedlichen, selbst bei gegensätzlichen points de vue. Schon die ersten Minuten in Oranienbaum verrieten die künftige würkliche Vertraulichkeit zwischen Fürst und geistlichem Rathgeber. Er erinnerte sofort an Zedlitz! Schon damals sagte er – wir kannten uns erst wenige Stunden – Wer weiß, wann Sie uns wieder so nahe sind, und flüchtig ist das Leben, man muß jeden Augenblick nutzen!
Ausnahmsweise hat Josas sich an dieser Stelle um eine saubere Handschrift bemüht -deshalb kann ich diese Zeilen in copia präsentieren:

Ich bin heute noch davon überzeugt, daß uns der Herrgott in seiner Weisheit mit dieser Zusammenkunft auf halbem Wege zwischen Frankfurt und Gotha im anhaltinischen Oranienbaum einen Fingerzeig seiner allumfassenden Vorsehung geben wollte – dem mächtigen Herzog aus altem, traditionsreichen Hause und mir, dem nur im Geistigen schwebenden, aber mit Gottes Wort ausgestatteten Prediger und damit Übersetzer des göttlichen Willens. Meine Umwelt redet mir ein, es sei der übliche Zufall, der einem auf Reisen entgegentritt – mein bisherigerLebenslauf aber beweist doch, daß die Vorsehung nur den unvorbereitet, also „zufällig“, trifft, der sich nicht strebend bemüht, der sich passiv der Anforderungen der Welt unterwirft und wenig Anstrengungen unternimmt, durch harte Arbeit, durch wissenschaftliche Neugier, durch actives Zugehen auf den Anderen, Gottes Planungen zu verstehen.
Oranienbaum war das Symbol einer künftigen kraftvollen cooperation eines Fürsten mit seinem obersten spirituellen Rathgeber! Das haben wir in unseren Landen noch nicht gesehen! Der Beginn ist voller Verheißung – ich schätze mich glücklich, daran teilzuhaben!“

Ich unterbreche Edda in ihrem Pathos – nun brauche ich innere Ruhe, unseren Josias in seinem neuen Umfeld zu verstehen: Gotha ist nicht das heimatliche Saalfeld, damals nicht und auch nicht heute!

Weitere Blogs zu den Erinnerungen des Stadtarchivars im thüringischen Saalfeld finden Sie in den nächsten Wochen.

Die bisherigen Folgen :

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Autor: Sternberlin

Dr. phil. habil.(Philosophie und politische Wissenschaften) , inzwischen Pensionär - aktiv in Denkmalschutz und Denkmalpflege, besonders Kirchen und historische Friedhöfe in Berlin an Wochenenden - unter der Woche in unregelmäßigen Abständen engagiert in Lehrerfortbildung (Geschichte, Architektur, Literatur und Theater,Bildende Kunst)

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